Steinwenden.Amis_raus.2006-03-18.jpg Antiamerikanismus bezeichnet eine ressentimentgeladene und ideologisch begründete Ablehnung der Vereinigten Staaten von Amerika und dessen, was für US-amerikanisch gehalten wird. Mit dem Vorwurf des Amerikanismus soll dargestellt werden, dass der Gegenstand der Ablehnung nicht als Sachverhalt kritisiert, sondern als amerikanisch gebrandmarkt und seiner eigentlichen Kritik entzogen wird.
Im Sprachgebrauch wird Kritik an Einrichtungen, Personen und Politik der USA als Antiamerikanismus bezeichnet, wenn eine solche Haltung unterstellt wird (s. "Überwiegende Begriffsverwendung"). Ablehnung der Staaten Lateinamerikas und Kanadas sowie Rassismus gegen deren Bewohner sind dagegen kein Antiamerikanismus.
Wer die USA als Energieverschwender bezeichnet, wird sicher nicht als Antiamerikanist angesehen, jedoch liegt selbst hier die Sache nicht so klar, wie sie auf den ersten Blick aussieht. Aus den USA stammen viele Erfindungen, welche helfen den Energieverbrauch und die Umweltbelastung weltweit zu senken. In Steinkohleeinheiten pro Kopf in kg liegen die USA hinter Kanada in der Spitzengruppe der Verbraucher *. Der Pro-Kopf-Verbrauch an Energie kann nicht einfach verglichen werden, da Faktoren wie Jahresdurchschnittstemperatur und Produktivität mit einbezogen werden müssen. Was verglichen werden kann ist zum Beispiel der Treibstoffverbrauch von Kraftfahrzeugen und die Wärmedämmung von Häusern.
Kritisiert wird häufig auch eine Doppelmoral der US-Außenpolitik, sich einerseits für mehr Demokratie in der Welt zu engagieren, jedoch gleichzeitig Diktaturen (Chile, Nicaragua, Kuba, Iran (bis 1979 Persien)) zu unterstützen, wenn dies den wirtschaftlichen und politischen Interessen entspricht. Hier sollte jedoch jeder Fall einzeln betrachtet und im Kontext zur Geschichte, etwa dem Kampf gegen den Kommunismus gesehen werden. Zudem wird dabei vergessen, dass jede Großmacht (sowie die meisten Nationen ohne Großmachtstatus) der Geschichte in anderen Ländern intervenierte und Länder annektierte. Ob die amerikanische Politik als imperialistisch bezeichnet werden kann, ist dabei durchaus umstritten, da keine Annektionen stattfinden.
Weiterhin wird gerne die Kulturlosigkeit der Amerikaner kritisiert, ohne dabei zu bedenken, dass sich die Zentren der modernen Kunst in den USA befinden. Oft wird auch über den ungebildeten, ja sogar dummen Amerikaner berichtet und dabei ausgeblendet, dass US-Schüler in der Pisa-Statistik ebenso wie der europäische Durchschnitt im Mittelfeld auftauchen *.
Während bestimmte Ausformungen von Kritik an amerikanischer Politik eher global ausgerichtet sind, politisch als Antiimperialismus, ökonomisch als Antikapitalismus oder Kommunismus, religiös (atheistisch oder aber antisäkular fundamentalistisch), richten sich andere Meinungen gegen die Welt von Hollywood, gegen eine vermeintliche "westliche Dekadenz".
Der Begriff Antiamerikanismus kann als ein politischer Kampfbegriff betrachtet werden, wenn er z.B. als "platter Antiamerikanismus" kritisiert wird, um etwa die Friedensbewegung und ihre Ziele zu diskreditieren Er wird eher benutzt, um einen Standpunkt abzuwerten ("Das ist ja antiamerikanisch!"). Zugleich wird kritisiert, dass durch seine übermäßige Nutzung etwa der Amerikanismus der Willigen [http://www.freitag.de/2003/14/03140602.php Kritik und Analyse entzogen sei.
