Arthur Schopenhauer (* 22. Februar 1788 in Danzig, † 21. September 1860 in Frankfurt am Main) war ein deutscher Philosoph. Er vertrat als einer der ersten Philosophen des 19. Jahrhunderts die Überzeugung, dass der Welt ein irrationales Prinzip zugrunde liegt.
Die Familie Schopenhauer verließ Danzig 1793, nachdem es von Preußen annektiert worden war, und siedelte sich in Hamburg an. Freiheitsdrang hatte den Vater Heinrich Floris Schopenhauer veranlasst, seiner Heimat unter erheblichen finanziellen Verlusten den Rücken zu kehren.
1799 besuchte Schopenhauer die Rungesche Privatschule, er wuchs über das dort Erlernbare schnell hinaus und bat den Vater, ihn aufs Gymnasium zu schicken. Der Vater hielt humanistische Studien jedoch für überflüssig und hatte seinen Sohn für den Kaufmannsstand bestimmt. Er stellte seinen Sohn vor die Wahl: Gymnasium oder eine mehrjährige Bildungsreise durch Europa; so bereiste Schopenhauer von 1803-1804 Holland, England, Frankreich, die Schweiz, Österreich, Schlesien und Preußen. Vorher verbrachte er mehrere Wochen zur Erlernung der englischen Sprache in Wimbledon. 1805 kehrte er nach Hamburg zurück. Er folgte dem Willen des Vaters und trat eine Kaufmannslehre in der Firma Jenisch an. Am 20. April des Jahres erlitt der Vater unter ungeklärten Umständen einen tödlichen Unfall. Es gibt Vermutungen über einen Suizid. Dies wäre ein früher Baustein für die sich entwickelnde Weltanschauung des Sohnes. Schopenhauer hatte zudem eine kritische Einstellung zum Wesen und Verhalten seiner Mutter, welche nunmehr die einzige Erziehungsberechtigte war.
Nach Auflösung des väterlichen Geschäfts im September 1806 wollte Johanna ihn und ihre Tochter Adele nach Weimar ziehen. Schopenhauer blieb jedoch zunächst allein zurück. Er war zerrissen zwischen pflichtmäßiger Fortsetzung der Kaufmannslehre und seiner Neigung zu einem geistigen Lebensberuf.
Im Juni 1807 wurde Schopenhauer auf Ratschlag Carl Ludwig Fernows Schüler des Gymnasialdirektors Doering in Gotha. 1807 folgte die Übersiedlung ins nahe Weimar, sein wichtigster Lehrer wurde Franz Passow. Er pflegte Umgang mit Johannes Daniel Falk und Zacharias Werner und entwickelte leidenschaftliche Neigungen zu Karoline Jagemann. Die erotischen Wirrnisse bewirkten bei Schopenhauer heftige seelische Krisen.
Großjährig geworden bekam Schopenhauer seinen Anteil am väterlichen Erbe ausgezahlt. Durch dieses ansehnliche Erbe war Schopenhauer vermögend und frei von finanziellen Sorgen. 1809 begann er an der Universität Göttingen ein Studium der Medizin, das er jedoch bald zugunsten der Philosophie aufgab. Den Doktortitel der Philosophie an der Universität Jena erhielt Schopenhauer am 18. Oktober 1813 für die Schrift Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde, zu deren ersten Lesern Johann Wolfgang von Goethe gehörte. Goethe war bereits vorher über seinen Kontakt zur Mutter Schopenhauers, die in Weimar eine Art Salon betrieb, auf den Sohn aufmerksam geworden. Häufigere Begegnungen mit Goethe folgten, der gerade seine Farbenlehre ausformulierte. Schopenhauer äußerte bald Bedenken an Goethes Theorie (den er freilich als Dichter bewunderte und zeitlebens seine Schriften zusandte), wodurch sich das enge Verhältnis allmählich löste. Durch Friedrich Majer wurde Schopenhauer mit der altindischen Philosophie, dem Brahmaismus und dem Oupnek´hat bekannt gemacht. 1814 erfolgte ein Zerwürfnis mit der Mutter. Im Mai ging Schopenhauer nach Dresden und verkehrte in Literatenkreisen. Er trieb vielseitige Studien in den Dresdener Sammlungen und Bibliotheken.
