Tommarp kloster 02.JPG in Schweden]] Die Archäologie (von archaiología griech. archaios = alt, ursprünglich und λόγος = Lehre, Kunde, Wissenschaft, also Wissenschaft vom Alten) gehört zu den Geisteswissenschaften. In der Antike bezeichnete der Begriff in der Regel einfach die Geschichte einer Region - so etwa im Fall der berühmten "Archäologie" Siziliens bei Thukydides.
Die Archäologie befasst sich, im Gegensatz zu den Geschichtswissenschaften, welche primär die schriftlichen Hinterlassenschaften behandeln, nur mit den Sachzeugnissen (beispielsweise Werkzeugen, Waffen, Wohnstätten und Gräbern) abgeschlossener Epochen. Früher auf das Altertum begrenzt, existiert heute keine Zeitgrenze. Der behandelte Zeitraum reicht somit vom ersten Auftreten des Menschen bis in die Neuzeit. Selbst die materiellen Hinterlassenschaften der jüngsten Geschichte (beispielsweise Konzentrationslager und Bunkerlinien aus dem Zweiten Weltkrieg) werden heute archäologisch ausgewertet (allerdings ist dieser Ansatz einer "zeitgeschichtlichen" Archäologie nicht unumstritten). Die Archäologie hat sich dabei weltweit zu einem Verbund unterschiedlichster theoretischer und praktischer Forschungen entwickelt. __TOC__
Ab Mitte des 16. Jahrhunderts tritt an die Stelle der Sammelleidenschaft die akribische Erfassung der Denkmäler. In dieser Zeit werden zahlreiche Enzyklopädien und Kataloge veröffentlicht, welche im späten 16. Jahrhundert vielfach mit Kupferstichen und Holzschnitten illustriert werden. In England veröffentlicht William Camden (1551-1632) im Jahre 1586 seine Britannia, einen Katalog der sichtbaren Altertümer. Bemerkenswert ist, dass er bereits Bewuchsmerkmale in einem Kornfeld bemerkte und als solche interpretierte. Bernard de Montfaucons L'Antiquité expliquée erscheint ab 1719. In 10 Bänden stellt er Kunstgegenstände aus dem gesamten Mittelmeerraum dar. Montfaucons Werk bleibt für lange Zeit ein Standardwerk.
In Skandinavien werden Bodendenkmäler schon sehr früh beachtet. Bereits 1588 gräbt man einen Dolmen bei Roskilde aus. 1662 erhält Uppsala (Schweden) einen Lehrstuhl der Altertumskunde. 1685 wird in Cocherel im Dep. Haute Normandie, bei Evreux, (Frankreich) eine neolithische Grabkammer entdeckt und ausgegraben. Sie gilt als die älteste archäologische Grabung, weil hierbei der erste erhaltene Grabungsbericht erstellt wird. Der Kieler Professor Johann Daniel Major führt dann um 1690 umfangreiche Ausgrabungen in Jütland durch und lässt zahlreiche Hügelgräber öffnen. Sein Ziel ist es, die Herkunft der Einwohner der Halbinsel mit archäologischen Methoden zu klären.
Trotz einiger weiterer „Highlights“ hat die Archäologie als Wissenschaft aber noch keinen wirklichen Stellenwert, denn es herrscht die Ansicht vor, dass ausschließlich historische Quellen und die Bibel zur Interpretation der Vergangenheit geeignet seien. So gilt es noch lange als ein Faktum, dass - aus der Bibel abgeleitet - die Menschheit im Oktober 4004 v. Chr. entstand. 1655 wagt es Isaac de la Peyrère die so genannten „Donnerkeile“ (Steinzeitartefakte) Menschen zuzuordnen, welche vor Adam lebten (Prä-Adamiten-These). Nach einer Intervention der Inquisition widerruft er seine Theorie. Michele Mercati (1541-1593) gilt als der Erste europäische Gelehrte, der Steinwerkzeuge eben als solche einstufte. Sein Werk wird jedoch erst 1717 veröffentlicht.
