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Altniederländisch ist der Vorläufer des Mittelniederländischen im frühen Mittelalter (ca. 600 bis 1150).

Überlieferung


Vom Altniederländischen sind nur einige Texte und Fragmente erhalten. Diese Texte und Fragmente sind im Corpus van Middelnederlandse teksten (tot en met het jaar 1200) von Maurits Gysseling herausgegeben. Die schriftliche Überlieferung ist also wesentlich geringer als die von verwandten Sprachen, wie z.B. Altenglisch oder Althochdeutsch.

Bei den altniederländischen Textfragmenten ist nicht immer eindeutig feststellbar, ob es sich um Altniederländisch, Altsächsisch oder Altfriesisch handelt. Dies liegt an der dürftigen Überlieferung und an der Tatsache, dass die germanischen Sprachen (oder Dialekte) sich damals stärker ähnelten. Es gab ein Dialektkontinuum, d. h. fließende Übergänge zwischen verwandten Sprachen oder Dialekten.

Die großen Texte

Die Wachtendonckschen Psalmen
Die Wachtendonckschen Psalmen sind eine Psalmensammlung auf Latein und Altniederländisch. Sie sind in nur wenigen Handschriften überliefert. Sie sind benannt nach dem Besitzer, der 1598 dem humanistischen Gelehrten Justus Lipsius eine Handschrift mit diesen Texten lieh. Lipsius untersuchte die Handschrift und schrieb einige Psalmen ab. Die Handschrift selber ist verschollen. Der ursprüngliche Text ist aus dem 9. oder 10. Jahrhundert.

Der Willeram
Der Leidener Willeram (auch Egmonder Williram genannt) ist der längste Text, der klar altniederländische Kennzeichen hat. Die Handschrift, die diesen Text enthält, befindet sich in der Leidener Universitätsbibliothek. Die Sprache des Textes ist eine Mischung aus Althochdeutsch und Altniederländisch. Der Text ist eine sprachlich oberflächliche Übersetzung eines Kommentares zum Hohelied aus der Bibel. Die Vorlage für diesen Text stammt von dem Mönch Williram von Ebersberg. Der altniederländische Text ist aus dem 11. Jahrhundert.

Die Mittelfränkische Reimbibel
Die Mittelfränkische Reimbibel ist eine Bibel in Reimform, die wahrscheinlich im 12. Jahrhundert im Raum Werden entstanden ist. Sie ist in verschiedenen Fragmenten erhalten.

Einige kleinere Texte und Textfragmente

Der älteste Satz
Der älteste niederländische Satz stammt aus der Lex Salica, aus dem 6. Jahrhundert.

Maltho thi afrio lito
Ich sage dir: ich mache dich frei, Halbfreier

Diese Formel wurde ausgesprochen beim Frei-Erklären eines Halbfreien.

Die Lex Salica enthält viele einzelne Wörte (die so genannten Malbergse glossen), die als Altniederländisch betrachtet werden.

Hebban olla vogala...
Der berühmteste altniederländische Satz lautet:

Hebban olla vogala nestas hagunnan hinase hic
enda thu uuat unbidan uue nu

Alle Vögel haben Nester angefangen außer mir
und dir, worauf warten wir nun

Die übliche Erklärung geht dahin, dass es sich um einen Schreibversuch handelt, also ein Ausprobieren einer Schreibfeder (auf Latein probatio pennae). Der Text stammt nach dieser Erklärung von einem flämischen Mönch in einem englischen Kloster.

Dieser Satz befindet sich zwischen anderen Textfragmenten auf der Rückseite einer altenglischen Predigtenhandschrift. Bei diesen Fragmenten befindet sich auch eine lateinische Version dieses altniederländischen Satzes:

Abent omnes volucres nidos inceptos nisi ego et tu
quid expectamus nunc

Eine Abbildung des Textes befindet sich in einem Artikel des INL.

Lobesvers aus Munsterbilzen
Aus der Zeit um 1130 stammt der Satz aus einem Frauenkloster in Munsterbilzen in Belgisch-Limburg.
Tesi samanunga vvas edele unde scona et omnium virtutum pleniter plena
Der erste Teil dieses Satzes ist altniederländisch, der zweite Teil ist lateinisch.

