Albrecht Dürer 027.jpg Paulus von Tarsus († vermutlich 64) war der einflussreichste Theologe des Urchristentums und neben Petrus der bedeutendste frühchristliche Missionar. Seine ethnozentrische Sicht auf die Gestalt des Jesus von Nazaret prägt das Christentum bis heute.
Paulus war ein griechisch gebildeter Pharisäer aus der jüdischen Diaspora, der als gesetzestreuer Jude die Anhänger des gekreuzigten Wanderpredigers zunächst verfolgte. Seit seiner Bekehrung vor Damaskus aber verstand er sich als von diesem berufener „Apostel des Evangeliums für die Völker" (Gal 1,15f). Als solcher bereiste er den östlichen Mittelmeerraum und gründete dort einige Christengemeinden. Als ihr Seelsorger schrieb er in griechischer Sprache eine Reihe von Briefen an sie, die zu den ältesten erhaltenen urchristlichen Schriften gehören. Dreizehn ihm zugeschriebene Briefe wurden in das Neue Testament aufgenommen; mindestens sieben davon erkennt die heutige historisch-kritische Forschung als echt, einige weitere als seiner Theologie nahe stehend an.
Paulus übernahm den Glauben der Jerusalemer Urgemeinde, dass Jesus von Nazaret der in der jüdischen Tradition erwartete Messias (griechisch Christus) und Menschheitserretter sei. Im Unterschied zu Jesus und seinen zu Lebzeiten berufenen Jüngern stellte Paulus nicht den himmlischen Vater, sondern den auferstandenen Heilsbringer und Mittler Jesus Christus ins Zentrum seiner Verkündigung. Er lehrte, Gott habe mit der Hingabe seines Sohnes auch die unreinen heidnischen Stämme in seinen Bund aufgenommen, aber im Unterschied zum „Volk des ersten Bundes“ nur aus Gnade. Zur Annahme dieser Liebesgabe sei einzig der Glaube an den gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus notwendig. Die Befolgung der jüdischen Tora sei den gläubigen Heiden erlassen. Zugleich seien sie jedoch dem erwählten Gottesvolk unterstellt. Er legte damit den Grundstein für die Abspaltung des Heidenchristentums vom Judentum.
Seine christozentrische Lehre begünstigte die Ausbildung einer neuen Weltreligion und beeinflusste die Kirchengeschichte maßgeblich. Sie prägte u.a. Augustinus von Hippo, Martin Luther und Karl Barth.
Ein Problem ist das so genannte Apostelkonzil (Apg 15). Meistens wird es mit dem in Gal 2,1-10 geschilderten Jerusalembesuch des Paulus identifiziert, weil in beiden Erzählungen davon die Rede ist, dass sich einige Apostel zum Gespräch treffen. In der neueren theologischen Literatur findet sich aber bisweilen eine Ablehnung dieser Gleichsetzung, weil die Details beider Erzählungen nicht übereinstimmen (Reiseanlässe, Reisergebnisse, Reisezeiten).
32: Bekehrung (besser: Berufung zum Heidenapostel)
danach Arabien, Damaskus
35: erste Jerusalemreise mit Besuch bei Petrus
danach Tarsus/Kilikien, Antiochia/Syrien
46: zweiter Jerusalembesuch (manchmal auch auf 48 n. Chr. datiert)
46/47: Zypern, Südtürkei
48-50: Philippi, Thessaloniki, Athen
50/51: Korinth (Abfassung des ersten Thessalonicherbriefes)
Zwischenstation in Antiochia
52-56: Ephesus (Abfassung der Briefe Gal, Phil, 1 Kor, Phlm)
56/57: Makedonien, Korinth (Abfassung der Briefsammlung 2 Kor und des Röm)
57: letzte Jerusalemreise
57-59: Gefangenschaft in Cäsarea
59/60: Reise nach Rom
ca. 64: Tod (vermutlich in Rom, unter Nero)
Von seinem Vater erbte Paulus das römische Bürgerrecht (Apg 16,37; 22, 28), das nur eine Minderheit der jüdischen Reichsbewohner besaß. Darauf berief er sich später erfolgreich in Konflikten um seine Mission.
Lukas führt ihn mit dem jüdischen Vornamen Saulus ein (Apg 7,58; 8,1.3), der von Saul (hebräisch Schaul), dem ersten König Israels, abgeleitet ist. Wie dieser stammte seine Familie aus dem Stamm Benjamin (1. Sam 9,1), der als der kleinste der zwölf Stämme Israels galt. Darauf kann der griechische Name Paulos (= der Kleine; lateinisch Paulus) anspielen und auch wegen seiner Lautähnlichkeit zu Schaul gewählt worden sein. Paulus selbst verwendete ihn immer in seinen Briefen.
