Arbeit ist eine zielbewusste und sozial durch Institutionen (Bräuche) abgestützte besondere Form der Tätigkeit, mit der Menschen seit ihrer Menschwerdung in ihrer Umwelt zu überleben versuchen. Dabei ist ihr Charakter zwiespältig: Sie stellt immer sowohl etwas her wie sie auch etwas zerstört, wobei dies Zuschreibungen sind, die von einem Beobachterstandpunkt abhängen.
Im Alt- und Mittelhochdeutschen überwiegt die Wortbedeutung „Mühsal“, „Strapaze“, „Not“; redensartlich noch heute Mühe und Arbeit (vgl. Psalm 90, lateinisch labor et dolor).
Das französische Wort travail hat eine ähnliche, sogar noch extremere Wortgeschichte hinter sich: es leitet sich von einem frühmittelalterlichen Folterinstrument ab.
Das italienische lavoro und das englische labour (amerikanisch labor) gehen auf das lateinische labor zurück, das ebenfalls primär "Mühe" bedeutet.
Viele Redensarten sind mit ihr verbunden. So wurde harte körperliche Arbeit früher als Kärrnerarbeit bezeichnet, und eine Schweinearbeit meint unangenehm viele Arbeit: Wer die Arbeit kennt und sich nicht drückt, | der ist verrückt.
In Europa blieben - vor allem in der Landwirtschaft - Formen unfreier Arbeit von Männern und Frauen, auch Kindern und Alten, lange erhalten (Fron, Lasswirtschaft), am stärksten im Russischen Reich; im Deutschen Reich wurden deren letzten Überbleibsel (die Schollengebundenheit in den beiden Mecklenburgs) erst durch die Novemberrevolution 1918 beseitigt. Noch heute existieren in großen Teilen der Welt unterschiedliche Erscheinungsformen unfreier Arbeit.
Eine positive Bewertung von Arbeit als „produktiver Betätigung zur Befriedigung eigener oder fremder Bedürfnisse“ war im Rittertum und in der Mystik angelegt. Durch Reformation und Aufklärung rückte sie in den Vordergrund: Eine neue Sicht der Arbeit als sittlicher Wert und Beruf (als Berufung verstanden) des Menschen in der Welt wurde von Martin Luther mit seiner Lehre vom allgemeinen Priestertum ausgeprägt. Schärfer noch wurde im Calvinismus die Nicht-Arbeit überhaupt verworfen (siehe auch Protestantische Ethik).
In der Frühphase der Aufklärung wurde Arbeit zum Naturrecht des Menschen erklärt (Jean-Jacques Rousseau). Damit wurde das feudalistische Prinzip der Legitimation kritisiert. Eigentum entsteht einzig durch Arbeit, niemand hat ein von Gott gegebenes Anrecht auf Eigentum. Güter, die nicht durch menschliche Arbeit entstanden sind, sind Gemeinbesitz.
Adam Smith unterscheidet produktive und unproduktive Arbeit. „Produktive“ Arbeit nennt er die Arbeit, deren Resultat ein verkäufliches Produkt ist. Dazu wird nicht nur der eigentliche Wertschöpfungsprozess (beim Schmied: der Vorgang des Schmiedens selbst) gerechnet, sondern auch alle Arbeiten, die indirekt zur Vervollkommenung des Gutes beitragen (beim Schmied: das Erhalten der Glut, das Pflegen von Hammer und Amboss). „Unproduktiv“ ist hingegen die Arbeit, die nicht in einem verkäuflichen Produkt resultiert (z. B. die mütterliche Hausarbeit). Andere Arbeiten sind von diesem Standpunkt aus nicht unnütz, da sie notwendig sind, um produktive Arbeit leisten zu können, und werden heute z. B. als reproduktiv bezeichnet (beispielsweise Beamte, Verwalter, Soldaten).
Der Frühsozialist Charles Fourier proklamierte 1808 ein Recht auf Arbeit.
