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Antijudaismus (griechisch-lateinisch: „prinzipiell gegen Juden“) nennt man die Ablehnung, Anfeindung und Verfolgung von Angehörigen des Judentums durch Christen, Kirchen, christliche Staaten und Regierungen.
Diese Judenfeindschaft entstand durch den Alleingeltungsanspruch des Christentums. Sie wurde seit der Zerstörung des Jerusalemer Tempels 70 n. Chr. bis zur „konstantinischen Wende“ zum Grundbestand christlicher Theologie. Sie bestimmte dann - von räumlich und zeitlich begrenzten toleranten Perioden abgesehen - die Volksfrömmigkeit und den Umgang christlicher Mehrheiten mit jüdischen Minderheiten in weiten Teilen Europas während des Mittelalters und der Frühen Neuzeit.
Der Artikel behandelt die Zeit von der Entstehung der Kirche bis zum Dreißigjährigen Krieg. Die weitere, nach Konfessionen und Ländern stärker differenzierte Entwicklung bis zur Gegenwart behandelt der Artikel Antijudaismus in der Neuzeit.
Der Aufstieg des Christentums zur hierarchisch organisierten Staatsreligion (380) ermöglichte nach dem Zerfall des römischen Reiches die Christianisierung Europas. Juden waren vielfach die einzige Minderheit, die dem kirchlichen „Wahrheitsmonopol“ sichtbar trotzte. Sie wurden seit dem 4. Jahrhundert Objekt von Ausgrenzung, Verketzerung, Zwangstaufen und lokaler Verfolgung.
In der Karolingerzeit waren sie relativ geschützt und geachtet. Doch die christliche Ständegesellschaft schloss sie seit dem 9. Jahrhundert von allen „ehrenwerten“ Berufen aus und verhinderte ihre soziale Integration durch rechtliche Schranken. Ihre stets bedrohte Randexistenz prägte die mittelalterliche Gesellschaft.
Zu einem durchgehenden Antijudaismus kam es jedoch erst seit dem 11. Jahrhundert. Die Kirche setzte nun die Tabuisierung bestimmter Berufe für Christen, die Isolierung, Stigmatisierung und Ghettoisierung jüdischer Gemeinden europaweit durch. Die mit vorchristlichem Paganismus vermischte christliche Volksfrömmigkeit dämonisierte Juden zunehmend als „Ritualmörder“ von Kindern, „Hostienfrevler“, „Brunnenvergifter“ und „Schweine“.
Der Merkantilismus, die Verschuldung christlicher Herrscher und Adeliger infolge ihrer Kriege und Lehnspolitik bei jüdischen Handelshäusern verstärkten zudem das Feindbild des „reichen“, „geizigen“, „listigen“, „verschlagenen“, „anmaßenden“, „faulen“ „Wucherjuden“. Diese stereotype Verachtung und Kriminalisierung wurde oft gerade auch von Priestern, Mönchen, Bischöfen und Päpsten propagiert und aktiviert.
Im Kontext von Verelendung, Kreuzzügen und Epidemien kam es dann häufig zu Hassausbrüchen, regionalen ungeplanten Massakern bis hin zu organisiertem landesweiten Massenmord in Pogromen. Im 13. und 14. Jahrhundert wurden die Juden aus fast allen Städten deutschsprachiger Gebiete, aber auch aus anderen europäischen Regionen vertrieben. Ob religiöse, politische oder soziale Ursachen bei diesen Pogromwellen Vorrang hatten, ist umstritten. Machtansprüche des Papsttums, die Türkengefahr, die Inquisition, die Pest, der im Volk verbreitete Aberglaube und das niedrige Bildungsniveau begünstigten die Judenverfolgungen.
Die Reformation beendete zwar das kirchliche Machtmonopol, setzte aber die theologische Abwertung des Judentums fort, indem sie es als „Werkreligion“ und schroffen Gegensatz zum wahren Christusglauben interpretierte. Martin Luther fasste 1543 alle antijüdischen Stereotypen des Mittelalters zusammen, forderte ein Religionsverbot, Arbeitszwang und die Vertreibung der Juden von den Fürsten. Er überlieferte den gesamtkirchlichen Antijudaismus in die frühe Neuzeit.
Die Aufklärung beerbte und säkularisierte ihn. So bereiteten christliche Dogmen und Feindbilder den rassistischen Antisemitismus vor. Dieser ist vom religiösen Antijudaismus zu unterscheiden, aber nicht zu trennen: Beide Formen systematischer Judenfeindlichkeit sind historisch eng verwandt, bedingten einander und wirkten zusammen bis hin zum Holocaust am europäischen Judentum.
Seitdem haben die Kirchen begonnen, ihren Antijudaismus theologisch und praktisch aufzuarbeiten. In den Vorurteilsstrukturen christlich geprägter Völker Europas ist dieser jedoch nach wie vor latent vorhanden.
Der Tempelverlust erzwang eine Neuordnung des Judentums. Auf der Synode von Jawne (beim heutigen Tel Aviv) um das Jahr 100 setzten sich die Pharisäer unter Rabbi Gamaliel II. - einem Schüler von Hillel - durch. Sie reformierten Halacha, Festriten und Tagesgebete und leiteten die Kanonisierung der jüdischen Tora ein. Damit erreichten sie eine Zusammenführung verschiedener jüdischer Strömungen, grenzten aber andere - darunter Sadduzäer, Zeloten und Christen - als Häresien aus.
Zeitgleich verstärkten die Christen ihre Völkermission außerhalb Palästinas und verschrifteten ihre Evangelien, um sich ihrerseits vom rabbinischen Judentum abzugrenzen und im feindlichen römischen Reich zu behaupten. Auch christliche Schriften, die nicht in das NT Eingang fanden, zeigen diesen Abgrenzungsprozess. Die älteste erhaltene Kirchenordnung, die „Didache“ (Lehre) der 12 Apostel, unterscheidet den christlichen vom jüdischen Gottesdienst um 100 bereits mit Nachdruck:
Gleichwohl blieb der Glaube an Jesus für die erste Christengeneration Vollendung des Judentums. Die christlichen Missionare zogen daher durchweg Schriftbeweise heran, um Jesus als Messias zu verkünden: Ihre Adressaten waren zuerst Juden und „gottesfürchtige“ Heiden, die im Raum der hellenistischen Handelsstädte zusammenlebten. Diese vorrangige Judenmission war nicht zwangsläufig antijüdisch.
Im Kontext des Bar-Kochba-Aufstands von 132 wurden Christen, die den Wehrdienst verweigerten, von Juden im Bereich Israels verfolgt. Die Urgemeinde wurde zur Flucht nach Syrien gezwungen. Die um 150 entstandene Epistula apostolorum berichtet, dass aufständische Juden einige Christen als Märtyrer hinrichteten. Doch sie zeigt deshalb noch keine Spur von allgemeiner Aversion gegen das Judentum.
135 wurde Bar Kochba besiegt. Kaiser Hadrian zerschlug Judäa endgültig, benannte es in Palaestina um, verbot Juden die Ansiedlung in Jerusalem und machte daraus eine römische Garnisonsstadt. Die in Israel ansässigen Juden wurden in der ganzen damals bekannten Welt verstreut. Sie gelangten als römische Sklaven oder Fernhändler in fast alle Teile des Römischen Reiches. Sie hatten keinen Staat mehr, in dem sie ihrer Kultur und Religion ungestört nachgehen konnten. Fortan waren sie eine heimatlose Minderheit in Europa. Umso mehr achteten sie auf Bewahrung ihrer Glaubenstraditionen.
Das Christentum war nun eine eigene Religion, die sich im römischen Reich rasch weiter verbreitete. In ihr hatten Christen heidnischer Herkunft gegenüber Judenchristen die große Mehrheit. Das begünstigte die Umdeutung und Abtrennung von israelitischen Heilserwartungen, die für die Urchristen maßgebend waren. Einige Motive im NT, mit denen sich deren innerjüdische Minderheit im Raum Palästinas vom sadduzäisch und pharisäisch dominierten Judentum abgegrenzt hatte, wurden nun antijüdaistisch gedeutet und zu einer gesamtkirchlichen Theorie verknüpft (siehe Antijudaismus im Neuen Testament).
Justin der Märtyrer wandte sich gegen Juden, sofern sie die Heidenmission behinderten und Christen als Aufrührer bei römischen Behörden anzeigten. Sein Dialog mit Trypho (um 150) warf ihnen vor:
Hier wurde eine angebliche jüdische Kollektivschuld am Tod Jesu auf das gegenwärtige Judentum übertragen. Diese Konstruktion war für den christlichen Antijudaismus zentral: Man berief sich dabei stets auf Aussagen im NT wie die Selbstverfluchung Mt 27,25. Gerichtsworte über Israel dagegen gab es längst in der jüdischen Prophetie und in der innerjüdischen Sektenpolemik im NT. Indem diese in die Substitutionstheologie eingebettet wurde, konnten sie später immer neu gegen das Judentum aktiviert werden.
