article

Alkflaschen.JPG Alkoholkrankheit, früher auch Alkoholismus oder Trunksucht genannt, ist die Abhängigkeit von Alkohol. Der übermäßige Konsum des Rauschmittels wird auch als Alkoholabusus oder Alkoholmissbrauch (Alkoholkonsum mit nachweislich schädlicher Wirkung) bezeichnet.

Das ICD-10 klassifiziert Alkohol in der Kategorie F10 „Psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol“. Die Codierungen Im amerikanischen System DSM IV sind 303.90 für Alkoholabhängigkeit und 305.00 für Alkoholmissbrauch.

Um den Krankheitswert der Störung zu betonen, aber auch um die Hemmschwellen bezüglich Inanspruchnahme ärztlicher Hilfe abzubauen, wird in der heutigen Beratungsliteratur weitgehend auf den Ausdruck „Alkoholismus“ verzichtet.

Die Alkoholkrankheit kann bereits durch den regelmäßigen Konsum kleinerer Mengen beginnen. Nicht immer fallen die Betroffenen durch häufige Rauschzustände auf. Die Alkoholkrankheit eines Betroffenen ist nicht immer nach außen hin bemerkbar. Ist der Betroffene weiterhin leistungsfähig, spricht man von einem funktionierenden Alkoholiker. Die Alkoholkrankheit verläuft relativ unauffällig und langsam (meist über mehrere Jahre hinweg). Den erkrankten Personen wird die Schwere ihrer Erkrankung oft nicht bewusst und wird oft von den Süchtigen negiert.

Noch immer sind Männer weitaus häufiger betroffen als Frauen. Von den mehr als 4,3 Millionen Alkoholabhängigen in Deutschland sind ca. 70 % Männer, wobei die Tendenz bei Frauen steigend ist. Auch beginnt der Krankheitsverlauf bei Männern meist früher: Während Frauen im Regelfall erst im mittleren Lebensalter beginnen auffällig zu trinken, sind bei Männern die Anfänge eines exzessiven Trinkverhaltens meist schon in der frühen Jugend erkennbar.

Übermäßiger Alkoholkonsum verursacht schwere und bleibende psychische und körperliche Folgeerkrankungen. Die Alkoholkrankheit verläuft nicht selten tödlich, wenngleich die direkten Todesursachen meist durch die Folgekrankheiten (Leberzirrhose und multiple Organschädigungen, Herzinfarkt, Epilepsie) bedingt sind.

Wegen des hohen Abhängigkeitpotentials von Ethanol wird häufig der ausnahmslose Verzicht auf alkoholische Getränke, Speisen, Medikamente, etc propagiert. Um dieses Ziel zu erreichen, braucht man Unterstützung, etwa durch Selbsthilfegruppen, Psychotherapien.

Krankheitsverlauf und -bild


Krankheitsverlauf (nach Jellinek)

Der amerikanische Physiologe Elvin Morton Jellinek formulierte 1951 ein bis heute weit verbreitetes Modell vom Verlauf der Alkoholkrankheit. Er unterscheidet vier Phasen:

Symptomatische Phase
Der Beginn des Konsums alkoholischer Getränke ist immer sozial motiviert. Im Gegensatz zu durchschnittlichen Trinkern empfindet der spätere Alkoholiker befriedigende Erleichterung. Entweder weil seine inneren Spannungen größer sind, oder er, im Gegensatz zu anderen, nicht gelernt hat, mit ihnen umzugehen. Anfangs schreibt der Trinker seine Erleichterung eher der Situation zu (lustige Gesellschaft), als dem Trinken. Er sucht Gelegenheiten, bei denen beiläufig getrunken wird.

Im Laufe von Monaten bis Jahren lässt seine Toleranz für seelische Belastungen so sehr nach, dass er praktisch tägliche Zuflucht im Alkohol sucht. Da er nicht offen betrunken ist, erscheint sein Trinken weder ihm noch seiner Umgebung verdächtig. Mit der Zeit erhöht sich die Alkoholtoleranz. Der Alkoholiker entwickelt einen gesteigerten Bedarf. Nach weiteren Monaten bis Jahren geht das Stadium vom gelegentlichen zum dauernden Erleichterungs- /Entlastungstrinken über. Für die gleiche Wirkung wird immer mehr Alkohol benötigt.

