Die Assyrische Kirche des Ostens (auch Apostolische Kirche des Ostens genannt) ist eine autokephale und völlig eigenständige Ostkirche syrischer Tradition in Nachfolge des altchristlichen Katholikats von Seleukia-Ktesiphon.
Sie besitzt einen mit dem Papst in Rom unierten Zweig heute mindestens gleicher Personalstärke in Gestalt der Chaldäisch-Katholischen Kirche unter dem Patriarchen von Babylon. Katholisches Gegenüber der Indischen Metropolie der „Kirche des Ostens“ ist die erheblich größere Syro-Malabarische Kirche. Beide zählen zu den Thomaschristen.
Die nicht mit Rom geeinte „Kirche des Ostens“ der sog. Nestorianer ist seit den 1960er Jahren gespalten in:
Die ostsyrischen Kirchen sind zu unterscheiden vom „Katholikat (Maphrianat) des Ostens“ des westsyrischen Patriarchats von Antiochien, der sog. Jakobiten.
Andere Bezeichnungen sind „Chaldäische / Chaldäisch-syrische / Chaldäisch-assyrische Kirche“ (diese Begriffe meinen heute meist die mit Rom unierte Chaldäisch-Katholische Kirche, werden aber teilweise auf die autokephale Assyrische Kirche ausgedehnt).
Die Beifügungen „chaldäisch“ (ab 15. Jh.) sowie „assyrisch“ (ab 19. Jh.) sind neuzeitlich und beide europäischer Herkunft. Sie sind ursprünglich sprachlich (chaldaica seu syriaca) bzw. historisch-geographisch gemeint; ihr eigentlicher Zweck war die Vermeidung der Bezeichnung „nestorianisch“ für jene Teile der „Kirche des Ostens“, die sich der römisch-katholischen bzw. anglikanischen Kirchengemeinschaft angenähert oder angeschlossen hatten. Das Beiwort „nestorianisch“ und der Name „Nestorianer“ werden heute als Selbstbezeichnung auch von den Nicht-Katholiken abgelehnt. In theologischer und historischer Fachliteratur hingegen ist die Bezeichnung „Nestorianische Kirche“ noch weit verbreitet. Manche sprechen widersinnig sogar von „katholischen Nestorianern“. Teil eines kirchlichen Eigennamens wird das Adjektiv „assyrisch“ in der 2. Hälfte des 20. Jh.
Vom Namen „Kirche des Ostens“ läßt sich schwer ein Adjektiv ableiten, das nicht, wie etwa „ostkirchlich“, zu Missverständnissen Anlass bietet. Üblich sind „ostsyrisch“ (konfessionell neutral), „chaldäisch“ (katholisch konnotiert), „assyrisch“ (vorwiegend nicht-katholisch), auch „assyro-chaldäisch“ (zusammenfassend oder katholisch).
Die ostsyrischen Christen wurden manchmal auch als „Protestanten des Ostens“ bezeichnet, gehören jedoch traditionell einer Kirche des katholischen Typs an. Nur kleine Gruppen wurden seit dem 19. Jh. evangelisch.
Von der „Assyrischen bzw. Alten Kirche des Ostens“ zu unterscheiden sind:
Zusammengefasst bilden alle, christliche Assyrer, Katholiken und Orientalisch-Orthodoxe, die „Kirchen der Syrischen Tradition“ bzw. das „Syrische Christentum“. Man nennt sie auch christliche Aramäer.
In Deutschland gibt es zwei Gemeinden in Wiesbaden/Mainz, darunter eine der Altkalendarier mit eigenem Bischof: Mar Timotheus Shalita Odisho (*1936), in Österreich eine Mission in Wien.
Das grundlegende Glaubensbekenntnis ist das Nicäno-Konstantinopolitanum. Die Mysterien der Trinität und der Inkarnation sind zentrale Punkte der Lehre. In der Christologie vertritt sie, dass Jesus Gott und Mensch war, und dass seine zwei Naturen unvermischt und unverändert sind. Doch während die Monophysiten die beiden Personen als in keiner Weise trennbar – weder real noch in der Anschauung – betrachten, sehen die Dyophysiten sie in gewisser Weise getrennt. Das Menschliche ist irgendwie der Träger des Göttlichen in dem einen Gott-Mensch; Maria ist "nur" die Mutter des Menschlichen in ihm, deshalb wird der Begriff Muttergottes oder Theotokos (Gottesgebärerin) für die Jungfrau Maria abgelehnt, der Begriff "Mutter Christi" wird bevorzugt. Im ökumenischen Dokument von 1994 (siehe unten) heißt es: "In Jesus Christus ist der Unterschied zwischen der göttlichen und menschlichen Natur in allen Eigenschaften, Fähigkeiten und Handlungen erhalten." Er ist eine Person mit zwei kompletten Naturen, in ihm unauflöslich verbunden, aber nicht vermischt.
