Eine Amphiktyonie (auch Amphyktionie, griech. für Umwohnerschaft) ist ein loser Verband umwohnender Städte im antiken Griechenland, Kleinasien, Etrurien und ggf. im biblischen Israel. Diese Städtebünde bildeten sich um ein Heiligtum, um es zu schützen und zu verwalten. Später kam die Veranstaltung von Festspielen dazu. Eine militärische Bundesgenossenschaft griechischer Städte wird dagegen Symmachie genannt. Wann und wo Amphiktyonie begann, lässt sich im Dunkel der Vorzeit nicht ergründen. Es gibt aber Anzeichen dafür, dass es sie schon vor den auf städtischem Areal errichteten Heiligtümern gab.
Geschichtliche Beispiele sind die Amphiktyonie um die Poseidon-Heiligtümer auf der Mykale (Panionion) und Kalaureia oder die These von der mutmaßlichen Amphiktyonie Israels. Die Boioter, Diorer, Doloper, Ionier, Lokrer, Magneten, Malier, Oitaier, Perrhaiber, Phoker, Thessalier und die phthiotischen Achaier bildeten die Amphiktyonie von Delphi um den Tempel der Demeter in Anthela und das Apollonheiligtum in Delphi.
Solche Amphiktyonien gab es in Argos, Kalauria, Onchestos, bei Haliartos, auf Delos etc. Die bedeutendste war aber die von Anthela bei den Thermopylen, deren Entstehung vom Mythos auf Amphiktyon, den Sohn des Deukalion und der Pyrrha, zurückgeführt wird, und deren Sitz durch den Einfluss der Dorer später nach Delphi verlegt wurde. Mitglieder dieses Bundes waren ursprünglich die Doloper, Thessalier, Änianen oder Oitäer, Magneten, Malier, Phthioten und Perrhäber, denen sich später auch die Phoker, Lokrer, Dorer, Böotier und Ionier in Attika und Euböa anschlossen, so dass die Zahl der Teilnehmer die heilige Zwölfzahl erreichte. Jeder der zwölf Stämme war durch zwei Gesandte bei den Versammlungen vertreten; ferner schickte jeder Tempelboten (Hieromnemonen), welche die Opfer darzubringen, und Pfortenredner (Pylagoroi), welche den Landfrieden zu erhalten hatten. Zweck des Bundes war zunächst Schutz der Heiligtümer der Demeter in Anthela und des Apollon zu Delphi, gemeinschaftliche Feier gewisser Feste, namentlich der pythischen in Delphi, dann aber die Aufrechthaltung völkerrechtlicher Grundsätze, wie:
Man hielt jährlich zwei feierliche Versammlungen, im Frühjahr zu Delphi, im Herbst zu Anthela bei den Thermopylen; erstere fiel mit den Pythischen Spielen zusammen. Bei diesen Versammlungen wurden Streitigkeiten geschlichtet, bürgerliche und peinliche Verbrechen, besonders Vergehen gegen das Völkerrecht und gegen den Tempel zu Delphi, bestraft. Wurde die einer Stadt auferlegte Geldbuße nicht bezahlt, so konnte der Bund mit Waffengewalt einschreiten. Dies zeigen die Heiligen Kriege.
Auch konnte die Versammlung einzelne Städte oder ganze Staaten vom Bund ausschließen. Mit der Zeit wuchs die Anzahl der teilnehmenden Staaten bis auf 30; immer aber wurden die Stimmen auf die ursprünglichen zwölf Stämme reduziert, so dass mehrere Poleis zusammen nur eine Stimme hatten.
Noch unter Roms Herrschaft führten die Amphiktyonen den Vorsitz bei den Pythischen Spielen. Zuletzt wird der Bund in der Zeit der Antoninen erwähnt. Sein Aufhören fällt wohl mit dem Aufhören des delphischen Orakels zusammen. Der politische Einfluss der Amphiktyonie war in der Blütezeit Griechenlands nicht groß; wohl aber verdankt ihr Hellas mit dem Schutz seines größten und reichsten Orakels auch die Erhaltung der Einheit des religiösen Kultus.
Griechische Geschichte (Antike)
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