Die Allegorie (griechisch αλληγορέω = etwas anders ausdrücken) ist eine Form uneigentlichen Ausdrucks, bei der eine Sache (Ding, Person, Vorgang) aufgrund von Ähnlichkeits- und/oder Verwandtschaftsbeziehungen als Zeichen einer anderen Sache (Ding, Person, Vorgang, abstrakter Begriff) eingesetzt wird.
In der Rhetorik wird die Allegorie als Stilfigur unter den Tropen (Formen uneigentlichen Sprechens) eingeordnet und gilt dort als fortgesetzte, d.h. über ein Einzelwort hinausgehende Metapher. In der bildenden Kunst und in weiten Teilen der mittelalterlichen und barocken Literatur tritt die Allegorie besonders in der Sonderform der Personifikation auf, in der eine Person durch Attribute, Handlungsweisen und Reden als Versinnfälligung eines abstrakten Begriffs, z.B. einer Tugend oder eines Lasters, agiert.
Als sprachlicher oder künstlerischer Ausdruck ist eine Allegorie von vorneherein auf ihre Deutung hin konstruiert. Vom Hörer oder Betrachter erfordert die Allegorie einen Gedankensprung vom Gesagten oder bildlich Dargestellten zur gemeinten Bedeutung. Für den Betrachter, der mit den geistigen oder historischen Zusammenhängen, aus denen die Allegorie heraus konstruiert wurde, nicht vertraut ist, bleibt ihr Sinn oft dunkel, und bei realistisch ausgeführten Allegorien, bei denen schon die wörtliche oder unmittelbare Bedeutung an sich selber lehrreich oder unterhaltsam erscheint, bleibt das Vorhandensein weitergehender allegorischer Intentionen oft unbemerkt.
Die Allegorie kann auch als bildhafte Personifikation eines Staates verwendet werden. In der Form einer Nationalallegorie finden wir beispielsweise für das Deutsche Reich die Germania, für die Schweiz die Helvetia, für Großbritannien die Britannia oder für die USA die Lady Liberty (bekannter ist aber Uncle Sam).
Da die Allegorie ein indirektes Zeichen des Dargestellten ist, wird sie nicht direkt verstanden, sondern erst durch Abstraktion - oder Konvention.
In der Barockzeit erlebten Allegorien eine Blüte in allen Bereichen der Literatur, sei es in Gedichten, Reden aller Art, Predigten, Grabinschriften etc.
Nachwirkungen und Spuren allegorischer Figuren dürften sich noch heute in der Fantasy-Literatur finden lassen.
Luther schätzte allegorische Deutungen von Bibeltexten nicht und machte sich über Origines lustig. Andererseits verwendete er Allegorien in seinen Tischreden und Predigten, da sie zwar dem Zuhörer nicht "rationale Erkenntnis des historisch geschehen Mysteriums ermöglichten, aber doch sein Anspiel (allusio) und natürliches Ergriffensein."
In der Rhetorik ist Allegorie ein Fachterminus. Die sprachliche Form der Allegorie wird in der Rhetorik als rhetorischer Tropus verstanden. Wie alle Tropen erfordert sie einen Gedankensprung vom Gesagten zum Gemeinten. Durch die semantischen Formen similitudo (Vergleich) und contrarium (Gegensatz) ist sie verwandt mit der Metapher, dem exemplum (Beispiel), dem Aenigma (Rätsel), dem Sprichwort, der Ironie, dem Euphemismus usw. In der Rhetorik kann sie auf vielfältige Weise angewendet werden, so in Lob- und Preisreden, zum Argumentieren, für das Belehren, für Satiren, Witze und dergleichen.
Cicero schrieb in seinem Buch De oratore der Allegorie verschiedene Anwendungsmöglichkeiten zu: Sie diene zur Verdeutlichung des Redegegenstandes bzw. zu dessen Verbergen, der Kürze der Darstellung und der Unterhaltung des Publikums. In seinem bis ins Mittelalter maßgebenden Buch über die Redekunst De institutione oratoria lieferte Quintilian eine rhetorische Theorie der Allegorie.
In der bildenden Kunst sind allegorische Darstellungen seit der Antike üblich. Berühmt ist das verschollene Bild Die Verleumdung des Malers Apelles mit seinem Aufmarsch allegorischer Figuren wie Gerücht, Neid oder der nackten Wahrheit, das in der Renaissance nach einer Ekphrasis des Lukian von Sandro Botticelli nachgeschaffen wurde oder das nur in einer römischen Kopie erhaltene Relief des Kairos, Allegorie der günstigen Gelegenheit, des hellenistischen Bildhauers Lysipp. Rom_Kapitol_Relief_Prometheus-Sarkophag.jpg
In der römischen Kunst ist die Allegorie eine übliche Darstellungsform auf Gemmen, Münzen, Sarkophagen oder Triumphbögen. Personifizierungen abstrakter Ideen und Vorstellungen, wie Glück, Frieden, Eintracht, Jahreszeiten,Geld oder bestimmter Städte oder Staatswesen wurden benutzt zur bildlichen Erinnerung an einen bestimmten Menschen (Sarkophage), zur Verherrlichung bestimmter historischer Ereignisse (Triumphbögen) bzw. zur Verbildlichung religiöser oder kosmologischer Vorstellungen.