Hauptsakramente sind die Eucharistie (Qurbana) und die Taufe. Daneben gibt es weitere, so die Ordination, Salbung, Eheschliessung, Buße.
Einen verpflichtenden Zölibat gibt es nur für Bischöfe und Mönche. Priester dürfen heiraten, im Gegensatz zu den übrigen Ostkirchen auch nach der Priesterweihe.
Die Kirchensprache ist das zum Aramäischen gehörende Syrisch. Die Verwendung moderner Sprachen im Gottesdienst ist umstritten. Die Bräuche sind ähnlich wie in den anderen altorientalischen Kirchen. Ikonen werden allerdings abgelehnt. Bei den Katholiken sind Bilder und sogar Statuen üblich.
Die Eucharistie wird als Qurbana (Opfer, vgl. Hebräisch Korban) bezeichnet und wird jeden Sonntag gefeiert. Es wird immer ein Teil des eucharistischen Brotes wieder in den neuen Brotteig gemischt; dieser Brauch geht nach dem Glauben der Kirche bis auf das allererste heilige Abendmahl zurück, das Jesus Christus selbst abhielt. Die Kirche verwendet in der Eucharistie heute noch eine Liturgie unter dem Namen des Theodor von Mopsuestia aus dem 5. Jahrhundert. Das Hauptformular ist nach den Gründermissionaren Addai und Mari benannt. Die Gemeinde steht während des Gottesdienstes. Weihrauch gehört zur Liturgie.
In der siebenwöchigen Fastenzeit vor Ostern wird auf Fleisch, Eier und Milchprodukte verzichtet.
Kirchenfeste sind Christi Geburt, Epiphanias, Palmsonntag, Auferstehung, Himmelfahrt, Pfingsten, Fest des Kreuzes, und Heiligung der Kirche.
Von Theodor von Mopsuestia hat die Assyrische Kirche, als einzige Ostkirche, das Konzept der Allversöhnung in die Liturgie aufgenommen.
Das Oberhaupt der Assyrischen Kirche des Ostens ist der Katholikos-Patriarch. Er beansprucht seit alters (wie der Papst in Rom) die „petrinische Schlüsselgewalt“ nach Mt 16,19; 18, 18 und wird daher heute auch „Petrus unserer Zeit“ genannt.
Gegenwärtige Inhaber des Amtes sind:
Ein Bischof muss durch mindestens zwei (oder mehr) Bischöfe geweiht werden, die ihrerseits in der Apostolischen Sukzession und vollen Kommunion mit der Kirche stehen. Er bleibt so lange ordentlicher Bischof, wie er selbst in der vollen Kommunion mit der "Kirche des Ostens" steht.
Der Episkopat beider Jurisdiktionen umfasst heute weltweit etwa zwölf bzw. sieben Bischöfe. Vor allem im Irak und in den USA stehen beide Episkopate in Konkurrenz miteinander. Daneben amtieren drei einzelne Bischöfe unklarer Rechtsstellung in USA und Deutschland (Mainz). Innerkirchliche Spannungen sind periodisch zu beobachten, erneut 2005/06.
Patriarchen wie Bischöfe leben ehelos, entstammten lange Zeit dem Mönchtum, das in organisierter Form heute nicht mehr besteht.
Bis in das 3. Viertel des 20. Jh. mußten sich alle Bischöfe der „Kirche des Ostens“ von Jugend an fleischlos ernähren. Daher verzichteten die Mütter möglicher Bischöfe während der Schwangerschaft auf das Fleisch, so noch im Fall von Mar Dinkha IV. Ein Mädchen, das aus einer derartigen Schwangerschaft hervorging, hatte - vor allem falls Schwester oder Tante des amtierenden Patriarchen - eine herausragende Stellung in der Gemeinschaft. Dies erklärt die besondere Rolle von Lady Surma-Hanim (27. Januar 1883 - 7. Dezember 1975), Schwester von Shimun XXI. und Shimun XXII., die besonders in den ersten Jahrzehnten des Patriarchen Shimun XXIII. als Sprecherin der assyrischen Nation öffentlich auftrat.
Der erste syrisch-sprachige Bischofssitz war Edessa in der heutigen Türkei, dann ab dem dritten Jahrhundert war der zentrale Bischofssitz für Persien Seleukia-Ktesiphon im heutigen Irak (siehe auch Sassanidenreich). Nach den pseudo-nicaenischen Konzilsakten wurde letzterer 325 den westlichen Patriarchatssitzen gleichgestellt, historisch ist die Errichtung des Katholikats wohl erst auf 334 mit der Wahl Mar Papas anzusetzen.
