Sprachfamilien der Welt (Wikipedia Farben).png
Die altaischen Sprachen, manchmal auch Altaisprachen oder kurz Altaisch genannt, sind eine in Eurasien weit verbreitete Gruppe von etwa 60 Sprachen mit rund 160 Mio. Sprechern (annähernd 185 Mio. inklusive Zweitsprechern).
Diese Sprachgruppe wurde und wird von manchen Forschern als genetische Spracheinheit (Sprachfamilie) betrachtet. Es setzt sich allerdings in der Fachliteratur zunehmend die Auffassung durch, dass die altaischen Sprachen lediglich einen arealen Sprachbund aus drei genetisch klar definierten Sprachfamilien bilden: den Turksprachen, den mongolischen und tungusischen Sprachen. Die zweifellos vorhandenen Gemeinsamkeiten dieser drei Sprachfamilien in der typologischen Struktur, aber auch im lexikalischen Bestand würden sich dann aus einem langfristigen sprachlichen Kontakt der Sprecherethnien erklären.
Manche Forscher rechnen auch das Koreanische und Japanische zu den altaischen Sprachen im weiteren Sinne, das man auch Makro-Altaisch nennt.
Die Gruppe der altaischen Sprachen (im engeren Sinne) – insgesamt etwa 60 Sprachen mit 160 Millionen Sprechern – besteht aus drei klar definierten Sprachfamilien sehr unterschiedlicher Größe:
Die Turksprachen werden in einem breiten – teilweise von anderen Sprachgruppen unterbrochenen – Streifen gesprochen, der von Südosteuropa über die Türkei, Aserbaidschan, Iran, die zentralasiatischen Staaten Turkmenistan, Usbekistan, Kasachstan, Kirgisien und Westchina nach Sibirien reicht. Die mongolischen Sprachen sind hauptsächlich im östlich angrenzenden Gebiet – im russischen Burjatien, der Mongolei und der chinesischen Inneren Mongolei – verbreitet, das Tungusische schließt sich in versprengten kleinen Gruppen weiter nordöstlich in Nordchina und Ostsibirien an.
Turkisch und Mongolisch sind jeweils Familien eng verwandter Sprachen, so dass eine Binnengliederung schwierig ist. Das Tungusische weist eine größere Variationsbreite auf, ohne dass die genetische Zusammengehörigkeit zweifelhaft wäre. Wesentlich problematischer ist – wie nachfolgend ausführlich dargestellt wird – die Frage der genetische Einheit der drei Gruppen als altaische Sprachfamilie.
Die wichtigsten Turkprachen sind
Außer dem Tatarischen, Uighurischen und Kaschkai sind die genannten Sprachen die Nationalsprachen ihrer jeweiligen Staaten, die bis auf die Türkei erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion entstanden sind.
Die einzige mongolische Sprache mit mehr als einer Millionen Sprechern ist
Die tungusische Familie weist nur noch 'kleine' Sprachen auf, die fast alle stark gefährdet sind, allerdings hatte das heute nahezu ausgestorbene Mandschu einst eine weite Verbreitung in Nordostchina - der Mandschurei - und war aus dynastischen Gründen eine der Staatssprachen des kaiserlichen China. (Siehe Artikel Tungusische Sprachen.)
Typologisch weisen die drei Hauptgruppen der altaischen Sprachen (Koreanisch, Japanisch und Ainu sollen hier nicht betrachtet werden) große Gemeinsamkeiten auf. Einige wichtige Charakteristika sind:
Weitere Charakteristika und Beispiele sind innerhalb der Beschreibungen der einzelnen Sprachfamilien zu finden. Es ist klar, das alle hier beschriebenen Merkmale rein typologischer Natur sind und somit nicht zur Begründung der genetischen Einheit der altaischen Sprachen herangezogen werden können. Außerdem finden sich etliche Merkmale gleichermaßen in den uralischen und verschiedenen paläosibirischen Sprachen.
Nach den aktuellen Forschungsergebnissen ergeben sich für die drei Sprachfamilien, die die Gruppe der altaischen Sprachen bilden, folgende Klassifikationen (zu Sprecherzahlen, Dialekten und anderen Details siehe den unten angegebenen Weblink zur Klassifikation):
Einige Forscher gehen von einer einzigen Sprache Japanisch aus; die Ryukyu-Sprachen stellen dann nur aberrante Dialekte des Japanischen dar.