Dabei wurden mehrere Vorwürfe aufgereiht: Ganz Israel habe Jesus abgelehnt, sei damit an seinem Tod schuld, habe mit ihm Gott selbst getötet und damit für alle Zeit Gottes Fluch auf sich gezogen. Diese Verknüpfung bahnt sich etwa in 1. Thess 2,15; Apg 2,23; Jak 5,6 u.a. schon an. Dass Jesu Tod für die Urchristen Gottes ewiger Wille war und er gerade so den Fluch des Endgerichts ein für allemal in Gnade für ganz Israel und die Völker verwandelte (Mk 15, 33f), wurde dabei stets übergangen.
Die These vom „Gottesmord“ taucht explizit erstmals bei dem Bischof Melito von Sardes in Kleinasien auf (um 190). Seine 1940 vollständig wiederentdeckte Passahpredigt über Israels Auszug aus Ägypten steigert dessen Schuld am Tod Jesu zum mythologischen Weltverbrechen:
Der um 190 vermutlich in Ägypten entstandene Barnabasbrief zeigt, wie die Christen die Bibel für sich vereinnahmten, um Jesu Messianität zu beweisen. Die „Testimonia“ (Zeugnisse) von auf Christus gedeuteten Bibelstellen verbanden damit, dass das Judentum nur noch falsche Lehre vertrat. Damit begann die christliche Adversos-Judaios-Literatur (Latein: „gegen die Juden“).
Seit 200 gaben Römer den Christen die Schuld für alle möglichen Unglücke, Seuchen usw. und bezichtigten sie wegen ihres Abendmahls des Ritualmords. Daher griffen christliche Apologeten wie Tertullian diesen Vorwurf damals nicht auf, um ihn gegen die Juden zu wenden. Sie bekämpften im Gefolge des Paulus weniger das Judentum als das „Judaisieren“ christlicher Gegner. Ihre Polemik gegen Häresien wie den Manichäismus, Gnostizismus und Lehren Marcions war weitaus schärfer als die gegen Juden.
Jedoch priesen sie das Christentum hellenistisch gebildeten Römern als bessere, vernünftige Philosophie an, um es auch in oberen Gesellschaftsschichten zu etablieren. Dabei übernahmen sie zum Teil die antike Judenfeindschaft römischer Autoren wie Cicero und Tacitus, etwa den Vorwurf des „Menschenhasses“, und stellten sie auf eine neue Basis: die Auslegung der Bibel und eine „historische“ Beweisführung. Dabei hoben sie die bleibende Bedeutung des Alten Testaments für die werdende Kirche hervor. Die Patristik kanonisierte es schließlich als Wort Gottes auch für Christen. Damit bewahrte sie einerseits jüdische Tradition, beanspruchte andererseits die wahre Auslegung der religiösen Urkunde des Judentums in Konkurrenz zu ihm. Ihre Exegese unterlegte Bibeltexten entgegen ihrer Eigenbedeutung oft einen spirituellen, allegorischen oder christologischen Sinn in der Tradition des Neuplatonismus.
Eusebius von Cäsarea schuf um 310 eine antijudaistische Geschichtskonstruktion. Er „bewies“ in seiner Demonstratio Evangelica im 6. Kapitel:
Johannes Chrysostomos hielt 386 und 387 in Antiochien acht einflussreiche antijüdische Sermone. Dort waren Juden noch in der Mehrheit, und ihre Feste waren auch für Christen attraktiv. Diese pflegten in Syrien einen Synkretismus. Dagegen deutete er die prophetische Kritik des Amos am Opferkult als Absage an die ganze jüdische Religion. Dass Gott sie nicht mehr wolle, habe der Untergang des Jerusalemer Tempels gezeigt. Dieser sei die gerechte Strafe für die Kreuzigung Christi gewesen. Damit seien viele jüdische Gesetze unerfüllbar. Jüdische Synagogen seien daher durch ständiges Übertreten der Gebote Gottes zur „Räuberhöhle“ und Dämonenwohnung geworden. Wer dort Opfer darbringe, könne Gottes Zorn reizen. Fastenzelte seien nur Absteigen für Dirnen. Nur wer an Christus glaube, könne von Unmoral und Sünde frei werden.
So stellte er Juden- und Heidentum auf dieselbe Stufe und legte die völlige Zerstörung jüdischer Gotteshäuser nahe. Diese waren für ihn der Ort, wo die Mörder Christi sich sammeln, um den dreieinigen Gott zu lästern. Aus dem „Gottesmord“ folgerte er, dass Juden ewig verflucht seien:
Diese Liste damaliger Vorwürfe war im 4. Jahrhundert bereits christliches Allgemeingut. Sie wurden auch von Theologen wie Origenes vertreten, die im Alltag mit Juden befreundet waren und sie gegen Römer in Schutz nahmen (Contra Celsum). Sie wurden ausschließlich religiös, nicht ökonomisch oder politisch begründet. Dort, wo Christen und Juden in derselben Minderheitssituation waren - z.B. in Persien - fehlten sie. In Europa aber wurden sie integraler Bestandteil der Dogmatik der Alten Kirche.
Obwohl keiner der Kirchenväter ausdrücklich dazu aufrief, rechtfertigten alle die Judenausgrenzung, die später in Judenverfolgung mündete. Viele von ihnen sprach die katholische Kirche später heilig. Erst seit den letzten Jahrzehnten wird ihre durchgängig antijudaistische Haltung problematisiert.
Die ganze Reichskirche vertrat ab 313 dauerhaft diese in sich konsistente Theologie: auch dort, wo es gar keine Juden gab. Sie führte das Leiden der Juden unter den christianisierten Völkern dann immer auf ihr „Verbrechen an Gott“ zurück und machte sie zum „Sündenbock“ für alles mögliche Unglück: genauso wie es die Römer zuvor mit den Christen getan hatten. Damit prägte sie die Volksfrömmigkeit in ganz Europa. Hier liegt eine Wurzel für die Exzesse in den Kreuzzügen, Pestpogromen bis hin zum neuzeitlichen Antisemitismus.
Daraus entstanden die fünf Patriarchate: Rom war das einzige im Westen. Dessen Bischof Kalixt I. (221-227) erhob als Erster den Anspruch, für alle übrigen Bischöfe zu sprechen. Er leitete seinen Machtanspruch aus der Petrus-Nachfolge (Mt 16,18f) ab und entwickelte die Idee des Papsttums. So wuchs das Christentum als „Staat im Staat“ schließlich trotz staatlicher Verfolgungen zum ebenbürtigen Gegenüber des ebenfalls zentralistischen römischen Kaisertums heran.
Diese Entwicklung wurde nur durch immer stärkere Abkehr von den jüdischen Wurzeln des christlichen Glaubens möglich. Die Reich Gottes-Erwartung, die für Jesus von Nazaret, seine Jünger und die Autoren des Neuen Testaments bestimmend war, verblasste und wurde neuplatonisch zum Jenseitsideal umgedeutet. Dabei gingen die kult-, staats- und sozialkritischen Elemente der jüdischen Prophetie und Apokalyptik verloren. Die radikalen sozialethischen Forderungen der Bergpredigt wurden in dem Maße „entschärft“, wie die Mission auch reiche römische Bürger erreichte.
Angesichts der unaufhaltsamen Ausbreitung des Christentums in der Spätantike beendete Kaiser Konstantin der Große die Verfolgungspolitik seiner Vorgänger. Um seine Macht abzusichern, erließ er 313 das Mailänder Toleranzedikt. 315 verbot er den Übertritt zum Judentum mit Androhung der Todesstrafe. 321 führte er die allgemeine Sonntagsfeier per Gesetz ein. 325 berief er ein Konzil ein und setzte die Einigung auf das Bekenntnis von Nicäa durch. So vereinheitlichte der Kaiser die Lehre der Kirche und privilegierte sie nun gegenüber dem Judentum und sonstigen Kulten, um sie in seine Politik einzubinden.
Das hatte Folgen:
Folglich fanden Maßnahmen gegen die Kirche, die letztmals Kaiser Julian Apostata (361-363) ergriff, den Beifall vieler Juden. Dies wiederum verstärkte die folgende Judenfeindlichkeit der Christen. Als Theodosius der Große das Christentum 380 schließlich zur Staatsreligion des Römischen Reiches erhob, war das Fundament für den mittelalterlichen Antijudaismus gelegt. Was früher polemisch überspitzt zur Selbstbehauptung einer Minderheit und Apologetik formuliert wurde, konnte nun als Rechtfertigung der Unterdrückung durch die „siegreiche“ Mehrheit weiterwirken. Diese Unterdrückung setzten kirchliche Bischöfe wie Ambrosius von Mailand zum Teil gegen staatliches Recht und das Bemühen des Kaisers durch, die Juden zu schützen.
Heidentum und Häresie (Abweichung) wurden offiziell zum Staatsverbrechen. Diese Maßnahmen wurden aber nicht überall sofort und streng umgesetzt: Das Heidentum blieb noch über Jahrhunderte im Imperium aktiv, wobei seine Mitgliederzahl deutlich abnahm. Die Kirchenführer begrüßten den Glaubenszwang und passten die Theologie der neuen Politik an. Sie beanspruchten den wahren Glauben für das privilegierte Christentum, das sich nun anschickte, mit Hilfe des römischen Staates die Welt zu erobern. Um 400 n. Chr. war es bereits im gesamten Reichsgebiet verbreitet.