In der Rivalität der Lehre zwischen der Alexandrinischen Schule und der Antiochenischen Schule hielt sich die Assyrische Kirche an Antiochia.
Die autokephale Entwicklung wird in der theologischen Literatur wird allgemein mit der Synode in Beth Lapat 484 in Verbindung gesetzt. Nestorius wurde früh um 430 von Kyrill von Alexandrien der Häresie bezichtigt und versucht zu exkommunizieren. Auf dem Konzil von Ephesos 431 und 433 wird Nestorius' Lehre offiziell abgelehnt und er zog sich zurück, später musste er ins Exil nach Oasis. Im nestorianischen Streit des frühen 5. Jahrhunderts nahm die Assyrische Kirche Partei für Nestorius, weil Nestorius in ihrer Sicht nicht der ihm vorgeworfenen Häresie schuldig war und ein orthodoxes Christentum lehrte. Folgerichtig weigerte sie sich daher, ihn zu exkommunizieren. Jedoch gewann in den Mesopotamien die Lehre Nestorius' einige Anhänger, so dass sich diese Kirchen von den westlicheren Kirchen distanzierten und deren Monophysitismus und dessen theotokos-Begriff. Auf der Synode von Beth-Lapat (484) wurde die Lehre der Assyrischen Kirche, die Elemente der Lehre des Nestorius aufnahm, verbindlich für das Patriarchat von Seleukia-Ktesiphon, der christlichen Kirche im persischen Reich. Es wird bezweifelt, dass es vorher eine autokephale Assyrische Kirche des Ostens gab. Entgegen weitverbreiteten Annahmen wurde die Assyrische Kirche des Ostens jedoch nicht von Nestorius gegründet - Nestorius stammte aus Antiochia und war Patriarch von Konstantinopel. In der Assyrischen Kirche spielt vor allem Theodor von Mopsuestia eine bedeutende Rolle.
In Arabien waren viele Kirchen gegründet worden, die jedoch bald verschwanden, als Arabien mit der islamischen, kriegerischen Expansion begann. In Persien verschwanden bis zum 11. Jh. die Christen, da die Christen durch die Araber Pressionen ausgesetzt waren: Zwangssteuer, Kleiderordnung, Verbot auf Pferden zu reiten etc.
In Mesopotamien hielten sich die Christen lange in der Mehrheit, trotz arabischer Herrschaft. Ihr Bildungswesen kam den Arabern zu Gute und die Christen in Nisibis lehrten die Araber griechische Philosophie und andere Wissenschaften. In den Diskussionen mit den Arabern verloren sie aber ihre christlichen Kernwerte. Nach einer erneuten Blütezeit im 12./13. Jh. durch die Mongolen, die anfänglich die Christen akzeptierten, folgte allerdings schnell der Untergang, nachdem die Mongolen sich dem Islam zugewandt hatten. Die christliche Mehrheit schwand und die Araber bekamen die Mehrheit. Die Kirche erodierte bis zu ihrem praktischen Verschwinden im 14. Jh.
Es gab ostsyrische Gemeinden entlang der ganzen Seidenstraße. Von hier aus kam es auch zur Christianisierung der Uighuren in Zentralasien. Ab 635 gab es auch Christen im Kaiserreich China. Sie wurden geduldet, blieben jedoch eine Religion der Ausländer. Im 17. Jh. grub man die Stele von Si-an-fu aus, die aus dem Jahr 781 stammt. Die Inschriften zeigen, dass die christliche Lehre zu dieser Zeit teilweise so sehr an die Umwelt adaptiert war, dass die christliche Kernbotschaft vom Kreuz und Auferstehung Jesu nur am Rande vorkam. 845 wurde ein kaiserliches Edikt erlassen, das (nicht nur das christliche) Mönchtum einzuschränken. In Folge der Restriktionen verschwand die Kirche aus China. In der Mongolen-Zeit des 13. Jh. - in der Yuan-Dynastie - kamen noch einmal Christen nach China, die jedoch Mitte 14. Jh. beim Wechsel zur Ming-Dynastie wieder verschwanden. Nach Ansicht mancher Forscher drangen die Christen bis nach Japan und Korea vor.
In der mongolischen Hauptstadt Karakorum befand sich um 1250 eine chaldäische Kirche. Daher kann davon ausgegangen werden, das das ostsyrische Christentum im Mongolenreich bis um 1350 eine verbreitete Glaubensrichtung war. Nach dem die Mongolen sich dem Islam (und teilweise dem Buddhismus) zuwendeten, verschwand die Kirche jedoch bis zum 14. Jh.