1815 veröffentlichte Schopenhauer eine eigene Farbenlehre mit dem Titel Über das Sehen und die Farben, die 1816 im Druck erschien. Er entwarf die erste Fassung des Hauptwerkes Die Welt als Wille und Vorstellung, die Anfang 1819 bei Friedrich Arnold Brockhaus erschien. Schopenhauer war sich über die geistesgeschichtliche Bedeutung seines Textes völlig im klaren. Geschäftlich gesehen war das Werk jedoch ein totaler Misserfolg.
Er unternahm daraufhin eine italienische Reise, die ihn über Venedig, Rom, Neapel, Paestum, Rom und Venedig nach Mailand führte. Dort empfing ihn im Juni 1819 die Nachricht vom Zusammenbruch des Danziger Bankhauses L. A. Muhl, bei welchem er einen Teil seines Vermögens deponiert hatte. Zur Regelung dieser Angelegenheit, in deren Gefolge es zu neuen Spannungen zwischen ihm und der Mutter kam, brach er die Reise ab. Seine ungeklärte Situation bewegte Schopenhauer, sich um eine Dozentur an der Universität Berlin zu bemühen.
Im Jahr 1820 begann Schopenhauer an der noch jungen Berliner Universität zu lehren. Dort kam es zu dem berühmten Streit mit Hegel. Schopenhauer setzte seine Vorlesungen zeitgleich mit den Veranstaltungen des populären Hegel an und hatte daher nur wenige Zuhörer. Bald begann Schopenhauer die Universitätsphilosophie zu verachten. Als das Bankhaus 1821 seine Forderungen auszahlte, verließ er die Universität und setzte seine Italienreise fort. Er kehrte erst im April 1825 wieder nach Berlin zurück und nahm ohne große Erwartungen einen neuen Anlauf zur wissenschaftlichen Karriere.
Trotz einer rühmenden Besprechung der Welt als Wille und Vorstellung von Jean Paul dauerte die Resonanzlosigkeit seiner Ideen an.
Nach Ausbruch einer Choleraepidemie, der Hegel zum Opfer fiel, ließ Schopenhauer sich in Frankfurt am Main nieder. 1837 griff Schopenhauer in die Gestaltung der Gesamtausgabe der Schriften Immanuel Kants ein, indem er erfolgreich für die Aufnahme der ersten Fassung der Kritik der reinen Vernunft anstatt der zweiten Fassung plädierte.
1838 starb die Mutter, ein Jahr darauf krönte die K. Norwegischen Societät der Wissenschaften seine Preisschrift Über die Freiheit des menschlichen Willens. 1841 erschien diese Preisschrift zusammen mit Über das Fundament der Moral unter dem zusammenfassenden Titel Die beiden Grundprobleme der Ethik.
1840 war mit Dr. Julius Frauenstädts der erste von Schopenhauers in den folgenden Jahren ständig sich mehrenden „Aposteln und Evangelisten“ in Schopenhauers Gesichtskreis getreten. Friedrich Dorguths Schrift Die falsche Wurzel des Idealrealismus nannte Schopenhauer als Denker von weltgeschichtlicher Bedeutung. Schopenhauer vollendete den zweiten Teils der Welt als Wille und Vorstellung. 1844 erschien - ohne Honorar - die so ergänzte und überarbeitete 2. Auflage des Hauptwerks.
1851 erschienen - wiederum ohne Honorar - die Parerga und Paralipomena mit dem Hauptstück Aphorismen zur Lebensweisheit.
Grabstein_Schopenhauer.JPG | Richard Wagner ließ dem verehrten Schopenhauer seine Dichtung Der Ring des Nibelungen überreichen. Julius Frauenstädts Brief über die Schopenhauer'sche Philosophie erschien. Eine Serie von Schopenhauer-Porträts von Jules Lunteschütz und anderen Künstlern entstanden. Im Mai 1857 besucht Friedrich Hebbel Schopenhauer in Gesellschaft Wilhelm Jordans.
Am 9. September 1860 brach bei Schopenhauer eine Lungenentzündung aus, an der er bereits am Morgen des 21. September starb. Am 26. September wurde er auf dem Frankfurter Hauptfriedhof beigesetzt.
