Das Alte Testament (abgekürzt AT; von lat. testamentum „Bund“) ist die übliche christliche Bezeichnung für die ins Griechische übertragene jüdische Sammlung biblischer Bücher, die im Wesentlichen den Tanach umfasst. Diese Schriftensammlung bildet zusammen mit dem Neuen Testament (abgekürzt NT) die Heilige Schrift des Christentums.
Im Mittelalter wurden AT und NT zusammen ins Lateinische übersetzt: Diese Vulgata blieb lange Zeit die Version, in der das AT im Katholizismus verbreitet war. Erst in der Renaissance entdeckten Humanisten hebräische Bibelhandschriften der Masoreten wieder, die ihnen im 16. Jahrhundert als „Urtext" des AT galten. Martin Luther hat diesen Text nach einer Vorlage des Erasmus von Rotterdam ins Deutsche übertragen. Seine Lutherbibel wurde in den evangelischen Kirchen eingeführt.
Das Attribut „alt" wurde im christlichen Antijudaismus oft im Sinne von „überholt", „abgelöst" und „ungültig" verstanden und gebraucht. Um diese Abwertung des Tanach und damit auch des Judentums zu vermeiden, wird das Alte Testament heute von christlicher Theologie und Kirchen auch „Erstes Testament" oder „Hebräische Bibel“ genannt.
Diese Anordnung bedeutet auch eine gewisse Bedeutungshierarchie: Die Tora steht sowohl zeitlich als auch von ihrer Autorität her an der Spitze der biblischen Bücher. Sie wurde in Israel zuerst als gemeinsame Heilige Schrift anerkannt. Danach kommen die Propheten, zuletzt die Schriften.
Zur Tora gehört im Judentum:
Zu den Propheten zählt man dort die Bücher:
Zu den Schriften rechnet man:
Der Tanach zählt demnach 24 „Bücher“. Er fasst die Bücher Samuels, der Könige, der Chronik, die 12 kleinen Propheten sowie Esra und Nehemia im Gegensatz zur christlichen Einteilung als jeweils ein Buch auf. Er rechnet einige Bücher, die für heutige Historiker Geschichtsbücher sind, zu den Propheten (z.B. Josua, Richter) oder zu den Schriften (Rut, Ester, Esra, Nehemia, Chronik).
Der Tanach bildet die maßgebliche Grundlage des später von den Christen übernommenen „Alten Testaments“ und stimmt mit diesem inhaltlich weitgehend überein. Aber Anordnung und Bedeutung der Einzelschriften unterscheiden sich im Judentum und im Christentum: Darum kann der Tanach nicht mit dem Alten Testament gleichgesetzt werden.
Eine chronologische Anordnung, die der historischen Entstehungszeit der Einzelschriften folgt, fiele wiederum ganz anders aus als die beider Religionen. Darin kommt bereits äußerlich zum Ausdruck, dass die biblische Geschichte, obwohl sie viele historische Informationen über den antiken vorderen Orient enthält, nicht in erster Linie als Tatsachenbericht aufgefasst werden will, sondern als „Wort Gottes“.
- den Pentateuch:
- Geschichtsbücher:
- Bücher der Lehrweisheit und Psalmen:
- Prophetenbücher, nochmals unterteilt in
4 „große“ Propheten:
- und 12 „kleine“ Propheten:
Diese biblischen Bücher werden anders angeordnet als im Judentum und in den westlichen Kirchen. Sie enthalten außerdem kleine inhaltliche Unterschiede zu deren Bibeln wie einzelne fehlende oder zusätzliche Verse innerhalb einiger Bücher. Diese entstammen der Septuaginta, sind also bereits vorchristlicher Herkunft.
Die slawischen Kirchen fügen außerdem noch die Esra-Apokalypse - auch als 2., 3. oder 4. Buch Esras bekannt - hinzu. Die Äthiopische Kirche hat noch mehrere weitere Bücher in ihrem Kanon.
Diese Bücher werden gemeinhin "Apokryphen" oder "deuterokanonische Schriften" genannt. Der Kanon des Alten Testaments zählt damit 39 Bücher, die manchmal, in Anlehnung an die Tradition, eingeteilt werden in:
Während die reformiert geprägten Bibelausgaben meist nur die Schriften des hebräischen Kanons bieten, enthalten Lutherbibeln oft auch die „deuterokanonischen“ Schriften (Apokryphen) als Einschub zwischen Altem und Neuem Testament. Dabei kommt oft noch das so genannte Gebet des Manasse hinzu. Diese Schriften gelten damit nicht als gleichrangiges "Wort Gottes", waren für Luther aber dennoch „nützlich und gut zu lesen“.
