Das Apostelkonzil (auch Apostelkonvent genannt) in Jerusalem war eine Zusammenkunft der Apostel der Jerusalemer Urgemeinde mit Paulus von Tarsus und seinen Begleitern. Dort wurde um das Jahr 48 die für das Urchristentum zentrale Entscheidung über die Heidenmission getroffen. Es wurde verbindlich anerkannt, dass die Taufe zur Aufnahme in die Heilsgemeinschaft genügt und Heiden sich als Christen nicht erst beschneiden lassen müssen.
Die Texte des Neuen Testaments stellen das Ergebnis jedoch verschieden dar: Nach Paulus wurde nichtjüdischen Christen die Einhaltung der jüdischen Tora ganz erlassen, nach Lukas wurde ihnen weiterhin die Einhaltung einiger Ritualgesetze empfohlen. Darum gab es auch danach Konflikte.
Paulus reiste nach eigenen Angaben 14 (tatsächlich: 13, da das Anfangsjahr mitgezählt wurde) Jahre nach seinem ersten Besuch der Urgemeinde (Gal 1,18) bzw. nach seinem Aufenthalt in Syrien und Kilikien (Gal 1,21) erneut nach Jerusalem (Gal 2,1). Nach Apg 12,23f ging dem Konzil der Tod des Herodes Agrippa I. voraus, der laut Josephus Flavius im Jahr 44 stattfand. Danach folgte die zweite Missionsreise des Paulus nach Griechenland, bei der er sich ab 50 in Korinth aufhielt (Apg 18,2). Demnach setzt man den Termin des Treffens zwischen 44 und 49 an.
Manche Historiker vertreten eine Datierung vor 44. Dabei gehen sie davon aus, dass Paulus betont nur zwei Jerusalembesuche erwähnt, während Lukas zusätzlich von einer Kollektensammlung vor dem Tod des Agrippa berichtet, die wegen einer reichsweiten „Teuerung“ nötig wurde. Paulus und Barnabas sollen sie nach Jerusalem überbracht haben (Apg 11,27–30). Dieser Besuch wird dann mit ihrer Reise zum Konzil gleichgesetzt.
Einzelne Exegeten (siehe Literatur) führen die Unstimmigkeiten zwischen beiden Texten auf zwei verschiedene Treffen zurück: Der Galaterbrief könnte ein früheres, Apg 15 ein späteres Zusammentreffen des Paulus mit den Vertretern der Urgemeinde darstellen. Damit ließe sich auch der in Gal 2,11–14 beschriebene erneute Konflikt nach dem (nun „ersten“) Treffen mit den Ereignissen, die Apg 15,1–6 als Auslöser des (nun „zweiten“) Konzils darstellt, gleichsetzen. Diese These vermag jedoch nicht zu erklären, weshalb Lukas die von Paulus als einschneidend beschriebene Entscheidung für die Heidenmission, Paulus den Kompromiss verschwiegen haben sollte.
Der Neutestamentler Hans Conzelmann lehnt deshalb sowohl die Frühdatierung wie die Hypothese vom „doppelten“ Konzil ab. Er verweist darauf, dass andere Quellen für die Jahre vor dem Tod des Agrippa keine „Teuerung“ berichten, wohl aber eine lokale Versorgungskrise für 46 und 48 unter dem Statthalter Tiberius. Lukas habe möglicherweise die Reihenfolge der Ereignisse vertauscht: Denn in Apg 12,24 ist von einer „Rückkehr“ des Paulus und Barnabas von Jerusalem nach Antiochia die Rede, die aber nach Gal 2,11 wohl erst nach dem Konzil stattfand (vgl. Apg 15,30–35). Demnach nimmt Conzelmann das Jahr 48 für das Konzil an.