Pompeji_um_1900_ueberblick.jpg Die ersten großen Ausgrabungen finden in den antiken Städten Pompeji und Herkulaneum statt. Beide waren am 24. August 79 n. Chr. durch einen Ausbruch des Vesuvs ausgelöscht worden. Pompeji wird Ende des 16. Jahrhunderts beim Bau einer Wasserleitung wiederentdeckt. 1748 beginnen die Grabungen. In Herkulaneum wird erstmals 1709 gegraben, 1738 lässt Karl IV von Neapel gezielt ausgraben. 1768 kann das Theater, die Basilika und die Villa der Papyri freigelegt werden. Mit seinem Sendschreiben von den herkulanischen Entdeckungen, der ersten archäologischen Publikation, begründet Johann Joachim Winckelmann 1762 die neue Wissenschaft der Archäologie und gilt seither als Vater der (klassischen) Archäologie. Winkelmann ist auch der Erste, der eine Periodisierung und geschichtliche Einordnung der griechischen Kunst versucht. Seine Entwicklungsstufen (alter Stil - hoher Stil - schöner Stil - Stil der Nachahmer - Verfall der Kunst) sind durch die enthaltene Wertung jedoch schon lange überholt. 1802 wird an der Universität von Kiel der erste Lehrstuhl für klassische Archäologie eingerichtet.
Die Ägyptischen Baudenkmäler, allen voran natürlich die Pyramiden, sind bereits im Altertum beliebte Reiseziele (siehe Weltwunder). Im 17. Jahrhundert hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass es sich hierbei um Königsgräber handelt. Die Ägyptologie nimmt mit Napoleons Ägypten-Feldzug 1798 ihren Anfang. In Begleitung des Heeres befinden sich auch Wissenschaftler. Von besonderer Bedeutung ist der Fund des Stein von Rosetta, welcher 1822 Jean-François Champollion die Entzifferung der Hieroglyphen ermöglicht. Von besonderer Bedeutung für die ägyptische Archäologie ist Auguste Ferdinand François Mariette (1821-1881), welcher ab 1858 als Direktor des ägyptischen Altertümerdienstes mehr als dreißig Fundstätten ausgräbt. Seine Methoden sind brachial (beispielsweise Sprengladungen). Fundumstände und wissenschaftliche Auswertungen interessieren ihn nicht, aber er beendete die Ära der reinen Schatzsucher (so Giovanni Battista Belzoni (1778-1823)), welche zahllose Funde nach Europa geschafft hatten. Mariette selbst hatte seit 1850 rund 7000 Objekte nach Paris (Louvre) geschmuggelt. Nun setzt er sich jedoch vehement dafür ein, dass Ägyptens Altertümer nicht mehr außer Landes verschleppt werden. Zur Aufbewahrung der Funde gründet Mariette das spätere Ägyptische Nationalmuseum in Kairo. Karl Richard Lepsius (1810-1884) erstellt zwischen 1842 und 1845 eine umfassende Aufnahme ägyptischer und nubischer Denkmäler. 1859 wird das Ergebnis in den zwölf Bänden der Denkmaeler aus Aegypten und Aethiopien veröffentlicht, welche allein 894 Farbtafeln enthalten.
Antoine Ives Goguet (1716-1758) hat bereits 1738 die Auffassung vertreten es müsse drei Stufen prähistorischer Technologie (Steinzeit, Bronzezeit, Eisenzeit) gegeben haben. Durchsetzen konnte sich das Dreiperiodensystem jedoch erst mit dem Dänen Christian Jürgensen Thomsen (1788-1865), welcher erstmals ein Museum (1819) nach diesem Prinzip ordnet. Sir John Lubbock (1834-1913) führt 1865 eine weitere Unterteilung der Steinzeit in Paläolithikum (Altsteinzeit) und Neolithikum (Jungsteinzeit) ein.
Erst ab 1859 wird das hohe Alter der Menschheit allgemein anerkannt. Im selben Jahr erscheint Darwins Entstehung der Arten. Der bereits 1856 entdeckte Fund des Neandertalers, welcher von Johann Carl Fuhlrott und Hermann Schaaffhausen vergeblich als eiszeitlich eingestuft wurde, kann sich als solcher in Deutschland erst ab 1902 durchsetzen, als Rudolf Virchow stirbt, der als pathologische Autorität jede weiterführende Diskussion unterbunden hatte.