Auch jüdische Gemeinden gab es überall, seit 321 nachweisbar auch auf später deutschem Boden. Juden galten wie „Heiden“ als „Ungläubige“, aber noch nicht als „Ketzer“. Sie durften nicht mehr missionieren, sondern wurden abgesondert und waren ständig gefährdet.
388 verbrannte eine Gruppe Christen, vom dortigen Bischof aufgehetzt - und womöglich von den Christenverfolgungen im Sassanidenreich, an der teils auch Juden beteiligt waren, beeinflusst - , die Synagoge von Callinicum in Kleinasien. Ambrosius, Mailänder Bischof (340-397), verhinderte ihren gesetzlich vorgeschriebenen Wiederaufbau, indem er Theodosius I. die Sakramente verweigerte. Es sei nicht recht, das Geld von Christen für den Bau von Tempeln für Ungläubige zu verwenden und die Juden derart zu „begünstigen“. Darauf zog der Kaiser sein Vorhaben zurück.
410 zog eine Mönchstruppe unter Barsauma durch Palästina, zerstörte dort Synagogen und richtete ein Blutbad unter Jerusalems Juden an. Bischof Cyrill hetzte - wie 300 Jahre vor ihm die hellenisierten Ägypter - zur Zerstörung der Synode von Alexandria, Vertreibung der Juden und Plünderung ihres Besitzes. 418 brannte ein Mob die Synagoge auf Menorca nieder und zwang alle Juden dort zur Annahme des Christentums: Wieder war ein Bischof führend beteiligt.
Unter dem Druck der Kirche entzogen die Kaiser den Juden immer mehr frühere Rechte. Theodosius II. verbot den Bau neuer Synagogen und setzte 415 den letzten jüdischen Patriarchen, Gamaliel VI., wegen Verstoßes dagegen ab. Das beendete 429 das jüdische Patriarchat in Israel. Der Kaiser verbot 426 ferner den Zeuskult und legalisierte 438 die Umwandlung alter Synagogen in Kirchen. Die Kirchenkonzile vom 4. bis 7. Jahrhundert erließen zahlreiche Edikte, die den Kontakt mit Juden und deren Einfluss unterbanden. Jeder Bürger konnte Juden durch Anzeige gerichtlich verfolgen lassen. Mission, Erwerb und Besitz christlicher Sklaven und Bekleidung öffentlicher Ämter wurden ihnen verboten, Mischehen wurden diskriminiert, das Vermögen musste vorrangig getauften Kindern vererbt werden. So sollte das Judentum im Zustand der unterworfenen, gottfeindlichen, schwindenden Minderheit bleiben. Die entsprechende Kaisererlasse von 315 bis 429 wurden im Codex Theodosianus, danach im Codex Iustinianus gesammelt und wurden so zum Vorbild mittelalterlicher Judenpolitik.
Augustinus von Hippo (354-430) rechtfertigte diese Maßnahmen mit seinem Tractatus adversos Judaeos. Auf den jüdischen Vorwurf, die Kirche beanspruche zwar das Alte Testament, missachte aber die darin enthaltenen Gebote, antwortete er:
Augustin war es auch, dessen Lehre vom „Gerechten Krieg“ (De civitate Dei 420) Christen in Staatsämtern die Ausübung von bewaffneter Gewalt erlaubte, die Jesus seinen Jüngern ausdrücklich verboten hatte (Mt 5,39; 26,52): eine Gewalt, die nun immer öfter die Juden traf.
Eine anonyme, irrtümlich Augustin zugeschriebene Disputation, die Altercatio Ecclesiae et Synagogae (um 450), lässt die allegorische Figur der Kirche zur Synagoge sagen:
Erst als das Weströmische Reich 476 endgültig zusammenbrach, wurde die Entrechtung der Juden vorübergehend von einer nationalen und religiösen Pluralität abgelöst.
In Ostrom dagegen schränkten die Judengesetze des Kaisers Justinian I. 534 die Rechte der jüdischen Minderheit noch mehr ein. Doch Justinian erließ auch verschiedene Schutzvorschriften für Juden wie die Gewährleistung der Sabbatruhe und der jüdischen Feiertage sowie Bestimmungen hinsichtlich innerjüdischer Zivilprozesse. Seit der persischen Invasion zu Beginn des 7. Jahrhunderts ordnete Kaiser Herakleios jedoch teils Zwangstaufen an. Er begründete dieses Vorgehen auch mit dem Verhalten der Juden, die die einfallenden Sassaniden teils aktiv unterstützt hatten. Dabei war es auch zu Greueltaten an Christen gekommen. In späterer Zeit wanderten jedoch auch zahlreiche Juden in das Byzantinische Reich ein; vor allem in der Zeit der Palaiologen kam es dort zu einem lebhaften Aufschwung der jüdischen Gemeinden.
Auch die westgotischen Herrscher Spaniens ließen der überwiegend katholischen Bevölkerung und der jüdischen Minderheit ihren Glauben. Aber schon vorher, im Jahr 305 erließ ein Kirchenkonzil in der katholischen Stadt Elvira in Andalusien erste antijüdische Gesetze: Christinnen wurde es verboten, Juden zu heiraten, wenn diese nicht vorher konvertierten. Juden wurde verboten, Christen Gastfreundschaft zu gewähren, christliche Konkubinen zu haben und die Felder von Christen zu segnen.
587 trat König Rekkared I. zum Katholizismus über, um die Kluft zwischen den bis dahin arianischen Westgoten und der romanisch-katholischen Bevölkerung zu überbrücken. Dieses Streben stieß nun bei Arianern und Juden auf Widerstände. Daraufhin verschärfte sich ihre Lage. 589 verordnete ein Konzil von Toledo, damals Hauptstadt des Westgotenreichs, auf dem auch der Übertritt aller Westgoten zum katholischen Glauben beschlossen wurde, die Zwangstaufe von Kindern aus Beziehungen von Juden und Christen. Ab 613 bis 620 verordnete König Sisebut weitere Zwangstaufen, nun auch von Erwachsenen.
Die Kirchenkonzile bestätigten die darauf folgenden Sondergesetze gegen die zwangsbekehrten Juden: Die Archive des Klerus, nicht des Staates, verwalteten die abverlangten „Treueschwüre“ der Neugetauften. Ihnen wurde das Reisen und Ansiedeln stark erschwert, indem sie sich in jedem Ort neu die Weiterreise erlauben lassen mussten. Ein Spitzelsystem überwachte jeden ihrer Schritte, so dass ihre Lage schlimmer war als die der nichtgetauften Juden zuvor.
Trotzdem beeinflussten die getauften „Neuchristen“, die in den Dokumenten der Kirche stets weiter „Juden“ genannt wurden, die „Altchristen“ mehr als umgekehrt. Daraufhin verfasste Isidor von Sevilla zwei polemische Schriften für die christliche Unterweisung der Zwangsbekehrten. Sie argumentieren mit Stellen aus den Psalmen, die auf die Menschwerdung Christi verweisen sollten. Kurz darauf verfasste auch Ildefonsus von Toledo einen Traktat De Virginitate beatae Mariae, der die Jungfrauengeburt Jesu gegen von Juden eingebrachte Zweifel daran verteidigte.
Aufgrund brutaler Übergriffe Egikas auf die verbliebenen Gemeinden nahmen einige der „bekehrten Juden Kontakte zu jüdischen Gemeinden in Nordafrika auf, um Fluchtmöglichkeiten zu erkunden. Dies stellte der König 694 zur Eröffnung des Konzils in Toledo als versuchte staatsfeindliche Verschwörung mit Muslimen dar, die seit 672 begonnen hatten, südspanische Küstenstädte zu überfallen. Er drängte darauf, alle spanischen Juden, ob Greis, Frau oder Kind, ohne individuelle Prüfung der Vorwürfe unbefristet zu verurteilen:
Erst die islamischen Eroberer setzten diesem Vorgehen der katholischen Gotenkönige Spaniens 713 ein Ende. Dass die überlebenden Juden ihnen bei ihrem Siegeszug halfen, kann nicht verwundern.
Im Frankenreich fanden Juden eine sichere Zuflucht. Karl der Große (747-814) gewährte ihnen kirchlichen Schutz und räumte ihnen als Händlern besondere Privilegien ein. Daraufhin wurden einige Juden sehr reich. Im Volk entstand der Eindruck, es ginge allen Juden besser als ihnen. Manche konvertierten deshalb zum Judentum. Ludwig der Fromme (778-840) stellte die Juden dann erneut unter seinen Schutz. Doch bald mussten sie sich diesen erkaufen, beispielsweise durch eine Sondersteuer oder so genannte Judenbriefe.
Im 9. Jahrhundert entwickelte sich allmählich das feudalistische Lehnswesen. Grundbesitz war in Europas mittelalterlichen Agrarstaaten die wichtigste Voraussetzung für politische Teilhabe. Nichtchristen durften unter den Karolingern keine Lehnsmänner werden. Juden wurde es untersagt, Grundbesitz zu erwerben, so dass sie sich in Städten niederlassen mussten. Sie blieben ohne politischem Einfluss und konnten nicht zum Adel aufsteigen: weder von Geburt noch durch Verdienste wie das spätere Rittertum.
