Anne Stuart (* 6. Februar 1665 im St. James's Palace in London; † 1. August 1714 im Kensington Palace ebd.) war Königin von England und Schottland 1702-1707 und von Irland 1702-1714. Am 1. Mai 1707 wurde Anne zur ersten Herrscherin über Großbritannien, nachdem England und Schottland sich zu einem Königreich vereinten. Anne war die letzte britische Königin aus dem Hause der Stuarts; Georg I., der ihr auf dem Thron nachfolgte, gehörte zum Haus von Hannover.
Annes römisch-katholischer Vater James II. wurde 1688/1689 in der Glorious Revolution entmachtet, ihm folgten der protestantische William III. und Mary II. - Annes Schwager und Schwester - auf dem Thron nach. Anne selber hatte den unblutigen Regierungsumsturz, der ihren Vater entmachtete, unterstützt.
Keines der Kinder von Mary II. oder Anne überlebte bis ins Erwachsenenalter, daher hätte der entthronte, römisch-katholische James II. oder seine Nachkommen erneut Ansprüche auf den britischen Thron erheben können. Das englische Parlament erließ aus diesem Grund eine Gesetzgebung (Act of Settlement), die es dem Haus der Guelfen (Welfen) erlaubte, nach dem Tod von Anne auf dem englischen Thron nachzufolgen. Mit dieser Gesetzgebung wurden nicht weniger als 57 römisch-katholische Thronanwärter übergangen, die aufgrund ihrer Abstammung einen größeren Anspruch auf den englischen Thron gehabt hätten. Das schottische Parlament verweigerte anfangs seine Zustimmung zu dieser Gesetzgebung, wurde jedoch durch Maßnahmen wie beispielsweise Handelsbeschränkungen, die Schottland wirtschaftlich erheblich schadeten, zur Zustimmung bewegt. Der Act of Union von 1707, mit dem sich England und Schottland zu Großbritannien vereinigten (Realunion), war ein Resultat der darauf folgenden Verhandlungen. Ergebnis dieser Entwicklung war, dass für die britische Thronnachfolge nicht nur die Abstammung entscheidend war, sondern auch das protestantische Glaubensbekenntnis. Mit der "Glorious Revolution" von 1688/89 war England außerdem ins antifranzösische Lager gewechselt. Während fast der gesamten Regierungszeit von Anne war England als Mitglied der Haager Allianz in den Spanischen Erbfolgekrieg verwickelt, in dem England an der Seite Hollands, Preußens, Hannover und dem Kaiser den Einfluss Frankreichs in Europa zu begrenzen versuchte. Parallel dazu erlebte England eine wirtschaftliche und kulturelle Blüte, die die größte Manifestation von Englands Macht und Einfluss seit der Regierungszeit von Heinrich V. war. Mit dem Sonderfriedensschluss von Utrecht von 1713 scherte England aus dieser Allianz aus, legte damit aber die Grundlage für den Ausbau des britischen Empires im 18. Jahrhundert. Anne selber trug dazu wenig bei; sie war weder gebildet noch klug und vertrieb sich ihre Zeit mit Klatschgeschichten und Kartenspielen. Ihre Biographen schildern sie als geistig schwerfällige, starrköpfige und eher scheue Frau. Gleichzeitig war sie sich ihrer Rolle als Staatsoberhaupt bewusst und zeigte ein hohes Pflichtgefühl gegenüber ihrem Amt. Unter den heftigen Auseinandersetzungen in ihrem Kabinett kurz vor ihrem Tod litt sie stark - einige ihrer Biografen machen diese sogar für ihren Tod verantwortlich.
Wesentlichen politischen Einfluss übten die langjährige Freundin von Anne, Sarah Churchill sowie deren Ehemann John Churchill, 1. Herzog von Marlborough aus. Der spätere englische Premier, Literaturnobelpreisträger und Nachfahre von Sarah und John Churchill, Winston Churchill prägte daher den Satz "Sarah lenkte die Königin, Marlborough Churchills Adelsname lenkte den Krieg und Godolphin das Parlament."
Über die persönliche Situation Anne zum Zeitpunkt ihres Regierungsantrittes schrieb die Historikerin Ulrike Jordan:
Das Verhältnis von Anne zu ihren Hofdamen Sarah Churchill und später Abigail Masham war so eng, dass in Biographien immer wieder über ein homosexuelles Verhältnis zwischen diesen spekuliert wird. Dafür gibt es jedoch keine wirklichen Belege.
