Pantheon_paris.jpg]] Das Wort Revolutionsarchitektur bezeichnet im Kontext der Architekturgeschichte eine visionäre Architektur, die in der Regel nur in Entwürfen existierte und zumeist nie gebaut wurde. Revolutionsarchitektur bezeichnet nach Emil Kauffmann eine autonome Architektur und eine aus dem Formenkanon der Architektur übersteigerte Variante des Klassizismus. Es ist allerdings zu beachten, dass die Bezeichnung einen nicht vorhandenen Kausalzusammenhang zwischen Revolution und Architektur suggeriert, sich aber dessen ungeachtet im Gebrauch etabliert hat.
Die Entwürfe der Zeit vor der Französischen Revolution zeigen eine Architektur, die wesentlich von den Gedanken der Aufklärung durchdrungen ist. Dies äußert sich in einfachen geometrischen Formen wie Kugel, Pyramide oder Quader, die ihren Entwürfen zufolge in der Regel monumentale Ausmaße gehabt hätten. Wichtiges Moment war hierbei die Loslösung aller überflüssigen Verzierungen, wie sie im Barock und Rokoko auftraten, hin zu einer als edler empfundenen Form des einfachen geometrischen Körpers. Es ist damit eine Abkehr von allem Höfischen verbunden, das an die Zeit der Könige Ludwig XIV. und XV. erinnert. Die Entwürfe der Revolutionsarchitektur waren abgesehen von den enormen Baukosten zumeist schon aus bautechnischen Gründen nicht realisierbar. Die bedeutendsten Architekten der so genannten Revolutionsarchitektur waren Étienne-Louis Boullée, Claude-Nicolas Ledoux und Jean-Jacques Lequeu. Dennoch hatte die Entwicklung der neuen Bauformen Einfluss auf die Architektur u.a. von Immediatbauten und auf die Stadtplanung von Großstädten in Europa. Auch das Konzept der Idealstadt gehört hierzu. Der hier zugrundeliegende Leitbegriff ist der der Immensité, der buchstäblichen Unermeßlichkeit. Bibliotheque_nationale_boul.jpg | Newton_memorial_boullee.jpg Eine Vorstellung von der Immensité geben unter anderem der Entwurf des Newton-Kenotaphs und der Pariser Nationalbibliothek von Boullée, die so niemals ausgeführt werden konnten.
Ledoux und Boullée entwickelten die Idee, dass die Architektur ihren Zweck ausdrücken sollte (eine Doktrin, die er "sprechende Architektur" (Architecture Parlante) nannte.
Manche Entwürfe der Revolutionsarchitekten wurden jedoch realisiert. Bekanntes Beispiel hierfür ist die Königliche Saline in Arc-et-Senans in Chaux von Ledoux (1775-1779). Diese wiederum sollte Teil der Idealstadt Chaux sein, die damit nur fragmentarisch realisiert wurde.
Das strikte Raumprogramm des Pantheon in Rom, das bereits Giovanni Battista Piranesi in seinen Veduten festhielt, als ein Zentralbau mit Kuppeldach und einem Portikus ist auch gegen Ende des 18. Jahrhunderts Vorbild für die Revolutionsarchitektur. Hiervon sind zahlreiche Museumsbauten und auch teilweise die Sakralarchitektur sichtbar beeinflusst worden. Die von Karl Friedrich Schinkel entworfene St. Nikolaikirche in Potsdam ist hierfür ein Beispiel. Ein noch besseres liefert das Pantheon in Paris, zumal es nach der französischen Revolution zur nationalen Ruhmeshalle erklärt wurde.
Die französische Revolutionsarchitektur wurde zum Wegbereiter der modernen europäischen Architektur. Neben dem bereits genannten Schinkel sind unter den deutschen Architekten besonders Friedrich Gilly und Friedrich Weinbrenner zu nennen, die von der Revolutionsarchitektur inspiriert worden sind. In Großbritannien ist es John Soane, in Russland Adrian Dmitrijewitsch Sacharow, die beispielhaft für diesen Trend in der Architektur stehen.
Die Anregungen der Revolutionsarchitektur, insbesondere ihres Raumprogrammes, waren außerordentlich zukunftsweisend für die gesamte moderne Architektur. Nicht nur Architekten wie Schinkel, die dem Klassizismus zuzurechnen sind, wurden davon beeinflusst. Nicht zuletzt haben Architekturströmungen wie die Architecture Parlante, und auch die Architekten des Bauhauses einige der Vorstellungen und Anregungen aufgegriffen. Trotz mancher konzeptioneller Verschiedenheiten sind diesen Strömungen doch die Abneigung von unzweckmäßigen Verzierungen und die Reduzierung der Gestaltung auf funktionale Elemente eigen. Weiterhin ist es der Gesichtspunkt, dass die Architektur ausschließlich durch ihren Zweck bestimmt werden sollte.
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