Ab dem 10. Jahrhundert organisierten sich die Handwerker der Städte in Zünften, die zugleich christliche Bruderschaften waren. Sie verweigerten Juden die Mitgliedschaft und verdrängten sie so aus den meisten Berufen. Die Juden mussten sich auf von Christen geächtete Berufe wie Trödelhandel, Pfandleihe oder Kreditvergabe spezialisieren. Dabei war ihnen maßvolle Zinsnahme erlaubt. Da aber die wenigsten Kleingewerbe ohne Geldkredite auskamen, wurden Juden, besonders in ökonomischen Krisen, als „Wucherer“ betrachtet und beschimpft. Daraus entwickelte sich das Stereotyp des reichen, habgierigen, betrügerischen Juden.
1007 eroberte Kalif Al-Hakim Jerusalem, zerstörte dort die Grabeskirche und viele weitere Kirchen im „Heiligen Land“. Obwohl er ebenso gegen Synagogen vorging, hieß es in Frankreich: Dieses „ungeheure Verbrechen“ sei durch die „Bosheit der Juden“ bewirkt worden (Radulphus Glaber). So wurden diese nun landesweit aus Städten und Dörfern verbannt, in Flüssen ertränkt oder enthauptet. Viele töteten sich selbst, die übrigen ließen sich taufen. Papst Johannes XVIII. sandte vergeblich einen Legaten, um die Verfolgung zu beenden. Der Bevölkerung galt diese dennoch als von „Gott“ befohlenes Werk. Dies war ein deutliches Signal für die spätere Kreuzzugspropaganda.
Nach dem 1. Investiturstreit (1075-1085) hatte der neue Papst Urban II. an Macht gewonnen. Er sah sich nun als dem König- und Kaisertum übergeordnet und zur Weltherrschaft berufen. Als die türkischen Seldschuken Kleinasien eroberten und Byzanz bedrängten, nutzte er sein Amt am 27. November 1095 erstmals zu einem politischen Aufruf an alle Europäer.
Der Erste Kreuzzug sollte Jerusalem von den „Heiden“ - den islamischen Herrschern - befreien. Das Bauernheer von 1096 wie auch das Ritterheer von 1097 sahen sich legitimiert, gegen alle Nichtkatholiken, vor allem gegen Juden - die „übelsten Feinde Gottes“ (Guibert von Nogent) - vorzugehen und damit im eigenen Land zu beginnen. So berichtet der jüdische Chronist Salomo bar Simeon über den Herzog Gottfried von Bouillon:
Daraufhin baten die Juden Deutschlands Kaiser Heinrich IV. um Hilfe. Dieser wies Bouillon an, sie ungeschoren zu lassen, erlegte ihnen dafür aber eine hohe Geldzahlung an ihn auf. Auch Peter von Amiens erpresste von ihnen Geld und Wegzehrung für sein Heer. Das Gefolge von Emicho von Leiningen ließ sich dadurch nicht von Raub, Plünderung und Massenmord abhalten, da dies für einfache Bauern weit mehr Aussicht auf Reichtum bot. Verschuldete Adlige ergriffen die Gelegenheit, ihre verhassten Gläubiger und jüdischen Geldverleiher zu beseitigen. So zerstörten die Kreuzfahrer planmäßig viele der bislang blühenden jüdischen Gemeinden entlang der Reiseroute. Man ermordete die seit Generationen dort Ansässigen ohne Rücksicht auf Alter oder Geschlecht und hetzte die Fliehenden solange, bis auch sie getötet waren. Verschont wurden nur Juden, die sich rechtzeitig taufen ließen. Betroffen waren 1096 in Ostfrankreich u.a. Metz und Rouen, im Rheinland Speyer (3. Mai), Worms (5.- 18. Mai), Mainz (27. Mai), Trier, Köln (ab 1.-29. Juni), Neuß und Wevelinghoven (24.-25. Juni), Altenahr (25.-26. Juni), Xanten (27. Juni), Moers (29. Juni), Prag in Böhmen. Erst in Ungarn trafen die Kreuzfahrer auf Widerstand und wurden an der Grenze von einem katholischen Heer vernichtend geschlagen. Die übrigen Heere erreichten zuletzt das „Heilige Land“, wo sie in Jerusalem eins der grausamsten Massaker jenes Jahres anrichteten. - Sie gingen in die jüdischen Annalen als Gezerot Tatnu ein. Noch heute wird in der jüdischen Liturgie der Opfer gedacht.
Einige Kirchenführer versuchten das Morden aufzuhalten. In Mainz gewährte der Erzbischof den Juden Zuflucht in seinem Wohnsitz. Er wurde deshalb mit ihnen umgebracht. In vielen Fällen beging die versammelte Judengemeinde Selbstmord, sobald ihr Versteck gefunden war. - Der Kölner Erzbischof verteilte Kölns Juden auf umliegende Dörfer und Städte, wo sie noch drei Wochen überlebten, bis man sie aufgespürt hatte. Dabei halfen oft ortsansässige Denunzianten. Nur eine Gruppe in Kerpen entging dem Tod.
Deshalb stellte Heinrich IV. im Reichslandfrieden von 1103 die Juden unter seinen Schutz. Doch ein solches Dekret war nur begrenzt wirksam. Es verbot den Schutzbedürftigen das Tragen von Waffen. Menschen ohne Waffenrecht waren jedoch im mittelalterlichen Europa praktisch vogelfrei.
Die folgenden Päpste hielten sich nun zurück: Im Decretum gratianum von 1140 befassten sich nur wenige Canones mit den Juden. Als der Mönch Rudolph im Rheinland 1146 im Vorfeld des Zweiten Kreuzzugs erneut zu Judenpogromen hetzte, erließ Papst Eugen III. die Bulle Sicut Iudaeis zu ihrem Schutz. Diese verbot Zwangstaufen, Übergriffe ohne Rechtsverfahren und erpresste Dienstleistungen, erlaubte ungestörte jüdische Feste, gebot den Schutz jüdischer Friedhöfe und drohte denen, die diese Regeln verletzten, die Exkommunikation an.
Zugleich verlangte der angesehene Theologe Petrus Venerabilis von Cluny vom fränkischen König Ludwig VII., die Juden leben zu lassen, aber vollständig zu enteignen, um mit ihrem Besitz die Kreuzfahrer zu verpflegen und auszurüsten. Denn sie seien weit schlimmere Feinde Gottes als die „Sarrazenen“ (Muslime). Dennoch sollten sie „zu einem Leben schlimmer als der Tod bewahrt bleiben“.
Dagegen bezog Bernhard von Clairvaux öffentlich Stellung, indem er Psalm 59,11f zitierte:
In England war die Lage der kleinen jüdischen Minderheit seit ihrer Ansiedlung 1066 besser als auf dem europäischen Festland. Sie wurden als belebender Wirtschaftsfaktor begrüßt. Der Prior der Westminster Abbey, Gilbert Crispin, gewährte einem jüdischen Gelehrten sogar die Ehre einer offenen religiösen Diskussion. Dabei ging es um die allegorische oder wörtliche Auslegung des Alten Testaments. Der jüdische Vertreter schlug vor, Christen könnten sich auch bei übertragener Deutung an den Wortlaut halten, damit die Tora erfüllt und zum Segen für beiderseitiges Wohlergehen würde. Dies war ein seltenes Beispiel eines toleranten Gedankenaustauschs.
Doch im Vorfeld des Dritten Kreuzzugs kam es auch in England erstmals zu Ritualmord-Vorwürfen (s.u.) und grausamen Judenpogromen. Als König Richard I. 1189 seine Teilnahme bekannt gab, griffen religiös fanatisierte Massen fast alle jüdischen Gemeinden in England an, um sie zu berauben. Am schwersten traf es die Stadt York, deren Juden - auch die, die zur Taufe bereit waren - völlig ausgerottet wurden.
Philipp II. ließ auf „eigene Nachforschung“ eines angeblichen Ritualmords hin am 16. Februar 1181 sämtlichen Besitz aller Juden von Frankreich beschlagnahmen, um seine prekäre Finanzlage zu bessern. Im Jahr darauf vertrieb er sie aus dem ganzen Land, so dass auch ihr Grundbesitz an den Königshof fiel. Die Synagogen ließ er „reinigen“ und widmete sie dann zu Kirchen um. Mit Schenkungen solcher Gebäude band er den französischen Klerus umso fester an sich. - 1198 rief er die vertriebenen Juden jedoch zurück in sein Land. Der Zisterzienser-Abt Adam von Perseigne verfasste im selben Jahr eine heftige Kritik an der Habsucht des Priesterstands:
Juden könnten nur durch Geduld und christliches Vorbild gewonnen werden. Die ehrlichen Christen sollten ihren Bekehrungseifer zunächst ihren verdorbenen Glaubensbrüdern zuwenden.
Jüdische Fernhändler wurden im 12. Jahrhundert auch sonst aus dem internationalen Handel verdrängt. Verbliebene jüdische Minderheiten wurden durch immer höhere Schutzzölle und Sondersteuern belastet. In dieser Zeit begann die jüdische Abwanderung nach Osteuropa.
