Athanasius Kircher.jpg Athanasius Kircher S.J. (auch: Athanasius Kircherus Fuldensis; * 2. Mai 1602 in Geisa (Rhön); † 27. November 1680 in Rom) war ein deutscher Jesuit und Universalgelehrter des 17. Jahrhunderts, der die meiste Zeit seines Lebens am Collegium Romanum in Rom lehrte und forschte. Kircher veröffentlichte eine große Zahl ausführlicher Monografien über ein weites Spektrum von Themen unter anderem der Ägyptologie, Geologie, Medizin, Mathematik und Musiktheorie. Seine Arbeit über die ägyptischen Hieroglyphen ebnete den Weg für das spätere Werk Jean-François Champollions.
Friedrich Kittler bezeichnet Kircher als "eine Art wissenschaftliche Feuerwehr des Papstes: Mit Sonderaufträgen und Sondervollmachten war er immer zur Stelle, wenn wissenschaftliches Neuland zu betreten, aber auch im Namen der Kirche zu verteidigen war" (Kittler 2002: S. 88). Tatsächlich war Kircher jedoch seiner Zeit voraus, was insbesondere an seinem Einfluss auf die Bakteriologie, Medizin, Akustik, Astronomie, Mechanik, Farbenlehre abzulesen ist. So erkannte er als erster Mensch den Einfluss von 'kleinen Wesen' auf die Verbreitung der Pest und schuf erste Regeln zu ihrer erfolgreichen Bekämpfung.
Kirchers Motto lautete In uno omnia (In Einem alles).
Kirchers Interesse an Ägyptologie wurde geweckt, als er 1628 in der Bibliothek von Speyer auf eine Hieroglyphensammlung stieß. 1633 lernte er Koptisch und veröffentlichte 1636 die erste Grammatik dieser Sprache (Prodromus coptus sive aegytpicanus). In seinem Werk (Lingua aegyptiaca restituta) von 1643 argumentiert er korrekt, dass Koptisch keine separate Sprache sei, sondern die letzte Ausbaustufe der antiken ägyptischen Sprache. Er erkannte auch die Beziehung zwischen hieratischen Schriftzeichen und den Hieroglyphen. In Nicholas-Claude Fabri de Peiresc fand er einen Mitstreiter, der ihm u.a. vor seinem Aufbrauch nach Rom einen Teil der eigenen
In "Œdipus Ægyptiacus" (1652) argumentiert er, dass die antike ägyptische Sprache von Adam gesprochen wurde, dass Hermes Trismegistos und Moses ein und dieselbe Person gewesen, und die Hieroglyphen okkulte Symbole seien, die nicht wörtlich übersetzt, sondern nur allegorisch, sinnbildlich ausgelegt werden könnten, daher ihre wahren Gehalte nur dem Eingeweihten vorbehalten seien. Er nahm teil an der Aufstellung der Obelisken in der Stadt Rom und ist verantwortlich für die Hinzufügung heute als sinnlos bzw. sinnentstellend erkannter Hieroglyphen an einigen derselben. Obwohl sein Ansatz zur Entzifferung altägyptischer Texte auf fundamentalen Fehlkonzepten beruhte, betrieb er doch bahnbrechende wissenschaftliche Forschungen auf diesem Gebiet. Kircher selbst glaubte an die Möglichkeit, dass die Hieroglyhen ein Alphabet bilden könnten, und setzte sie zum griechischen Alphabet in Beziehung. Seine Ergebnisse wurden später von Jean-François Champollion bei seinen erfolgreichen Bemühungen, diese altägyptische Sprache zu entziffern, verwendet.
Kircher beschäftigte sich auch mit Atlantis, das Platon zufolge auf eine Überlieferung aus Ägypten zurückgeht. Kircher glaubte unrichtig, Atlantis im Atlantik lokalisieren zu können.
Kircher entwickelte ein frühes Interesse an der chinesischen Kultur, schon 1629 unterrichtete er seinen geistlichen Mentor, dass er Missionar in diesem Land werden wolle. Sein Werk "China Monumentis" war eine Enzyklopädie über das Kaiserreich China, welche akkurate Kartografie mit mystischen Elementen wie Drachen verband. Es betont die christlichen Elemente der chinesischen Geschichte, sowohl real als auch imaginär: Kircher erwähnt die frühe Anwesenheit von Nestorianern,aufgrund des sogenannten Sino-Syrian Denkmal (Nestorian-Denkmal), das in 1625 in einer Villa einer chinesischen Stadt Siganfu entdeckt worden ist. Er hielt das Denkmal, das auch in seinem Buch Prodromus Coptus (1636) behandelt wurde, für einen Beweis dafür, dass in China bereits eintausend Jahre zuvor (also c.a. 600 A.D.) ein Evangelium verkündet worden sei.