In der deutschen Philosophie (Immanuel Kant, Johann Gottfried Herder, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Johann Gottlieb Fichte) wird die Arbeit zur Existenzbedingung und sittlichen Pflicht erklärt. Kant räumte in seiner Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (1798, §87) jedoch ein, dass Faulheit eine Schutzfunktion habe: "Denn die Natur hat auch den Abscheu für anhaltende Arbeit manchem Subjekt weislich in seinen für ihn sowohl als andere heilsamen Instinkt gelegt: weil dieses etwa keinen langen oder oft wiederholenden Kräfteaufwand ohne Erschöpfung vertrug, sondern gewisser Pausen der Erholung bedurfte."
Nach Karl Marx' Werttheorie ist die „menschliche Arbeitskraft“ als alleinige Kraft fähig, das Kapital (als eine Ansammlung geronnener Arbeit) zu vergrößern (Mehrwert zu akkumulieren). Sie tut dies im Kapitalismus unausweichlich.
Praktisch spiegelt dies wieder, dass in der Phase der Industrialisierung freie Arbeit augenfällig zur Ware wurde und vorwiegend die düsteren Züge der damaligen Lohnarbeit annahm. So z. B. in Gestalt der Kinderarbeit, des Arbeiterelends (der „Verelendung“), der Arbeitsunfälle und –krankheiten, der drückenden Akkordarbeit – alles dies Merkmale der allgemein so empfundenen „Sozialen Frage“
Deren Folgen wurden schon seit Hegel als „Entfremdung“ charakterisiert: Der Arbeiter hat zu seinem eigenen Arbeitsprodukt, aber auch zu dem Unternehmen, für das er arbeitet, nur noch das bare Lohnverhältnis und kann dem gemäß nicht mehr stolz auf sie sein – in diesem 'Spiegel' erkennt er sich selbst jedenfalls nicht mehr wieder.
Neben der „produktiven“ Eigenschaft der Arbeit wird neuerdings (Lars Clausen) ihre „destruktive“ Seite hervor gehoben: Am auffälligsten als (harte, lebensgefährliche) Arbeit der Soldaten, aber auch bei selbst-, mitmenschen- oder umweltzerstörerischer Arbeit ist Destruktives seit je Wesensbestandteil aller Arbeit. (Anders die "vernichtende Tätigkeit", die alltags als Vandalismus auftreten kann und einen organisatorischen Höhepunkt im KZ hatte.)
Für Ernst Jünger war Arbeit nicht Tätigkeit schlechthin, sondern der Ausdruck eines "besonderen Seins, das seinen Raum, seine Zeit, seine Gesetzmäßigkeit zu erfüllen sucht" (Der Arbeiter). Daher kenne Arbeit auch keinen Gegensatz außer sich selbst. Das Gegenteil von Arbeit sei nicht Ruhe oder Muße, da es keinen Zustand gebe, der nicht als Arbeit begriffen werden könne.
In der Zeit der 50ger und 60ger Jahre gab der technische Fortschritt sogar in der calvinistisch geprägten nordamerikanischen Gesellschaft tatsächlich wieder dem Gedanken Raum, dass Fortschritt zu mehr Freizeit führen könne. Zeugnisse für die Hoffnungen gaben die Schöpfungen einer bunten Pop-Kultur mit ihren Science-Fiction-Träumen wie beispielsweise der Zeichentrickserie "Die Jetsons", in der technikgestütztes Faulenzen ohne moralische Bedenken als Ideal dargestellt werden konnte.
Angesichts global unterschiedlicher Entwicklung zeigte sich jedoch, dass ein Ausruhen auf erreichtem Wohlstand in einer Region als Gelegenheit zum wirtschaftlichen Aufholen in anderen Regionen verstanden wurde. In jenem Zeitraum wurde besonders in Japan technischer Fortschritt in erster Linie als Weg begriffen, große wirtschaftliche Fortschritte zu erzielen. Bis heute begrenzt somit ein Wettbewerb, in dem der verliert, der zuerst bremst, die Möglichkeit, aus technischem und technologischem Fortschritt mehr selbstbestimmte freie Zeit zu gewinnen.
