Die Antinomien der reinen Vernunft (griech. anti gegen - nomoi Gesetz) sind sich logisch widersprechende Antworten auf die Fragen der Vernunft. Immanuel Kant diskutiert sie in der Transzendentalen Dialektik der Kritik der reinen Vernunft (KrV).
Bereits in der Vorrede der KrV schreibt der Königsberger Philosoph: "Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal: dass sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann; denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben; die sie aber auch nicht beantworten kann, denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft." (B. VII)
Nach Kant neigt unsere Vernunft dazu, Prinzipien oder Ideen, die die Einheit unseres Denkens ermöglichen, sich zu Urteilen hinreißen zu lassen, die nicht mehr an die Anschauung gebunden sind. Erst einer Kritik der Vernunft ist es möglich, die Widersprüche, in die sich eine solche Vernunft versteigt, aufzudecken. Ein Teil dieser Vernunftkritik sind die "Antinomien der reinen Vernunft".
Die einzelnen Antinomien
Die einzelnen Antinomien werden bei Kant in Form der Thesis und Antithesis zunächst gegenübergestellt. Danach wird der jeweilige Beweis für die These und Antithese geführt, daran schließt er eine jeweilige Anmerkung an. Schlusspunkt dieser Überlegungen ist der Widerspruch der folgenden Urteile:
1. Antinomie:
- Die Welt hat einen Anfang in der Zeit, und ist dem Raum nach auch in Grenzen eingeschlossen.
- Die Welt hat keinen Anfang und keine Grenzen im Raume, sondern ist, sowohl in Ansehung der Zeit, als auch des Raums, unendlich.
2. Antinomie:
- Eine jede zusammengesetzte Substanz in der Welt besteht aus einfachen Teilen, und es existiert überall nichts als das Einfache, oder das, was aus diesem zusammengesetzt ist.
- Kein zusammengesetztes Ding in der Welt besteht aus einfachen Teilen, und es existiert überall nichts Einfaches in derselben.
3. Antinomie
- Die Kausalität nach Gesetzen der Natur ist nicht die einzige, aus welcher die Erscheinungen der Welt insgesamt abgeleitet werden können. Es ist noch eine Kausalität durch Freiheit zur Erklärung derselben anzunehmen notwendig.
- Es ist keine Freiheit, sondern alles in der Welt geschieht lediglich nach Gesetzen der Natur.
4. Antinomie:
- Zu der Welt gehört etwas, das, entweder als ihr Teil, oder ihre Ursache, ein schlechthin notwendiges Wesen ist.
- Es existiert überall kein schlechthin notwendiges Wesen, weder in der Welt, noch außer der Welt, als ihre Ursache.
Beurteilung
Diese sich gegenüberstehende
Thesen und
Antithesen lassen sich, so Kant nicht einseitig auflösen. Beide, These und Antithese sind für sich
logisch widerspruchsfrei zu denken. Dies geht aber nach Vorgaben der Vernunft nicht, da sie sich gegenseitig widersprechen. Deshalb spricht Kant hier von
Antinomien. Für Kant sind die oben aufgeführten Fragen demnach mit Mitteln der Vernunft nicht zu lösen. Der falsche Gebrauch der
Metaphysik ist nach Kant die Ursache der widersprüchlichen Urteile. Die Vernunft solle sich vielmehr ihrer beiden Erkenntniswurzeln bedienen:
Verstand und
Anschauung. Ohne Anschauung, so Kant komme es zu den oben genannten Aussagen.
Siehe auch
Kategorie (Philosophie)
Literatur
- Eric Watkins: The Antinomie of pure Reason, Sections 3-8. Seite: 447-465. In: Georg Mohr und Markus Willaschek(Hg): Kritik der reinen Vernunft. Akademie Verlag. Klassiker Auslegen. Berlin 1998.
- Henry Allison: The Antinomy of Pure Reason, Section 9. Seite: 465-491. Georg Mohr und Markus Willaschek(Hg): Kritik der reinen Vernunft. Akademie Verlag. Klassiker Auslegen. Berlin 1998.
- Lothar Kreimendahl: Die Antinomie der reinen Vernunft, 1. und 2. Abschnitt. Seite: 413-447. In:Georg Mohr und Markus Willaschek(Hg): Kritik der reinen Vernunft. Akademie Verlag. Klassiker Auslegen. Berlin 1998.
Weblinks
Kantianismus | Erkenntnistheorie | Kritik der reinen Vernunft