Die Klassifikation der altaischen Sprachen besitzt eine lange und wechselvolle Geschichte. Das Erstaunliche dabei ist, dass das 19. Jhdt. einen eher breiten Ansatz - viele Sprachgruppen wurden dem 'Altaischen' zugeordnet -, während sich im 20. Jhdt. dieser Ansatz zusehends verengte, um dann mit den eurasischen Makrofamilien (Nostratisch, Eurasiatisch, Makro-Altaisch) wieder ins andere Extrem zu fallen. Für die Untergruppierungen der historischen Klassifikationsansätze werden der leichteren Vergleichbarkeit halber die modernen Bezeichnungen verwendet (vgl. M. Ruhlen 1991).
Nachdem bereits im 17. Jhdt. einige Grammatiken altaischer Sprachen erschienen, legte P. J. von Strahlenberg 1730 eine erste Klassifikation des "Tatarischen" vor, das außer den heute altaisch genannten Sprachgruppen Turkisch, Mongolisch und Tungusisch auch das Uralische und Kaukasische umfasste. Das Mandschu gliederte er fälschlich dem mongolischen und nicht dem tungusischen Zweig an.
Strahlenberg 1730
Dieser Ansatz wurde im 19. Jhdt. teilweise noch erweitert, aber auch schon in die heute von der Mehrheit der Forscher vertretene Richtung verengt. Eine sehr breiter Ansatz stammt von R. Rask 1834, dessen 'skythische' Familie schon sehr an die nostratischen oder eurasiatischen Hypothesen der letzten Jahre erinnert. Immerhin wird das Mandschu korrekt zum Tungusischen gestellt und die Einheit des Finnisch-Ugrischen und Samojedischen als Uralisch erkannt.
Rask 1834
Dennoch war der Ansatz von Rask ein Extremfall, der allerdings noch von M. Müller 1855 übertroffen wurde, indem dieser auch noch Thai, Tibetisch, Drawidisch und Malaisch hinzupackt und damit sogar alle heutigen Nostratiker und Eurasiatiker übertrifft.
Einen Gegensatz zu Rask stellt die Klassifikation von W. Schott 1849 dar, indem er das 'Altaische' auf die heute altaisch und uralisch genannten Gruppen reduziert. Seine Bedeutung liegt auch darin, die strengen Ansprüche der jungen Indogermanistik teilweise auf die altaischen Sprachen übertragen zu haben. Dies bedeutete vor allem die Erkenntnis, dass bloße typologische Gemeinsamkeiten nicht zur Begründung genetischer Verwandtschaft von Sprachen herangezogen werden dürfen, sondern dass man sich dabei auf lexikalisches und morphologisches Material stützen muss, um letztlich tragbare Lautgesetze zu gewinnen. Das Kaukasische wird ebenso wie die anderen exotischen Gruppen Rasks als Bestandteil der altaische Familie aufgegeben. Übrig bleiben die heute altaisch und uralisch genannten Sprachgruppen, die Schott 'tschudisch' bzw. 'tatarisch' nennt. Damit erreicht Schott einen Standpunkt, der bis in die Mitte des 20. Jhdt. weithin akzeptiert wurde ('ural-altaische Sprachfamilie').
Schott 1849
Im Folgenden ergeben sich zwei Tendenzen - Verengung und Erweiterung der altaischen Sprachgruppe.
Die zunächst von fast allen Forschern auf Grund typologischer Gemeinsamkeiten vertretene uralisch-altaische Einheit wird zunehmend aufgegeben und findet heute fast keine wissenschaftlichen Anhänger mehr, wenn sie auch in der populären Literatur noch weit verbreitet ist.
In der Folge wird auch die genetische Einheit Turkisch-Mongolisch-Tungusisch in Frage gestellt oder sogar aufgegeben und diese drei Familien als genetisch separate Gruppen aufgefasst (G. Clauson 1956, G. Doerfer 1963). Die unbestreitbaren Gemeinsamkeiten dieser drei Sprachfamilien werden von Clauson und Doerfer ausschließlich typologisch oder als Folge von - teilweise sehr frühen - Sprachkontakten und Entlehnungen interpretiert (dagegen äußerst dezidiert R.A. Miller 1991).