Zudem prägte Robert Solow in der Wirtschaft bereits 1956 mit seinem Wachstumsmodell die Auffassung, dass technologische Innovation in erster Linie als ein Multiplikator des Faktors Arbeit aufträte, womit er in der Dogmengeschichte der Wirtschaft einen Ankerpunkt schuf, der bis heute den Raum des Denkbaren gegenüber möglichen Alternativen wirkungsvoll abgrenzt. So schafft in der heutigen Arbeitswelt technischer Fortschritt dort, wo er Freiräume erweitert, vorwiegend und sogar mit zunehmender Geschwindigkeit immer neue Arbeit. Dort, wo Technik schon vor Beginn des Industriezeitalters die Menschen von Arbeit befreite, wurden sie oft nicht freier, sondern arbeitslose Geächtete.
Nach wie vor wird „Erwerbsarbeit“ nicht mit „Arbeit“ überhaupt gleichgesetzt. Wo „Arbeit“ auch heute noch nicht „Ware“ ist, sind zwei wesentliche Aspekte hervor zu heben:
In den wohlhabenden Staaten der Welt (zu denen auch Deutschland zählt), wird die Erwerbsarbeit knapp. Es findet eine zunehmende Flexibilisierung, Virtualisierung, Automatisierung und Subjektivierung der Arbeit statt. präkäre Arbeitsverhältnisse nehmen zu. Inhaltlich verschiebt sich die Arbeit immer mehr in den tertiären Sektor (Dienstleistungen) und in "Niedriglohnländer" (Offshoring). Zumal die Jugend- und Langzeit-Arbeitslosigkeit rücken die „Arbeit“ trotz ihres zentral wichtigen Charakters als Überlebenstätigkeit aus dem Feld der Erfahrung Vieler.
In ärmeren Ländern herrschen zugleich - zum Teil - immer noch Verhältnisse wie in der Industrialisierungsphase Europas: Kinderarbeit, Billiglohnarbeit und fehlende soziale Absicherung sind dort noch selbstverständliche Bestandteile der Arbeitswelt.
Wenn man die Arbeit als wichtigen Wert in der Gesellschaft versteht, dann ist die direkte Besteuerung der Arbeit, insoweit sie den nackten Lebensunterhalt sichert (z. B. durch die Lohnsteuer als Bestandteil der Einkommensteuer) unter dem Gesichtspunkt der Steuergerechtigkeit sehr kritisch zu betrachten.
Hier ist nach wie vor der Unterschied bedeutsam
Die unentgeltliche Arbeit umfasst also historisch sehr viele Formen, die auch heute vorkommen, aber nicht immer als „Arbeit“ betrachtet werden. Beispiele sind
Erwerbsarbeit kann selbständig oder in einem Beschäftigungsverhältnis geleistet werden; auch sie tritt in zahlreichen Formen auf. Beispiele sind
Das deutsche Privatrecht unterscheidet hier analog zwischen „Werkvertrag“ (der Erfolg wird geschuldet) und „Dienstvertrag“ (der Dienst wird geschuldet).
Was die zentrale Stellung der Arbeit in kollektiven Wertsystemen angeht, sagen Kritikerinnen und Kritiker der Arbeit, unterscheiden sich Staatsformen und Herrschaftsmodelle erstaunlich wenig. Dennoch muss man festhalten, dass das nationalsozialistische Deutschland („Arbeit macht frei“) seine Massenmorde nicht zufällig an Menschen begann, die als „lebensunwertes Leben“ eingestuft worden waren, an Menschen also, die als Behinderte nicht oder nur eingeschränkt arbeitsfähig waren und in Anstalten lebten. Leistung war eines der Lieblingswörter der Nationalsozialisten und Verherrlichung der Arbeit („Schönheit der Arbeit“) und extremer Sozialdarwinismus gingen Hand in Hand.
