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Anthropologie (griechisch ανθρωπολογία, anthropo~ von άνθρωπος - Mensch und ~logie von λόγος - Lehre, zu deutsch Wissenschaft vom Menschen) ist ein mehrdeutiger Begriff, mit dem in erster Linie (voneinander getrennte) Einzelwissenschaften bezeichnet werden. Teilweise wird der Begriff auch als Oberbegriff für mehrere dieser Einzelwissenschaften aufgefaßt sowie für den damit verbundenen Versuch, diese zu einer übergreifenden Wissenschaft zusammenzufassen.

Disziplinen


Philosophische Anthropologie

Die philosophische Anthropologie betrachtet die Stellung des Menschen in der Gesamtwirklichkeit. Sie erarbeitet sein Wesen. Außerdem fragt sie sich: "Was ist der Mensch?". Dabei erfasst sie insbesondere seine Stellung zur unbelebten Welt, zu den Tieren, zu anderen Menschen sowie zu Gott.

Nietzsche bezeichnet den Mensch als das "nicht festgestellte Tier", da es zwar auf den ersten Blick einige Gemeinsamkeiten gäbe, aber auf den zweiten Blick doch sehr viele Unterschiede. Der größte Unterschied sei, dass der Mensch sich selbst deuten könne ("Wenn wir vor dem Spiegel stehen, erkennen wir uns selbst") und dass das Tier dazu nicht in der Lage sei. Außerdem habe der Mensch den Drang dazu, sich immer zu "verhalten"; praktisch jede Handlung würde vor ihrer Ausführung überlegt und nicht - wie beim Tier - aus Instinkt begangen. Beide Thesen müssen aufgrund der Ergebnisse experimenteller Forschung allerdings inzwischen als widerlegt angesehen werden.

In Deutschland sind hier vor allem Max Scheler als Begründer der Philosophischen Anthropologie sowie Helmuth Plessner und Arnold Gehlen zu nennen (zur neueren Auseinandersetzung damit vgl. auch die biosoziologischen Studien von Dieter Claessens). Weiterhin zu nennen sind Ernst Cassirer und seine Philosophie der symbolischen Formen sowie Wilhelm Kamlah als einer der Begründer des Erlanger Konstruktivismus.

Eine breite Einführung in die Philosophische Anthropologie bietet Kuno Lorenz mit seinem gleichnamigen Buch, welches einen dialogischen Ansatz bietet.

Siehe auch: Philosophische Anthropologie.

Theologische Anthropologie

Die theologische Anthropologie betrachtet die Stellung des Menschen vor Gott und im Fall der christlichen Anthropologie die Beschädigung von Gottes Abbild in Adam und seine Wiederherstellung in Christus.

Biologische Anthropologie

Die biologische Anthropologie (engl. physical anthropology) versteht sich als die vergleichende Biologie des Menschen. Mit "vergleichend" setzt sie sich ab von ihrem fernen Ursprung, der Anatomie. Teilgebiete sind Primatologie, Evolution des Menschen, historische (prähistorische) Anthropologie, Bevölkerungsbiologie, Populationsgenetik, Wachstum (Auxologie), Konstitution, Forensik. Dabei wird stets sowohl beschrieben als auch kausal analysiert, werden genetische Grundlagen ebenso berücksichtigt wie umweltbestimmte. Übergeordnete Fächergruppen sind Biologie (mit den weiteren Fächern Zoologie, Botanik, Mikrobiologie etc.) oder Humanbiologie (mit den weiteren Fächern Anatomie, Physiologie etc.).

Institutionen im deutschsprachigen Raum gibt es an Universitäten und an Museen in Kiel, Hamburg, Berlin, Göttingen, Jena, Gießen, Frankfurt, Mainz, Ulm, Freiburg, München, Zürich und Wien. Meist ist dort die Bezeichnung nur "Anthropologie", Zusätze wie biologisch werden erst in jüngerer Zeit notwendig, weil der konkurrierende amerikanische Begriff von "anthropology" auch hier bekannt wird.

Forensische Anthropologie

Forensische Anthropologie ist eine der drei gerichtlichen Wissenschaften vom Menschen, neben der Rechtsmedizin und der forensischen Odontologie.

Gebiete der forensischen Anthropologie:

Die forensische Anthropologie dient mit den Mitteln der Anthropologie bei der Aufklärung von Verbrechen. Forensische Anthropologen haben vor allem mit der Identifikation von Bankräubern, Schnellfahrern etc. zu tun, dann auch häufig mit stark verwesten oder vollständig skelettierten Leichen. Nicht selten sind sie die letzte Hoffnung zur Aufklärung eines Verbrechens. In Deutschland gibt es eine starke institutionelle Dominanz der Rechtsmedizin, das aber verhindert manchmal den Zugang zu der eigenständigen Kompetenz der Anthropologie.