Die ältesten Überlieferungen, die in die Bibel einwanderten, wurden in der Phönizisch-Althebräischen Schrift abgefasst. Diese ist die erste bekannte alphabetische Buchstabenschrift, entstanden um 2000 v. Chr. im Raum Syrien-Libanons. Sie bestand aus weniger als 30 Konsonanten ohne Vokale.
Seit dem israelitischen Exil im 6. Jahrhundert v. Chr. wurde sie allmählich von der hebräischen Quadratschrift abgelöst. Beide Schriftarten bestanden noch bis ins 2. Jahrhundert n. Chr. nebeneinander fort, wobei Althebräisch als besonders heilig galt.
Die ältesten bekannten biblischen Schriftrollen wurden 1947 bei Qumran gefunden und entstanden etwa 200 v. Chr. Sie enthalten aramäische und hebräische Bibeltexte aus exilisch-nachexilischer Zeit, darunter eine fast 7,5 Meter lange Rolle des vollständigen Jesajabuchs (66 Kapitel). Sie wichen zur großen Überraschung der Bibelforschung nur minimal von den bis dahin bekannten, 1.200 Jahre jüngeren mittelalterlichen Bibelhandschriften ab, so dass von einer enormen Disziplin bei der generationenlangen Abschrift von Bibeltexten auszugehen ist.
Seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. löste Pergament das Papyrus als Schreibmaterial ab: Nun wurde es möglich, mehrere umfangreiche Schriftrollen zu einem „Kodex“ zu bündeln. Der älteste erhaltene hebräische Bibelkodex ist der Codex Cairensis aus 895 n. Chr.; er enthält nur die Bücher der 12 „kleinen" Propheten.
Eine erster vollständiger Text der ganzen Hebräischen Bibel liegt vor in der Handschrift B19 (Codex Leningradensis), die 1008 n. Chr. aufgeschrieben wurde. Sie liegt den modernen Urtextausgaben der Biblia Hebraica (Herausgeber Rudolf Kittel) und Biblia Stuttgartensia (Herausgeber Karl Elliger und Wilhelm Rudolph) zu Grunde.
Der Konsonantentext vor allem der Tora wurde um 135 n. Chr. festgelegt. Dass er dabei alter vorchristlicher, jedoch noch nicht kanonisierter Überlieferung folgte, ist durch die Funde in Qumran und den Papyrus Nash (um 170 v. Chr. entstanden) erwiesen. Doch nun begann die 1000-jährige „Masora“ (philologische Arbeit) der danach genannten „Masoreten“: jüdischen Schriftgelehrten in Palästina - hier besonders in Tiberias - und Babylonien, die mit dem Sammeln und Redigieren von biblischen Handschriften befasst waren. Eine ihrer Aufgaben war auch die Punktuation (Markierung) des festgelegten Konsonantentextes durch Vokalzeichen, Akzente, Satzzeichen und Verseinteilungen. Ferner mussten nach ihren strengen Vorschriften ältere, von der als gültig vereinbarten Textversion abweichende Abschriften vernichtet werden.
Die seit dem Mittelalter bekannten Bibelhandschriften beruhen allesamt auf der masoretischen Vereinheitlichung der hebräischen Bibeltexte, so dass man lange Zeit einen „Urtext“ dahinter annahm. Durch Zufallsfunde in einer zugemauerten Geniza (Rumpelkammer) zum Entsorgen überholter Schriftrollen in Kairo (1850) und den Höhlen von Qumran (1947) aber weiß man heute, dass hier überwiegend die palästinensische Tradition erhalten geblieben ist.
Vor 135 n. Chr. gab es demzufolge mehrere Versionen der Hebräischen Bibel nebeneinander. Darauf verweisen die Septuaginta, der samaritanische Pentateuch und innerbiblische Paralleltexte mit leichten Abweichungen, z.B. Psalm 18 und 2. Samuel 22 oder Jesaja 2, 2-4 und Micha 4, 1-3.
Hinzu kamen seit der Königszeit Überlieferungen über die politische Geschichte Israels, die im und nach dem Exil zu größeren Einheiten wie dem „Deuternomischen Geschichtswerk“ verbunden wurden: Dazu gehören das Buch Josua, die Bücher Samuel, Könige und Chronik.