Lukas erwähnt den Doppelnamen beiläufig erst in Apg 13,9. Saulus wechselte seinen Namen also nicht wegen seiner Bekehrung und Taufe zu Paulus, wie es die bekannte Redewendung irrtümlich nahelegt, sondern trug beide Namen wohl seit seiner Geburt. Mehrsprachige Vor- oder Doppelnamen waren damals unter Diasporajuden üblich. Allerdings kam der Name Paulus nur extrem selten vor.
Paulus selbst betont zwar den völligen Wesenswandel, der ihm durch seine Begegnung mit Jesus Christus widerfuhr, bringt diesen aber nicht mit einem Namenswechsel in Verbindung. Er hat sich entschieden dagegen verwahrt, diesen Wandel als Aufgabe seines Judeseins misszuverstehen. Gegenüber innerchristlichen Gegnern hob er seine Abstammung in seinen Briefen später immer wieder voll Stolz hervor (z.B. Phil 3,5f):
Demnach erhielt Paulus wohl schon in seiner Jugend eine Ausbildung als Toralehrer. Laut Apg 22,3 wuchs er in Jerusalem auf und wurde dort vom damals berühmten Rabbiner Gamaliel I. unterrichtet; er selbst jedoch erwähnt weder den Umzug noch seinen Lehrer, auch nicht, wo es ihm genützt hätte. Seine Briefe zeigen aber gleichermaßen solide Kenntnisse des Tanach und philosophischer Traditionen, Rede- und Argumentationsweisen des Hellenismus.
Nach jüdischem Brauch lernte Paulus neben seiner Bibelausbildung auch das Handwerk des Zeltmachers, vergleichbar mit dem des Sattlers (Apg 18,3). Mit dieser Tätigkeit verdiente er auch später als christlicher Missionar seinen Lebensunterhalt (1. Thess 2,9; 1. Kor 4,12; 2. Kor 11,27).
In diesem Streben wurde er ein erbitterter Gegner jener hellenistischen Judenchristen, die in der jüdischen Diaspora missionierten und dabei neugetauften Heiden die Befolgung der Tora erleichterten, indem sie auf deren Beschneidung verzichteten.
Laut Lukas war Paulus sogar im Auftrag des Sanhedrin an der Aufsicht über die vorschriftsmäßige Steinigung des ersten christlichen Märtyrers Stephanus beteiligt (Apg 7,58; 8,1). Dieser erscheint als Wortführer jener Gruppe von Hellenisten, die in der Jerusalemer Urgemeinde als erste mit der Heidenmission begannen, den Tempelkult ablehnten und dadurch in Konflikt mit den sadduzäischen Tempelpriestern gerieten.
Paulus selbst schweigt jedoch über diesen Prozess. Wo er über seine frühere Christenfeindschaft berichtet, betont er, er sei erst nach seiner Bekehrung erstmals nach Jerusalem gereist (Gal 1,18), die Gemeinden Judäas hätten ihn vorher nicht gekannt (Gal 1,22). Die Verfolgung galt also wohl nur den hellenistischen Christengemeinden außerhalb Palästinas, die die Tora für ihre Mitglieder nicht verbindlich machten.
Nach Gal 1,11 ist dieses Evangelium nicht menschlicher Art; es habe ihn ergriffen (Phil 3,8) und geradezu gezwungen, sein bisheriges Leben aufzugeben und nur noch Jesus Christus zu verkünden. Paulus deutet dieses Ergriffenwerden als Entscheidung Gottes über sein Leben, die vor seiner Geburt gefallen sei: Dieser habe ihn von meiner Mutter Leib an auserwählt und ihm seinen Sohn offenbart, um ihn zum Apostel der Völkermission zu berufen (Gal 1,15). Er verstand sein Amt also analog zu Jeremia, der sich ebenso zum Propheten für Israel und die Völker berufen fühlte (Jer 1,5; vgl. Jes 49,1).
