Die Angewandte Geophysik ist jenes Teilgebiet der Geophysik, in dem alle praxisorientierten und wirtschaftlich bedeutungsvollen Verfahren zusammengefasst werden. Gemeinsam ist ihnen das Ziel, die Gesteinskörper und Schichtungen der Erdkruste zu erkunden.
Methodische Übersicht
Die
Geophysik kenne (wie auch andere
Geowissenschaften) eine Vielzahl von Methoden - so vielfältig eben auch der Erdkörper, seine
Gesteine und unterirdischen
Strukturen sind, seine
Fluide und auch manchmal austretende
Gase. Man gliedert sie üblicherweise nach ihren 6-8 wichtigsten
Mess- und
Auswertungs-Methoden:
- Potenzialverfahren - vor allem Schwere- und Magnetfeld der Erd(krust)e
- Wellenverfahren - Erkundung des Untergrundes mit seismischen Wellen (natürliche und künstliche Erdbeben)
- Elektromagnetische Verfahren, insbesondere Geoelektrik und Bodenradar
- radiometrische Verfahren
- geochemisch-physikalische Verfahren und Gasvermessung
- Geothermik
- In situ-Verfahren (Bohrloch-Geophysik und bodenmechanische Untersuchungen.
Die Methodengruppen 1-2 reichen zwar bis in große Tiefen, liefern aber in jeder einzelnen Gruppe prinzipiell mehrdeutige Ergebnisse (siehe auch Umkehrproblem der Potentialtheorie). Dasselbe trifft oft für die 3.Gruppe und manche In-situ-Verfahren zu.
Im Regelfall ergänzen sich aber Gravimetrie, Magnetik und Seismik untereinander und mit den Labormethoden. Auch wird man sinnvollerweise zur Erzielung eindeutiger Interpretationen möglichst viele geologische Daten einbringen - beispielsweise über Ausbisse und die Gesteinsarten, den Bereich ihrer Dichtewerte (etwa 2,0 bis 3 g/cm³) und die Neigung ihrer Schichten an der Erdoberfläche.
Potenzialverfahren
Sie nützen die Besonderheiten physikalischer
Felder (in der Fachsprache der
wirbelfreie Vektorfelder) und ihre Wirkungen auf die Messpunkte an der [[Erdoberfläche. Damit lassen sich Dichteunterschiede bzw. Schichtungen in der Tiefe bestimmen:
Genaue Messungen des
Erdschwerefeldes (Schwerkraft und evtl. auch
Schweregradienten) gestatten die Ortung von horizontalen und vertikalen
Dichte-Unterschieden der Gesteine im Untergrund, was auf
Lagerstätten, Hohlräume,
Fels-Auflockerung etc. schließen lässt.
In der theoretischen Geophysik dienen Schweremessungen zusätzlich zur Bestimmung der
Krustendicke und des großräumigen Schalenaufbaus der Erde.
Eine detaillierte Vermessung des
Erdmagnetfeldes auf dem Boden ("terrestrisch") oder vom
Flugzeug oder Hubschrauber ("
Aeromagnetik") spiegelt die Existenz magnetischer
Gesteine im Untergrund wider. Bei der Modellierung des zugehörigen
Potenzials sind Querverbindungen zum
Schwerepotenzial der Gravimetrie möglich.
Die geoelektrischen Verfahren arbeiten teilweise ebenfalls mit
Potenzialfeldern, werden aber zumeist in einer eigenen Grußße zusammengefasst (siehe Kapitel 4).
Wellenverfahren (Seismik)
erlauben die Erkundung von
Erdkruste und evtl. Erdmantel mit natürlichen und künstlichen Erdbeben. Bei der Ausbreitung dieser Erschütterungen unterteilt man die mechanischen
Wellen in
- longitudinale Wellen (
Stoßwellen, auch P-Wellen genannt)
- transversale Wellen oder
Scherwellen (S-Wellen)
- und spezielle Wellenarten.
Die
Reflexion bzw.
Brechung der Wellen im Erdinnern läßt Rückschlüsse auf seine Schichtung zu, wobei die Eindringtiefe von der Stärke der Beben bzw. Sprengungen abhängt. Der Mess- und Rechenaufwand ist erheblich, kann allerdings (mit gewissen Unsicherheiten)
dreidimensionale-Modelle liefern.