Prodromale Phase oder Vorläufer-Phase
In der prodromalen Phase oder Vorläufer-Phase der Sucht können plötzlich Erinnerungslücken, Amnesien ohne Anzeichen von Trunkenheit auftreten. Der Trinker kann Unterhaltungen führen und Arbeiten leisten, sich aber am nächsten Tag tatsächlich nicht mehr erinnern. Bier, Wein und Spirituosen hören auf Getränke zu sein, werden zur dringend benötigten „Medizin“. Dem Trinker wird allmählich bewusst, dass er anders trinkt als andere. Er beginnt sich zu schämen und vor Beurteilung durch andere zu fürchten. Er trinkt heimlich bei geselligen Gelegenheiten und legt sich Verstecke mit größeren Alkoholvorräten an. Der Alkoholiker denkt dauernd an Alkohol. Wegen der verstärkten Abhängigkeit tritt das „gierige Trinken“ auf, das Herunterkippen des oder der ersten Gläser. Der Alkoholiker spürt, dass etwas nicht stimmt und entwickelt Schuldgefühle und Scham wegen seiner Trinkart. Er vermeidet Anspielungen auf Alkohol und Trinkverhalten in Gesprächen.

Oft verdrängt er eigentliche Bedürfnisse und/oder ist zu depressiv, etwas zu ändern. Teils entlähmt der Alkohol, hilft, wie gehabt zu funktionieren.

Der Alkoholkonsum ist bis hierhin schon sehr hoch, fällt aber nicht besonders auf, da er zu keinem deutlichen Rausch führt. Diese Phase endet mit „zunehmenden Gedächtnislücken“. Durch die täglichen Betäubungen mit Alkohol verändern sich Nerven- und Stoffwechselvorgänge. Die körperliche Leistungsfähigkeit und Abwehrkräfte nehmen langsam ab. Es kommt häufiger zu Erkältungskrankheiten oder Kreislaufstörungen.

Die kritische Phase
In der kritischen Phase erleidet der Kranke Kontrollverluste. Schon nach dem Konsum kleiner Mengen Alkohols entsteht ein intensives Verlangen nach mehr, das erst endet, wenn der Trinker zu betrunken oder zu krank ist, um mehr zu trinken. Ein Rest von Kontrolle besteht noch. Der Betroffene versucht, sich zu „beherrschen“. Er verspricht Abstinenz und versucht sie auch einzuhalten, scheitert damit aber auf Dauer. Er sucht Ausreden für sein Trinken. Jeder Kontrollverlust habe einen guten äußeren Grund gehabt.

Die Erklärungsversuche seines Verhaltens sind ihm wichtig, da er außer dem Alkohol keine anderen Lösungen seiner Probleme kennt. Parallel erweitert sich ein ganzes Erklärungssystem, das sich auf das gesamte Leben ausdehnt. Er wehrt sich damit gegen soziale Belastungen. Wegen seiner Persönlichkeitsveränderung entstehen immer häufiger Konflikte mit Freunden, Familie und im Beruf. Der Süchtige kompensiert sein schrumpfendes Selbstwertgefühl durch gespielte übergroße Selbstsicherheit nach außen.

Das Erklärungssystem und die Konflikte isolieren den Kranken zunehmend. Er sucht aber die Fehler nicht bei sich, sondern bei den anderen und entwickelt ein auffällig aggressives Verhalten. Als Reaktion auf den sozialen Druck durchlebt mancher Kranke Perioden völliger Abstinenz. Er versucht eine andere Methode, sein Trinken zu kontrollieren. Er ändert das Trinksystem und stellt Regeln auf (nur bestimmte Alkoholarten an bestimmten Orten zu bestimmten Zeiten). Auf mangelndes Verständnis seiner Umgebung („ein Bier ist doch o.k.“, "Ein Gläschen in Ehren kann niemand verwehren...") für sein Leiden reagiert der Süchtige mit zunehmender sozialer Isolation. Er zieht sich von Freunden zurück und wechselt Arbeitsplätze. Der Trinker „verliert das Interesse“ an seiner Umgebung, er richtet seine Tätigkeiten nach dem Trinken aus und entwickelt ein auffallendes Selbstmitleid. Die soziale Isolation und die Verstrickung in Lügen und Erklärungen werden unerträglich, der Alkoholiker flüchtet in Gedanken oder durch tatsächliche Ortswechsel.