Paulus betont, er sei dieser Berufung drei Jahre lang gefolgt und habe erst dann die Jerusalemer Urgemeinde besucht (Gal 1,17-20). Man nimmt an, dass er dort das schon fixierte urchristliche Glaubensbekenntnis mit der Liste der Auferstehungszeugen übernahm, das er in seinem etwa 56 verfassten 1. Korintherbrief zitiert (1. Kor 15,3-7) und ergänzt (Vers 8):
Um 90 berichtete Lukas über das sogenannte Damaskuserlebnis in drei Versionen:
Die missionarische Tätigkeit des Paulus ist folgendermaßen zu charakterisieren: Zusammen mit einem teilweise wechselnden Mitarbeiterstab (Paulusbriefe und Apg nennen u.a. Barnabas, Timotheus, Titus, Erastus, Silas) brach der Apostel auf in große antike Städte (z.B. Philippi, Korinth, Ephesus), um sich dort längere Zeit niederzulassen. Dabei versuchte er, christliche Gemeinden aufzubauen. Sobald diese Gemeinden selbständig in der Lage waren, sich zu organisieren, brach Paulus auf in die nächste Stadt. Paulus missionierte also in den hellenisierten Großstädten, von wo aus die neuen Gemeinden das Hinterland missionierten. Nach Verlassen der neu gegründeten Gemeinden hielt Paulus Briefkontakt mit diesen, so dass es möglich blieb auf Probleme und aktuelle Fragen zu antworten. Die beiden Korintherbriefe bilden dafür anschauliche Beispiele. Denn in ihnen beantwortet der Apostel ihm gestellte Fragen (1. Kor) bzw. versucht, aufgetretene Probleme zu schlichten (1. Kor, 2. Kor).
Eine erste ausgedehnte Mission führte Paulus gemeinsam mit Barnabas nach Zypern und durch die Südtürkei (Apg 13). Jedoch ist die Geschichtlichkeit dieser Reise in theologischen Fachkreisen stark umstritten. Gesichert ist, dass Paulus mit Timotheus, Silas u.a. durch Griechenland gereist ist (Apg 16-18) und dabei vor allem in Korinth längere Zeit Station machte - diese Reise wird häufig als die so genannte zweite Missionreise bezeichnet.
Eine weitere Reiseroute führte Paulus anschließend durch Kleinasien nach Ephesus - die so genannte dritte Missionsreise (Apg 19-21).
Schließlich reiste Paulus von Ephesus aus nochmals durch seine zuletzt gegründeten Gemeinden, um eine Kollekte einzusammeln und nach Jerusalem zu bringen. Bei der Ankunft in Jerusalem wurde er von den römischen Behörden verhaftet und nach längerem Hin und Her schließlich nach Rom überstellt, wo er vermutlich das Martyrium erlitt.
Dies bedeutet natürlich nicht, dass Paulus alle Gesetze frei gibt. Es existiert für ihn ein "Gesetz Christi" (Gal 5; Röm 13), das jeder Gläubige erfüllt.
Entscheidend für das Verständnis der paulinischen Theologie ist die unbedingte Naherwartung der Endzeit. Gott wird diejenigen erretten, die sich dem Glauben an die Heilstat Christi zuwenden. Damit ist religionsgeschichtlich eine wichtige Wandlung erfolgt: Als Jude war Paulus der Überzeugung, dass derjenige errettet wird, der das jüdische Gesetz vollständig beachtet. Seit seiner Berufung zum Heidenapostel setzt Paulus einen vollständig anderen Akzent: Nicht mehr die Befolgung der Gesetze errettet, sondern der Glaube. Man muss also nicht mehr Jude sein, um errettet zu werden. Daraus folgt für Paulus ein dringender Auftrag: Alle, auch die Heiden, müssen darüber informiert werden. Es geht Paulus darum, dass alle Menschen die Botschaft hören, dass sie der Glaube an Christus errettet.
Damit will Paulus nicht das Judentum auflösen. Ihm geht es allein darum, die Nichtjuden, im damaligen Sinne die Heiden, zu retten. Paulus lässt den Vorrang des Judentums weiterhin bestehen (Röm 9-11). Aber die Nichtjuden sind eben seit dem Christus-Ereignis in den Kreis der Erretteten mit aufgenommen, sofern sie den Glauben annehmen (Gal 3-5).
Bei den theologischen Ausführungen des Paulus geht es also um eine Korporationsfrage (wer gehört zum Kreis der Erretteten?) und nicht um eine Individuumsfrage (was muss ich tun, um gerettet zu werden). Erst Luther liest Paulus - aufgrund der Fragen seiner Zeit und seiner Person - individualistisch und stellt die Frage, was der gläubige Christ zu tun hat, um Gerechtigkeit zu erlangen.
Damit ist das Zentrum der paulinischen Theologie angeschnitten: die Frage nach der Rechtfertigung aus dem Glauben. Bekannt ist die Wendung "aus Glauben wird der Mensch gerecht, nicht aus den Werken des Gesetzes" (vgl. Gal 2,15-21). Paulus will damit ausdrücken, dass nicht das jüdische Gesetz den Weg zum Heil darstellt, sondern der Glaube. Er exemplifiziert dies am Beispiel Abrahams (Gal 3,6-14), der von Gott im Alten Testament als Beispiel eines Gerechten gerühmt wird, wohingegen das jüdische Gesetz erst später eingeführt wird. Für Paulus ist Abraham das Beispiel dafür, dass man vor Gott gerecht wird, auch ohne das jüdische Gesetz.
