Der Begriff Appeasement (Beschwichtigungspolitik, von frz. apaiser, lat. pax, "befrieden") bezeichnet die Politik der Zugeständnisse, der Zurückhaltung, der Beschwichtigung und des Entgegenkommens gegenüber Aggressoren zur Vermeidung von Konflikten. Im engeren Sinne steht der Begriff für die heute negativ bewertete Politik des englischen Premierministers Neville Chamberlain und einer Gruppe britischer Politiker, der so genannten Cliveden-Clique, die 1938 die Annexion erst des Sudetenlandes, später des restlichen Tschechien, also von Teilen der damaligen Tschechoslowakei, durch das Deutsche Reich toleriert hatten, um einen Krieg in Europa abzuwenden. Damit führte Chamberlain die Außenpolitik seiner Amtsvorgänger Ramsay MacDonald und Stanley Baldwin fort. MacDonald gilt als "Vater" der Appeasement-Politik.
Großbritannien war also zu weit gehenden Zugeständnissen an Hitler bereit; insbesondere wollte es hinnehmen, dass Deutschland zur Vormacht in Ost- und Südosteuropa aufstieg, allerdings unter der Bedingung, dass es sich in internationale Verträge einbinden ließ. Zu einer bestimmteren Politik gegen Deutschland waren in Europa keine Verbündeten zu finden. Gleichzeitig erhöhte Großbritannien aber seine Rüstungsausgaben.
Großbritannien protestierte nicht gegen den Anschluss Österreichs, weil es diesen wegen der mangelnden Gegenwehr als interne Angelegenheit Deutschlands und Österreichs betrachtete. Erst als Hitler die Sudetenkrise herbeiführte und damit drohte, das Sudetenland (Gebiete der Tschechoslowakei, die mehrheitlich von Deutschen bewohnt waren) zu besetzen, schien der Krieg unvermeidlich. Doch auf einer internationalen Konferenz in München Ende September 1938 gaben die Westmächte Großbritannien und Frankreich noch einmal nach und schlossen mit Hitler das Münchner Abkommen, das ihm die Annexion der sudetendeutschen Gebiete erlaubte. Man war in London der Ansicht, es sei nur gerecht, wenn Sudetendeutsche und Österreicher es wünschten, ihnen im Sinne des Selbstbestimmungsrechts der Völker die Möglichkeit zu geben, dem Deutschen Reich beizutreten, wie auch im Sinne des Versailler Vertrages den Polen und Tschechen ermöglicht worden war, über ihre Staatszugehörigkeit selbst zu befinden.
Chamberlain kam aus München zurück in der Meinung, er habe "den Frieden für unsere Gegenwart" ("Peace for our time!") gesichert. Aus heutiger Sicht wurde damit der Krieg jedoch nicht verhindert, sondern lediglich um einige Monate aufgeschoben. Hitler, insgeheim enttäuscht, da er um einen Kriegsgrund gebracht war, suchte alsbald einen neuen Anlass für einen Krieg. Die Annexion der verbliebenen Teile Tschechiens und der Einmarsch in Prag im März 1939 öffnete den Alliierten Großbritannien und Frankreich die Augen dafür, dass mit Hitler keine Verträge geschlossen werden konnten, doch erst nach dem Angriff auf Polen zogen sie zögernd ihre Konsequenzen. Allerdings gewannen die Westmächte durch das Münchner Abkommen Zeit, ihrerseits die Aufrüstung für den Krieg gegen das Deutsche Reich zu forcieren. Frankreich half dies vor dem Hintergrund seiner unfähigen militärischen Führung wenig (s. Sitzkrieg). Großbritannien war 1940 bereit, eine drohende deutsche Invasion erfolgreich abzuwenden. Vor allem Churchill hatte einen Wandel der öffentlichen Meinung bewirkt, sodass die Briten nunmehr zur äußersten Verteidigung entschlossen waren.
Neville Chamberlains Appeasement-Politik muss insofern als gescheitert betrachtet werden, da sie auf Dauer einen Krieg nicht verhindern konnte. Trotzdem verschaffte die Zeit vom Münchner Abkommens 1938 bis zur Luftschlacht um England im Sommer 1940 der Royal Air Force die Möglichkeit, sich entsprechend vorzubereiten und dadurch siegreich hervorzugehen. Chamberlain musste am 10. Mai 1940 zurücktreten, als Hitler gegen den Rat des Generalstabes der Wehrmacht den Sitzkrieg beendete und die Beneluxländer und Frankreich angriff. Ihm folgte Winston Churchill im Amt nach, zu dessen Kriegskabinett unter anderem auch Mitglieder der Cliveden-Clique wie Lord Halifax, gehörte.
Das scheinbare Scheitern der Appeasement-Politik dient immer wieder als Argument, wenn es darum geht, einen Krieg zu beginnen. Das Argument tauchte etwa im Falkland-Krieg (1982) und vor dem zweiten Golfkrieg(1990) auf, im Irak-Krieg (2003), dem Kosovo-Krieg (1999) und dem sogenannten Kampf der Kulturen geäußert. Auch Bundeskanzlerin Merkel nutzte diesen Begriff anläßlich der Münchener Konferenz für Sicherheit im Januar 2006, um vor einem falschen Umgang mit dem Iran zu warnen.
1938 | Neuzeit | Politische Strategie | Zweiter Weltkrieg (Politik)
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