Der Aorist (griechisch αόριστος der Unbestimmte) war einer der drei ursprünglichen Aspekte, die Teil des indogermanischen Verbalparadigmas (auch in der Kunstsprache Quenya findet er Verwendung) waren. Anders als Zeitformen beziehen sich Aspekte nicht auf den Zeitpunkt der Handlung; stattdessen beschreiben sie den Vollständigkeitsstatus der Handlung, oder ihre Einmaligkeit. In den indogermanischen Sprachen manifestiert sich diese Unterscheidung als eine dreiseitige Teilung zwischen dem Aorist, dem Imperfekt und dem Perfekt. Der Aorist zeigt eine abgeschlossene, punktuelle, manchmal wiederholte Handlung an, und das Perfekt zeigt Handlungen von variierender Vollständigkeit an, die auf irgendeine Art und Weise die Gegenwart beeinflussen.
Wichtig ist, dass der Aorist, linguistisch betrachtet, keine Zeitform ist, sondern vielmehr ein Aspekt (so ist zumindest die meistverbreitete Ansicht unter Linguisten). Allerdings gibt es im Bulgarischen und im Griechischen eine eigene Vergangenheitsform, welche ebenfalls als Aorist bezeichnet wird.
Im Indogermanischen wirkt der Aorist immer in Verbindung mit dem Imperfekt; die beiden bilden ein semantisches Paar. Der Unterschied zwischen den beiden ist leicht zu verstehen anhand deutscher Verbpaare wie "sehen" und "betrachten", "finden" und "suchen", "hören" und "zuhören"; in jedem dieser Paare hat das erstere Verb eine dem Aorist ähnliche Form: Eine einmalige, kurzzeitige, abgeschlossene Handlung, mit einem klar abgegrenzten Anfang und Ende, wird angezeigt. Das letztere zeigt hingegen einen andauernden Vorgang an, der nicht auf einen bestimmten Moment oder eine bestimmte Handlung beschränkt werden kann; auch eine wiederholte oder gewohnte Handlung kann so angezeigt werden.
Beispiele:
Keiner dieser Sätze klingt völlig richtig, da diese Verben ihrer Natur entsprechend Aoristcharakter besitzen und nicht als Vorgang verwendet werden können. Wenn man allerdings "betrachten", "suchen nach" und "zuhören" statt "sehen", "finden" und "hören" einsetzt, klingen die Sätze korrekt, weil diese Verben Vorgänge beschreiben.
Über Zeitformen hinausgehend lieferte diese Aspektzweiheit die Grundlage für Wortbedeutungen im Protoindogermanischen. Dies wird gut im Altgriechischen demonstriert. Zum Beispiel gibt es im Konjunktiv und der Wunschform keine Zeitformunterscheidung, sondern lediglich eine Aspektunterscheidung, sodass ἀκούωμεν und ἀκούσωμεν bedeutet "Wir wollen zuhören" und "Wir wollen hören", und nicht "Wir wollen zuhören" und "Wir wollen zugehört haben."
Der Aorist wird in feinere Unterscheidungen aufgeteilt:
Im Lateinischen (wobei hier der Aorist mit dem Perfekt zusammengefallen ist), Griechischen und Sanskrit (Altindischen) wird der Aorist durch verschiedene morphologische Konstrukte markiert; die folgenden drei ragen als die am meisten verwendeten hervor:
Aorist | Aorist | Aorist | Aoriste | Aorist | Aoristus | Aorist | Aorist | Aoryst | Аорист