In Schweden entwickelt Oscar Montelius (1843-1921) ein System der differenzierten Typologie zur Einordnung (Periodisierung) von Fundstücken und schafft die Grundlage einer relativen Chronologie. (Siehe auch: Liste der Keramikstile)
1853/54 werden aufgrund eines ungewöhnlich niedrigen Wasserstandes bei Obermeilen am Zürichsee hölzerne Pfeiler, Steinbeile und Keramik entdeckt. Die Siedlung wird von Dr. Ferdinand Keller untersucht. Lange Zeit glaubt man, bei diesen Feuchtbodensiedlungen hätte es sich um Pfahlbauten im Wasser gehandelt. Derartige Rekonstruktionen (beispielsweise in Unteruhlingen am Bodensee) gelten heute jedoch als falsch.
Edouard Lartet (1801-1871) untersucht 1860 eine Fundstätte in den Pyrenäen (Massat) und findet dabei auch eine Geweihspitze mit eingraviertem Bärenkopf, der erste Fund Prähistorische Kunst. Später gräbt er mehrere französische Höhlenfundplätze (Gorge d'Enfer, Laugerie Haute, La Madeleine und Le Moustier) aus. Besondere Aufmerksamkeit erlangen die großartigen Höhlenmalereien, welche 1879 in der Höhle von Altamira entdeckt werden.
Die archäologische Erforschung der Kelten beginnt 1858, als Oberst Schwab die ersten Ausgrabungen in La Tène am Neuenburger See (Schweiz) durchführt. 1846 beginnen die Ausgrabungen in Hallstatt. 1872 wird die Eisenzeit Europas erstmalig in eine ältere Phase (Hallstattzeit) und einer jüngeren (La-Tène-Zeit) unterteilt.
Die Entwicklung der Klassischen Archäologie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird von Heinrich Schliemann (1822-1890) dominiert. Der Geschäftsmann und „Hobbyarchäologe“ Schliemann gilt als Begründer der Vorgeschichtsarchäologie Griechenlands und des ägäischen Raumes. 1869 gräbt er auf Ithaka und 1871 beginnt er in Hissarlik zu graben. Dort vermutet er das Troja Homers und wird recht behalten, obwohl er sich in der Bauperiode selbst täuschte. Seine Ausgrabungsmethoden waren sehr umstritten, so mancher Fachmann hält von Schliemanns Fähigkeiten nichts. Sein Ruhm stützt sich vor allem auf die wertvollen Funde (beispielsweise „Schatz des Priamos“). Seine Entdeckung prähistorischer (vorhomerischer) Kulturen und Siedlungen löst zahlreiche weitere Grabungen im ägäischen Raum aus.
1913 erscheint der erste Band des Handbuchs der Archäologie (Herausgeber: Heinrich Bulle (1867-1945)). Als vorbildliche Grabung dieser Zeit gilt die 1922 begonnene Ausgrabung des Gräberfeldes von Assini (Argolis), welche von schwedischen Archäologen vorgenommen wird. Der gesamte Aushub wird gesiebt und eine erstklassige Grabungsdokumentation erstellt. Der berühmteste archäologische Fund des 20. Jahrhunderts gelingt Howard Carter (1873-1939) im selben Jahr. Er findet nach sechsjähriger Suche das Grab des Tut-anch-Amun.
Als Pionier der Luftbildarchäologie betätigt sich nach dem 1. Weltkrieg der britische Pilot Osbert G. S. Crawford und fotografiert vom Flugzeug aus archäologische Fundstätten in England.
Gustaf Kossinna (1858-1931) stellt 1920 seine siedlungsarchäologischen Methoden vor und gilt als Pionier der Siedlungsarchäologie. Seine Interpretationen, welche den Germanen eine überragende kulturelle Bedeutung bescheinigen, dienen dem Nationalsozialismus als Beweis für die Überlegenheit der Germanen und der arischen Rasse.
Thor Heyerdahl fährt 1947 mit einem Floß von Südamerika nach Polynesien und kann als Begründer der Experimentellen Archäologie betrachtet werden.
1958 entdeckt der britische Archäologe James Mellaart das frühneolithische Çatal Hüyük.
Im 20. Jahrhundert greift die Archäologie vermehrt auf Techniken anderer Wissenschaften zurück. Als Beispiele seien die 1949 entwickelte 14C-Datierung zur Datierung von organischen Stoffen und die Strontiumisotopenanalyse zur Erforschung der Wanderbewegungen der ur- und frühzeitlichen Menschen genannt. Die Archäologie hat sich zur Verbundwissenschaft entwickelt. Die Erforschung der 1991 in den Ötztaler Alpen gefundenen vorgeschichtlichen Leiche (Similaun-Mann/Ötzi) ist hierfür beispielhaft.