Das Familienleben ändert sich. Die Familie, die den Trinkenden oft noch „deckt“ (Koalkoholismus, Koabhängigkeit), isoliert sich gesellschaftlich oder, ganz im Gegenteil, flüchtet sich vor dem häuslichen Umfeld in ausgiebige Aktivitäten. Der Alkoholiker reagiert mit grundlosem Unwillen. Wenn der „Stoff“ fehlt, startet er abenteuerliche Beschaffungsversuche. Er versucht seinen Vorrat zu sichern, indem er Alkohol an den ungewöhnlichsten Orten versteckt. Körperliche Folgen treten auf, wie Händezittern, Schweißausbrüche und sexuelle Störungen wie Impotenz und/oder Paraphilien. Sie werden verstärkt durch Vernachlässigung der Ernährung. Die ersten Krankenhauseinweisungen wegen alkoholbedingter Schwierigkeiten erfolgen. Es kommt zum morgendlichen Trinken. Tägliche Trunkenheit wird zur Regel. In der kritischen Phase kämpft der Süchtige gegen den Verlust der sozialen Basis.

Die chronische Phase
Die chronische Phase endet in der Zerstörung des Menschen. Der Alkoholiker baut ethisch ab, Rauschzustände werden länger.

Bei einigen treten alkoholische Psychosen wie Schizophrenie auf. Der Betroffene trinkt mit Personen weit unter Niveau. Falls keine alkoholischen Getränke verfügbar sind, konsumiert er unter Umständen sogar auch vergällten Alkohol (z.B. Brennspiritus, siehe unter Ethanol).

Ein Verlust der Alkoholtoleranz fällt auf, der Alkoholiker verträgt weniger. Es treten undefinierbare Angstzustände und Zittern auf. Auf die Entzugssymptome reagiert der Alkoholiker mit besessenem Trinken. Viele Alkoholiker entwickeln unbestimmte religiöse Wünsche. Die Erklärungsversuche werden schwächer, es kommt der Punkt, an dem das Erklärungssystem versagt. Der Süchtige gibt seine Niederlage zu. Der Kranke bricht zusammen, nicht wenige begehen Suizid.

Trinkt der Kranke weiter, treten im Alkoholdelirium Alkoholpsychosen mit Halluzinationen, Stimmenhören, Angst, Desorientierung auf. Die schwerste Folge ist das lebensgefährliche Delirium tremens, das bei plötzlichem Alkoholentzug auftreten kann. Jetzt werden auch Schizophrenie oder Epilepsie mit lebensbedrohlichen Zuständen offensichtlich. In dieser Endphase ist der Kranke am ehesten bereit, Hilfe anzunehmen. Eine Einweisung in eine spezielle Entgiftungsklinik ist für ihn lebensrettend – und der mögliche Einstieg in eine Entwöhnungsbehandlung, die Erfolgsraten sind jedoch gering, mehrfache Langzeittherapien die Regel.

Ausprägungen der Krankheit (nach Jellinek)

Auf Jellinek geht auch die gebräuchlichste Einteilung von Erscheinungsformen der Alkoholkrankheit zurück:

Der Alpha-Typ (Erleichterungstrinker) trinkt, um innere Spannungen und Konflikte (z.B. Verzweiflungen) zu beseitigen („Kummertrinker“). Die Menge hängt ab von der jeweiligen Stress-Situation. Es besteht vor allem die Gefahr psychischer Abhängigkeit, da noch keine körperliche Abhängigkeit eingetreten ist. Alphatrinker sind nicht alkoholkrank, aber gefährdet.