Vorher gab es schon Konflikte um die Witwenversorgung der Hellenisten, die mit der Wahl von sieben Diakonen gelöst wurden. Doch wegen seiner Tempelkritik wurde ihr mutmaßlicher Anführer Stephanus von den sadduzäischen Tempelpriestern angeklagt und gesteinigt. Danach wurden seine Anhänger verfolgt und flohen aus Jerusalem. An ihrer Verfolgung war nach Apg 8,1 auch der Pharisäer Paulus von Tarsus beteiligt.
Eine Folge ihrer Vertreibung war die Heidenmission in umliegenden Gebieten, wo nun auch Nichtjuden zum Glauben an Jesus Christus gewonnen wurden. So entstanden christliche Gemeinden in Samaria, Syrien, Zypern und Kleinasien. Eine weitere Konsequenz war die räumliche Trennung der „Judaisten" von den „Hellenisten" innerhalb der Jerusalemer Urgemeinde. Aus dem Miteinander wurde ein Nebeneinander, verbunden mit verschiedenen theologischen Positionen besonders zum jüdischen Ritualgesetz.
Die Gemeinde in Jerusalem verstand Christsein als Zugehörigkeit zum „wahren“ bzw. „erneuerten“ Gottesvolk der Endzeit, abgebildet durch die Zwölfzahl der Apostel. Insofern wollte sie ein Teil des Judentums bleiben und achtete dessen Reinheitsgebote und Gebräuche einschließlich Beschneidung, Speisegeboten und Opfern im Jerusalemer Tempel, dem Versammlungsort der ersten Christen. Für das palästinische Urchristentum war Jesus keineswegs gekommen, um die Tora aufzuheben, sondern zu erfüllen und so für seine Nachfolger erfüllbar zu machen (Mt 5,17–20).
Daraus folgerten einige Judenchristen, dass ein Christ, der an Jesus als den Messias Israels glaubt, sich beschneiden lassen müsse, um an der Erwählung des Gottesvolks und seinen Verheißungen Anteil zu erhalten. Damit war traditionell die Verpflichtung zum Einhalten aller Toragebote verbunden. Diese Auffassung vertraten wohl vor allem Christen aus der näheren Umgebung Jesu, die den Pharisäern nahestanden.
Neben dieser Gruppe, die Paulus wie sich selbst vor seiner Bekehrung als „Eiferer für das Gesetz“ sah, gab es vermittelnde Positionen, die von Petrus und vor allem von Jesu ältestem Bruder Jakobus dem Gerechten vertreten wurden. Dieser wurde nach Jesu Tod Apostel und gewann danach wohl bald eine Führungsrolle in der Urgemeinde. Er genoss hohes Ansehen wegen seiner Toratreue und galt als unbestrittene moralische Autorität, wie der ihm zugeschriebene Jakobusbrief zeigt.
Auf der anderen Seite scheinen die hellenistischen Gemeinden das jüdische Gesetz nur noch als moralischen Maßstab anerkannt zu haben und befolgten offenbar weder Beschneidung noch Tempelkult oder Speisegesetze. Das war wohl der Anlass für weitere Christenverfolgungen durch Herodes Agrippa, der sich damit beim sadduzäisch dominierten Sanhedrin beliebt machen wollte (Apg 12,3). Das brachte die judenchristliche Gemeinde in Jerusalem in ein Dilemma. Denn wenn sie zu ihren christlichen Brüdern stehen würden, setzten sie sich ebenfalls der Verfolgung aus und galten als Verräter des Judentums, das sie liebten und als ihre Heimat ansahen.
Die Reisen der verschiedenen Apostel zu den neuen Gemeinden brachten dort immer wieder Konflikte um die Torabefolgung auf die Tagesordnung. Der Kristallisationspunkt, mit dem die christliche Gemeinschaft mit den griechischen Christen stand oder fiel, war das gemeinsame Essen. Hier waren speziell die Speisegebote eine große Hürde.
Paulus spitzte den Konflikt zusätzlich zu: Denn seit seiner Bekehrung (um 35) vertrat er das genaue Gegenteil seiner früheren pharisäischen Positionen. Durch seine umtriebige Missionstätigkeit vergrößerte er die Zahl der heidenchristlichen Gemeinden beträchtlich und veränderte damit die Mehrheitsverhältnisse, so dass eine Lösung des Problems unausweichlich wurde.