Als Kritiker der Arbeit war Paul Lafargue, Autor des Pamphlets „Le droit à la paresse“ Recht auf Faulheit (1883), in der alten Arbeiterbewegung ein Außenseiter. Lafargue verstand sich als revolutionärer Sozialist und dementsprechend schätzte er die kapitalistische Arbeitethik ein. „Die kapitalistische Moral, eine jämmerliche Kopie der christlichen Moral, belegt das Fleisch des Arbeiters mit einem Bannfluch: Ihr Ideal besteht darin, die Bedürfnisse des Produzenten auf das geringste Minimum zu reduzieren, seine Genüsse und Leidenschaften zu ersticken und ihn zur Rolle einer Maschine zu verurteilen, aus der man ohne Rast und ohne Dank Arbeit nach Belieben herausschindet.“
Die radikalen Kritikerinnen und Kritiker der Arbeit lehnen den Arbeitszwang ab – für Reiche wie für Arme. Damit unterscheiden sie sich von Sozialisten, die sich über den Müßiggang der Reichen empören und fordern, dass alle arbeiten müssen. Hintergrund der Ablehnung des Arbeitszwangs ist die reale Möglichkeit der Aufhebung der Arbeit. Schon Lafargue meinte, dass 3 Stunden Arbeit ausreichen müssten. „Aufhebung der Arbeit“ meint jedoch nicht nur Verringerung der Arbeitszeit durch Automation und Abschaffung der Produktion von Gütern, die nur um des Profits willen hergestellt werden.
Unter kapitalistischen Bedingungen sind Arbeitslose wie abhängig Beschäftigte und auch diejenigen, die auf das so genannte Berufsleben vorbereitet werden, gleichermaßen dem System der Lohnarbeit unterworfen. Auch wer freie Zeit hat, kann diese nicht frei nutzen, sei es weil andere, mit denen man etwas zusammen tun möchte, arbeiten müssen, sei es weil die gesamte Umwelt von kommerziellen Zwängen geprägt ist. Aufhebung der Arbeit meint, dass auch weiterhin notwendige Tätigkeiten wie z. B. die Pflege gebrechlicher Menschen, einen anderen Charakter annehmen, wenn sie in einem anderen nicht-hierarchischen Kontext ausgeübt werden. Dass die Menschen ohne den Zwang zu Arbeit einfach nichts tun und verhungern würden, ist nach Ansicht der Kritikerinnen und Kritiker der Arbeit nicht zu erwarten, da sie ja bereits unter kapitalistischen Bedingungen freiwillig konstruktiv zusammenarbeiten, wie z. B. wikipedia beweist.
Die Tradition der Ablehnung der Arbeit wurden nach dem II. Weltkrieg von einer Gruppe junger Menschen in Paris wiederbelebt. Unter ihnen war Guy Debord. Der Slogan „Ne travaillez jamais“ niemals“ kehrte dann im Pariser Mai 68 wieder. Die Ablehnung der Arbeit spielte auch in Italien in den Kämpfen der 60er und 70er Jahre eine zentrale Rolle.
Lafargues Manifest erschien 1887 auf deutsch. Lafargue benutzte Verse von Lessing. „Laß uns faul in allen Sachen, Nur nicht faul zu Lieb’ und Wein’ Nur nicht faul zur Faulheit sein.“ Von einer deutschen Tradition der Arbeitskritik kann man dennoch wohl kaum reden. Seit den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts bemüht sich die Gruppe Krisis um eine Erneuerung der Kritik der Arbeit. Sie veröffentlichte ein „Manifest gegen die Arbeit“.
Aktuelle Schwerpunkte der Kritik der Arbeit sind die Kritik der Identifikation mit der Arbeit als zentralem Element männlicher Identität und der Zusammenhang von Arbeitskult und Rassismus (Klischees von "faulen Negern" etc.).
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