Paulus argumentiert (Gal 3,6-14), dass Gott dem Abraham die Zusage des Heils gegeben hat. Erst danach hat Gott das Gesetz eingeführt, um vor der Macht der Sünde zu schützen. Mit der Sendung Christi aber ist die Macht der Sünde gefallen, Christus ist die Erfüllung der Heilsverheißung an Abraham. Das Gesetz hat und hatte nie Heilsfunktion, sondern nur Schutzfunktion.
In der gegenwärtigen theologischen Forschung stark umstritten ist die Frage, was Paulus meint, wenn er sagt, "aus Werken des Gesetzes wird niemand gerecht". Hatte Luther noch gemeint, Paulus drücke damit aus, dass jeder Versuch, das Gesetz zu erfüllen eine Art Selbstgerechtigkeit wäre, so wird heute eher angenommen, Paulus wolle auf die Nichtigkeit des Gesetzes für die Heilserlangung hinweisen: Egal ob ich das Gesetz erfülle oder nicht, dies bedeutet nichts für das Heil. Das Gesetz hat keine Heilsfunktion mehr, weil es jetzt Christus gibt (so Ed Parish Sanders); das Gesetz hat keine Heilsfunktion, weil Gott auch nichtjüdische Gläubige unter dem Heil wissen will (so James Dunn); das Gesetz hatte noch nie Heilsfunktion (so Michael Bachmann).
Das von Gott gegebene Gesetz kann nicht zur Erlösung führen. Dennoch ist es für Paulus ein gutes, heiliges und gerechtes Gesetz. Denn durch den Akt des Glaubens ist der Mensch befreit von der Macht der Sünde und befähigt, das Gesetz Christi zu erfüllen. Grundlage des Gesetzes ist das Liebesgebot Christi. Keine Grundlage hingegen sind äußerliche Rituale wie Beschneidung u.ä.
Evangelikale Theologen gehen davon aus, dass alle Schriften des Neuen Testaments, die beanspruchen, von Paulus verfasst worden zu sein, (das heißt alle Paulusbriefe) auch tatsächlich von Paulus stammen.
Näheres findet sich unter den einzelnen Briefen.
Paulus ist, von Jesus Christus abgesehen, die Person in der Kirchengeschichte, die in praktisch allen Konfessionen als herausragend angesehen oder verehrt wird, am stärksten im Protestantismus. Diese Verehrung entwickelte sich langsam, in der frühen Kirche hatte Paulus noch nicht das Ansehen, das ihm später zuteil wurde. Im 7. Jahrhundert entwickelte sich in Kleinasien die Glaubensrichtung der Paulikianer, die seine Briefe als wichtigsten Teil der heiligen Schrift ansahen.
Andererseits ist Paulus auch mindestens seit der frühen Neuzeit ein beliebtes Ziel von Angriffen durch Kritiker des bestehenden Christentum, die ihm häufig vorwerfen, die Lehre Jesu in diese oder jene Richtung verfälscht zu haben.
In der katholischen Weltkirche ist Paulus der Schutzpatron der Theologen und Seelsorger, Weber, Zeltwirker, Korbmacher, Seiler, Sattler und Arbeiterinnen, sowie der katholischen Presse. Er wird als Heiliger angerufen für Regen und Fruchtbarkeit der Felder und gegen Furcht, Ohrenleiden, Krämpfe und Schlangenbiss.
In der Kunst wird er gewöhnlich als kahlköpfiger, bärtiger Mann mit Buch und/oder Schwert dargestellt. Der Gedenktag von Paulus (und Petrus) ist der 29. Juni; Näheres siehe bei Simon Petrus.
(siehe auch die Angaben zu den Artikeln Urchristentum und Alte Kirche und die zu den einzelnen Briefen genannte Literatur)
Heiliger | Märtyrer | Person im Neuen Testament | Theologe (1. Jh.) | Brief | Mann | Geboren 5 | Gestorben 67
Павел (апостол) | Pau de Tars | Pavel z Tarsu | Paulus (Bibelen) | Paul of Tarsus | Sankta Paŭlo | Pablo de Tarso | Paulus | Paavali | Paul de Tarse | פאולוס | Pál apostol | Paulus dari Tarsus | Paolo di Tarso | パウロ | 사도 바울 | Paulus | Апостол Павле | Pawlu minn Tarsu | Paulus (apostel) | Apostelen Paulus | Paweł z Tarsu | Paulo de Tarso | Paul, apostol şi martir | Павел (апостол) | Paul of Tarsus | Apoštol Pavol | Shën Pali | Paulus | Mtakatifu Paulo | புனித பவுல் | Pablo ng Tarsus | Pavlus | Апостол Павло | 保羅
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