Antike allegorische Bildformeln wurden auch in der frühchristlichen Kunst verwendet und umgedeutet. Von besonderer Wichtigkeit für die Herstellung allegorischer Bilder in der christlichen Kunst sind Thesen des Isidor von Sevilla zur Verwendung allegorischer Texte, die im Zuge des Bilderstreits auch als Argumente für das Bild im Kontext christlicher Religion benutzt wurden. Im Laufe des Mittelalters entwickelten sich im Zusammenhang mit der christlichen Dogmatik neue Allegorien, die in unzähligen Varianten in der Malerei, der Skulptur und sogar in der Architektur erscheinen. Typische Beispiele sind die Sieben Kardinaltugenden, die Sieben Todsünden,die Sieben Freien Künste, Frau Welt, Ecclesia und Synagoge und Zahlenallegorien. Eine eigene Ausprägung allegorischer Interpretation von Texten, die sich in den Bildkünsten widerspiegelt, ist die Typologie, in der jeweils Ereignisse des Alten und des Neuen Testaments als Typus und Antitypus miteinander in Zusammenhang gebracht wurden. Die einzelnen Textstellen der Bibel bzw. ihre bildliche Darstellung konnten verschiedenen Interpretationsmodi unterzogen werden, bei denen der buchstäbliche (sensus litteralis) und der geistige (sensus spiritualis) Sinn zu unterscheiden war. Zu beachten war bei diesem die allegorische Bedeutung (sensus allegoricus), die moralische Bedeutung (sensus tropologicus) und die eschatologische Bedeutung (sensus anagogicus).
Neue Impulse bekamen die Allegorien durch das wachsende Interesse humanistischer Gelehrter am Neo-Platonismus. Alle Erscheinungen der Welt können als Abbilder göttlicher Schönheit gesehen werden. Niederschlag fanden zum Beispiel Ideen neoplatonischer Gelehrter am Hofe der Medici in Florenz in den Bildern Botticellis.
Angelo Bronzino 001.jpg: Allegorie der Liebe, National Gallery, London]] Auch pagane Quellen können Spiegel göttlicher Schönheit und Weisheit sein. Beispielhaft für die Neubewertung nichtchristlicher Quellen ist das Interesse an ägyptischen Hieroglyphen, bzw. an dem Buch über Hieroglyphen des Horapollo von 1419. 1499 erschien der allegorische Roman Hypnerotomachia Poliphili des Francesco Colonna, mit dem das Spiel der Künstler und Dichter von Renaissance und Barock mit der Emblematik eröffnet wurde. Andrea Alciatis Emblematum liber von 1531 erlebte viele Auflagen und diente in der Folge den Künstlern wie die Iconologia des Cesare Ripa, 1593, als allgemein anerkannte und viel benutztes Buch für allegorische Darstellungen. Zu den aus dem Mittelalter bekannten Allegorisierungen traten neue, wie z. B. die des Herkules als Verkörperung des tugendhaften Menschen, bzw. des vollkommenen Herrschers. Die Tendenz zum Dunklen und Unverständlichen in Allegorien, die schon Cicero angemerkt hatte, nimmt in der Renaissance zu, beispielhaft zu erkennen in den Bildern für Isabella d'Estes studiolo und zeigt sich in schwer zu deutenden Bildern des Manierismus, wie der Allegorie der Liebe des Bronzino.
Eine Blüte erlebte die allegorische Malerei im Zuge der Gegenreformation in der Ausmalung katholischer Kirchen und gleichzeitig in der Ausgestaltung barocker Schloss- und Parkanlagen.
Eugène Delacroix - La liberté guidant le peuple.jpg
In der folgenden Zeit ließ die Lust an der Allegorie bei Künstlern und Auftraggebern nach. Der Allegorie wurde vermehrt trockene und gefühlsarme Gedankenkonstruktionen nachgesagt. Kunsttheoretiker des 19. Jahrhunderts wie Gotthold Ephraim Lessing, Moses Mendelssohn und auch Edgar Allan Poe stellten den Sinn allegorischer Darstellungen in Frage, während Johann Joachim Winckelmann, Johann Wolfgang Goethe und vor allem Nathaniel Hawthorne - einer der bekanntesten Allegoriker der Weltliteratur - der Allegorie positiver gegenüberstanden. Trotzdem gab es nach wie vor allegorische Gemälde wie die Allegorie der Freiheit von Eugène Delacroix oder die Tageszeitenbilder von Philipp Otto Runge. Während der Wilhelminischen Zeit spielten allegorische Skulpturen eine bedeutende Rolle bei der Dekoration von repräsentativen Bauten oder Denkmälern wie beispielsweise dem Deutschen Reichstag oder dem Niederwalddenkmal bei Bingen.
Auch Künstlern des 20. Jahrhunderts, wie z. B. Max Beckmann, arbeiten gelegentlich mit allegorischen Darstellungen.
Die Ausstellung der Deutschen Guggenheim in Berlin zeigte 2005 unter dem Titel Douglas Gordon's The Vanity of Allegory unter anderem Werke von Duchamp, Damien Hirst, Jeff Koons, Man Ray, Andy Warhol sowie der Filmregisseure Bernardo Bertolucci, Francis Ford Coppola, Walt Disney, Federico Fellini,Jean-Luc Godard, Stanley Kubrick, Pier Paolo Pasolini, Andrei Tarkovsky und Luchino Visconti.
Die Allegorie verwandelt die Erscheinung in einen Begriff, den Begriff in ein Bild, doch so, dass der Begriff im Bilde immer noch begrenzt und vollständig zu halten und zu haben und an denselben auszusprechen ist.
Die Symbolik verwandelt die Erscheinung in Idee, die Idee in ein Bild, und so, dass die Idee im Bild immer unendlich bleibt und, selbst in allen Sprachen ausgesprochen, doch unaussprechlich bliebe.
Goethe: "Maximen und Reflexionen". Nr. 1112 und 1113.
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