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| Unter angelsächsischer Mythologie ist die vorchristliche Religion der germanischen Stämme in England (Angelsachsen: Angeln, Sachsen, Jüten) zu verstehen, wobei nur wenige Quellentexte vorliegen, u.a. Glossen, Zaubersprüche und Stammbäume. Bei späteren Berichten ist zu unterscheiden zwischen der nordischen Mythologie der heidnischen Dänen (Danelag), die einen Teil Englands besetzt hielten und alter einheimischer Überlieferung.
Die Angelsachsen kannten folgende Gottheiten und mythische Helden: Ærta, Éarendel, Éastre, Erce, Folde, Géat, Hengist 7 Horsa, Hréðe, Ing, Mæðhilde, Seaxnéat, Tíg, Þunor, Wéland, Wóden, Wyrd. (Nicht bezeugt, aber häufig erwähnt, sind *Fríg, *Fréa, *Grím.)
Die Gottheiten
- Wóden: Hauptgott, dem für Sieg und Manneskraft geopfert wurde. In den Stammbäumen ist er der Stammvater der Königshäuser von Kent, Wessex, Essex, East Anglia, Mercia, Bernicia und Deira. Eine Stelle in Salamon and Saturn sagt, dass Mercurius se gygand als erster Buchstaben festsetzte, ein möglicher Hinweis, dass Wóden, wie der nordische Gott Odin, die Runen erfunden hat, da in Glossen Wóden stets mit Mercurius gleichgesetzt wurde. Im Neunkräutersegen (Nine Herbs Charm) erscheint Wóden als Magier.
- Walküren : In Glossen wird wælcyrge mit Bellona, Eurynis, Tisifone, Alecto übersetzt.
- Géat: Ahnherr der Königsfamilien und in den Stammbäumen Vorfahre von Wóden. Das Klagegedicht des Sängers Deor nennt seine Liebschaft zu Mæðhilde. Und weil die Angelsachsen diesen Gott mit lauten Lobliedern besangen, wurde er von König Alfred als "komödienhafte Gottheit" bezeichnet.
- Þunor: Donnergott, mit "feuriger Axt". Wurde mit Ioppiter gleichgesetzt. Dass der Gott über die Wolken fuhr, erhellt das Wort þunorrád "Donnerschlag".
- Tíw / Tíg: Wurde in Glossen mit Mars gleichgesetzt.
- Seaxnéat : Erschient im Stammbaum der Könige von Essex als Sohn von Wóden. Er entspricht dem Gott Saxnôte in der Sächsischen Abschwörungsformel. Ob er mit Tíw gleichgesetzt werden darf, sei dahingestellt.
- Ing : Held der Ostdänen, der nur im Runengedicht genannt wird. Auch Name der ᛝ-Rune.
- Erce, Folde: Erdgöttin. Der angelsächsische Flursegen (Charm for Unfruitful Land) ist ein Gemisch von altheidnischen und christlichen Elementen. Der Bauer wendet sich nach Osten und betet: eorðan ic bidde and upheofon! ("Die Erde bitte ich und den Obhimmel!", Vs. 4). Die Erde wird dann mehrfach angerufen: Erce, Erce, Erce eorðan módor ("Erce, der Erde Mutter", Vs. 14) und Folde fíra módor ("Folde, der Menschen Mutter", Vs. 30). Aber auch Maria und der Christengott werden darin angerufen.
- Éarendel: In den Glossen mit iubar (Morgenstern) übersetzt. Ein Lobgedicht auf Christus vergleicht diesen mit Éarendel.
- Éastre: Nur bei Beda Venerabilis genannt. Ihr ist ein Fest im April (éosturmónað) geweiht. Aus dieser einen Erwähnung hatte J. Grimm eine deutsche Göttin *Ôstara rekonstruiert, die dann in neopaganen Kreisen zu höchsten Ehren kam.
- Hréðe : Sie erhielt im März (hréðmónað) Opfer.