Messung und Interpretation natürlicher
Erdbeben. Diese Methoden dienen aber häufiger der
allgemeinen als der
angewandten Geophysik. Seit den
1920er-Jahren konnten damit die Tiefe von
Erdmantel und
Erdkern und auch feinere Untergliederungen bestimmt werden.
Messung und Interpretation künstlicher
Erdbeben (Sprengseismik) und Vibrationen. Sie werden an den Grenzen geologischer
Formationen gebeugt oder reflektiert, wenn sich dort die
Dichte oder die
Elastizität des Gesteins ändet.
Im Detail unterscheidet man die
Refraktionsseismik von der tiefer reichenden, aber komplizierteren
Reflexionsseismik.
Die Seismik ist vor allem für die Exploration (Erkundung) von Erdöl und Erdgas wichtig, weil sich diese Kohlenwasserstoffe in typischen, aufgewölbten Strukturen ansammeln. Die Stoß- und Scherwellen werden von Geofonen aufgezeichnet, die in Profilen oder flächenhaft ausgelegt und mit langen Kabeln verbunden sind. Die künstlichen Beben werden auf verschiedene Weise ausgelöst:
- Sprengungen in tiefen, verdämmten Bohrlöchern
- Vibroseis - schwere Lastfahrzeuge mit vibrierenden Bodenplatten
- Schlaghammer; für relativ dünne Schichten wie etwa zur Vermessung von Gletschern kann auch ein schwerer manueller Hammer mit elektrischen Kontakten genügen („Hammerschlag-Seismik“).
Elektromagnetische Verfahren
Die geoelektrischen Verfahren arbeiten teilweise zwar mit
Potenzialfeldern (siehe Kapitel 2), werden aber meist in einer eigenen Gruppe zusammengefasst.
Die Vermessung natürlicher und künstlicher
elektrischer Felder lässt vor allem auf Änderungen des
Widerstandes schließen. Damit kann man unterirdische
Schichtungen und einige Gesteinsparameter bestimmen, sowie wasserhältige Schichten (
Grund- und Tiefenwässer) und
Porenstrukturen erkunden.
Man kann die Methoden folgendermaßen gliedern (?):
Das
Bodenradar oder "Ground Penetrating Radar",
GPR) dient vor allem zur Ortung von kleineren Unregelmäßigkeiten und metallhaltigen Strukturen im Untergrund, etwa bei der Untersuchung von
Müllhalden oder bereits abgedeckten
Deponien, aber auch in der
Archäologie zum Auffinden von alten
Grundmauern etc.
(eine Kurzbeschreibung wäre noch einzufügen)
Messung der Erdwärme beziehungsweise des
Wärmeflusses, Interpretation hinsichtlich der
Wärmeleitfähigkeit und der Temperaturen im Untergrund.
Geochemisch-physikalische Methoden
In-situ Methoden
Ihre Messprinzipien sind teilweise mit den oben angeführten Methoden ident Unter den
direkt an den Gesteinen vorgenommenen Messungen unterscheidet man vor allem:
Labormessungen an Handstücken und Proben
Zur raschen und sicheren Beurteilung werden oft "
Handstücke" von typischen
Gesteinen im Gelände aufgelesen, aus dem
Felsen gebrochen oder durch
Kernbohrungen gewonnen. Ein erfahrener
Geologe kann so bereits wichtige Aussagen treffen.
Im Labor untersucht man dann wichtige Gesteinsparameter genauer: spezifische Dichte, Poren- und Wassergehalt, Elastizitätsmodule, elektr.Widerstand, Körnung der Bestandteile etc. Bei der Dichtebestimmung - die für Potentialmethoden und die Seismik (siehe obige Kapitel 2 und 3) entscheidend sein kann - muss man genau zwischen bergfeuchtem Zustand Trockendichte unterscheiden.
Zusätzlich zu den Oberflächenmessungen zählen hierzu Mess-Sonden in Bohrlöchern, beispielsweise als
Dichte-
Log, für elektrischen Widerstand, für
Wärmeleitfähigkeit und für
Gammastrahlung (siehe auch
Massenspektrometer). Frener werden
akustische Emissionssonden und
Magnetometer eingesetzt.
