Bei der Architektursoziologie handelt es sich um einen Arbeitsbereich der Soziologie.
Gegenstände und Aspekte der Architektursoziologie
Bei der
Architektursoziologie geht es um die
symbolische Interaktion zwischen den
sozial handelnden Menschen mittels der Konstitution und Gestaltung von
Räumen, z.B. von
Städten, Landschaften (
Parks),
Häusern,
Brücken,
Denkmalen oder besonderen Bauteilen (Türmen, Türen u. a.) bis hin zur
Innenarchitektur; also auch um den
Beruf des Architekten, um
Baupolitik,
Bauwirtschaft und
Wohnen gehen. Es gibt dabei verschiedene Aspekte, die im folgenden angerissen werden.
Architektur als System
Architektur kann in Anlehnung an den
Soziologen Niklas Luhmann als ein
System beschrieben werden. Luhmann behandelt die Funktionsweise des Architektursystems (teilweise) innerhalb seiner Untersuchung des Kunstsystems (
Die Kunst der Gesellschaft). Die genaue Beschreibung und
systemtheoretische Untersuchung des Architektursystems steht noch aus.
Architektursoziologie (im Wortsinn)
Hier kommt primär die
Phänomenalität des
Gebauten, die
Architektur selbst in den Blick. Darunter fällt die Wohnsoziologie. Auch Konsumarchitektur, Mobilitätsarchitektur, politische und religiöse Architektur sowie Fabriken, Gefängnisse, Theater- und Kinobauten etc. wären Objekte, Gegenstände einer solcher architektursoziologischen Perspektive, die dann z.B. die Frage stellt, inwiefern diese Architektur jeweils einen Aspekt der
Struktur dieser Gesellschaft ausdrückt. Dabei interessieren Grundrisslösung, Gestalt, Dimension, Material des Gebauten, aber auch die begleitenden Diskurse.
Solche architektursoziologischen Analysen finden sich implizit schon bei den soziologischen Klassikern: Walter Benjamin (Passagen als Geburtstätten der Konsumgesellschaft), Norbert Elias (höfische Wohnstrukturen als Anzeiger der höfischen Gesellschaftsstruktur), Michel Foucault (Gefängnisse als Geburtstätten der Disziplinargesellschaft) sowie bei Ernst Bloch und Siegfried Kracauer, auch Pierre Bourdieu und Maurice Halbwachs wären zu nennen.
Von der Techniksoziologie her gibt es Ansätze zu einer Soziologie der Artefakte. Gebaute Artefakte sind in Bezug auf die moderne Gesellschaft besonders aussagekräftig, ebenso wie Architektur die raumkonstituierende Kulturtechnik ist.
Raumsoziologie
Der einschlägige Begriff "
sozialer Raum" wird bei
Bourdieu auch in übertragenem Sinne gebraucht. Er gehört eher in die
Raumsoziologie, wie sie von Dieter Läpple, Martina Löw, Michel Foucault betrieben wurde bzw. wird.
Stadt- und Regionalsoziologie
Diese befasst sich vor allem mit
städtischen Sozialstrukturen (im Gegensatz zum Land), mit Segregationsprozessen, mit Verstädterung und Schrumpfung von Städten.
Soziologie der Architektur Schaffenden
Es geht dabei um die
symbolische Interaktion zwischen
Akteuren mittels der Konstitution und Gestaltung von
Räumen, seien dies z.B.
Städte, Landschaften (
Parks),
Häuser bis hin zur
Innenarchitektur.
Beim
beruflichen Aspekt geht es um die
Architekten, damit auch um Baupolitik,
Bauwirtschaft und
Wohnen. Es kann bei diesem Aspekt auch um eine
Wissens- und eine Intellektuellensoziologie der Architekten gehen.
Aktuelle Tendenzen
Aktuell ist eine
explizite Neubegründung der Architektursoziologie, auch mit einem stärkeren
soziologietheoretischen Interesse, absehbar.
- In Deutschland sind hier Gerhard Grohs, Harald Bodenschatz, Herbert Schubert und Bernhard Schäfers (aus einer stadtsoziologischen Richtung) zu nennen;
- aus einer eher kultursoziologischen, philosophisch-anthropologischen und gesellschaftstheoretischen Richtung forschen u. a. Walter Prigge, Michael Makropoulos, Joachim Fischer.
- Davon unterschieden ist wiederum der Beitrag der Gender Studies, u. a. von Kerstin Dörhöfer, Ulla Terlinden, Susanne Frank, Katharina Weresch, Barbara Zibell.
- Einen vielbeachteten Beitrag lieferte Christine Hannemann mit ihrer Arbeit "Die Platte" zum industrialisierten Wohnungsbau in der DDR.
- Den Quereinstieg in die Disziplin schaffte auch der Berliner Architekturkritiker und Theologe Dieter Hoffmann-Axthelm, u. a. mit der ebenso provokant-scharfsinnigen wie utopisch-übertriebenen Arbeit "Die dritte Stadt".
- Zur Landschaftsarchitektur sind jüngst Ulf Jacob (über Hermann von Pückler-Muskau) und Stefan Kauffmann zu nennen.
Literatur
- Barbara Zibell (Hg.): Beiträge zur Planungs- und Architektursoziologie, Verlag Peter Lang, seit 2004; bisher erschienen: Bd.1 Schröder, Anke / Zibell, Barbara (2004): Auf den zweiten Blick. Städtebauliche Frauenprojekte im Vergleich; Bd.2 Sailer, Kerstin (2004): Raum beißt nicht. Neue Perspektiven zur Sicherheit von Frauen im öffentlichen Raum; Bd.3 Krosse, Susanne (i.E.): Wohnen ist mehr. Andere Wohnkonzepte für neue Lebensformen, Frankfurt a.M. / Berlin / Bern.
- Joachim Fischer/Michael Makropoulos (Hg.), Potsdamer Platz. Soziologische Theorien zu einem Ort der Moderne, München 2004
- Bernhard Schäfers, Architektursoziologie, Opladen (Leske + Budrich) 2003 3825282546
- Hans P. Thurn, Architektursoziologie. Zur Situation einer interdisziplinären Forschungsrichtung in der BRD, in: KZfSS Jg. 24 (1972), 301-341
- Hans Linde, Sachdominanz in Sozialstrukutren, Tübingen 1972
- Bruno Latour, Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie, Frankfurt/M. 1998
- Bernward Joerges, Technik, Körper der Gesellschaft. Arbeiten zur Techniksoziologie, Frankfurt/M. 1996
Weblinks
www.architektur-soziologie
Spezielle Soziologie | Architekturtheorie | Kultursoziologie
Sociology of architecture