Durch ihn erhielt der Konflikt eine neue Qualität. Denn Paulus wurde zum theologischen Kopf der hellenistischen Theologie. Er lehrte eine Reinheit der Heiden durch Glauben und Heiligen Geist; die Abrahamskindschaft blieb auch für ihn heilsnotwendig, bedeutete aber nicht notwendig jüdische Herkunft oder Praxis. Paulus definierte damit mittels pharisäischer Methodik und hellenistischer Rhetorik entscheidende theologische Alternativen zu pharisäischen Positionen. So wurde aus dem praktischen Problem ein theologischer Konflikt.
Nach Apg 15,1 war der unmittelbare Anlass des Konzils ein Zusammenstoß von Paulus und Barnabas mit Männern „aus Judäa“, die von der Gemeinde in Antiochia die Beschneidung verlangten mit der Begründung:
Er stellt sich selbst als Wortführer der Verhandlung dar, ohne einen Auftrag als Abgesandter heidenchristlicher Gemeinden und seinen Begleiter Barnabas zu erwähnen. So sei es seinen „falschen Brüdern“, die sich „hineingedrängt“ und „eingeschlichen“ hätten, um seine christliche Freiheit „auszuspionieren“, nicht gelungen, ihn auch nur eine Stunde lang in die Defensive zu drängen (v.4f). Vielmehr hätten ihm alle, die zwar nicht vor Gott, aber innerhalb der Urgemeinde das „Ansehen“ und Sagen hatten – Paulus nennt nur die drei „Säulen“ Jakobus, Petrus (Kephas) und Johannes – nichts auferlegt (v.6); nicht einmal sein Begleiter Titus, ein gebürtiger Grieche, sei zur Beschneidung gezwungen worden (v.3). Sie hätten vielmehr erkannt, dass seine Missionserfolge denen des Petrus ebenbürtig seien und ihm daraufhin per Handschlag versichert, dass er und Barnabas das Recht hätten, das Evangelium unter den Heiden zu verkünden – offenbar ganz so, wie er es verstand (v.7–9). Nur der „Armen“ sollten sie gedenken (v.10).
Damit ist jene auch von Lukas (Apg 21,14–26) erwähnte Kollekte für die Jerusalemer Gemeinde gemeint (s.o.), zu der Paulus in seinen Gemeindebriefen öfter aufruft (Röm 15,26; 1. Kor 16,1). Ansonsten zitiert Paulus keinen offiziellen oder gar schriftlich niedergelegten Beschluss des Konzils, dem er sich zu fügen gehabt hätte. Daneben sei eine „Arbeitsteilung“ vereinbart worden, nach der Petrus hauptsächlich unter den Juden, Paulus und Barnabas unter den Heiden missionieren solle.
Im gleichen Sinne soll dann auch Jakobus sein Plädoyer für die Heidenmission gehalten haben. Er erinnerte laut Lukas an die alttestamentliche Verheißung des Tempelneubaus – ein Indiz für die Entstehung dieses Textes nach der Tempelzerstörung 70 – und forderte, dass Heiden nur Götzenopferfleich, Unzucht und Blutgenuss zu meiden hätten, um eine minimale Übereinstimmung mit den traditionellen Reinheitsgesetzen des Judentums zu wahren.
Es ist umstritten, ob er dabei mehr die noachidischen Gebote (Gen 9,4–7) vor Augen hatte oder das Gesetz für Fremdlinge im Land Israel (z.B. Lev 17,10; 18,26). In jedem Fall, so scheint es, sollte das gemeinsame Mahl auch ohne Beilegung des theologischen Grundkonflikts möglich sein: Die Heidenchristen sollten sich an jene rituellen Gebote halten, die es den pharisäischen Judenchristen möglich macht, sie wenigstens als „Gäste“ am Tisch zu tolerieren.