Nach der Erfahrung der Kreuzzüge machte Friedrich II. die Juden 1236 zu so genannten Kammerknechten („Servi camerae nostrae“). Dadurch gerieten sie in direkte Abhängigkeit vom Kaiser. Dieser ließ sich ihren Schutz mit einer „Judensteuer“ bezahlen. Dieses „Judenregal“ wurde nach dem Zusammenbruch der kaiserlichen Zentralgewalt im Interregnum von vielen deutschen Territorialfürsten beansprucht. Die Goldene Bulle von 1356 bestätigte den Kurfürsten das Recht dazu. Oft war die Schutzsteuer so hoch, dass sie die jüdischen Geldverleiher zwang, hohe Zinsen zu verlangen. Das erzeugte neue Vorurteile und verstärkte den Hass der christlichen Bevölkerung auf die „Wucherer“.
Auch die Päpste sahen sich als Schutzherren der Juden und unterstellten sie ihrer „Sündenknechtschaft“. So verlangte Papst Innozenz III. vom fränkischen König, er solle die Juden als Strafe für ihre Schuld am Tod Christi unterdrücken, „damit diese nicht wagen, ihren Nacken, der dem Joch ewiger Knechtschaft unterworfen ist, zu erheben...sondern immer die Scham ihrer Schuld betrachten.“
Derselbe Papst dogmatisierte 1215 auf dem IV. Laterankonzil die Transsubstantiation (Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi). Das Konzil verschärfte ältere Kirchendekrete und verpflichtete alle Juden und „Sarazenen“ (Muslime) zu einer Kleiderordnung, um „Mischehen“ auszuschließen. Es beschloss außerdem ein Ämter- und Missionsverbot für Juden und wies ihnen das Wohnen in gesonderten Stadtvierteln zu. Christen durften nicht für sie arbeiten und nicht mit ihnen essen. Für ihre „Wucherzinsen“ mussten Juden den Kirchen den Zehnten abgeben; andernfalls würden sie vom Handel mit Christen ausgeschlossen. Getauften Juden wurde die Beachtung jüdischer Riten vollständig verboten.
Thomas von Aquin bekräftigte fast alle diese Maßnahmen in seiner Schrift De regimine Iudaeorum. Die theologische Rechtfertigung des Kirchenrechts wiederum verfestigte die Judenfeindlichkeit in der Bevölkerung. Damit wurden aber nur antijüdische Entwicklungen untermauert, die längst im Gang waren. Berufsverbote für Juden waren seit 100 Jahren üblich. Auch die Einrichtung von Judenghettos lässt sich seit Beginn des 11. Jahrhunderts belegen.
Die Beschlüsse des Konzils wurden nicht überall und nicht einheitlich umgesetzt. Erst seit dem 15. Jahrhundert mussten Juden neben dem Spitzhut einen gelben Ring oder Kreis auf dem Mantel tragen. Besonders seit dem „Judendekret“ des Konzils von Basel (1434), das u.a. durch die Legationsreise des Kardinals Nikolaus von Kues 1450 propagiert wurde, entstanden in den meisten deutschen Städten jüdische Stadtviertel, die von Mauern umgeben und deren Tore nachts verschlossen waren. Dadurch wurden die Juden bei Pogromen zu einem leicht greifbaren Ziel.
Die Konzilsbeschlüsse verbanden Katholizismus und Antijudaismus noch enger miteinander und verschärften die Isolierung der Juden. Das Zinsverbot ließ sich nicht durchhalten; auch Wirtschaftskrisen konnten nun den religiös bereits völlig unterdrückten Juden angelastet werden. Das hatte in Zeiten der Not fatale Folgen.
Anonyme Anklagen dieser Art führten oft zu örtlichen Pogromen, da sie nicht einzelne, sondern alle Juden betrafen. Wo die Autoritäten eingriffen, kam es zu Schauprozessen und unter Folter erzwungenen „Geständnissen“. Die Feindbilder des christlichen Volksglaubens gleichen dabei frappierend jenen, die im römischen Reich den Christen selber gegenüber laut wurden und damalige Christenverfolgung begleiteten. Sie wurden zwar von den Päpsten meist zurückgewiesen, von weltlichen Herrschern aber teilweise für finanzielle und politische Interessen benutzt.
Diese behaupteten, dass Juden christliche Kinder schlachten, deren Blut in ihr Passahbrot (Mazzen) einbacken und damit Unheil auf die Christen herabbeschwören. Ähnlich hatten Römer früher die Abendmahlsfeier der Christen als kannibalischen Akt denunziert. Der Vorwurf wurde oft während der Karwoche vor Ostern erhoben und ignorierte das jüdische Verbot des Blutgenusses ebenso wie den Sinn des Pessachfestes: Dieses erinnert an Israels Befreiung aus der Sklaverei, die die Ablösung von Menschenopfern durch ein Tieropfer begründet.Ein Ritualmordvorwurf tauchte erstmals 1144 in Norwich, 1168 auch in Gloucester auf. 1171 führte eine erfundene Ritualmord-Anklage in Blois (Frankreich) erstmals zu einem förmlichen Prozess gegen 40 Juden. Man bot ihnen an, sie am Leben zu lassen, falls sie sich zu Christus bekehrten. Als sie dies trotz Folter verweigerten, wurden sie verbrannt.
1235 wurde in Fulda erstmals im deutschsprachigen Raum ein Gerücht laut, Juden hätten einen Hausbrand und den Tod von fünf Kindern verursacht: Der Mord an 32 örtlichen Juden war von einer Mordanklage gegen alle Juden des Reiches begleitet. Friedrich II. ordnete eine Untersuchung an, die mit Freispruch endete.
Nach dem Folterprozess von Valréas 1247 verbot Papst Innozenz IV. die Blutbeschuldigung und betonte - vergeblich -, dass die Tora Juden den Genuss von Blut verbiete. Auch der spätere Reformpapst Martin V. wies die Legendenbildung durch Hetzprediger in seiner Judenschutzbulle 1422 energisch zurück. Dennoch gab es Ritualmordanklagen und Schauprozesse dazu bis ins 20. Jahrhundert hinein. Die bekanntesten Fälle waren Hugo von Lincoln 1255, Werner von Oberwesel 1287 und Simon von Trient 1475. Noch 1840 wurde eine solche Anklage in der „Damaskusaffäre“ vom Vatikan gestützt.
Mit dem Ritualmord verband sich auch das Rattenfänger-Motiv der „Kindesentführung“. Der Klerus fürchtete ohnehin ständig den verderblichen Einfluss jüdischen Andersseins auf die christliche Jugend. Man warf Juden vor, was Christen ihnen oft selber real zufügten: Missionare und Inquisitoren nahmen „Ketzern“ und Juden in Spanien und anderswo ihre Kinder durch Zwangstaufe oder Zwangsadoption weg, um sie ihrem „gottlosen“ Einfluss zu entziehen.
In Deutschland zog der fränkische Adelige Rintfleisch 1298 durch die Lande, um einen angeblichen Hostienfrevel in Röttingen anzuklagen: Dies führte zur Vernichtung von 140 jüdischen Gemeinden in Franken, Bayern und Österreich. Auch in Deggendorf wurde eine jüdische Gemeinde deswegen 1338 vollkommen ausgelöscht.
Nur König Ludwig IX. von Frankreich befolgte den Befehl am 3. März 1240, setzte aber eine öffentliche Disputation an, die erst die Vorwürfe klären sollte. Sie brachte dem Wortführer der jüdischen Seite, Rabbi Jechiel ben Josef, einen rhetorischen Sieg und hohes Ansehen. Doch das Urteil stand längst fest: Nach einem Aufschub wurden am 29. September 1242 einige 10.000 Talmudexemplare - 24 Wagen voll - in Paris öffentlich verbrannt.
Papst Innozenz IV. bekräftigte 1244: Im Talmud würden Gott, Christus und Maria gelästert, seine mündliche Überlieferung (die Haggada) verfälsche das biblische Gesetz, das auf Christus hinweise, und erziehe die Juden dazu, sich dem Hören auf die wahre Lehre der Kirche zu verweigern. Als eine jüdische Delegation erklärte, der Talmud sei für Juden unentbehrlich, um die Bibel zu verstehen, ließ er ihn untersuchen. 40 Gutachter der Universität Paris, darunter Albertus Magnus, verurteilten den Talmud erneut.
Dies rechtfertigte fortgesetzte Zensur-, Einzugs- und Verbrennungsaktionen späterer Päpste, französischer Könige und vor allem der dortigen Inquisition. Bernard Guis berühmtes „Ketzerhandbuch“ führte neben dem Talmud rabbinische Bibelkommentare auf, die es einzuziehen gelte, darunter Schriften von Moses Maimonides. Er veranstaltete 1319 in Toulouse eine weitere Bücherverbrennung. Dies machte die jüdische Religionsausübung zeitweise unmöglich.
In Deutschland blieb es bei öffentlicher Verhöhnung des Talmud und Hetzreden. Damals populäre Prediger wie Berthold von Regensburg und Konrad von Würzburg setzten Juden und Ketzer gleich. Da sie am Talmud festhielten, seien sie alle zur Hölle verdammt.
In Spanien kam es bis 1263 zu Talmudverboten. Danach begnügte sich König Jakob I. von Aragon damit, dass Juden anstößige Stellen freiwillig strichen. Diese festzustellen überließ er einer Kommission unter dem Dominikaner Ramon von Penaforte. Als sich das Verfahren als unwirksam erwies, zog er den Zensurbefehl 1265 zurück.