Er widersprach Kant in der Überzeugung, dass das „Ding an sich“ jenseits aller Erfahrung liege und deshalb nicht erkannt werden könne. Kants Ding an sich war für ihn zwar auch unerkennbar (wir sehen immer nur das, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen), jedoch nicht unerfahrbar. Durch eine Selbstbeobachtung unserer Person können wir uns dessen gewiss werden, was wir letzten Endes sind: Wir erfahren in uns den Willen, er ist das Ding an sich. Dieser sei nicht nur die Triebfeder allen Handelns von Mensch und Tier, sondern auch die selbst grundlose Ursache hinter den Naturgesetzen. Die Welt sei letztlich blinder, vernunftloser Wille. Schopenhauer ist der klassische Philosoph und Hauptvertreter des metaphysischen Voluntarismus.
Doch die Welt ist nicht nur Wille, sondern erscheint auch als Vorstellung. Sie ist die durch Raum und Zeit sowie Kausalität, die den a priori gegebenen Erkenntnismodus von uns Verstandeswesen bilden, individuierte und verknüpfte Erscheinung des einen Willens. Die Welt ist meine Vorstellung ist der erste Hauptsatz seiner Philosophie. Was uns als Welt erscheine, sei nur für uns, nicht an sich. Es gibt für Schopenhauer nichts Beobachtetes ohne Beobachter, kein Objekt ohne ein Subjekt. Die Welt, als Vorstellung betrachtet, zerfalle in Subjekte und Objekte, die sowohl untrennbar als auch radikal voneinander verschieden, jedoch letzten Endes beide nur Erscheinungen des Willens sind. Dieser ist nach Schopenhauer das Wesen der Welt, das sich, in Subjekt und Objekt erscheinend, gleichsam selbst anschaut.
Schopenhauer schränkte die Willensfreiheit stark ein. Bei jeglichem Handeln liege immer und stets der Wille, das heißt das Wollen zu Grunde. Dies kommt in dem berühmt gewordenen Ausspruch: „Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.“ zum Ausdruck. In der streng kausal geordneten empirischen Welt, der Welt der Vorstellung ist kein Platz für einen frei, also ohne rein-empirische Ursache handelnden Menschen. Und auch aus der nicht-empirischen Welt, der Welt des Willens, kann keine Freiheit herrühren, da ebenjener Wille blind, sinn- und ziellos ist. Außerdem glaubt Schopenhauer, jeder Mensch habe einen vorgezeichneten Charakter, der sich nicht ändern lasse. Man kann ihm nur gemäß handeln („tun, was man will“). Dasjenige, was man will (was der jeweilige Charakter vorgibt), könne man aber nicht nicht wollen (den Charakter nicht ändern). Andererseits spricht er von einer intelligiblen Willensfreiheit (wenn das erkennende Subjekt dem diesen zugrundelegenden Willen erkennt, kann es diesen in bestimmten Momenten der Kontemplation - beispielsweise durch intensiven Kunstgenuss verneinen).
Höchster Ausdruck des Willens ist der nicht dauerhaft zu befriedigende Geschlechtstrieb. Schopenhauer wies jedoch Wege auf - über die Kunst (hier vor allem die Musik), die Moral und Askese - das frustrierende und schmerzvolle Dasein zu überwinden. Nicht zuletzt deshalb beriefen sich in der Folge zahlreiche Künstler auf die Lehre Schopenhauers.
Es folgt hieraus ein im Vergleich zu Kant radikal anderer „Imperativ“. Bei Schopenhauer lautet das Prinzip aller Moral: „Neminem laede, immo omnes, quantum potes, iuva (Verletze niemanden, vielmehr hilf allen, soweit du kannst)“. Schopenhauer schließt in seine Ethik eindeutig auch den Schutz der Tiere mit ein (Tierschutz); dementsprechend heißt es bei ihm:
Erkenntnis der Einheit aller Wesen und Askese, Verneinung des Willens zum Leben allein kann uns erlösen, nicht der Selbstmord, der nur die individuelle Erscheinung des Allwillens vernichtet (l. c. § 68 ff. W. a. W. u. V. 2. Bd., C. 46, 48).