In die Geschichtsschreibung ging Anne von Großbritannien als "Good Queen Anne" ein - in dieser Bezeichnung drücken sich auch die militärischen und politischen Erfolge sowie die wirtschaftliche Blüte aus, die Großbritannien während ihrer Regierungszeit erlebte.
1672 wurde es öffentlich bekannt, dass Annes Vater zum römisch-katholischen Glauben konvertiert war. Auf Anweisung von Charles II. wurden Anne und ihre Schwester Mary weiterhin im protestantischen Glauben erzogen. Charles II. sorgte auch dafür, dass Anne den protestantischen Prinzen Georg von Dänemark, Bruder des dänischen Königs Christian V., heiratete. Ihre Schwester Mary hatte bereits 1677 den protestantischen William von Orange geheiratet.
Als Charles II. 1685 - er konvertierte noch auf dem Todesbett zum römisch-katholischen Glauben - starb, bestieg Annes Vater als König James II. den englischen Thron. Der Historiker Alexander Gauland schrieb über diesen Herrscher:
Die englische Krone wurde dem Paar William und Mary gemeinsam angeboten und von ihnen angenommen. Als gleichberechtigte Souveräne wurden beide am 11. April 1689 gekrönt, obwohl Wilhelm keinerlei dynastischen Anspruch auf den englischen Thron hatte. Neu war auch die Eidesformel, die beide sprachen. Verpflichteten sich englische Monarchen bisher üblicherweise, die von ihnen erlassenen Gesetze zu achten, so sagten Wilhelm und Maria zu "to govern the people of this kingdom of England … according to the statutes in parliament agreed on, and the laws and customs of the same". Damit begann die Machtverschiebung zugunsten des Parlaments, die langfristig in einer konstitutionellen Monarchie endete. Die vom Parlament erlassene "Bill of Rights" aus dem Jahre 1689 regelte außerdem die Thronnachfolge. Unter dem Einfluss ihrer Freundin Sarah und deren Ehemann John Churchill hatte Anne zugestimmt, dass William auch dann die englische Krone tragen dürfe, wenn seine Frau Mary vor ihm stürbe. Prinzessin Anne und ihre Nachkommen würden ihm auf dem Thron nachfolgen, Nachkommen von William würden erst nach ihnen einen Anspruch auf den englischen Thron haben.
1694 starb Mary II. an den Pocken, William III. war damit britischer Alleinherrscher. Die Popularität von Mary II. war stets größer als die des eingeheirateten William III. gewesen. Um sein Ansehen in der englischen Bevölkerung zu verbessern, stattete er Anne wieder mit allen ihr zustehenden Ehren aus und erlaubte ihr, im St. James Palace zu residieren. Die Wiederernennung von John Churchill in all seine Ämter im Jahre 1695 war ein weiterer Versuch seitens William III. das Verhältnis zu Anne zu verbessern. Tatsächlich demonstrierte Anne öffentlich ihre Unterstützung von Williams Regierung. Ihr Schwager vertraute ihr jedoch keineswegs vollständig. Er verzichtete beispielsweise darauf, sie als seine Regentin während seiner militärischen Unternehmungen auf dem europäischen Festland zu ernennen.
William III. und Mary II. hatten gleichfalls keine überlebenden Kinder; Anne war damit die Thronfolgerin und gleichzeitig die letzte lebende Person der Linie, die nach dem Thronfolgegesetz „Bill of Rights“ eine Anwartschaft auf den englischen Thron hatte. Mit ihrem Tod würde diese Linie aussterben und der entthronte römisch-katholische James II. und seine Nachkommen hätten die englische Herrschaft wieder für sich reklamieren können. Um dies auszuschließen erließ das englische Parlament den Act of Settlement. Dieses Gesetz regelte, dass im Falle des Todes von Anne und William III. ohne leibliche Nachkommen das Recht der Thronfolge auf Sophie von der Pfalz und ihre Nachkommen übergehen würde. Sophie von Hannover stammte durch ihre Mutter Elisabeth von Böhmen, der so genannten Winterkönigin, von Charles I. ab. Es gab zwar eine Reihe von Personen, die mit dem regierenden englischen Königshaus näher verwandt waren als Sophie von Hannover, diese waren jedoch allesamt katholischen Glaubens.