Ein Gutachter, der Mönch Ramon Marti, hatte das rabbinische Schrifttum positiver beurteilt. Er fand im Talmud viel Verwandtes zu Lehren Jesu und versuchte, aus Legenden der Haggada Jesu Messianität zu beweisen. Nur aus ihrem eigenen Schrifttum heraus könne der christliche Prediger die Juden überzeugen. Sein um 1280 entstandenes Hauptwerk Pugio fidei adversos Mauros et Iudaeos beeinflusste auch Martin Luther (s.u.).
Der Gegenpapst Benedikt XIII. jedoch erließ 1415 mit einer „Judenbulle“ ein Totalverbot der Talmudbenutzung und -verbreitung. Ausgenommen waren nur päpstlich beauftragte Judenmissionare.
Die Tora verlangte zwar Reinheit im Alltag, so dass die Judenghettos ihre Brunnen tiefer anlegten und eher auf saubere Gassen und Körperhygiene achteten als die übrige Stadtbevölkerung. Doch sauberes Wasser war auch dort knapp. Die Pest betraf Juden ebenso.
Doch die kirchliche Propaganda hatte das Vorurteil des heimtückischen, zu allen Verbrechen fähigen Juden längst tief im Aberglauben der mittelalterlichen Bevölkerung verankert und bestärkte es laufend. Die Pogrome des Jahres 1349 waren daher sehr oft eine „Prävention“, bevor die Pest einen Ort erreichte.
Die Ankläger waren oft örtliche Handwerker, Bauern oder Kleingewerbetreibende, die bei Juden hoch verschuldet waren und die Gelegenheit nutzten, ihre Gläubiger loszuwerden. So schrieb der Priester Jakob Twinger in Straßburg:
Zu diesen religiösen Anklagen gesellte sich im Lauf des Hochmittelalters das ökonomische Klischee des
Um 1330 griffen Hungerkatastrophen und Seuchen um sich, die die Gegensätze zwischen Arm und Reich und Stadt und Land verschärften. Immer mehr verarmte Bauern mussten Kredite bei städtischen Juden aufnehmen. Unzufriedene verschuldete Bauern rotteten sich nun als „Judenschläger“ zusammen, um an Ghettojuden wahllos Rache zu üben. So kam es 1336-38 erneut zu einer Pogromwelle in Franken, Schwaben, Österreich, der Steiermark, dem Elsass und Rheingau.
Das Wucher-Klischee wurde von italienischen Bettelmönchen, allen voran den Franziskanern, im 15. Jahrhundert mit reichsweiten Hetzpredigten geschürt. Bernhardin von Siena (1380-1444) griff dabei den Wucher auch der Christen an. Bernhardin von Feltre (1439-1494) dagegen galt als „Geißel“ der Juden: Als Friedensstifter von vielen Städten gerufen, stachelte er überall zu Pogromen gegen sie auf. Dabei ignorierte er päpstliche Schutzbriefe und beschwerte sich in Rom darüber, dass diese die „Anmaßung“ der Juden gegenüber Christen begünstigten. Daraufhin wurden die Päpste Eugen IV. und Nikolaus V. schwankend und griffen zum Teil auf Canones des 4. Laterankonzils zurück.
Weder Mönche noch Päpste verstanden die ökonomischen Notwendigkeiten des aufkommenden Merkantilismus: Sie berücksichtigten nicht, dass ohne Zinsnahme kein Geldgeschäft und kein Handel möglich war. Gerade die ärmeren Handwerker und das Kleingewerbe der Städte war auf die Leihanstalten angewiesen, die nur Juden betreiben durften. Diese konnten nur durch Zinsen leben. Je höhere Abgaben christliche Herrscher verlangten, umso höhere Zinsen mussten sie nehmen.
1221 wurde die jüdische Gemeinde in Erfurt ausgelöscht, 1235 folgte die in Fulda, 1285 die in München. 1264 wurden englische Juden Opfer eines Pogroms in London. In sämtlichen Fällen ging dem Pogrom der Vorwurf eines angeblichen Ritualmords voraus.
Nun begann auch eine Welle von Vertreibungen jüdischer Gemeinden. 1290 vertrieb König Eduard I. von England alle Juden aus seinem Reich. 1306 tat Philipp IV. es ihm in Frankreich nach. Doch Ludwig X. erlaubte 1315 die Rückkehr der französischen Juden. 1394 wurden sie unter Karl VI. endgültig vertrieben.
Die meisten vertriebenen Juden aus England und Frankreich flohen zunächst in das Heilige Römische Reich, in deutsche oder italienische Gebiete. Dort waren sie keineswegs überall vor Verfolgung sicher. Sie wurden in den europäischen Königreichen und Fürstentümern nur geduldet, solange sie den Herrschern wirtschaftlichen Nutzen brachten.
1348 brach die Pest in weiten Teilen Mitteleuropas aus. Damit erreichten die Judenverfolgungen einen grausamen Höhepunkt. Sofort kam das Gerücht auf, sie hätten „Brunnen vergiftet“ und damit die Seuche ausgelöst. Angesichts des um sich greifenden Zerfalls der Autoritäten, die hilflos gegenüber dem „Schwarzen Tod“ waren, fand die Bevölkerung in ihnen den geeigneten Sündenbock.
Zwar versuchten Kaiser und Papst, ihre Pflichten wahrzunehmen und die Juden zu schützen. Klemens VI. argumentierte erstmals rational: Die Pest wüte auch dort, wo keine Juden lebten, und raffe auch sie dahin, wo sie lebten. Er verbot das Hinrichten von Juden ohne Gerichtsverfahren. Das half ihnen jedoch nur in Avignon.
1349 kam es in vielen Städten noch vor Ausbruch der Pest zu Massakern an Juden, oft angeheizt durch die Flagellanten. Vielfach brachten sich Juden selbst um, um der Folter und Verbrennung zu entgehen. Ein Jahr darauf lebten nur noch wenige Juden in Mitteleuropa. Nur in Spanien, Österreich und Polen erreichten die Herrscher ein vorzeitiges Ende der Pogrome.
Die Massenmorde waren nicht nur von religiösem Hass, Aberglauben und politischer Unfähigkeit verursacht. Hinzu kamen Interessen der verschuldeten Adeligen und Bürger, die eine willkommene Gelegenheit sahen, ihre Gläubiger loszuwerden.
Spaniens Eroberung durch die Muslime 713 wurde von den Juden daher als große Befreiung erlebt. Unter den Mauren kam es in Spanien und Portugal zu einer friedlichen Toleranz und Zusammenarbeit von Juden, Christen und Muslimen, die zugleich eine wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit war.
In Marokko und Persien jedoch wurden wie in Europa jüdische Ghettos eingerichtet. Zeitweise wurde den Juden dort auch eine Kleiderordnung aufgezwungen (siehe Gelber Ring). 1033 wurden in Fès mehrere Tausend Juden von aufgebrachten Moslems umgebracht, 1066 folgte ein Blutbad in Granada.
Dennoch waren gewaltsame Übergriffe auf Juden hier deutlich seltener als in Europa. Später wurde die jüdische Minderheit jedoch auch in islamischen Ländern ausgegrenzt. Erst 1492 entstand auf Einladung der islamischen Herrscher wieder eine jüdische Gemeinde in Jerusalem. Die Juden konnten unter den Osmanen lange Zeit unbehelligt dort leben.
Siehe dazu: Arabischer Antisemitismus#Das historische Verhältnis des Islam zum Judentum
König Ferdinand II. und seine Gemahlin Isabella I. jedoch gründeten die Inquisition zu dem Zweck, jüdische und maurische Konvertiten aufzuspüren, zu enteignen, zu vertreiben und zu vernichten, die sie im Verdacht hatten, heimlich ihre angestammte Religion weiter auszuüben, nachdem die spanischen Juden 1492 vor die Alternative gestellt worden waren, entweder das Land zu verlassen oder sich taufen zu lassen. Juden mussten theologische Scheindebatten und Schauprozesse - sogenannte „Autodafés“ - über sich ergehen lassen und endeten dabei zu Tausenden auf dem Scheiterhaufen. Und selbst wenn sie sich taufen ließen, wurden die Juden von der christlichen Mehrheit nicht als vollgültige Kirchenmitglieder geachtet, sondern als marranos (span. für Schweine) beschimpft. Die Marranen wurden teils noch bis in die dritte Generation verachtet und angefeindet. Sie reagierten darauf ähnlich wie Morisken, d.h. verfolgte Muslime: mit der Geheimhaltung ihres Glaubens (Taqiyya). Das wiederum verstärkte das Misstrauen gegen alle Juden. Seitdem konnten diese mit dem Namen „Jesus Christus“ nur noch Terror, Folter, Verbrennung verbinden. Diese Hetzjagd erreichte mit Tomas de Torquemada ihren Höhepunkt, der das Ideal der „limpieza de sangre“ (span. für Reinheit des Blutes) aufstellte: Nur reinblütige Spanier ohne jüdische oder maurische Vorfahren galten als vertrauenswürdig. Damit wurde erstmals die Judenfeindschaft von ihrer bisherigen religiösen Begründung gelöst und mit der Abstammung gerechtfertigt - ein Rassismus avant la lettre.