Er beeinflusste Nietzsche (der später jedoch seine Philosophie verwarf, genauer gesagt: Schopenhauers Pessimismus in einen radikal-optimistischen Vitalismus wandelte), und wurde verehrt von u. a. Richard Wagner, Leo Tolstoi, Albert Einstein, Kurt Tucholsky, Thomas Mann, Hermann Hesse und Wilhelm Busch. Sein Einfluss auf die moderne Deutsche Literatur ist schwerlich zu überschätzen. Dies manifestiert sich nicht nur in den überaus zahlreichen Anhängern unter den Literaten, er gehört mit Goethe auch zu den Erneuerern der Deutschen Schriftsprache.
Schopenhauer kann als Auslöser der wissenschaftlichen Lebensphilosophie angesehen werden.
Die Verbreitung des Buddhismus in Deutschland lässt sich auf ihn zurückführen. Der Philosoph sah in der Religion einen Gegenentwurf zur abendländischen Metaphysik und deutete deren Erkenntnisstreben als Mittel, um die geistige Isolierung des Individuums zu durchbrechen. Schopenhauer fand zahlreiche Verbindungen zwischen seiner eigenen Philosophie und der buddhistischen Lehre, etwa den Atheismus. Die Indien-Begeisterung vieler Intellektueller wie auch die ersten Übersetzungen asiatischer Schriften gehen vor allem auf Schopenhauer zurück.
Der bis heute nur wenig bekannte Philosoph Eduard von Hartmann dagegen kritisierte schon sehr früh an Schopenhauers Lehre die „Verneinung der Welt“ als „feige persönliche Entsagung“.
Die Psychoanalyse Sigmund Freuds setzt unmittelbar auf Schopenhauers Lehre vom Willen und seiner Negierung auf, indem sie die Schäden untersucht, die durch (willentliche oder unfreiwillige) Triebunterdrückung entstehen. Freuds Ansatz kann als Versuch der Re-Rationalisierung des menschlichen Lebens eingeordnet werden, da er eine Methode zur Analyse des Schopenhauerschen Begriffs des Willens erarbeitet mit dem Ziel, ebendiesen kontrollierbar zu machen („Wo ES war soll ICH werden.“).
1911 gründete Paul Deussen die Schopenhauergesellschaft, wurde ihr erster Präsident und gab eine kritische Schopenhauerausgabe in 14 Bänden heraus.
Schopenhauer folgert daraus: „Alle Verliebtheit, wie ätherisch sie sich auch gebärden mag, wurzelt allein im Geschlechtstriebe.“ Von diesem blieb allerdings auch er nicht verschont. 1821 verliebte er sich in die 19-jährige Opernsängerin Caroline Medon, mit der er über mehrere Jahre ein Verhältnis hatte. Heiratspläne verwirft er jedoch:
Im Alter von 43 Jahren interessierte er sich nochmals für die 17-jährige Flora Weiss, die den wesentlich älteren Verehrer jedoch abwies. Schopenhauers Philosophie und besonders seine Haltung zur Sexualität fanden auch in der Literatur ihren Niederschlag. Ein Beispiel dafür ist der Roman von Édouard Rod „Wettlauf zum Tod“ aus dem Jahr 1885.
Dass Schopenhauer jedoch dabei auf seinen Verleger angewiesen war, wusste er. Zu Geschmeidigkeit und Verständnis im Umgang mit den Leitern des Unternehmens Brockhaus hat ihn das nicht verführt. So schimpft Schopenhauer: „Es liegt am Tage, dass bei Ihnen Wort und That, Versprechen und Halten, zwei sehr verschiedene Dinge sind“, und Brockhaus lässt sich in seiner Erwiderung nicht lumpen; er spricht Schopenhauer ab, ein Ehrenmann zu sein, und weigert sich, „etwanige Briefe“ seines Autors anzunehmen, „die ohnehin in ihrer göttlichen Grobheit und Rusticität eher auf einen Vetturino Lohnkutscher, als einen Philosophen schliessen lassen möchten“. Die Tatsache, dass die erste Auflage des derartige Umstände fordernde Hauptwerk erst nach über 30 Jahren vergriffen sein sollte, dürfte Brockhaus ebenso wenig erfreut haben.
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