Die Humangeographie oder Anthropogeographie (gr. anthropo- von ανθροπος = „Mensch“) ist neben der Physischen Geographie der zweite große Teilbereich der Geographie. Die Humangeographie beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Raum und Mensch.
Im Zuge der Internationalisierung in der Wissenschaft wird im deutschen Sprachraum heute eher von Humangeographie gesprochen - entsprechend dem Englischen "Human geography". Befürworter der Bezeichnung Anthropogeographie kritisieren jedoch die Vermischung von Latein und Griechisch im Begriff "Humangeographie".
Alle Tätigkeiten des Menschen, die den Raum verändern (z. B. Siedeln, Wirtschaften) oder durch den Raumeinfluss beeinflusst werden (z. B. Mobilität) und sich in direkt oder indirekt zu beobachtenden Strukturen und Prozessen niederschlagen, sind Gegenstand von Teildisziplinen der Humangeographie. Als Begründer der Anthropogeographie gilt Alexander von Humboldt, der die wechselseitigen Beziehungen (Kausalität) zwischen Mensch und Natur erkannte.
Teildisziplinen der Humangeographie sind unter anderem:
Ein Paradigma erklärt, was eine bestimmte Wissenschaft ist und wie sie zu betreiben ist. Außerdem werden damit Aussagen über Forschungsthemen und Fachbegriffe einer Wissenschaft getroffen. In der Geschichte der Humangeographie lassen sich mehrere Paradigmen ausmachen, die z. T. nebeneinander existierten.
Das Paradigma bis ca. 1900 lässt sich als propädeutische Humangeographie (Propädeutik = Vorwissenschaft) bezeichnen. Im Zuge der Entdeckung der Welt und europäischer Forschungsreisen (Alexander von Humboldt) war es die Aufgabe der Geographie, räumliche Erscheinungen und Strukturen zu erfassen und zu kartieren. Im 19. Jahrhundert begann die Etablierung der Geographie als Wissenschaft. Lehrstühle und Geographische Gesellschaften wurden gegründet.
Nach der Etablierung der Geographie als Wissenschaft genügte es natürlich nicht nur Erscheinungen zu erfassen. Zunehmend wurde versucht Strukturen zu erklären. Humangeographische Themen wie Bevölkerungsentwicklung, Siedlungssysteme oder wirtschaftlicher Entwicklungsstand wurden dabei überwiegend als Ergebnis natürlicher Bedingungen begründet. Dieser als Natur- oder Geodeterminismus bezeichnete Ansatz gründete auf Wissen der Physischen Geographie über die Geofaktoren Klima, Wasser, Boden, Relief, geologischer Bau sowie Vegetation. Beispielsweise wurde der niedrige wirtschaftliche Entwicklungsstand tropischer Länder klimatisch begründet. Nach Köppen (1931) seien tropische Völker faul, da die Temperaturen zu hoch seien um den ganzen Tag zu arbeiten. Die geodeterministische Anthropogeographie führte zu dramatischen Auswüchsen, welche die wissenschaftliche Grundlage für die Blut- und Boden-Ideologie der Nationalsozialisten bildeten. Trotz zunehmender Kritik nach dem Zweiten Weltkrieg existierte das geodeterministische Paradigma bis 1969.
Ab ca. 1945 etablierte sich als Gegenpol zum Geodeterminismus ein neues Paradigma, das sich als raumwissenschaftliche Humangeographie bezeichnen lässt. Kernidee dieses Ansatzes war die Erklärung räumlicher Strukturen durch mathematische Gesetze. Als Vorreiter dieses Paradigmas kann Walter Christaller gelten, der mit seinem System der Zentralen Orte 1933 die Verteilung, Größe und Anzahl verschiedener Siedlungen mittels mathematischer Beziehungen erklärte. Das raumwissenschaftliche Paradigma etablierte sich 1969, wo auf dem Deutschen Geographentag in Kiel die Abkehr vom Geodeterminismus gefordert und im Wesentlichen auch erreicht wurde.
Das neuste Paradigma, das neben der raumwissenschaftlichen Geographie entwickelt wird, ist das der handlungszentrierten Humangeographie. Als bedeutender Entwickler dieses Paradigmas gilt der Jenaer Professor Benno Werlen. Nach ihm soll die Humangeographie nicht mehr untersuchen, wie der Raum menschliche Tätigkeiten bestimmt, sondern wie menschliche Handlungen den Raum gestalten. Werlen (2004) bezeichnet dies als „Geographie-Machen“. Wenn Wissenschaftler beispielsweise über die „Geographie Norddeutschlands“ schreiben, dann müssen sie diese Region erst von anderen abgrenzen, also eine Regionalisierung vornehmen. Regionalisierungen werden also von Menschen durchgeführt. Regionen sind damit nicht naturgegeben sondern gemacht. Aber auch Nicht-Wissenschaftler machen in ihrem Alltag Geographie. Durch den Kauf bestimmter Produkte werden in einer globalisierten Welt Betriebe in anderen Ländern gefördert. Damit bestimmt jeder Mensch in seinem Alltag wirtschaftliche und soziale Strukturen in anderen Regionen. Räumliche Muster sind also nicht geodeterminiert sondern werden durch menschliches Handeln definiert.
Viele humangeographische Entdeckungen und Theorien lassen sich einem dieser vier Paradigmen zuordnen, die mit der Fachgeschichte der Geographie korrelieren.
Paul Knox, Sally Marston: Humangeographie. Spektrum Akademischer Verlag, 2001, ISBN 3-8274-1109-2
The Dictionary of Human Geography hg. von R. J. Johnston, Derek Gregory, Geraldine Pratt, Blackwell Publishers, 2000, 4. Auflage, ISBN 0631205616
Werlen, B. (2004): Sozialgeographie. Eine Einführung. UTB 1911. Bern: Haupt.
Köppen, W. (1931): Grundriss der Klimakunde. Berlin: de Gruyter.
Werlen, B. (2004): Sozialgeographie. Eine Einführung. UTB 1911. Bern: Haupt.
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