Anne selber hätte es präferiert, wäre die Thronnachfolge ihrem Vater und seinen Nachkommen zugesprochen worden. Aus Einsicht in die Notwendigkeit eines protestantischen Nachfolgers fand sie sich mit dem "Act of Settlement" ab. Als ihr Vater jedoch 1701 starb, trug sie Trauerkleidung. Zu ihrem Halbbruder, dem Sohn von James II. und sein Erbe, James Francis Edward Stuart, entwickelte sie dagegen kein herzliches Verhältnis.
Fast zeitgleich mit dem Regierungsantritt von Anne brach der Spanische Erbfolgekrieg aus. Der Spanische Erbfolgekrieg war die militärische Auseinandersetzung über die Frage, ob der Enkel von Ludwig XIV. (Frankreich), Philip, ein Recht auf die Nachfolge auf den spanischen Thron hatte. Philip war zwar als Erbe vom vorherigen spanischen König Karl II. eingesetzt worden, aber der größte Teil von Europa widersetzte sich dieser Nachfolge, da damit Frankreichs Einflusszone auf dem europäischen Festland zu groß geworden wäre. Der Spanische Erbfolgekrieg währte fast bis ans Ende von Annes Regentschaft und beeinflusste sowohl die Außen- als auch die Innenpolitik maßgeblich. Blenheim_Palace_Terrace.jpg erbaute Blenheim Palace war Annes königliches Geschenk an John Churchill für seinen Sieg in der Schlacht von Höchstädt ]] Kurz nach ihrer Inthronisierung ernannte Anne ihren Ehemann zum Lord High Admiral; John Churchill erhielt die Führung des Heeres. Churchill erhielt außerdem eine Reihe von Ehrungen, er wurde unter anderem mit dem exklusivsten Orden Englands, dem Hosenbandorden ausgezeichnet und wurde als "1. Duke of Marlborough" in den Rang eines Herzogs ernannt. Sarah Churchill, nun Herzogin von Marlborough, und Annes langjährige Freundin seit Kindertagen, wurde zur "Mistress of the Robes" ernannt - das höchste Amt, dass einer Frau am englischen Königshof zur damaligen Zeit offen stand.
Annes erstes Kabinett unter der Leitung von Sydney Godolphin bestand überwiegend aus Tories. Die Whigs - die anders als die Tories entschieden die englische Beteiligung am Spanischen Erbfolgekrieg unterstützten - gewannen wesentlich an Einfluss, nachdem 1704 John Churchill, der Herzog von Marlborough, in der Schlacht von Höchstädt einen entscheidenden Sieg für die englische Nation herbeiführen konnte. Dem Sieg folgten eine Reihe weiterer. Aufgrund des Einflusses des Herzogs wurden fast alle Tories des Kabinetts durch Whigs ersetzt. Lord Godolphin war zwar ein Tory, er ging jedoch ein enges Bündnis mit Marlborough ein. Obwohl nominell Lord Godolphin der Kabinettschef war, war es letztlich Marlborough, der gemeinsam mit zwei Staatssekretären (Charles Spencer, 3. Earl of Sunderland und Robert Harley) die englische Politik bestimmte. Auch Nepotismus war Marlborough dabei nicht fremd; sowohl Lord Godolphins Sohn als auch Lord Sunderland waren mit Töchtern des Herzogpaars Marlboroughs verheiratet.
Neben dem Spanischen Erbfolgekrieg prägten die Versuche, England und Schottland zu einem Königreich zu verschmelzen, die Politik während der ersten Regierungsjahre von Anne. Als das englische Parlament 1701 den Act of Settlement verabschiedete, hatte es sich zuvor nicht mit dem schottischen Parlament abgestimmt, die eine Thronnachfolge durch jemanden aus dem Hause Stuart wünschten. Das schottische Parlament verabschiedete den "Act of Security": Verstarb die Königin ohne Nachkommen, dann konnte Schottland aufgrund dieser Regelung einen eigenen Monarchen wählen, sofern er protestantisch und königlicher Abstammung war. Es war wenig wahrscheinlich, dass Schottland als Monarchen jemand wählen würde, der mit dem englischen identisch war. Anne konnte trotz anfänglichen Widerstands ihre Zustimmung zum Act of Settlement nicht verweigern, da das schottische Parlament damit drohte, die schottischen Heeresteile aus Marlboroughs Heer abzuziehen und keine Steuern zu erheben. Das englische Parlament, das fürchten musste, dass ein unabhängiges Schottland die alte Allianz mit Frankreich wieder aufleben ließ, antwortete mit dem Alien Act im Jahre 1705. Dieser Alien Act erlaubte es, dem Handel mit Schottland erhebliche Beschränkungen aufzuerlegen, Schotten zu Ausländern zu erklären und damit ihr Recht einzuschränken, in England Eigentum zu besitzen. Das englische Parlament hatte unmissverständlich klar gemacht, dass man diese Maßnahmen umsetzen würde, wenn nicht Schottland den Act of Security widerrufe oder sich mit England vereinige. Die schottischen Abgesandten stimmten am 22. Juli 1706 einer Vereinigung mit England zu und das schottische Parlament billigte diese Entscheidung am 16. Januar 1707 – obwohl die Mehrheit der schottischen Bevölkerung dieser Vereinigung ablehnend gegenüberstand. Am 1. Mai 1707 wurde aus England und Schottland damit das Königreich Großbritannien, Anne war nun Herrscherin eines vereinten Königreichs.