956 oder 957 zerstörte Swjatoslaw I. die Reichshauptstadt Itil an der Wolga und besiegelte damit den Untergang des Chasarenreichs. In der Tauflegende um Großfürst Wladimir I. von Kiew spielen die Chasaren noch einmal eine Rolle: Nach der Nestorchronik habe Wladimir Vertreter der vier großen Religionen empfangen um selbst zu entscheiden, welcher Religion sich die Rus anschließen sollten. Das Judentum vertreten in dieser Legende Vertreter der Chasaren. Die Juden werden in ihr als das zerstreute Volk dargestellt, das den Zorn Gottes auf sich gezogen habe und deshalb aus seiner Heimat vertrieben wurde.
Von Konstantinopel, dessen Religion sie annahmen, übernahmen die Kiewer Großfürsten auch den byzantinischen Antijudaismus.
Ob nach der Zerschlagung des Chasarenreichs größere Gemeinschaften von Chasaren im Kiewer Herrschaftsgebiet existierten, ist in der historischen Forschung umstritten.
Unter Großfürst Wladimir Monomach kam es um 1113 zu einem ersten Pogrom an Juden in Kiew. Geduldet waren nur die kleinen, relativ wohlhabenden Gemeinden der Karäer.
In Italien dagegen kam es seit der Renaissance, die das antike philosophische Erbe wiederentdeckte, zu toleranten Begegnungen zwischen gebildeten jüdischen und christlichen Humanisten.
hob nach dem frühen Vorbild Ramon Llulls (Buch von den Heiden und den drei Weisen, 13. Jhdt.) die Gemeinsamkeiten der drei monotheistischen Religionen hervor. Er verfasste nach der türkischen Eroberung Konstantinopels 1453 die Schrift De pace fidei: Gott sei so groß, dass eine Religion zu seiner Verehrung nicht ausreiche. Die besten Weisen sollten gemeinsam die Übereinstimmung der Religionen in einer Universalreligion herausfinden - die freilich für Kues mit dem Christentum identisch war. übernahm wohl von Paulus Heredia die Spekulation über den Heiligsten Gottesnamen in der jüdischen Kabbala. In seinen 72 Propositiones erklärte er: Das Tetragramm JHWH weise zwingend auf den Namen Jesus (JHSUH) hin. Daher sei die jüdische Kabbala geradezu notwendig, um Gewissheit im christlichen Glauben zu erlangen. Dies verwarf eine päpstliche Kommission als Häresie. war einer der wenigen deutschen Theologen, die damals das Hebräische beherrschten. Sein Lehrer war der berühmte jüdische Arzt Jacob Ben Jehiel Loans. Reuchlin studierte die Kabbala und übernahm Picos Auffassung, sie stimme mit der Philosophie des Pythagoras überein. In seinem Werk De verbo mirifico (1494) führen ein Jude, ein hellenistischer Philosoph und ein Christ (der Autor) einen fiktiven Trialog über den unaussprechlichen Gottesnamen. Dabei griff der Kölner Humanist auf Josef Gikatilla zurück, dessen Hauptwerke zur Kabbala Paulus Ricius unter dem Titel Porta lucis (Tor des Lichts) ins Lateinische übersetzt hatte. In De arte cabalistica (um 1507) verteidigte Reuchlin die theoretische Namensspekulation als Weg zur Erleuchtung, die praktische Namensmagie dagegen verwarf er.Damit zog er sich den Hass der Kölner Dominikaner zu, die unter dem Inquisitor Jakob Hochstraten und dem jüdischen Konvertiten Johannes Pfefferkorn den Talmud bekämpften und nun auch Reuchlins Schriften auf den Index setzten. Der italienische Humanist und Franziskaner Petrus Galatinus verteidigte ihn mit der Schrift De arcanis Catholicae veritatis, die den Talmud zur Auslegung des Alten Testaments heranzog. Damit wolle er die hartnäckigen Juden durch Zitieren ihrer hebräischen Schriften widerlegen. Einen Überblick über diese gab Kardinal Aegidius Antonini von Viterbo. Auch dieser Freund Reuchlins wollte wie alle christlichen Kabbalisten die Juden bekehren.
Pfefferkorn hatte sich 1505 taufen lassen und verfasste eine Reihe äußerst judenfeindlicher Schriften, die die Dominikaner ins Lateinische übersetzten: den Judenspiegel (1507), die Judenbeichte (1508), das Osternbuch (1508) und den Judenfeind (1509). Darin beschrieb er die Juden als gefährlicher als der Teufel und Bluthunde. Sie trachteten den Christen nach dem Leben. Es sei daher Pflicht jedes Christen, sie wie räudige Hunde zu verjagen. Vor allem ihre Bücher, in denen Gott, Jesus und Maria gelästert würden, seien an ihrer Verstocktheit und an aller Zwietracht unter den Christen Schuld. Erst wenn man sie ihnen gewaltsam wegnehme, könne man sie bekehren und Frieden unter Christen erreichen:
Das löste heftigen Streit aus. Pfefferkorn schrieb voller Wut in seinem Handspiegel, Reuchlin begünstige die Juden und vertusche ihre Bosheit. Darauf gab dieser 1511 in seinem Augenspiegel eine sehr moderne Antwort:
1514 unterstützte er in einem Gutachten für den sächsischen Kurfürsten Johannes Reuchlin gegen die Kölner Dominikaner, die Talmudbücher verbrennen wollten. Er begründete dies aber konträr (WAB 1/7, 23f):
In seiner ersten Psalmenvorlesung 1513-1515 übernahm Luther die Ersatztheologie der Patristik:
Über antijudaistische Hetzprediger sagte er (WA 56/436, 13ff):
1523 schrieb Luther Dass Jesus Christus ein geborner Jude sei. Die Schrift reagierte auf den katholischen Vorwurf, er habe die Jungfrauengeburt geleugnet. Als wunderbar gezeugter, aber natürlich geborener Sohn Marias sei Gottes Sohn zugleich aus „Abrahams Samen“ entstanden. Damit wollte Luther der Juden etliche * zum Christenglauben reizen. Er beklagte, dass die katholische Kirche sie mit Zwangstaufen und Canones wie Hunde misshandelt und ihnen Christus vorenthalten habe. Es sei klar, dass sie sie so nicht habe bekehren können:
Zuvor hatte Luthers Gerichtspredigt die evangelischen Christen den Türken, Papisten und Juden als vom Teufel verführten „Gotteslästerern“ an die Seite gestellt, um sie die Solidarität der Sünder zu lehren: Nun argumentierte er immer stärker für die politische Unterdrückung der rabbinischen Lehre, die er als große Gefahr sah.
Die Gründe für diesen Umschwung hängen mit dem 1525 niedergeschlagenen Bauernkrieg und dem erfolgreichen Augsburger Reichstag zusammen: Seitdem war die Reformation zur Sache der protestantischen Landesfürsten und Luther ihr kirchenpolitischer Ratgeber geworden. So erklärte er, Moses habe den Juden das Erheben von Wucherzinsen erlaubt; den Christen aber sei dies verboten. Jedoch dürfe die Obrigkeit den Juden die Gewinne aus dem Wucherzins mit Gewalt wieder abnehmen. Denn Gottes Zorn habe sie den Völkern unterworfen. Auf dieser Linie rechtfertigte Luther die politische und kirchenrechtliche Unterdrückung der Juden.
In dem Maß, wie er die Lage der evangelischen Länder von außen wie innen bedroht sah, verschärfte sich seine Ablehnung: Im Sommer 1532 plädierte er noch für die Aufnahme taufwilliger Juden, im Herbst wollte er den nächsten Juden mit einem Stein um den Hals in der Elbe „taufen“. 1533 plädierte er noch für Duldung, 1536 schon für die Vertreibung der Juden, 1537 warnte er alle, Fürsten wie Privatleute, vor Geschäften mit ihnen.
Dabei spielte Luthers Disput mit drei gelehrten Rabbinern über Weissagungen der Bibel eine Rolle: Er begegnete der missionarischen Kraft ihres Messianismus, der nach den Vertreibungen des 15. Jahrhunderts damals unter Juden verbreitet war. Er glaubte, diesen genauso hart wie die „Schwärmer“ bekämpfen zu müssen, weil er in beiden die Gefahr gesetzlichen Zwanges für die Christen sah.
1538 schrieb er den Brief wider die Sabbather an einen guten Freund. Um Missionserfolge der Juden in Böhmen und Mähren abzuwehren, argumentierte er für eine christologische Einheit der Bibel: Das Alte Testament weise von sich aus immer deutlicher auf die Menschwerdung Gottes in seinem Messias hin, die die Juden leugneten. Dazu kam das alte patristische Argument, die Tempelzerstörung sei die Strafe für Israels Ablehnung Chrísti gewesen und beweise seine Verwerfung.
1544 schrieb er Vom Schem Hamphoras und vom Geschlecht Christi: Darin machte er die Talmud-Exegese der Bibel lächerlich und griff dazu die antijüdische Hetze des Antonius Margaritha auf. Jüdische Feindseligkeit gegen Christus zeigten ihr Ketzerfluch im Achtzehnbittengebet und ihre Toledoth Jeschu, die Jesus als Zauberer und unehelich gezeugten Wechselbalg verunglimpften. Dagegen behauptete er, das Alte Testament habe nicht nur den Messias, sondern auch die Jungfrauengeburt vorhergesagt. Er versuchte wie Athanasius und Augustin, in Bibelstellen detailliert die Rede des Vaters, des Sohnes und des Geistes zu unterscheiden. Nur in seinem eigenen Wort sei Gottes dreifältige Wesenseinheit zu finden. Die Vernunft könne nicht einmal über die formale Existenz des Schöpfers adäquat urteilen, schon gar nicht über das Ende der Geschichte spekulieren.