Nach dem Historiker Tony Judt erregt Amerika ... Ressentiments durch das, was es ist, und Antipathien durch das, was es tut Die Amerikaner wirken ungern bei internationalen Initiativen und Vereinbarungen mit, sei es in Fragen der Klimaerwärmung, der biologischen Kriegsführung, des Strafrechts (Internationaler Strafgerichtshof) oder der Rechte der Frauen [.... Aus den zwei unterschiedlichen Gesellschaftsmodellen in Europa und Amerika ergäben sich recht unterschiedliche Einschätzungen der Weltlage - obwohl tatsächlich die Gemeinsamkeiten in der Interessenlage der Durchschnittsbevölkerung - wie Sicherheit, Demokratie, Freiheit, Wohlstand - überwiegen.
Antiamerikanismus als irrationales Ressentiment kritisiert pauschal die amerikanische Bevölkerung, Kultur und Politik als ein Ganzes, und verkennt dabei die plurale Struktur der USA. Dieser Definition zufolge sind allerdings fundierte USA-Kenner, die lange dort leben und die USA durchgängig ablehnen, keine Antiamerikaner, weil sie die plurale Struktur durchaus kennen, aber die US-Kultur dennoch ablehnen.
So wird bei der Kritik am amerikanischen Patriotismus oft übersehen, dass sich dieser auf eine über 200 Jahre alte amerikanische Verfassung bezieht, die heute mehreren Demokratien als Vorbild und Modell dient, weshalb sich etwa in den USA Bush- oder Kriegsgegner gerade deshalb auch als amerikanische Patrioten sehen, die für amerikanische Werte stehen.
Es werden die Amerikaner klischeehaft pauschalisiert (Cowboy), und mit den Zielen der jeweiligen Regierung identifiziert, obwohl etwa George W. Bush die Wahlen 2004 nur mit einer geringen Mehrheit gewann. Die vielfältigen politischen und kulturellen, sich im Widerstreit befindlichen sozialen Milieus, Lebensentwürfe, Debatten, politischen Strömungen in den USA (vom Neokonservativismus über eine große (links-)liberale Opposition * bis hin zu scharfen Kritikern wie Gore Vidal oder Noam Chomsky) werden dann pauschal zusammengefasst, auch um sie eigenen Konzeptionen leichter gegenüberstellen zu können.
Charles Dickens kehrte 1842 von einer USA-Reise enttäuscht zurück: er veröffentlichte einen sozialkritischen Reisebericht "American Notes", in dem er die schlechten Umgangsformen beklagte. Für Metternich war die damals in den USA bereits etablierte Demokratie eine Hölle: Für politische Rebellen in Österreich lautete die Alternative oft Festungshaft in Kufstein oder Ausweisung in die USA. 1848 gab es eine Auswanderungswelle in die USA; der zivile und soziale Unmut wurde gleichsam nach Amerika "exportiert". Auch aus anderen Gründen gab es Auswanderungsbewegungen: die hungernden Iren, die unter Armut leidenden Skandinavier, Russen und Burgenländer wollten ihre Lage verbessern: "Fare America" gilt im Italienischen heute noch als Synonym für "Erfolg haben". Die Eisenbahnen betrieben selbständig so genannte Auswanderungsagenturen. Für die monarchischen Eliten der europäischen Staaten des 19.Jahrhunderts bedeutete die zum Teil massenhafte Auswanderung in die USA einerseits eine Entlastung von potentiellen oder tatsächlichen politischen Gegnern, andererseits einen ökonomischen und politischen Substanzverlust.
In den 20er Jahren kamen amerikanische Filme und auch amerikanische Firmen nach Europa. Die schwarze Sängerin Josephine Baker galt als Sensation. Jazz galt damals ironischerweise bei den amerikanischen Eliten als unamerikanisch.
Bedeutende Niederlagen erlitten Anhänger des Antiamerikanismus im militärischen Bereich. So wurde der Ausgang des Ersten Weltkriegs trotz der Niederlage Russlands 1918 durch die industrielle Macht Amerikas entschieden. Die Kriegserklärung Hitlers bereits am 11. Dezember 1941 an die USA im Zweiten Weltkrieg (auf einem Höhepunkt der Machtausbreitung und ohne strategische Notwendigkeit) veranschaulicht die fanatischen Grundlagen der nationalsozialistischen Ideologie aufs deutlichste.
