Als Altkirchenslawisch bezeichnet man die älteste slawische Schriftsprache, die um 860 entwickelt bzw. festgehalten wurde und aus der gegen Ende des 11. Jahrhunderts verschiedene Varianten des Kirchenslawischen hervorgegangen sind. Die Bezeichnung Altkirchenslawisch begründet sich in der fast ausschließlichen Verwendung als liturgische Sprache.
In der Vergangenheit wurde das Altkirchenslawische und das Kirchenslawische unter der gemeinsamen Bezeichnung Kirchenslawisch oder Altslawisch zusammengefasst. Eine seltenere Bezeichnung ist Altbulgarisch, sie ist vor allem in Bulgarien, z.T. aber auch bei westlichen Forschern üblich.
Auf Anfrage des großmährischen Fürsten Rastislav an Byzanz und die Ostkirche, Geistliche zur Verbreitung des christlichen Glaubens zu schicken, wurden die Brüder Konstantin (später Kyrillos genannt) und Methodios vom Patriarchen Photios I. mit der Missionierung beauftragt und begaben sich im Jahre 863 nach Großmähren. Konstantin hatte zuvor bereits Teile der Evangelien und während der Mission den Psalter sowie andere christliche Bücher in die slawische Sprache übersetzt und sie schriftlich mit Hilfe des von ihm entworfenen glagolitischen Alphabets fixiert.
Durch Vertreibung der Missionare und deren Schüler im Jahre 885 verbreitete sich die Schriftsprache auch im Süden, im bulgarischen Reich. Die Glagoliza, die trotz der Vertreibung weiterhin in Großmähren verwendet wurde, breitete sich nun auf weite Teile des Balkans aus, wobei sich zwei Schriftvarianten entwickelten: Die eckige westliche im Gebiet des heutigen Kroatien und die runde östliche Variante der Glagoliza im makedonischen und bulgarischen Raum, die jedoch noch vor Ende des neunten Jahrhunderts durch die von Kliment von Ohrid, einem Schüler des Missionars entworfene kyrillische Schrift ersetzt wurde. Im alpenslawischen Südwesten, also im Gebiet des heutigen Slowenien und nördlich davon, wurde vereinzelt auch die lateinische Schrift verwendet. Während das Altkirchenslawische zuerst nur Sprache der slawischen Liturgie war, wurde es ab 893 zur Staatssprache des bulgarischen Reiches.
Die durch die Mährenmission und die Vertreibung der Apostel nach Süden erfolgte Christianisierung bedeutete den größten kulturellen Wandel in Süd- und Osteuropa bis zur Zeit der Reformation. Unter verschiedenen Herrschern entstanden kleinere Zentren, in denen sich das Altkirchenslawische auch zu einer Literatursprache mit hohem Niveau weiterentwickelte und ihre Blütezeit im 10. Jahrhundert fand, zum Beispiel in Preslaw, der damaligen Hauptstadt des bulgarischen Reiches.
Trotz ihres südslawischen Dialektes konnten die beiden Prediger von ihren slawischen Brüdern im Norden, die die mährisch-slowakisch-pannonischen Dialekte sprachen, ohne weiteres verstanden werden, da sich die regionalen Dialekte damals noch sehr ähnlich waren. Die heutigen, vergleichsweise großen Unterschiede gehen zurück auf etwa die Zeit des 11. Jahrhunderts, als sich verschiedene Varianten der altkirchenslawischen Sprache herausbildeten, die heute unter dem Oberbegriff Kirchenslawisch zusammengefasst werden. Hierzu zählen das Bulgarisch-Kirchenslawische (auch Mittelbulgarisch genannt) sowie das Russisch-, Serbisch-, Kroatisch- und Tschechisch-Kirchenslawische.
1652 wurde das durch den Patriarchen Nikon festgelegte Kirchenslawisch die liturgische Sprache der slawisch-orthodoxen Kirche. Ab der Zeit wird sie auch als Neukirchenslawisch oder Synodalkirchenslawisch bezeichnet und hat sich dort mit einem Status, vergleichbar dem des Lateinischen in der römisch-katholischen Kirche, bis heute gehalten.
