bmu_atomaussieg.JPG für den Atomausstieg an der Giebelwand des zukünftigen Dienstgebäudes des Ministeriums am Potsdamer Platz in Berlin]] Atomausstieg ist ein politisches Schlagwort und meint den Ausstieg aus der zivilen Nutzung der Kernenergie. Die Formulierung selbst ist besonders unter Atomkraftgegnern verbreitet.
Der Beschluss, den Betrieb von KKWs vorzeitig zu beenden, ist mit hohen Kosten verbunden, da sich der Betrieb von KKWs für den Betreiber erst über lange Zeiträume amortisiert (d. h. erst nach vielen Betriebsjahren Gewinne eingefahren werden). Grund dafür ist, dass sowohl der Bau als auch der Abriss von KKWs mit hohen Kosten verbunden sind, der nukleare Brennstoff für den laufenden Betrieb dagegen vergleichsweise günstig ist, gerechnet auch im Vergleich zu konventionellen Kraftwerken. Bei einer Laufzeit von 40 Jahren machen die Brennstoffkosten (Uran) nur 5 % der Gesamtkosten aus. Eventuelle staatliche, volkswirtschaftliche und versteckte Kosten für oder wider einen Ausstieg sind in diesen Rechnungen aus Sicht von Kernkraftgegnern nicht enthalten.
Es gibt allerdings auch Quellen – z. B. der atomindustrienahe Informationskreis Kernenergie –, die völlig andere Zahlen nennen. Danach haben die Brennstoffkosten der Kernkraftwerke einen Anteil von etwa 20 % an den Stromerzeugungskosten (Kapitalkosten rund 50 %, Betriebskosten ca. 16 %).
Die Kosten des Betriebs bzw. eines Ausstiegs werden je nach Land durch den Staat übernommen oder durch den Verbraucher, etwa in Form steigender Steuern oder Strompreise. Im Falle vieler osteuropäischer KKWs wurden die Ausstiegskosten oder Nachrüstkosten teilweise durch westeuropäische Staaten übernommen. Diese Finanztransfers wurden durch die vermeintlich gestiegene Sicherheit in angrenzenden Gebieten begründet.
Oft wird von der entsprechenden Regierung ein langsamer Übergang für einen Atomausstieg gewählt, um in der Zwischenzeit andere Kraftwerkstypen zu errichten, aus der Sicht von Umweltverbänden vorzugsweise Erneuerbare Energien. Da deren Verfügbarkeit jedoch begrenzt ist und keine geeigneten Speichermechanismen zur Verfügung stehen, lässt sich der Bedarf kurzfristig nur über konventionelle Kraftwerke decken.
In den letzten Jahren wurde in einigen Ländern der beschlossene Ausstieg vorerst verzögert bzw. ein Ausstieg ganz abgelehnt (Ausstieg aus dem Ausstieg, siehe unten), da Tschernobyl bei Teilen der Öffentlichkeit in Vergessenheit geraten ist und die Probleme der fossilen Energieträger immer deutlicher werden (begrenzte Verfügbarkeit, hohe Brennstoffpreise, Abhängigkeit von instabilen Ländern).
In Deutschland hält die Bundesregierung unter Angela Merkel am Ausstiegsbeschluss von 2000 fest.
Zu den Kernpunkten der im April 2002 in Kraft getretenen Gesetzesnovelle gehört das Verbot des Neubaus von kommerziellen Atomkraftwerken und die Befristung der Regellaufzeit der bestehenden Atomkraftwerke auf durchschnittlich 32 Jahre seit Inbetriebnahme (Graphik über die einzelnen Ausstiegsjahre). Das Gesetz legt fest, dass in den deutschen Atomkraftwerken ab dem 1.1.2000 noch höchstens 2,62 Millionen Gigawattstunden (GWh) Strom erzeugt werden dürfen. Diese Menge addiert sich aus den Reststrommengen, die den einzelnen Anlagen je nach Alter zugeteilt wurde. Allerdings können die Strommengen älterer Anlagen auf jüngere Anlagen übertragen werden. Eine Übertragung von Strommengen von jüngeren Anlagen auf ältere Anlagen ist zwar nicht ausgeschlossen, wird vom Gesetz jedoch als Ausnahmefall bezeichnet, der an die Zustimmung des Bundesumweltministeriums gebunden ist. Wegen dieser flexiblen Regelung ist es nicht möglich, das genaue Abschaltdatum für die einzelnen Anlagen sicher vorherzusagen. Nach Angaben des Bundesamtes für Strahlenschutz, das die Abwicklung dieser Atrommengen überwacht, waren von den 2,62 Millionen GWh am 31.12.2005 noch 1,67 Millionen GWh übrig. Gemessen an den zugestandenen Atomstrommengen war der Atomausstieg in Deutschland zu diesem Zeitpunkt also bereits zu mehr als einem Drittel vollzogen.