Seit dem 9. Jahrhundert v. Chr. wurden außerdem prophetische Traditionen gesammelt und später entweder in die Geschichtswerke über die Königszeit integriert (Samuel, Nathan, Elija, Elisa) oder zu eigenen prophetischen Einzelbüchern zusammengestellt (von Jesaja bis Maleachi).
Seit der Regierungszeit Salomos im 8. Jahrhundert, besonders aber in exilisch-nachexilischer Zeit ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. entstanden liturgische, poetische und weisheitliche Schriften:
Viele der zu den „Schriften“ gezählten Bücher entstanden nach der Rückkehr eines Teils der exilierten Juden 539 vor Christus (Esra, Nehemia, Ester, Rut). Seit der Makkabäerzeit (etwa 170 v. Chr.) wurde auch apokalyptische Literatur verfasst und später dem Kanon hinzugefügt (Daniel).
Seit Jesu Tod und Auferweckung existiert für das Christentum ein „Neues Testament“ (NT). Dieses wurde in Gestalt der urchristlichen Schriften, vor allem der Evangelien und Gemeindebriefe, schriftlich fixiert. Es stellt Leben und Lehre des Juden Jesus Christus als die Erfüllung des Israelbundes dar. Untrennbar von der Hebräischen Bibel bildet das NT mit ihr die Heilige Schrift des Christentums.
Der Begriff „Altes Testament“ kommt im NT nicht vor. Er erscheint als Sammelbezeichnung für die Schriften Israels erst im 2. Jahrhundert bei Melito von Sardes. Der Sache nach ist im NT damit aber der „Erste Bund“ Gottes mit dem Volk Israel (Hebr 8,7) im Gegenüber und in unauflösbarer Relation zum „Neuen Bund“ Gottes mit Israel und allen Völkern durch die Selbsthingabe Jesu Christi (Mk 14,24) gemeint. Das Attribut „alt“ hat seine Berechtigung ausschließlich in diesem christlichen Selbstverständnis: Danach ist das Verhältnis der beiden Testamente zueinander ein unauflösbares Nacheinander, insofern der Alte dem Neuen Bund Gottes zeitlich und inhaltlich vorangeht.
Dies meint jedoch weder im NT selber noch nach späterer kirchlicher Lehre die Veraltung und Ersetzung des Israelbundes, den die Hebräische Bibel bezeugt. Mit dem Erscheinen Jesu Christi ist für Christen kein neues Wort Gottes neben das „alte“ getreten. Sondern dieser „Sohn Gottes“ ist das „fleischgewordene Wort Gottes“ (Jh 1,14) und repräsentiert als solcher die Erwählung Israels zum Volk Gottes, in das von Ewigkeit her die Erwählung der Menschheit mit eingeschlossen ist.
Insbesondere der Tod und die Auferweckung Jesu Christi hat nach dem Neuen Testament Gottes Willen stellvertretend für alle Menschen erfüllt. Damit hat er die Israel gegebenen Offenbarungen, Bundesschlüsse und Verheißungen endgültig bestätigt, die in Israels Bibel ausgesprochene Verheißung eines „neuen Bundes“ unüberbietbar bekräftigt (Hebr 8,8] als Zitat von Jer 31,31f) und alle Völker in diesen Bund einbezogen.
Person und Werk Jesu Christi verkörpern also für die Christen den „neuen“ Willen Gottes, indem sie seinen „alten“ Willen, die Ersterwählung Israels, endgültig erfüllen und bekräftigen. Für die ganze urchristliche Verkündigung ist daher der durchgängige Bezug auf die Bibel Israels entscheidend. Ohne sie lässt sich die universale Bedeutung Jesu Christi nicht aussagen bzw. verstehen.
Damit hat jedoch für die Christen der eine Wille Gottes, den bereits das „Alte“ Testament offenbart, einen anderen, neuen Stellenwert erhalten: Von nun an gilt dieser Wille nur noch in der Auslegung, die Jesus Christus ihm durch seine Lehre, seinen Tod und seine Auferweckung gegeben hat. Demnach sind alle Einzelgebote in dem einen Gebot Jesu Christi, nämlich dem Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe, „aufgehoben“, diesem untergeordnet (Mk 12,30f).