Von anderen Forschern werden hingegen dem eigentlichen Altaischen (Turkisch-Mongolisch-Tungusisch) sogar noch weitere Einzelsprachen hinzugefügt, nämlich
So entstehen verschiedene Formen des Makro-Altaischen, die unterschiedlich klassifiziert werden. Ramstedt 1957 betrachtet - zusätzlich zum Turkischen, Mongolischen, Tungusischem, dessen genetische Einheit er als erwiesen ansieht - das Koreanische als einen vierten unabhängigen Zweig der altaischen Familie.
Ramstedt 1957
Poppe 1965 geht von einer Zweiteilung in eine eigentliche altaische Gruppe einerseits und dem Koreanischen als gleichrangigem Zweig andererseits aus. Im eigentlichen Altaischen stellt er das Mongolisch-Tungusische als eine enger verwandte Gruppe den Turksprachen gegenüber (die er - wie viele anderer - in das eigentliche Turkische und das Tschuwaschische aufspaltet).
Poppe 1965
Miller 1971 nimmt das Japanische hinzu, Street 1962 und Patrie 1982 auch noch das Ainu. Während Street und Patrie die eigentliche altaische Gruppe gegen eine Einheit Koreanisch-Japanisch-Ainu setzen, sieht Miller eine westliche Gruppe (Turkisch-Tschuwaschisch) und eine östliche aus Mongolisch, Tungusisch, Koreanisch und Japanisch (wobei er das Tungusische enger zum Koreanisch-Japanischen stellt).
Street 1962/ Patrie 1982
Miller 1971
Diese makro-altaischen Tendenzen finden ihre extreme Ausprägung in der nostratischen und eurasiatischen Hypothese, die das Altaische insgesamt oder einige seiner Komponenten nur noch als Zweige der nostratischen bzw. eurasiatischen Makrofamilie ansieht. Hier als Beispiel die eurasiatische Makrofamilie Greenbergs und die Position der altaischen Sprachen innerhalb dieser Makrofamilie (makro-altaische Sprachen in Fettdruck):
Greenberg 2000
Innerhalb der nostratischen Hypothesen nehmen die altaischen Sprachen eine ähnliche Position wie im Eurasiatischen ein (siehe Artikel Nostratisch). Da die eurasiatische und nostratische Makrofamilie nur einen hypothetischen Charakter besitzen und bisher nur sehr geringe Akzeptanz in der Fachwelt gefunden haben, ist es klar, dass auch die Frage der Einordnung der altaischen Sprachen in diese hypothetischen Strukturen hypothetischer Natur ist und nur unter diesem Vorbehalt gemacht werden kann.
Etliche Forscher gehen auch heute - trotz bestehender Zweifel - aufgrund von lexikalischen, morphologischen, syntaktischen und phonetischen Gemeinsamkeiten von der genetischen Einheit des Turkischen, Mongolischen und Tungusischen als altaischer Sprachfamilie aus, also von der Existenz einer gemeinsamen Protosprache für alle drei Gruppen. Die Hinzunahme des Koreanischen findet zwar auch bei einigen Unterstützung, kann aber noch nicht mit demselben Sicherheitsgrad festgestellt werden. Deutlich schwächer ist die Zustimmung zum Japanischen als Mitglied der altaischen Familie, und erst recht zum Ainu, obwohl einzelne Arbeiten durchaus interessante Ansätze enthalten.