Darüber hinaus enthält das neue Atomgesetz insbesondere folgende Vorschriften:
Manche Atomkraftgegner kritisieren den Atomkonsens. Sie sehen darin eine Bestandsgarantie für Kernkraftwerke, keinen Ausstieg. Ihre Kritikpunkte lauten:
Andererseits kritisieren auch Befürworter der Kernkraft den Atomausstieg. Teile der Politik fordern seit der Vertragsschließung den sogenannten „Ausstieg aus dem Ausstieg“. Kernenergie liefere Versorgungssicherheit, verringere den CO2-Ausstoß und nutze einen preisgünstigen Primärenergieträger (Uran). Aufgrund steigender Preise für fossile Energieträger (Kohle, Gas) bekommen diese Argumente neuen Aufschwung. Aber auch der Uranpreis hat sich von 2001 bis 2006 verfünffacht. Die Kernkraftbefürworter argumentieren auch mit der Sicherheit deutscher KKWs. Ihrer Meinung nach wird die Sicherheit insgesamt durch den Betrieb der Kernkraftwerke erhöht und die durch einen Ausstieg verursachte Erhöhung der anderen Risiken (z. B. Klimarisiko) überwiegt die Risiken der KKWs bei weitem. In der Debatte um längere Laufzeiten geht es vorwiegend um die nächsten abzustellenden AKWs Biblis A und B, Brunsbüttel, und Neckarwestheim.
Die Forderung nach einer Laufzeitverlängerung der Kraftwerke wurde auch mit Entscheidungen anderer Länder begründet. Die USA und Frankreich haben beschlossen, die Laufzeit ihrer Kernkraftwerke zu verlängern. Die Kernkraftwerke der sogenannten Konvoi-Baureihe sind für eine Betriebsdauer von rund 65 Jahren ausgelegt.
Im Bundestagswahlkampf 2002 versprach der Kanzlerkandidat der Unionsparteien, Edmund Stoiber, im Falle eines Wahlsieges das Atomgesetz wieder zu ändern. Auch andere Unionspolitiker sind für den Wiedereinstieg in die Kernenergie bzw. für längere Laufzeiten der deutschen KKWs.
Die große Koalition aus SPD und CDU/CSU hat sich nicht auf eine einheitliche Meinung zur Kernenergie einigen können. Im Koalitionsvertrag von 2005 ist das Fortbestehen der von der rot-grünen Regierung getroffenen Regelung vereinbart worden. Auch innerhalb der CSU/CDU gibt es Mitglieder, die für einen Atomausstieg sind, ca. 800 haben sich im Bundesverband Christliche Demokraten gegen Atomkraft (CDAK) zusammengeschlossen (siehe auch Weblinks).
Im August 2005 war die Mehrheit der deutschen Bevölkerung (ca. 70 %) für den Atomausstieg (emnid Umfrage im Auftrag von Greenpeace). Laut dem Spiegel (online Version vom 14. Januar 2006) ist die Stimmung mittlerweile zugunsten der Kernenergie, gegen den Ausstieg gekippt: In einer TNS-Infratest-Umfrage sprachen sich 56 % der Bundesbürger dafür aus, dass die Bundesregierung den Ausstieg aus der Atomenergie überdenkt. Nur 40 % wollen an dem Ausstiegsbeschluss der früheren rot-grünen Bundesregierung festhalten. Umfragen in zeitlicher Nähe zum 20. Jahrestag von Tschernobyl, etwa in der Süddeutschen Zeitung haben wieder Mehrheiten für den Ausstieg ergeben. Ebenso zeigt eine Umfrage (Veröffentlichung Ende Januar 2006) innerhalb der EU unter 25.000 Bürgern, dass EU-weit abgesehen von Schweden und Finnland eher eine Stimmung für den Atomausstieg herrscht (siehe Weblinks).
Nach dem derzeitigen Stand ergibt sich folgendes Ausstiegszenario:
| Bruttoleistung in MW | Bruttoerzeugung in TWh | |||
| Jahr | Kernenergie | Ersatzbedarf | Kernenergie | Ersatzmenge |
|---|---|---|---|---|
| 2005 | 21690 | 1029 | 164,4 | 5,2 |
| 2006 | 21690 | 1029 | 164,4 | 5,2 |
| 2007 | 21690 | 1029 | 162,0 | 7,6 |
| 2008 | 20465 | 2254 | 155,5 | 14,1 |
| 2009 | 20465 | 2254 | 151,0 | 18,6 |
| 2010 | 19625 | 3094 | 143,6 | 26,0 |
| 2011 | 18819 | 3900 | 134,8 | 34,7 |
| 2012 | 15636 | 7083 | 109,1 | 60,5 |
| 2015 | 14226 | 8139 | 98,0 | 71,6 |
| 2020 | 5739 | 16980 | 23,1 | 146,5 |
Die Haltung der einzelnen Staaten zur Kernenergie richtet sich nach den entsprechenden Regierungen. Dem entsprechend kann sich die Energiepolitik eines Landes bei einem Regierungswechsel allerdings auch ändern. So wurde in den Niederlanden der Ausstieg aus der Kernenergie 1994 zwar beschlossen, 2003 jedoch wieder aufgehoben.
gegen den Atomausstieg:
Politisches Schlagwort | Umweltpolitik | Kernenergie
Nuclear power phase-out | Abandono de la energía nuclear | Sortie du nucléaire civil | Abbandono dell'energia nucleare | 原子力撤廃 | Отказ от ядерной энергетики | Kärnkraftsfrågan
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