Die langjährige, enge Beziehung zwischen Anne und Sarah Churchill verschlechterte sich im Jahre 1707. Der Literaturnobelpreisträger und englische Premierminister Winston Churchill, ein Nachfahre von John und Sarah Churchill, schrieb darüber:
Annes Ehemann, Prinz Georg von Dänemark, starb im Oktober 1708. Seine Oberbefehlshaberschaft über die britische Flotte war seitens der Whig-Führung nie gerne gesehen worden. Selbst als er bereits auf dem Sterbebett lag, versuchten einige Whigs seine Entlassung aus seinem Amt zu betreiben. Anne musste sich an John Churchill wenden, um dies zu verhindern. Nach dem Tod ihres Ehemanns löste sich Anne noch stärker von Sarah Churchill und wandte sich mehr Abigail Masham zu. Die Freundschaft zwischen Anne und Sarah Churchill endete im Jahre 1709.
John Churchill war immer noch zu einflussreich, um des Amtes enthoben zu werden. Seine Verwandten verloren mit dem Regierungsantritt der Tories jedoch ihre Ämter. Godolphin wurde am 7. August 1710 entlassen; Robert Harley stand nun den Ministern vor. Die neue Tory-Regierung versuchte nun einen separaten Friedensschluss für Großbritannien im Spanischen Erbfolgekrieg auszuhandeln. Aus ihrer Sicht würde ein uneingeschränkter Sieg Österreichs in diesem Krieg den britischen Interessen genauso schaden wie ein Sieg der Franzosen. Die Tories waren daher bereit zuzulassen, dass ein Enkel des französischen Königs den spanischen Thron inne habe. Für die Whigs dagegen war der Gedanke, einem Bourbonen den spanischen Thron zuzuspielen, unerträglich. Im House of Commons hatten die Tories zwar die uneingeschränkte Mehrheit, das galt aber nicht für das House of Lords. Um den Friedensplan zu sabotieren, schlossen die Whigs ein Bündnis mit Daniel Finch, dem 2nd Earl of Nottingham und seinen Tory-Verbündeten im House of Lords. Gezwungen zu handeln, enthoben Königin Anne und ihre Minister John Churchill seines Amtes und übertrugen die Heerführung der britischen Truppen an James Bulter, den 2nd Duke of Ormonde. Anne ernannte außerdem 12 neue Peers an einem einzigen Tag. Eine solche Anzahl von Erhebungen in den Adelsstand war beispiellos. Elisabeth I. hatte während ihrer fast fünfzig Jahre währenden Regierungszeit weniger Personen in den Adelsstand erhoben als Anne an einem einzigen Tag. Mit den Neuernennungen war jedoch die Mehrheit der Whigs im House of Lords beseitigt; der Friedensschluss war nun erreichbar.
Mit dem Frieden von Utrecht endete Großbritanniens Beteiligung am Spanischen Erbfolgekrieg. Philipp, Enkel von Ludwig XIV. durfte auf seinem Thron bleiben und einen Großteil der spanischen Kolonien in Süd- und Nordamerika behalten. Das übrige spanische Einflussgebiet wurde aufgeteilt: Großbritannien erhielt Gibraltar und Minorca und bekam eine Reihe vormals französischer Kolonien auf dem nordamerikanischen Kontinent zugesprochen.
Am 23. August wurde die verstorbene Königin in Westminster Abbey während der Nacht beigesetzt. Während heute kein Grabmonument mehr an "Good Queen Anne" erinnert, steht das Denkmal aus weißem Marmor noch, dass ihr die langjährige Vertraute Sarah Churchill im Blenheim Palace errichtete.
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