Ähnlich der ambivalenten Haltung des deutschen Kaiserreichs gegenüber den USA gaben sich die Ideologen des NS-Regimes aber in den 30er Jahren noch der Illusion hin, das "deutsche Blut" vieler Einwohner der USA werde sich in einer dem Nationalsozialismus freundlichen Politik niederschlagen. Und so wurden politische Parallelen zwischen den USA und Deutschland konstruiert, etwa indem der New Deal Roosevelts zum Gegenstück der Arbeitsmarktpolitik der Nazis erklärt wurde (Reichsarbeitsdienst). Dies hatte zur Folge, dass in der Zeit um die Olympischen Spiele 1936 eine im Wesentlichen als USA-freundlich zu bezeichnende Medien-Steuerung betrieben wurde. Allerdings bedeutete dies keineswegs eine Aufgabe der antisemitischen Projektionen auf die USA, sondern nur eine aus politisch-strategischen Gründen geübte Zurückhaltung in der (naiven) Hoffnung, auch in den USA würde sich der Faschismus als politisches System etablieren können.
Die Nationalsozialisten, die in Kategorien wie z.B. Volk (als hierarchisch strukturierter, angeblich natürlich gewachsener Einheit) dachten, konnten der multikulturellen modernen Einwanderer-Gesellschaft und der Betonung der individuellen Freiheitsrechte in den USA nichts abgewinnen. Aber auch der US-Kapitalismus wurde dem faschistischem Modell eines vermeintlich organischen nationalen Sozialismus (der zwar auch weiterhin Unternehmer und Arbeiter kannte, aber deren Zusammenwirken eben als immer den Interessen des Staates untergeordnet ansah) gegenübergestellt. Ebenso war die Idee der Meinungsfreiheit unerträglich für die an Gleichschaltung interessierten Nationalsozialisten.
Verhasst waren den Nationalsozialisten auch kulturelle Errungenschaften wie die Musik des Jazz, die Swing-Jugend in Deutschland wurde von der Gestapo verfolgt; sie galten als dekadente Erscheinungen von Verdorbenheit, die z.B. den Zielen etwa der Hitler-Jugend oder des BDM entgegenstanden.
Die Maßnahmen der USA gegen Ende des Zweiten Weltkrieges (Atombomben auf Hiroschima und Nagasaki mit Hunderttausenden von Opfern, die Kriege in Korea und Vietnam) haben nicht nur eine neue Friedensbewegung auf den Plan gerufen, sondern auch das bis dahin gültige Amerikabild in Frage gestellt.
Da die auch US-amerikanisch geprägte Popkultur (Hippie) für die Jugend Europas Vorbild war, die offizielle US-Politik jedoch kaum unterstützt wurde, übernahm man in Europa Formen des Widerstands der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung: "Teach-Ins" und "sit-ins" wurden abgehalten, und es wurden unter anderem auch amerikanische Friedenslieder gesungen. Solche Kulturen der Emanzipation wurden selbst von einer konservativen Kreisen in den USA als "unamerikanisch" angesehen und teilweise bekämpft.
Zur Zeit des Vietnamkriegs bildete sich in der Studentenbewegung in Deutschland eine Ablehnung der USA heraus, die häufig antiamerikanische Züge trug (gleichwohl in den USA ganz ähnliche Kritik von Studenten lautstark geübt wurde), und sich z.B. eher mit Stalin oder Mao und den entsprechenden Systemen identifizierte. Anlass waren neben dem Vietnamkrieg später auch verdeckte Operationen der USA in Mittel- und Südamerika gegen linke Regierungen (Chile) oder Organisationen (Henry Kissinger, Domino-Theorie). Häufig wurden dabei die USA in Slogans und Pamphleten umstandslos mit dem Nationalsozialismus gleichgesetzt ("USA-SA-SS").