Siehe auch Kontinentales Tiefbohrprojekt.
Aero-Geophysik
Zu dieser Gruppe - die sich ebenfalls der o.a. Prinzipien bedient - zählen alle Messungen aus der Luft (Flugzeug, Helikopter), mit denen man die geophysikalischen Oberflächen- und Bohrlochmessungen ergänzt. Häufig angewandt werden vor allem
Aerogravimetrie und
Aeromagnetik, um grossflächige Erstuntersuchungen durchzuführen damit später detaillierter zu untersuchende Bereiche auszuscheiden.
Zusätzlich zu den bekannten geophysikalischen Gesetzgebungen müssen speziell Höhen- und Rotationskorrekturen beachtet werden.
Querverbindungen
Bei fast allen oben angeführten Methoden und Methodensgruppen ergeben sich Querverbindungen zu anderen
geowissenschaftlichen Fächern. Beispiele dafür sind:
Doch wirken die Ergebnisse der angewandten Geophysik auch auf die anderen Bereiche innerhalb der Geophysik zurück - vor allem
- auf die allgemeine Geophysik, was Struktur und Aufbau des Erdkörpers betrifft,
- auf die theoretische Geophysik, welche das Potenzial von physikalischen Feldern erforscht oder die Ausbreitungsgleichungen von seismischen Wellenen, die Frage der Bezugssysteme oder die verwendeten Grundlagen und Koordinatensysteme, sowie die Querverbindung zur Astronomie herstellt,
- die experimentelle Geophysik, die im Labor jene Gesteins-Parameter bestimmt, die der Geophysiker "im Feld" zur Deutung seiner Messungen benötigt. Beispiele sind die Schallgeschwindigkeit verschiedener Materialien, die E-Moduln, die spezifische Dichte, die Porosität und Porenradienverteilung, Permeabilität, Wärmeleitfähigkeit und magnetische Suszeptibilität.
Alle diese Zusammenhänge erleichtern der angewandten Geophysik die erfolgreiche Suche nach unterirdischen Strukturen und Standortanalysen, sowie nach Lagerstätten, Vorkommen von Wasser oder Erzen. Die vielen Abhängigkeiten komplizieren allerdings auch die Theorie und die Software.
Ziviltechniker und Organisationen
Speziell die
Sedimentbecken - auf denen der Großteil der
Menschheit lebt - sind der Geophysik gut zugänglich; für deren angewandte Forschung gibt es in der BRD seit 2002 ein Schwerpunktprogramm. Auch zur Ermittlung von potenziell geeigneten
Endlagerstätten für Abfälle, für
Atommüll und für
Deponien werden Methoden der Geophysik - nebst anderen Fachgebieten - angewandt. In der Praxis arbeiten hier vielfach
Ziviltechniker im selbständigen Beruf und in Kooperation mit
Ingenieurgeologen. Nur bei größeren, überwiegend der
Forschung dienenden
Projekten geben
Institute von
Hochschulen, von
Akademien oder Fachabteilungen von (Landes)-
Regierungen den Ton an.
Der weite Bereich des Umweltschutzes hat viele, vor allem jüngere Geophysiker dazu gebracht, sich auf diesen neueren Feldern zu spezialisieren. Auch gehen bei fast allen größeren Bauvorhaben genaue Untersuchungen des Baugrundes voraus (Standfestigkeit, Wasserverhältnisse usw.) und neuerdings in der Landwirtschaft Methoden der "Agrogeophysik".
Die verschiedenen Gebiete haben ihre jeweils eigenen Organisationsformen auf fachlichen und regionalen Ebenen - etwa die technischen Aufgabenbereiche und die Rohstofferkundung.
Die eher globalen Untersuchungs- und Forschungsthemen sind eher im Rahmen der IUGG (Internationale Union für Geodäsie und Geophysik) und ihren sieben Assoziationen angesiedelt, die alle vier Jahre ihre Generalversammlung abhält und dabei über 5.000 Fachleute zu großen Kongressen vereint. Dazwischen finden jährlich einige hundert Tagungen für spezielle Bereiche statt, beispielsweise im Rahmen der europäischen EGU und der amerikanischen AGU.
Weblinks
Geophysik | Geologie