Nach Indien kamen das Christentum schon sehr früh durch den Apostel Thomas. Als im 6. Jh. die Christen nach Indien kamen, fanden sie die Thomaschristen im Süden Indiens vor. Die übrigen Christen verteilten sich in kleinen Minderheiten über ganz Indien. Eine Überlieferung fehlt leider. Jedoch verschwanden die Gemeinden im durch das islamische Mameluken-Sultanat im 13. Jh. bis zu ihrem Ende im 14. Jh. Danach fanden sich nur noch die Thomaschristen in Südindien.
Im 13. und 14. Jahrhundert fanden europäische Reisende an der indischen Südküste und in Ceylon alteingesessene christliche Kirchen, deren Kirchensprache das Syrische war. Im 13. Jahrhundert hatte der Patriarch der Nestorianer eine Hierarchie von 25 Metropoliten und etwa 250 Bischöfen (zum Vergleich: am etwa gleichzeitigen 4. Laterankonzil, einem der Höhepunkte der mittelalterlichen Papstkirche, nahmen 400 Bischöfe teil). Im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit schrumpfte die Kirche aber unter dem ständigen Druck von Islam, Hinduismus und Buddhismus stark zusammen.
In den 1670er Jahren vereinigte sich der Bischof von Diyarbakir (Amida) mit der Kirche von Rom und erhielt gleichfalls Titel und Rang eines Patriarchen („Patriarchat von Diyarbakir“) Eine weitere, bis heute bestehende Teilunion mit Rom erfolgte im 19. Jh. Die ältere Linie der Katholikoi-Patriarchen starb 1803 aus bzw. wurde mit Johannes Hormizd, dem Neffen des letzten „nestorianischen“ Patriarchen der Familie, katholisch. Vorübergehend gab es damit auch zwei miteinander konkurrierende katholische Patriarchate:
Die dortigen Nichtkatholiken akzeptierten die (inzwischen ebenfalls erblich gewordene) Hierarchie des von Rom getrennten Patriarchats von Qudshanis. Diese assyrische Kirche wurde im 19. Jh. von nahezu sämtlichen Konfessionen des Westens (der römisch-katholischen, der russischen Orthodoxen Kirche, den Anglikanern, amerikanischen Protestanten und deutschen Lutheranern) umworben und verlor an sie einen Teil ihrer Mitglieder, selbst ganze Diözesen. Die schwersten Verluste an Gebiet, Gut und Leben erlitt sie freilich in den Kämpfen mit Türken, Kurden, Iranern und Irakern zur Zeit des 1. Weltkriegs und Anfang der 1930er Jahre unter den Katholikoi Shimun XXI., Shimun XXII. und Shimun XXIII.
Kulturell spielte die ostsyrische Kirche eine wichtige Rolle bei der Tradierung des Wissens der Antike: es waren christliche Ostsyrer, die am Hof der arabischen Kalifen die griechischen Philosophen, vor allem Aristoteles, übersetzten - die dann über diesen Umweg einige hundert Jahre später auch in Europa wieder bekannt wurden.
Zwischen Mar Dinkha IV. und dem römisch-katholischen Papst Johannes Paul II. gab es am 11. November 1994 ein historisches Treffen im Vatikan, bei dem auch eine in zehnjähriger Arbeit vorbereitete Konsenserklärung zur Christologie unterzeichnet wurde. Dabei erklärten beide Seiten die „volle Kirchengemeinschaft“ zum Ziel ihres weiteren „Theologischen Dialogs“.
Danach verbesserten sich die Beziehungen auch zur mit Rom unierten Chaldäisch-katholischen Kirche, so dass seit 2001 unter gewissen Bedingungen eine gegenseitige Teilnahme an der Eucharistie möglich ist. 2005 beschloss die 10. Synode der Assyrischen Kirche des Ostens (31. Oktober - 7. November 2005), eine von ihre als unterschriftsfähig bewertete Joint Declaration on Sacramental Life ("concerning the seven * sacraments") von Assyrischer und Römisch-Katholischer Kirche einstweilen nicht zu unterzeichnen, weil die nach der Unterschrift einzuleitende dritte und abschliessende Phase des Gemeinsamen Dialogs zur Anerkennung der Autorität der Kirche von Rom führen könnte: http://www.assyrianchurchnews.com/images/synod%20decrees%202005%20(English).pdf Ein Grund der Verzögerung scheinen aktuelle und andauernde innerkirchliche Auseinandersetzungen, unter anderem über die künftige Verbindung der Assyrischen mit der Römisch-katholischen sowie der Chaldäisch-katholischen Kirche, zu sein. Ihren deutlichsten Ausdruck finden sie mit der umstrittenen Amtsenthebung des Bischofs Mar Bawai Soro (bürgerlich Ashur Soro), die derzeit (2006) Gegenstand gerichtlicher und publizistischer Auseinandersetzungen ist.
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