Es sollte aber nicht übersehen werden, dass eine nach wie vor wachsende Gruppe von Forschern die Einheit des Turkisch-Mongolisch-Tungusischen für unbewiesen, unbeweisbar oder gar definitiv für falsch hält. Zwei Szenarien sind denkbar:
Turkische, mongolische und tungusische Proto-Formen (Körperteile)
| Bedeutung | Proto- Turkisch | Proto- Mongolisch | Proto- Tungusisch |
|---|---|---|---|
| Brust | *gokur | *koko'u | *kukun |
| Schulter | *jagyr | *dajira | *daga |
| Schlüsselbein | *egin | *egem | *emuge |
| Eingeweide | *kurg-sak | *kurkag | *xurke |
| Hand/ Arm | *kary | *gar | . |
| Handgelenk | *bilek | *begelej | *bilen |
| Kopf | *tum | *tom | *tum-nu |
| Zunge/ lecken | *so:r | *soru | *sori |
| Knie | *topyk | *tojig | *topug |
Die nächste Zusammenstellung erweitert das Spektrum auf einen größeren Ausschnitt des Grundwortschatzes. Zusätzlich zu den turkischen, mongolischen und tungusischen Formen werden auch koreanische und japanische herangegezogen. Allerdings beziehen sich die Wortgleichungen nicht mehr nur auf Einzelbegriffe, sondern auf teilweise recht weite Bedeutungsfelder. Die Darstellung umfasst für jeden Begriff bzw. jedes Bedeutungsfeld in der ersten Zeile die rekonstruierten Protoformen der fünf Protosprachen (beim Koreanischen und Japanischen die ältesten belegten Formen), außerdem die hypothetische altaische Protoform. In einer zweiten Zeile wird dann ein konkretes Beispiel aus einer Einzelsprache angeführt: Türkisch für die turkische Familie, Chalcha für die mongolische Familie, eine tungusische Einzelsprache (Mandschu oder Ewenki) und neuere Formen des Koreanischen und Japanischen.
Da an den Wortgleichungen dieser Tabelle vieles sehr interpretierbar ist (z.B. die Rekonstruktion der Protoformen, die Breite des Bedeutungsfeldes) kann man sie trotz der Fülle an Daten nicht unmittelbar als einen Beweis der genetischen Einheit der makro-altaischen Sprachgruppe bzw. des altaischen i.e.S. betrachten. Viele Parallelen könnten auch auf Sprachkontakte und Entlehnungen zurückzuführen sein. Auf der anderen Seite zeigt dieses Material - das man um ein Vielfaches erweitern könnte -, dass eine genetische Einheit - wenigsten des Altaischen im engeren Sinne - auch nicht einfach von der Hand zu weisen ist.
| Bedeutungsfeld | Proto- Turkisch | Proto- Mongolisch | Proto- Tungusisch | Alt- Koreanisch | Alt- Japanisch | Proto- Altaisch |
|---|---|---|---|---|---|---|
| . | Türkisch | Chalcha | Tungus. Einzelspr. | Koreanisch | Japanisch | . |
| Brust, Herz, saugen | *gökür | *kökön | *kukun | *kokai | *kəkərə | **koke |
| . | göğüs | χöχ | oχo | kogäŋi | kokoro | . |
| Rippe, Brust | *bokana | *bogoni | *boka | . | *baki | **boka |
| . | boqono | bogino | boqšon | . | waki | . |
| Schulter, Widerrist | *jagır | *dajira | *daga | . | . | **dagV |
| . | jağrı | dajr | daγana | . | . | . |
| Schlüsselbein | *egin | *egem | *emuge | . | . | **egemV |
| . | eğin | egem | emuge | . | . | . |
| Eingeweide, Bauch | *kurg-sak | *kurkag | *χurke | *kurəi | . | **kurgo |
| . | kursak | χurχag | χuike | kurgi | . | . |
| Armbeuge; Bein; Flügel; Flosse | *kajnat | *kai | *kene | . | *kanai | **kena |
| . | kanat | χa'a | kenete | . | kane | . |
| Hand, Arm | *karı | *gar | . | . | *kata (?) | **gara |
| . | kar-uža | gar | . | . | kata ? | . |
| Handgelenk; Handschuh | *bilek | *begelej | *bilen | . | . | **bili |
| . | bilek | belij | bilen | . | . | . |
| Kopf; Hut; Chef | *tum | *tom | *tumŋu | . | *tum ? | **tumu |