Er schreibt aber auch, dass die Chinesen Nachkommen von Ham seien und dass die chinesischen Schriftzeichen nach Asien abgewandelte Hieroglyhen seien, wie er bereits im Oedipus Aegyptiacus (1652-1654) angekündigt hatte. Zum Nachweis dieser These konstituiert Kircher unter Berufung auf biblischer Erzählung eine umfangreiche Chronologie Kolonialisierungsgeschichte der Welt durch die Noahs. Nach der Sintflut komme Ham, Noahs zweiter Sohn, nach Persien, gründete dort eine Kolonie. Kircher identifiziert ihn als Zoroaster, der König von Bactria, dessen Grenze bis Indien und an die Mongolei reichte. Das Nachbarland China sei die letzte Erde gewesen, die Ham zu kolonialisieren hatte. In dieser Zeit übernahm der erste chinesische Kaiser Fohi vom Kolonialherrn Ham die Hieroglyphenschrift und entwickelte sie in chinesische Schrift, behauptet Kircher. Nach seiner Zeitrechnung geschah diese Übernahme 300 Jahre nach der Sintflut.
Trotz dieser Verwandtschaft standen in seinem System die Ideogramme unter den Hieroglyphen, weil sie sich auf spezifische Ideen bezogen, anstatt auf mysteriöse Ideenkomplexe. Die Zeichen der Maya und Azteken waren noch niedrigere Zeichen, weil sie sich auf einzelne Objekte bezogen.
Umberto Eco bemerkte einmal, dass diese Idee den damaligen europäischen Standpunkt (und damit den Standpunkt der katholischen Kirche) in Bezug auf die chinesische und indianische Zivilisation ausdrücke und untermauere: "China wurde nicht als unbekannter Barbar dargestellt, sondern als verlorener Sohn, welcher zurückkehren sollte ins Haus des gemeinsamen Vaters."
Auf einer Reise nach Süditalien 1638 stieg Kircher in den Krater des Vesuvs, um dann am Rande der Eruptionen das Innere des Vulkans zu erforschen. Er war auch angetan von dem unterirdischen Rumpeln, welches er an der Meerenge von Messina vernahm. Seine geologischen und geographischen Forschungen gipfelten in seinem Werk "Mundus Subterraneus" (1664) in welchem er vermutete, dass die Gezeiten von Wassermassen verursacht würden, die sich zwischen den Weltmeeren und einem unterirdischen Ozean bewegen.
Kirchers Standpunkt zu Fossilien war nicht einheitlich. Er verstand, dass einige Versteinerungen Überreste von Tieren waren, andere schrieb er aber dem menschlichen Erfindergeist oder spontanen regenerativen Kräften der Erde zu. Nicht alle Objekte, die er zu erklären versuchte, waren Fossilien - daher die Vielfalt seiner Ansätze.
Kircher nahm einen bemerkenswert modernen Ansatz in der Erforschung von Krankheiten: schon vor 1646 setzte er ein Mikroskop ein, um das Blut von Pestkranken zu untersuchen. In seinem Werk "Scrutinium Pestis" von 1658 bemerkt er die Anwesenheit von "kleinen Würmern" im Blut und schließt folglich, dass die Krankheit von Mikroorganismen verursacht würde. Der Schluss war korrekt, auch wenn es wahrscheinlich ist, dass das, was er gesehen hat, in Wirklichkeit rote oder weiße Blutkörperchen waren. Er schlug auch hygienische Maßnahmen wie Isolation, Quarantäne, das Verbrennen der Kleider der Kranken sowie das Tragen von Gesichtsmasken zur Vermeidung der Ausbreitung der Pest vor.
Auch stellt er einen Algorithmus zur automatischen Komposition vor.
Kurios: Kircher entwarf ein "Katzenklavier", welches nagelähnliche Objekte in den eingespannten Schwanz einer Katze schlägt, die dann je nach Einstichstelle in unterschiedlichen Tonhöhen Laute von sich geben soll. Es ist nicht bekannt, ob er dieses "Instrument" auch wirklich in die Tat umsetzte.