Aus einem radikalen Zweig der Studentenbewegung entwickelte sich ab 1970 die Rote Armee Fraktion (RAF), eine aus dem illegalen Untergrund heraus operierende Gruppe, die sich selbst als kommunistische Guerilla bezeichnete.
Aber auch im Mainstream tritt Antiamerikanismus angeblich immer wieder auf, wenn aufgrund der umstrittenen Außenpolitik der USA etwa Bush und die USA klischeehaft (auf Titelbildern, in Karikaturen) "dämonisiert" werden. Der Rechtsextremismus hat hier die Chance auf Zustimmung in der breiten Bevölkerung längst erkannt und argumentiert dementsprechend. So behauptete ein Landtagsabgeordneter der NPD im Januar 2005, die USA trügen die Schuld am 2. Weltkrieg und versuchte so, sich die in der Bevölkerung verbreitete Ablehnung der Militäreinsätze der USA für rechtsradikale Propaganda zunutze zu machen. Auch wenn Rechtsextreme gegen Bombardierungen deutscher Städte im 2. Weltkrieg demonstrieren, nutzen sie solche Stimmungslagen und stellen so die Befreiung vom Faschismus durch die Alliierten als Verbrechen dar.
In einem Artikel in der "International Herald Tribune" wird der Journalist Alan Posener zitiert: "Der politische Antiamerikanismus meiner Generation hat einem sozialen Antiamerikanismus Platz gemacht, welchen ich provozierend Sozialer Nationalismus nenne. Es ist eine Zurückweisung des amerikanischen sozialen Modells gegenüber dem deutschen und europäischen Sozialstaat." *
Häufig wird den Vereinigten Staaten eine ökonomische Interessenpolitik unter dem Schleier demokratischer Ziele unterstellt, diese Argumentation folgt der Tradition der Völkerbund-Kritik durch Carl Schmitt.
Ein Beispiel für einen derartigen Antiamerikanismus soll das Titelblatt der monatlichen Zeitschrift der IG Metall im Mai 2005 sein. Es zeigt die Karikatur eines lang-nasigen, insektenförmigen Geschäftsmannes mit Goldzähnen und einem "Stars and Stripes"-Hut. Die Karikatur hat den Titel "Die Blutsauger", wobei die Nase der Figur auf den Text "US-Firmen in Deutschland" weist. Hier soll sich eine Nähe der deutschen Gewerkschaften zur Propaganda der Nationalsozialisten zeigen. Von amerikanischer Seite werden derartige Tendenzen als Wiederauferstehung eines zu Antiamerikanismus sublimierten Antisemitismus verstanden.
siehe auch: Heuschrecken (Politik)
Gerhard Schröder nutzte im Wahlkampf 2002 antiamerikanische Ressentiments zur eigenen Wiederwahl.
Kritiker sehen die angeblich antiamerikanischen Tendenzen in Teilen der deutschen Presse als Versuch, die Deutschen auch in den Köpfen wiederzuvereinigen. Für die rechts- und linksextreme Publizistik soll die antiamerikanische Einstellung bereits seit der Weimarer Republik Tradition haben.
Ein Gegenstück zum Antiamerikanismus bildet die Kritik an Mitteleuropa durch konservative Kreise um Donald Rumsfeld in den USA, die neben Deutschland vor allem Frankreich wegen der ablehnenden Einstellungen zum Irakkrieg 2003 ebenso pauschal verurteilten. So nannte Rumsfeld Deutschland in einem Atemzug mit Libyen und Kuba und sprach abwertend vom Alten Europa (Old Europe) gegenüber den sich komplett am Feldzug beteiligenden Staaten Osteuropas.
In der arabischen Welt werden die USA und Israel von fundamentalistischen Kreisen in einer Weise kritisiert, die an den nationalsozialistischen Antiamerikanismus erinnert, und durch die Militäreinsätze der USA neue Nahrung gewinnt: An der Seite Israels werden die USA als Feind des Islams und Urheber aller vorhandenen und eingebildeten Übel der Welt ausgemacht, was schließlich auch zu den Anschlägen vom 11. September führte.
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