| . | tomšuk | tumlaj | tuŋun | . | tsumuri ? | . |
| Kehle | *boguŕ | *bagalžur | *bukse | . | *pukum | **boku |
| . | boğaz | bagalžur | buχe | . | fukum ? | . |
| Zunge, Sprache | *kele | *kele | *χilŋü | . | . | **kiali |
| . | kelam | χele | ileŋu | . | . | . |
| Knie; Fußenkel | *topık | *tojig | *topVg | . | *tu(m)pu | **topu |
| . | topuk | tojg | tobga | . | tumpu | . |
| Rinde, Haut; Blatt | *kapuk | *kawda | *χabda | *kaph- | *kapa | **kapa |
| . | kabuk | χudas | χabdata | kaphar | kawa | . |
| Blut; Gesundheit; schön; rot | *sag | *sajin | *segu | *sa'o- | . | **segu |
| . | sağ | sajn | seŋi | sanap | . | . |
| Sehne; Ader | *siŋir | . | *sire | *siur | . | **siŋrir |
| . | sinir | . | sirge | siwi | . | . |
| Traum | *dül | *tölge | *tolkin | . | . | **tulke |
| . | düš | tölög | tolgin | . | . | . |
| (alte) Frau | *eme | *eme | *emV | *amh | *mia ? | **eme |
| . | eme | em | emi(le) | am | me(-su) ? | . |
| Vogelart | *torgaj | *turagu | *turaki | *tark | *təri | **toro |
| . | turgaj | turaγu | turaki | tark (M) | tori | . |
| Laus; Nisse | *sirke | *sirke | *sire | . | *siramu | **siajri |
| . | sirke | širχ | sirikte | . | sirami | . |
| Staub; Schnee; Rauch | *buruk | *burgi | *bureki | . | . | *boru |
| . | buruq-su | burgi | buraki | . | . | . |
| Regen; Schnee; Nebel | . | *siγurga | *sig | . | *sigure | **sig-ur |
| . | . | šurga | sigan | . | shigure | . |
| Sommer; Frühling | *jaj | *nažir | . | *nač | . | **nažV |
| . | jaj-la | nažir | . | nač | . | . |
| Sand, Staub, Wüste | *kum | *kumaki | *küme | . | . | **kiume |
| . | kum | χumag | kumi | . | . | . |
| Erde, Staub; Teer | *toŕ | *tor | *tur | *tırı | . | **tore |
| . | toz | tortog | tur | tırı | . | . |
| Stein | *dial | *čilaγu | *žola | torh | . | **tioli |
| . | taš | čulu | žolo | tol | . | . |
| Netz, Netzwerk | *tor | *towr | *turku | *tarachi | *turi | **tobru |
| . | tor | tor | tur-ku | tar-äki | tsuri | . |
| saure Milch, Ajran | *ajran | *ajirag | *ajara | . | . | **ajira |
| . | ajran | ajrag | ajara | . | . | . |
| Salz; bitter | *duŕ | *dabusu | *žujar | *čjer | *tsura | **čiober |
| . | tuz | davs | žušu | čel | tsura | . |
| vollenden; genug | *büt | *möči | *mute | *mota | *muta | **muti |
| . | büt (AT) | möčis | mute- | modu | muta ? | . |
| beißen, nagen | *gemür | *kemeli | *kemki | . | *kam | **kema |
| . | gemir | χimle | kemki | . | kam | . |
| erreichen; betreten | *gir | *kür | *χür | . | . | **kiure |
| . | gir-iš | χüre | χuru | . | . | . |
| flechten, weben | *ör | *ör | . | *or | *ər | **ore |
| . | ör- | örmög | . | ol | or | . |
| fett (sein) | *semir | *semži | *semesi | . | . | **seme |
| . | semiz | semš | semsu | . | . | . |
| lang; spät | *uŕun | *urtu | *χür | *ora | . | **iuŕo |
| . | uzun | urt | irekte ? | orä | . | . |
| schwach, krank; Diener-Krieger | *alp | *alban | *alba | *arpha | *apar | **alpa |
| . | alp | alba | alba | aphı | aware | . |
| eins; gesamt | *bir | *büri | . | *piri | . | **biuri |
| . | bir | büri | . | pir-oso | . | . |
| wer | *kem,ka | *ken,ka | *χia | *ka | *ka | **ka(j) |
| . | kim | χen | ai, ja | -ka | -ka | . |
| ich; wir | *be- | *bi,min | *bi,mün | . | *ba | **bi |
| . | ben | bi | bi | . | wa | . |
Vereinfachte phonetische Darstellung der Proto-Formen und einzelsprachlichen Beispiele. Die einzelsprachlichen Beispiele sind für das Turkische in der Regel aus dem Türkischen und für das Mongolische aus dem Chalcha genommen. Die tungusischen Beispiele stammen meist aus dem Manchu oder Evenki.
