Als Atavismus (von lat.: atavus = Vorfahre, Urahne) wird ein Rückfall in überholte Verhaltensweisen oder das Auftreten von anatomischen Merkmalen bei Organismen bezeichnet, die eigentlich für ihre Urahnen typisch waren. Auf der gegenwärtigen Entwicklungsstufe besitzen diese Merkmale keine weitere Funktion und sind seit Generationen geschwunden. Beispiele hierfür sind: Halsfisteln beim Menschen als Überbleibsel der während der Embryonalentwicklung angelegten Kiementaschen, Steißbein, Hornzipfel, überzählige Zähne, zusätzliche Brustwarzen entlang der Milchleiste, starke Körperbehaarung (Lanugohaar), die Nickhaut am Auge, Fortbewegen nur auf allen Vieren und der sog. Darwin-Ohrhöcker.
Atavismen kommen nicht nur beim Menschen vor. Alle Organismen können mehr oder weniger ausgeprägte Anomalien aufweisen: Bei Pferden kommt es hin und wieder zur Bildung überzähliger Zehen, den sog. Griffelbeinen, und bei Meeressäugetieren wie Walen und Delphinen kommt es zur Bildung von Extremitäten, die Beinen von Landtieren ähneln.
Nach der Rekapitulationstheorie von Ernst Haeckel rekapituliert die Ontogenese (= Entwicklung eines Individuums) die Phylogenese (= Stammesentwicklung). Dies bedeutet, dass Lebewesen in ihrer Keimesentwicklung vom befruchteten Ei an zeitlich verkürzt die Schritte der Stammesentwicklung – beispielsweise von der Qualle (entspricht Blastozyste) über den Fisch (Kiemenbögen), die Reptilien (Schwanzwirbelsäule) und über die Primaten (Lanugofell) bis zum Menschen – durchmachen. Bei Störungen der Ontogenese bei einer speziellen Entwicklungsstufe kommt es so zur Ausprägung eines typischen atavistischen Merkmals.
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