Weitere Quellen
  • Runeninschriften
  • Taufgelöbnisse
  • Beschwörungsformeln
  • Glossen
  • Ortsnamen
  • Personennamen

Erforschung des Altniederländischen


Am Instituut voor Nederlandse Lexicologie (INL) //www.inl.nl in Leiden wird zur Zeit an einem Altniederländischen Wörterbuch gearbeitet. Dieses Wörterbuch soll 2008 veröffentlicht werden.

Viele der altniederländischen Texte und Textfragmente sind im Corpus van Middelnederlandse teksten (tot en met het jaar 1300), dem so genannten Corpus Gysseling veröffentlicht.

Kennzeichen


Ein wichtiges Kennzeichen des Altniederländischen ist das Vorkommen von vollen Vokalen in unbetonten Silben.

Die folgenden Beispiele zeigen erst das altniederländische Wort, dann die neuniederländische Entsprechung (Nnl.) und danach die deutsche Bedeutung:

vogala (Nnl. vogel, "Vogel"), hebban (Nnl. hebben, "haben"), geuon (Nnl. geven, "geben" - in alten Texten wurde nicht zwischen u und v unterschieden), herro (Nnl. heer, "Herr"), gesterkon (Nnl. versterken, "verstärken"), geuuisso (Nnl. gewis, "gewiss"), fardiligon (Nnl. verdelgen, "vertilgen").

Ein weiteres wichtiges Kennzeichen ist das häufige Vorkommen von grammatischen Fällen (Kasus). Auch das Mittelniederländische hat grammatische Fälle, aber die altniederländischen Formen sind deutlicher zu unterscheiden. Als Beispiel das altniederländische Substantiv dag:

Einzahl:

dag (Nom.)
dages (Gen.)
dage (Dat.)
dag (Akk.)

Mehrzahl:

daga (Nom.)
dago (Gen.)
dagon (Dat.)
daga (Akk.)

Abgrenzung gegenüber dem Mittelniederländischen


Obwohl es manchmal große Unterschiede gibt, gehen Altniederländisch und Mittelniederländisch fließend ineinander über. Die Grenze zwischen den beiden Sprachstufen ist kaum zu ziehen. Im Allgemeinen nimmt man 1150 oder 1200.

Der auffälligste Unterschied ist die Vokalreduktion: Im Altniederländischen gibt es volle Vokale in unbetonten Silben, im Mittelniederländischen werden die zu einem "Schwa" reduziert.

Beispiele:

  • Anl. vogala --> Mnl. vogele
  • Anl. dago oder daga --> Mnl. daghe
  • Anl. brecan --> Mnl. breken
  • Anl. gescrivona --> Mnl. gheschreven

Die Beispiele stammen aus dem Kapitel von A. Quak, in: Van den Toorn e.a. (1997) (siehe Literaturangaben).

Literatur


  • A. Quak und J.M. van der Horst, Inleiding Oudnederlands. Leuven: Universitaire Pers Leuven, 2002). (Ausführliche Literaturangaben: siehe dort)
  • Maurits Gysseling m.m.v. Willy Pijnenburg, Corpus van Middelnederlandse teksten (tot en met het jaar 1300) reeks II (literaire handschriften), deel 1: Fragmenten. 's-Gravenhage: Martinus Nijhoff, 1980.
  • M. Gysseling, "Prae-Nederlands, Oudnederlands, Vroegmiddelnederlands", in: Vierde Colloquium van hoogleraren en lectoren in de neerlandistiek aan buitenlandse universiteiten. Gent, 1970, S. 78-89.
  • M.C. van den Toorn, W.J.J. Pijnenburg, J.A. van Leuvensteijn, e.a., Geschiedenis van de Nederlandse taal. Amsterdam: Amsterdam University Press, 1997. (Besonders S. 37-42 und S. 69-74 für die Abgrenzung Anl. und Mnl.)

Quellen


Homepage des Projektes OWN (Oudnederlands Woordenboek), auf Niederländisch, 10.06.2006

Siehe auch


Niederländische Sprache | Sprachstufe

Oudnederlands | Old Low Franconian

 

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