Quelle: S. Starostin, A.V. Dybo, O.A. Mudrak, Altaische Etymologie, Internet-Datenbank 2005
Auch morphologische Übereinstimmungen sind durchaus vorhanden, z.B. ein Agentiv-Suffix /-či/ im Turkischen, dem Mongolisches /-če/ entspricht. Allerdings ist genau dieses Suffix auch vom turkischen Usbekischen in das iranische Tadschikische entlehnt worden (Comrie in Bright 1992), was zeigt, dass auch morphologische Gemeinsamkeiten keinen absoluten Beweis einer genetischen Einheit darstellen (von typologischen Ähnlichkeiten gar nicht zu reden).
Im System der Pronomina gibt es gute Übereinstimmungen in den drei Zweigen des Altaischen, aber gerade diese Formen teilen die altaischen Sprachen auch mit dem Indogermanischen, Uralischen und anderen Gruppen, und können somit z.B. in Greenberg 2000 als Stützung der eurasiatischen Makrofamilie dienen:
Personal-Pronomina in den altaischen und einigen anderen Sprachen
| Sprache | ich | du | wir | ihr |
|---|---|---|---|---|
| Turkisch | ben | sen | biz | siz |
| Mongolisch | bi | či | bid | ta |
| Manchu | bi | si | be | suwe |
| Finnisch | mina | sina | me | te |
| Jukagirisch | met | tet | mit | tit |
| Lateinisch (Akk) | me | te | -mus | -te |
Das durchgehende Muster ist ein Labial in der 1. Person und ein Dental in der 2. Person. (Die lateinischen Pluralformen sind Verbalendungen.)
| Proto-Altaisch | Turkisch | Tschuwasch | Mittel-Mongol. | Mongolisch | Sonst |
|---|---|---|---|---|---|
| /*p-/ > | /Ø-/ | /h-/ | /Ø-/ | Monguor /f-/ | |
| /*-r-/ > | /-z-/ | /-r-/ | /-r-/ | ||
In Worten:
In dem turkisch-mongolischen Wort für lang greifen diese Lautgesetze ineinander und bilden eine überzeugende etymologische Relation:
Poppe 1973 antwortet ironisch denen (z.B. Doerfer), die auch eine solche Gleichung lediglich für ein Resultat von Entlehnungen vom Turkischen ins Mongolische halten (nach R.A. Miller 1991): "Die Wurzel ist also mong. ur- = turk. uz-, wo /r/ und /z/ regelrechte Entsprechungen sind. Wenn dies eine Entlehnung aus den Turksprachen ist, so müssen die Mongolen "nur" die Wurzel uz- entlehnt haben, /z/ in /r/ 'verwandelt' ... und außerdem ein prothetisches /*p-/ angesetzt haben (vgl. Monguor fudur), was gewiss ganz absurd ist."
Es ist nicht ausgeschlossen, dass die makro-altaischen Sprachen eine genetische Einheit bilden. Die Wahrscheinscheinlichkeit einer Einheit des Altaischen im engeren Sinne - also Turkisch-Mongolisch-Tungusisch - ist deutlich höher als die Wahrscheinlichkeit der makro-altaischen Variante. Es kann aber letztlich auch nicht ausgeschlossen werden, dass alle gezeigten Parallelen auf Kontaktphänomene und Entlehnungen zurückgehen. Klar ist aber auch, dass nach dem heutigen Kenntnisstand eine Aussage der Art "es gibt mit Sicherheit keine genetische Einheit der altaischen Sprachen" nicht belegbar ist. Vielleicht führen künftige Forschungsresultate zu eindeutigeren Ergebnissen. Auch die Behandlung des (Makro-) Altaischen im Rahmen der Makrofamilien Eurasiatisch und Nostratisch könnte mehr Klarheit in dieses Problem bringen.
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