Obwohl der Einfluss des Kirchenslawischen auf die jüngeren slawischen Sprachen enorm ist, muss davon ausgegangen werden, dass es sich bei der ältesten slawischen Schriftsprache um jenen südslawischen Dialekt der ersten Missionare handelt, nicht aber um einen gemeinsamen Vorfahren der slawischen Sprachfamilie, wie das Proto- oder Urslawische. Allerdings ist das Altkirchenslawische aufgrund seines Alters dem Urslawischen noch recht ähnlich, weswegen es von hoher Bedeutung für das historisch-vergleichende Studium der slawischen Sprachen ist.
Weitere Entdeckungen und Funde altkirchenslawischen Schriftguts, zum Beispiel eines Evangelienmanuskriptes in Auszügen in der vatikanischen Bibliothek im Jahre 1982 erweitern den trotz der wenigen Texte doch auf einige Größe angewachsenen lexikalischen Gesamtkorpus, zu dem neben dem ursprünglichen theologischen auch Vokabular aus anderen Bereichen wie z. B. der frühen Geschichtsschreibung, der Philosophie, aber auch der Medizin und Botanik hinzukam. Die Schule von Preslaw war überdies bekannt für Werke der Dichtkunst.
Zu der von Konstantin und anderen Missionaren angefertigten teilweisen Übersetzung der Bibel und liturgischer Texte sowie auch literarischer Texte (unter anderem die Biographie des Konstantin und dem ihm zugeschriebenen Vorwort zum Evangelium) kamen später Übertragungen der Werke der Kirchenväter (z. B. Basilius der Große et. al.) und Philosophen. Hier kommt den Übersetzern zusätzliche Bedeutung zu, da mit der Darstellung komplexer und abstrakter philosophischer Sachverhalte in einer größtenteils nur gesprochenen Sprache lediglich auf einen eingeschränkten Erbwortschatz zugegriffen werden konnte. Noch über das Spätmittelalter hinaus setzte sich der durch die ersten Übersetzer initiierte und für das Altkirchenslawische und das spätere Kirchenslawische so fruchtbare Prozess der Erweiterung der Sprache durch Wortschöpfungen, Entlehnungen, sowie Lehnübersetzungen und Lehnprägungen, überwiegend aus dem Griechischen, und Lateinischen, aber auch aus dem Hebräischen und Althochdeutschen fort. Einige Beispiele hierfür sind: градь-никъ (grad-nik) von dem griechischen Wort πολί-της (poli-tes) „Bürger“ (als Lehnübersetzung), ђеона (geona) von γέεννα (ge'enna) „Hölle“ (als Lehnwort), мьша (mjescha) aus dem lateinischen (und althochdeutschen) missa „Messe“, рабби (rabbi) und серафимъ (seraphim) aus dem Hebräischen.
Das altkirchenslawische Konjugationssystem, welches sich grob in fünf Klassen unterschiedlicher Verbalstammbildung gliedert, umfasst die Kategorien Person, Numerus, Modus, Genus und Tempus. Während durch Personalpronomina und entsprechende Personalendungen die erste, zweite oder dritte Person sowie der zum Deklinationsystem analoge Numerus als Singular, Dual oder Plural bestimmt wird, gibt es die auch in der deutschen Sprache bekannten Modi des Indikativs, Konjunktivs und Imperativs. Im Aktiv wird ebenfalls durch verschiedene Personalendungen noch das grammatische Geschlecht unterschieden. Das Tempussystem besteht aus dem Präsens, Futur I/II, Imperfekt, dem aus dem Griechischen bekannten Aorist, Perfekt und Plusquamperfekt, welche durch Bildung von Stammsuffixen ausgedrückt werden. Wie im Russischen spielt beim Gebrauch der Zeiten außerdem der Aspekt des Verbs (unvollendet oder vollendet) eine wichtige Rolle.
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