Zu Kirchers Erfindungen gehört unter anderem ein Vorläufer der Laterna Magica, das Smicroscopium parastaticum, welches er in seinem Buch "Ars magna lucis et umbrae" (1671) beschreibt. Dieses Gerät bestand aus einer Drehscheibe und einer optischen Betrachtungseinrichtung. Auf dieser Scheibe waren zahlreiche kleine Bilder angebracht, die man durch das Linsensystem dann vergrößert betrachten konnte. Dieses Gerät ist ein direkter Vorläufer des Phenakistiskops, welches wiederum ein direkter Vorläufer des Filmprojektors ist.
Er konstruierte eine magnetische Uhr nach dem von ihm in seinem Werk "Magnes" vorgestellten Mechanismus.
Weiterhin erfand Kircher das Organum Mathematicum, eine Art mathematischer Lernmaschine.
Andere von Kircher entworfene oder konstruierte Maschinen waren:
Nebenbei entwickelte er ein System der verschlüsselten Nachrichtenübertragung unter der Bezeichnung "Stenographia" ("geheimes Schreiben mit Licht") bzw. "Cryptologia". Dieses System verwendete – im Gegensatz zur optischen Telegrafie der Antike – einen Hohlspiegel, der mit den zu übertragenden Schriftzeichen beschriftet wird. Mit diesem Verfahren konnten militärische Kommandos über eine Entfernung von rund dreieinhalb Kilometern "abhörsicher" übermittelt werden.
Sein Schüler Caspar Schott, ein Würzburger Mathematiker, war sein engster Mitarbeiter.
Kircher beschäftigte sich zum Lebensabend auch mit der Sintflut und der Arche Noah (v.a. in technischer Hinsicht), wodurch das äußerst reich illustrierte Buch Arca Noë (erschienen in Amsterdam bei Jansson & Waesberge 1675) entstand. Einige Ausarbeitungen beziehen sich auf Studien des französischen Mathematikers Johannes Buteo, der 1554 eine den biblischen Angaben entsprechende Arche beschrieben hatte.
Aus heutiger Sicht erscheinen seine Werke als eine Mischung von Ergebnissen genuiner Forschung, durchdachten Beziehungsmanagements, zukunftsweisender Intuition, bloßer Spekulation und bewundernswerten Marketings.
Nach seinem Tod wurde Kirchers Werk bis ins späte 20. Jahrhundert weitgehend mit Nichtachtung gestraft. Seitdem erfährt es aber eine gewisse Renaissance. Man führt Kirchers Wiederentdeckung auf die Ähnlichkeiten seines eklektizistischen Ansatzes mit der Postmoderne zurück. "Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist Kirchers Geschmack für Trivialitäten, Täuschung und Wunder wieder gefragt." "Kirchers postmoderne Qualitäten umfassen unter anderem seine Subversivität, seine Berühmtheit, seine Technomanie und seinen bizarren Eklektizismus." Da ein Großteil von Kirchers wissenschaftlicher Arbeit heute nicht mehr aktuell ist und wenige seiner Werke übersetzt wurden, liegt das heutige Interesse mehr auf deren ästhetischer Qualität als auf dem eigentlichen Inhalt. Eine Reihe von Ausstellungen hat bereits die Schönheit von Kirchers Werken herausgestellt:
Umberto Eco schrieb über Kircher sowohl in seinem Roman "Die Insel des vorigen Tages" als auch in seinen nichtfiktionalen Texten "Die Suche nach der vollkommenen Sprache" und "Serendipities. Language and Lunacy".
Musurgia.jpg Kirchers Nachlass wird mit 44 gedruckten Bänden und 14 Briefschaften angegeben.
Seine wichtigsten Werke (in chronologischer Reihung):
Mann | Deutscher | Universalgelehrter | Gestalten der Reformation | Jesuit | Theologe (17. Jh.) | Ingenieur, Erfinder, Konstrukteur (17. Jh.) | Mathematiker (17. Jh.) | Astronom der Neuzeit | Ägyptologe | Altphilologe | Physiker (17. Jh.) | Missionar (China) | Geologe | Sinologe | Altorientalist | Autor | Literatur (17. Jh.) | Literatur (Latein) | Mediziner (17. Jh.) | Sprachwissenschaftler | Hochschullehrer | Musikwissenschaftler | Musiktheoretiker | Geboren 1602 | Gestorben 1680
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