Als Pionier der amerikanischen Archäologie gilt Thomas Jefferson (1743-1826), welcher ab 1784 einige Grabhügel untersucht, um ihr Alter zu bestimmen. Jefferson setzt dabei erstmalig eine Methode ein, die als Vorläufer der Dendrochronologie angesehen werden kann: er zählt die Jahresringe der auf den Grabhügeln stehenden Bäume.
Die ersten großen Ausgrabungen in Mittelamerika werden Ende des 19. Jahrhunderts im Mayazentrum Copán durchgeführt. 1911 entdeckt Hiram Bingham die Inkastadt Machu Picchu.
Archäologie in China beginnt mit dem schwedischen Geologen J. Gunnar Andersson (1874-1960), welcher 1921 bei Yang Shao Tsun in Honan eine neolithische Wohnhöhle entdeckt und damit beweist, dass China in vorgeschichtlicher Zeit bewohnt war. 1928 wird Anyang ausgegraben, die Hauptstadt der Shang-Dynastie des 2. Jahrtausends v. Chr.
1974 wird die Terrakottaarmee rund um das Grab des chinesischen Kaisers Qin Shihuangdi bei Xi'an entdeckt.
Die nachfolgenden Disziplinen stellen geografische Schwerpunkte dar:
Eine moderne Grabung ist befundorientiert, d.h. die einzelnen Funde werden in ihrer räumlichen und zeitlichen Einbettung auf Befunde bezogen.
Die meisten Fundplätze werden heute durch Baumaßnahmen entdeckt. Über Notgrabungen versucht die Archäologie diese Befunde vor ihrer Zerstörung auszuwerten. Einzelne Fragestellungen können aber auch gezielt zur Fahndung eines Fundplatzes führen.
Bevor mit dem Graben begonnen wird, ist eine Archäologische Voruntersuchung nötig: Suchgräben, magnetische Sondierung, Bodenwiderstandsmessung, Luftbildarchäologie etc. kommen hier zum Einsatz. Jede Methode dient dazu sich ein Bild der potenziellen Grabungsstelle zu machen, um die eigentliche Grabung besser planen zu können.
Da jede Ausgrabung zur Zerstörung des Befundes führt, soll eine exakte Dokumentation den Fundplatz, zumindest auf dem Papier, auch später bis ins Detail rekonstruierbar machen. Das wichtigste Arbeitsmittel der Ausgrabung ist deshalb, neben der Kelle, "Papier und Bleistift".
Die relative Chronologie setzt einen Fund dabei in Bezug zu einem anderen. Ist er jünger, älter oder gar gleichzeitig? J.J. Winckelmanns „vergleichendes Sehen“ ist eine der ersten Methoden zur relativen Chronologie.
Bei der absoluten Chronologie wird ein Fund mittels naturwissenschaftlicher Methoden datiert.
Zur Identifikation und Detailuntersuchung von Artefakten dienen u.a die Mikroskopie, Infrarot- und Ultraschallaufnahmen, Röntgen, chemische Analysen, Spektralanalysen und Laserscans.
Naturwissenschaftliche Methoden werden auch für die Prospektion und die Altersbestimmung der Funde herangezogen.
Deutsche Grabungen im Ausland werden hingegen im Rahmen von Forschungsprojekten der Universitäten, des Deutschen Archäologischen Instituts oder des Römisch-Germanischen Zentralmuseums durchgeführt.
Als Archäologische Wanderung wird die Verbindung oberirdisch sichtbarer Bodendenkmäler durch einen Wanderlehrpfad bezeichnet.
Ein Archäologischer Park dient in Form eines Reservats der langfristigen Konservierung eines Fundplatzes, indem das Gelände vor einer Überbauung geschützt wird.
Rekonstruktionen oder der Wiederaufbau sind wissenschaftlich sehr umstritten, da eine Rekonstruktion immer spekulativ ist und nur den aktuellen Wissensstand widerspiegelt. Zudem oftmals gefärbt durch den herrschenden Zeitgeist. Es ergeben sich jedoch auch Schnittstellen zur Experimentellen Archäologie, indem die Machbarkeit und der Praxisbezug einer Theorie überprüft werden können.
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