- Módra : "Mütter". Ihnen wurde in der Nacht vom kürzesten Tag (24. Dez.: módraneht) geopfert.
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Neunkräutersegen Vs.31-34
Wyrm com snícan, tóslát he man;
ða genam Wóden VIIII wuldortánas,
slóh ðá þa næddran, þæt heo on VIIII tófleah.
Eine Schlange kam gekrochen, biss einen Mann.
Da nahm Wóden 9 Glanzzweige, schlug damit die Natter,
so dass sie in 9 * zerfiel.“
Deor Vs.15-17
We þæt Mæðhilde monge gefrugnon,
wurdon grundléase Géates frige,
þæt hi seo sorglufu slæp ealle binom.
Manche von uns erfuhren von Mathilde:
Bodenlos wurde Géats Liebe,
so dass Kummer ihnen allen Schlaf raubte.“
Flursegen Vs.30-32
Hál wes þú, Folde, fira módor!
Beo þú grówende on Godes fæþme,
fóddre gefyllet firum tó nytte!
Heil sei dir, Folde, der Menschen Mutter!
Sei du grünend in Gottes Umarmung,
gefüllt mit Speisen, den Menschen zu Nutze.“
Crist A Vs.104-108
Éala Éarendel engla beorhtast!
ofer middangeard mannum sended
and sódfæsta sunnan leoma
torht ofer tunglas, þú tída gehwane
of sylfum þe symle inlíhtes.
Oh, Éarendel, der Engel glänzendster!
Über Midgard den Menschen gesendet
und wahrlich Sonnenstrahlen
strahlend über Sterne, du allzeiten.
aus dir selbst leuchtest.
Christianisierung
Wohl ab dem 6. Jahrhundert begann die Christianisierung der angelsächsischen Völker. Es waren zuerst die Adeligen, die sich dem neuen Glauben zuwandten. Der Geschichtsschreiber
Beda Venerabilis berichtet, welche Gründe sie bewegten, in seiner
Historia ecclesiastica gentis Anglorum: Im Rat von
König Edwin vergleicht einer seiner Gefolgsleute das Leben, wie sie es bisher kannten, mit dem Flug eines Spatzes, der aus einem eiskalten Sturm in eine warme, erhellte Met-Halle fliegt – und wieder hinaus in den Sturm.
„Ipso quidem tempore, quo intus est, hiemis tempestate non tangitur, sed tamen paruissimo spatio serenitatis ad momentum excurso, mox de hieme in hiemem regrediens, tuis oculis elabitur. Ita haec uita hominum ad modicum apparet; quid autem sequatur, quidue praecesserit, prorsus ignoramus. Unde si haec noua doctrina certius aliquid attulit, merito esse sequenda uidetur.“
- Übersetzung:
„Während der Zeit, in der er sich drinnen aufhält, wird er vom Wintersturm nicht berührt, doch nach einem kurzen Moment der Heiterkeit verschwindet er bald aus deinen Augen, geht zurück in den Winter, aus dem er gekommen ist. So erscheint das Leben der Menschen für kurze Zeit; was aber darauf folgt, oder was ihm vorausging, darüber wissen wir nicht das Geringste. Wenn nun diese neue Lehre (=das Christentum) irgendwelches sichereres Wissen beiträgt, verdient sie es, befolgt zu werden.“
Bis zum 9. Jahrhundert hatte das Christentum den ursprünglichen Glauben der Angelsachsen verdrängt; dieser lebte nur im Volksglauben weiter.
Literatur
- Jan de Vries: Altgermanische Religionsgeschichte. Berlin 1956.
- Åke V. Ström: Germanische Religion. Stuttgart 1975.
- Louis J. Rodrigues: Anglo-Saxon Verse Charms, Maxims & Heroic Legends. Pinner 1993. ISBN 1-898281-01-7.
- Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie. Stuttgart 2. Aufl. 1995. ISBN 3-520-36802-1.
Siehe auch
Deutsche Mythologie | Angelsächsische Mythologie | Germanische Mythologie
Anglo-Saxon polytheism