Mit der Kanonisierung der Hebräischen Bibel hat die werdende Kirche bereits im 3. nachchristlichen Jahrhundert allen solchen Versuchen eine entscheidende Absage erteilt. Dabei wurde ein Großteil der Schriften des Tanach als „Altes Testament“, also vollgültiges Gotteswort übernommen. Damit wurde es theologisch unmöglich, die Lehre Jesu Christi von der Erwählung Israels zu trennen. Die Kirche legte damit selber eine normative Instanz für die Auslegung des Neuen Testaments fest, auf die spätere Reformanläufe in Religion und Politik sich berufen konnten.
Wo die auf das Diesseits bezogenen Hoffnungen und Verheißungen Israels neuplatonisch und allegorisch umgedeutet wurden, dort eignete sich das Christentum zur neuen Herrschaftsreligion des Römischen Reiches. Die seit dem 3. Jahrhundert durchgängige christliche Vereinnahmung des Alten Testaments und kirchlich-dogmatische „Enterbung“ des Judentums rief in Krisenzeiten Pogrome an Juden und anderen Minderheiten hervor und 'rechtfertigte' diese während des ganzen europäischen Mittelalters bis weit in die Neuzeit hinein.
Mitten im 20. Jahrhundert konnten die „Deutschen Christen“ im deutschen Protestantismus Fuß fassen. Sie versuchten wie Marcion erneut, alles „Jüdische“ aus dem christlichen Glauben auszumerzen und diesen zu einer „Nationalreligion“ umzuformen. Der jahrhundertelange kirchliche Antijudaismus bildete eine der wesentlichen Voraussetzungen für diese Irrlehre und damit auch für das singuläre Verbrechen des Holocaust.
Schon die historische Forschung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts erkannte die Eigenständigkeit der Traditionen Israels, besonders seiner Prophetie und seines Messianismus. Doch erst die unübersehbaren Wirkungen des christlichen Antijudaismus bis hin zur Schoah bewegten die Kirchen und die neutestamentliche Wissenschaft dazu, sich mit möglichen Wurzeln des Antijudaismus im Neuen Testament auseinanderzusetzen.
Dies zog im katholischen Bereich seit dem 2. Vatikanischen Konzil, im deutschen evangelischen Bereich - besonders seit den Kirchentagen der 1970er und frühen 1980er Jahre - eine Neubewertung des Alten Testaments und Judentums auch in der kirchlichen Dogmatik und Alltagspraxis nach sich. Der rheinische Synodalbeschluss von 1980 zum Verhältnis von Juden und Christen war hier wegweisend. Inzwischen haben ihn die meisten Landeskirchen der EKD so oder ähnlich übernommen.
Eine seiner zentralen Einsichten lautete: Hätte die christliche Mehrheit Europas ihre jüdischen Wurzeln wahrgenommen und den „ungekündigten Bund“ Gottes mit Israel (Römerbrief 11,2 / Martin Buber) erkannt, dann hätte sie das Doppelgebot der Liebe auch gegenüber der jüdischen Minderheit befolgt und die Gesellschaften Europas Gleiches zu tun gelehrt. Dann hätte die Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal des jüdischen Volkes in der NS-Zeit so nicht geschehen können.
Dem versucht die christliche Theologie auch sprachlich Rechnung zu tragen, um die bleibende Gültigkeit der im Alten Testament enthaltenen Schriften auszudrücken und das Missverständnis zu verhindern, „alt“ bedeute „veraltet“ oder „überholt“: z.B. Erstes Testament (Hebräerbrief 8, 7.13, 9, 1.15.18, so der christliche Alttestamentler Erich Zenger), Hebräische Bibel oder historisch-neutral Hebräisch-Aramäische Schriften.
Die Denkschrift „Juden und Christen" der EKD stellt fest, dass die christliche Abwertung des Alten Testaments nur dauerhaft überwindbar ist, wenn zugleich das Judentum als bleibender, eigenständiger lebendiger Zeuge der Hebräischen Bibel anerkannt wird. Dies hat weitreichende Konsequenzen für Bibelforschung, Exegese, Predigt, Konfirmandenunterricht und Gottesdienstgestaltung.
Die alttestamentliche Wissenschaft widmet sich als Teildisziplin der Theologie der philologisch-historischen Erforschung des Alten Testaments. Sie umfasst folgende Sachbereiche:
Als Hilfswissenschaften sind der alttestamentlichen Wissenschaft zugeordnet:
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