Damit griff Luther die natürliche Theologie des Thomismus und der jüdischen Kabbala an. Dazu datierte er den Fristablauf der bei Daniel angekündigten 70 Jahrwochen auf Tod und Auferstehung Jesu. Die nachbiblische Geschichte des Judentums sei also seit 1.468 Jahren ohne jede Verheißung. So wollte er mittels jüdischer Bibelauslegung den jüdischen Glauben widerlegen. Diese berechnende Apologetik wertete aber unter der Hand die historische Exegese jüdischer Theologen wie Nikolaus von Lyra und Paul von Burgos auf, die Luther kannte. Hatten seine reformatorischen Frühschriften die Vernunft als gänzlich untauglich zur Erkenntnis Gottes dargestellt, so gab er ihr nun ein gewisses Eigenrecht zum Erweis der Messianität Jesu aus der Gesamtbibel. Hieran knüpfte die spätere lutherische Orthodoxie an.
1543 schrieb er Von den Juden und jren lügen, um Christen über die aus seiner Sicht falsche jüdische Theologie aufzuklären. Grundfehler der Juden sei ihr Glaube, dass ihre Erwählung sie bereits vor Gott rechtfertige. Aber alle Menschen seien Sünder und stünden unter Gottes Zorn. Mit dieser Bußpredigt verquickte er aber die traditionelle antijudaistische Polemik: Juden seien alle verstockt, blutdürstig, rachsüchtig, geldgierig, leibhaftige Teufel usw. Sie würden die christliche Jugend wider besseres Wissen verführen, auf einen anderen, rein weltlichen Christus zu warten.
Auch das Klischee des jüdischen Ausbeuters griff er auf:
Luthers Schrift bündelte die mittelalterliche Judenfeindschaft, sammelte und verstärkte sämtliche damals umlaufenden Klischees und überlieferte sie der Neuzeit. Er folgte darin dem Hauptstrom der christlichen Theologie, die Juden erst zu bekehren versuchte, dann ihre Verfolgung rechtfertigte und aktiv betrieb. Doch in seiner letzten Predigt am 15. Februar 1546 mahnte er erneut, sich um die Bekehrung der Juden zu bemühen: Damit relativierte er seine antijüdischen Forderungen. Der theologische Hintergrund jedoch blieb derselbe: Ohne das Evangelium gab es für ihn keine Erlösung, nur den Tod. So wollte Luther im Grunde auch die „verstockten“ Juden bis zuletzt für den Glauben an Jesus Christus gewinnen.
Die Haltung von Luthers Schülern und Zeitgenossen zum Judentum ist daher differenzierter als die der katholischen Scholastik. Bei einigen Reformatoren wuchs die Ablehnung noch, während sich philosophisch geschulte Humanisten eher mäßigend zu Gunsten der Juden äußerten. Der literarische Judenhass war jedoch nicht immer Hauptanliegen der Autoren, sondern Konvention und Mittel, um sich Gehör zu verschaffen (siehe Links).
Paul Staffelsteiner verfasste 1536 Eine kurtze underrichtung. Darin bezeichnete er jüdische Gläubige als „Heuchler und Blender", ihren Glauben als „ungegrundte erdichtete Ceremonien". Dieser „aufklärerische“ Ansatz richtete sich nur gegen Juden.
Von Wolfgang Rus erschien 1536 das judenfeindliche Buch der Altveter / des Israelitischen Volks / nemlich woher di Synagog, das Volck Gottes / oder die Kirche iren ursprung habe. Er stand in der Tradition der frühchristlichen Geschichtsfälschung.
Antonius Margaritha war als jüdischer Konvertit politischer Berater christlicher Herrscher für antijüdische Maßnahmen. Sein Werk Der gantz judisch Glaub von 1531 zog das Fazit: In summa kein Jud will keynem Christen wol. Über die Arbeitsmoral der Juden hieß es wie bei Luther:
Martin Bucer schrieb 1539 einen Ratgeber, der Juden wie Nutztiere sah: von den jude/ ob un wie die unde den Christe zu halten sind. Er empfahl, sie zu unterdrücken:
Philipp Melanchthon und der Schweizer Reformator Heinrich Bullinger jedoch kritisierten Luthers Schem Hamphoras (1544) öffentlich: Sie sei von einem Schweinehirten, nicht von einem berühmten Seelenhirten geschrieben. Luthers Schmähschriften fanden also auch bei seinen Anhängern nicht immer Anklang. So verteidigte Melanchthon auf dem Ständetag in Frankfurt am Main 1539 posthum die Unschuld von 38 Juden, die 1510 wegen Hostiendiebstahls verbrannt worden waren.
Andreas Osiander schrieb 1529 ein Gutachten zu einem Mordfall, das er 1540 anonym veröffentlichte, bald aber als Autor von Johannes Eck entdeckt wurde: Ob es wahr und glaublich sey, daß die Juden der Christen kindt heymlich erwürgen und ihr Blut gebrauchen. Darin engagierte er sich differenziert gegen das Stereotyp des Ritualmords und fasste zusammen: Wer aber will so teuflische Hirngespinste glauben, die gegen Gottes Wort, die Natur und alle Vernunft sind? Diese Haltung blieb jedoch eine Ausnahme. Viele Christen hielten ihre Vorurteile weiter fest, obwohl Renaissance, Humanismus und beginnende Aufklärung ihnen bessere Kenntnis des Judentums ermöglichten.
Unter Papst Julius III. ließ die römische Inquisition im Kirchenstaat alle talmudischen Bücher einziehen und am jüdischen Neujahrsfest, dem 9. September 1553, öffentlich verbrennen. Weitere Bücherverbrennungen folgten in Pesaro unter dem Inquisitor Michele Ghislieri, der spätere Papst Pius V., in Venedig und Ancona. Alle Bücher sollten vor dem Druck der Zensur vorgelegt werden; tatsächlich ließ Paul IV. auf Betreiben des Konvertiten Andreas de Monte 1557 auch alle bereits zensierten hebräischen Bücher einziehen. Er gab 1559 den ersten Index verbotener Bücher heraus, der die Lektüre des Talmud und aller Kommentare dazu verbot.
Papst Pius IV. erlaubte im Trienter Index 1564 jedoch wieder den Druck talmudischer Schriften, sofern sie anders genannt wurden und keine Schmähungen des Christentums enthielten. Jakob von Bonaventura hatte das Trienter Konzil für die italienischen Juden erfolgreich darum gebeten und sich zur Übernahme der Prüfungskosten bereit erklärt. Seitdem hieß der „bereinigte“ Talmud für Juden stets Gemara oder Schischa Sedarim. Sie sorgten teilweise selbst für die Zensur, indem sie Listen der für Christen anstößigen Stellen anlegten, so z.B. der Rabbiner Abraham Provenzale aus Mantua um 1555.
Hinzu kam die Verschärfung der Sozialpolitik gegenüber den Juden im Kirchenstaat: Papst Paul IV. witterte angesichts der Ausbreitung des Protestantismus überall „Ketzerei“ und sah Juden als deren Drahtzieher. 1555 erließ er die Bulle Cum nimis absurdum, um die römischen Juden zu demütigen und an ihrer Entfaltung zu hindern. Er verbot christlichen Hausangestellten Dienste und die Anrede „Herr“ für Juden, diesen den Aufenthalt nahe Kirchen, gebot ihnen Latein als einzige Geschäftssprache und zwang sie zur Umsiedlung in den ärmsten Stadtteil am Tiberufer. Am 26. Juli mussten sie alle in das neue Ghetto ziehen.
Papst Pius IV. hob einige dieser Maßnahmen seines Vorgängers wieder auf. Er erlaubte, dass Juden auf Reisen keinen Judenhut tragen mussten, so dass sie besser vor Überfällen geschützt waren. Auch die eingezogenen Bücher gab er ihnen zurück. Doch er regierte nur sechs Jahre; sein Nachfolger Pius V. erneuerte 1566 nur drei Monate nach Amtsantritt die Bulle Cum nimis absurdum und verbot jeden Kontakt zwischen Neuchristen (getauften Juden) und Juden: Sie durften nicht miteinander speisen und das jüdische Ghetto bei Folterandrohung nicht betreten. 1569 wies er alle Juden aus dem Kirchenstaat aus. Er rechtfertigte dies neben den bekannten Gottesmord-Anklagen mit angeblicher Wahrsagerei und Zauberei. Wer nach drei Monaten noch anzutreffen wäre, würde seinen ganzen Besitz verlieren. Nur die Juden in Rom und Ancona waren ausgenommen, weil er nahe dem Heiligen Stuhl ihre Bekehrung erhoffte.
Damit war die kurze Phase der toleranten Begegnung von jüdischen und christlichen Humanisten beendet. Doch anders als der Talmud blieben die Kabbala-Schriften von der katholischen Zensur weitgehend unbehelligt und konnten sogar neu gedruckt werden: so der Sohar 1558/59.
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"Antijudaismus im Mittelalter".
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