Es gibt mehrere Praxen für forensische Anthropologie, Hauptgebiet ist dort die Identifikation nach Bildern. Einige nennen sich auch "Büro" oder "Institut".

Weblinks:

Historische Anthropologie

Der Begriff historische Anthropologie wird in mindestens zwei verschiedenen Bedeutungen benutzt:

  • Als Teil der Geschichtswissenschaften beschreibt er eine Geschichtsschreibung, die besonders das Wesen und das Schicksal des Menschen berücksichtigt.
  • Als Teil der Anthropologie ist er gleichbedeutend mit der vergleichenden Biologie des Menschen. Dort werden vor allem Skelette aus historischen Gräberfeldern bezüglich Sterblichkeit, körperlichen Merkmalen, Krankheiten etc. untersucht.

Kulturanthropologie

Als Kulturanthropologie bezeichnet man den systematischen Vergleich von Kulturen verschiedener Völker und Epochen. Sie ist daher verwandt (wenn auch nicht völlig identisch) mit Ethnologie und Völkerkunde.

Siehe auch Kulturwissenschaft sowie Volkskunde

Sozialanthropologie

Der Begriff Sozialanthropologie ist nicht scharf definiert und wird oft als Synonym für eines der Gebiete Kulturanthropologie, Ethnographie, Ethnologie oder Ethnosoziologie verwendet. Siehe auch Sozialanthropologie.

Kybernetische Anthropologie

Als kybernetische Anthropologie bezeichnet man den Versuch der terminologischen Kopplung von Anthropologie und Kybernetik mit einer technikinduzierten Theoriebildung. Soll heißen: Der Mensch und seine Beziehung zur Technik.

Pädagogische Anthropologie

Die Pädagogische Anthropologie ist eine wissenschaftliche Subdisziplin mit deren Hilfe die impliziten und expliziten Annahmen der Pädagogik über den Menschen reflektiert werden. Sie nutzt die neusten Erkenntnisse der Forschung (im Besonderen der Gehirnforschung) und ist bestrebt, die Erkenntnisse für die Erziehung nutzbar zu machen. Empirische Einzeldaten sollen unter einem einheitlichen pädagogischen Grundgedanken zusammengefasst werden, dazu dienen Kategorien. Fundamentalkategorien sind die Erziehung/ Bildung und die Erziehungsbedürftigkeit/ Bildsamkeit. Zu den Unterkategorien der pädagogischen Anthropologie gehört beispielsweise die Theorie des Lernens und Lehrens oder der Begabung und Interesses.

Literaturvorschlag:

Binder, Susanne: Interkulturelles Lernen aus ethnologischer Perspektive Konzepte, Ansichten und Praxisbeispiele aus Österreich und den Niederlanden. Mit einem Vorwort von Andre Gingrich. Interkulturelle Pädagogik, 1 Münster: Lit-Verlag, 2004, 304 S., ISBN 3-8258-8260-8

Anthropologie als Oberbegriff bzw. Dachwissenschaft

Manchmal wird Anthropologie als Oberbegriff für mehrere der oben genannten Einzelwissenschaften aufgefaßt. Insbesondere in den USA gibt es dementsprechende Bestrebungen, Biologische Anthropologie, Kulturanthropologie, Ethnolinguistik und Archäologie unter einem Dach zu vereinen. (*) Siehe hierzu auch den Artikel Anthropology der englischsprachigen Wikipedia.

Berühmte (teils auch berüchtigte) Anthropologen


Siehe auch


Literatur


  • Christoph Wulf: Anthropologie. Geschichte, Kultur, Philosophie. Rowohlt, Reinbek 2004. ISBN 3-499-55664-2
  • Friedemann Schrenk, Timothy G. Bromage, Henrik Kaessmann: Die Frühzeit des Menschen. Zurück zu den Wurzeln. in: Biologie in unserer Zeit. 32.2002,6, S. 352-359.
  • Winfried Henke, Hartmut Rothe: Menschwerdung. Fischer, Frankfurt M 2003. ISBN 3596155541.
  • Werner Fuchs u. a. (Hrsg.): Lexikon zur Soziologie. 2., verbesserte und erweiterte Aufl., Westdeutscher Verlag, Opladen 1978
  • Clea Koff, Die Knochenfrau. Malik 2004. ISBN 3890292712
  • Carsten Niemitz, Das Geheimnis des aufrechten Ganges. C.H. Beck 2004. ISBN 3406516068
  • Marvin Harris, Menschen, DTV, München (1996), ISBN 3-423-30530-4.

Weblinks


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