Im Anschluss an diese Reden traf die gesamte Gemeinde nach Lukas den schriftlichen Beschluss, die Heidenmission im Sinne des Jakobus zu gestatten und sandte Paulus und Barnabas mit diesem Auftrag zusammen mit Vertretern der Urgemeinde zurück nach Antiochia (v.22–29).
Die beiden Versionen spiegeln die verschiedene Deutung des gefundenen Kompromisses (ob auf Papier oder per Handschlag) durch die Beteiligten: Für Paulus war die grundsätzliche Anerkennung der Heidenchristen durch die Jerusalemer zentral, die Einschränkungen fasste er nur als „Rücksicht auf die Schwachen im Glauben“ ohne wesentliche theologische Bedeutung auf. Lukas dagegen hob den Kompromiss hervor, dass die Minimalgebote für die Heiden aufrecht erhalten wurden, um mit der Fortgeltung der Ritualgesetze für die Christen die Kontinuität zum Judentum zu bewahren. Damit war zwar vordergründig die Tischgemeinschaft wieder hergestellt, das grundsätzliche theologische Problem aber nicht wirklich behoben, und weitere Konflikte waren vorprogrammiert.
Die Theorie, es habe zwei Treffen gegeben, und die Widersprüche zwischen Paulus und Lukas erklärten sich dadurch, dass sie von unterschiedlichen Zusammenkünften berichteten, konnten sich in der wissenschaftlichen Forschung nicht durchsetzen, es gibt mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede, und die Erklärungen, warum Lukas oder Paulus dann das andere Treffen nicht berichten, sind schwer nachvollziehbar. Die Theorie wird aber nach wie vor von einigen favorisiert, vor allem, wenn die hundertprozentige historische Zuverlässigkeit der biblischen Berichte eine Glaubensüberzeugung darstellt.
Paulus betont, dass er dies nicht hingenommen, sondern Petrus öffentlich zur Rede gestellt habe (v.14):
Im 1. Korintherbrief (1. Kor 8,7f und 10,19–29) widerspricht Paulus ausdrücklich den Speisevorschriften des Konzils. Im späteren Römerbrief (Kapitel 14) aber empfiehlt er den Heidenchristen – hier den „Starken“ im Glauben, die die Untauglichkeit der religiösen Vorschriften für das Heil kennen –, dennoch um der Liebe zu und Einheit mit den „schwachen“ Judenchristen ihre Speisegesetze zu achten (v.21): Zerstöre nicht um der Speise willen Gottes Werk!
Das zeigt zum einen, dass die Heidenmission keineswegs die Judenmission ersetzte, sondern gemischte Gemeinden entstanden, so dass die Tischgemeinschaft zwischen Judenchristen und Heidenchristen ein Problem blieb. Zum anderen waren einige Judenchristen auch weit von Jerusalem entfernt nicht bereit, ihre mosaische Tradition aufzugeben und als Christen „heidnisch“ zu leben. Es ist nicht einmal auszuschließen, dass es auch Heidenchristen gab, die „judenchristliche“ Theologie vertraten, weil sie sich ganz und gar für das jüdische Christentum entscheiden wollten.
Zudem besaß Paulus selbst in den von ihm gegründeten Gemeinden keineswegs die alleinige theologische Autorität, sondern musste sich diese immer neu erkämpfen. Die Aufgabenteilung in der Missionsarbeit bedeutete also nicht, dass außerhalb Palästinas nur noch seine Position galt. Judenchristliche Traditionen hielten sich noch bis ins 4. Jahrhundert hinein nicht nur in Syrien und Ägypten oder Kleinasien, sondern auch im Westen, nicht zuletzt auch im Kampf mit dem Arianismus.
Im Ganzen setzte sich aber die paulinische Sicht in der Kirche durch. Die nach Lukas beschlossenen Regeln des Apostelkonzils gelten heute nur noch in eher randständigen Gruppen des Christentums, wie bei den Zeugen Jehovas oder Gemeinden des messianischen Judentums.
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