Der Beta-Typ (Gelegenheitstrinker) trinkt bei sozialen Anlässen große Mengen, bleibt aber sozial und psychisch unauffällig. Betatrinker haben einen alkoholnahen Lebensstil. Gesundheitliche Folgen entstehen durch häufigen Alkoholkonsum. Sie sind weder körperlich noch psychisch abhängig, aber gefährdet. -->Untertyp: Studentischer Trinker: hat immer Gelegenheit zu trinken und tut dies daher auch, gefährdet!

Der Gamma-Typ (Rauschtrinker, Alkoholiker) hat längere abstinente Phasen, die sich mit Phasen starker Berauschung abwechseln. Typisch ist der Kontrollverlust: Er kann nicht zu Trinken aufhören, auch wenn er bereits das Gefühl hat, genug zu haben. Auch wenn er sich wegen der Fähigkeit zu längeren Abstinenzphasen sicher fühlt, ist er alkoholkrank.

Der Delta-Typ (Spiegeltrinker, Alkoholiker) bleibt lange Zeit sozial unauffällig („funktionierender Alkoholiker“), weil er selten erkennbar betrunken ist. Dennoch besteht eine starke körperliche Abhängigkeit, so dass er ständig Alkohol trinken muss, um Entzugssymptome zu vermeiden. Durch das ständige Trinken entstehen körperliche Folgeschäden. Deltatrinker sind nicht abstinenzfähig und alkoholkrank.

Der Epsilon-Typ (Quartalssäufer, Alkoholiker) erlebt in unregelmäßigen Intervallen Phasen exzessiven Alkoholkonsums mit Kontrollverlust, die Tage oder Wochen dauern können. Dazwischen kann er monatelang abstinent bleiben. Epsilontrinker sind alkoholkrank.

Folgekrankheiten


Übermäßiger Alkoholkonsum schädigt den Körper auf vielfältige Weise. Ab einer gewissen Blutalkoholkonzentration tritt eine Alkoholvergiftung ein. Der Schweregrad reicht von leichten Rauschzuständen (0,5-1,0 ‰) bis zum alkoholischen Koma. Blutalkoholkonzentrationen von über 4‰ führen häufig zum Tode, es wurden jedoch auch schon 7‰ im Zuge von Verkehrskontrollen bei Autofahrern(!) dokumentiert.

Langfristiger Alkoholmissbrauch führt zu zahlreichen chronischen Folgekrankheiten. Alkoholkonsum beeinträchtigt den Stoffwechsel, insbesondere den Fettstoffwechsel. Typische alkoholbedingte Schädigungen der Leber sind etwa Fettleber, Alkohol-Hepatitis und Leberzirrhose. Äußerlich können sie von Leberhautzeichen begleitet sein. Die Bauchspeicheldrüse kann sich entzünden oder durch einen diabetes mellitus betroffen sein. Weitere Erkrankungen sind Gicht und Hormonelle Störungen.

Chronischer Alkoholkonsum, oft in Verbindung mit Fehlernährung oder Tabakkonsum, schädigt die Schleimhäute in Mund, Rachen, Speiseröhre und Magen. Am häufigsten sind Speiseröhrenentzündungen und Magenschleimhautentzündungen (Gastritis). Krebserkrankungen im Nasenrachenraum und Kehlkopfkrebs sind bei Alkoholkranken häufiger als in der übrigen Bevölkerung. Als Folge der Leberzirrhose können sich auch Krampfadern in der Speiseröhre bilden. Die gerötete Knollennase (Rhinophym) wird durch Alkoholkonsum nicht verursacht, aber verschlimmert.

Das Herz-Kreislauf-System ist ebenfalls betroffen. Alkoholmissbrauch kann zu Bluthochdruck, Herzmuskelerkrankungen, Koronarer Herzkrankheit und Anämie führen.

Alkoholkonsum beeinträchtigt Gehirn und Nervensystem. Schon bei einzelnen Räuschen treten Gedächtnislücken („Filmrisse“) auf. Langfristig bilden sich chronische neuropsychologische Defizite in den Bereichen Aufmerksamkeit, Konzentration, Gedächtnis, Lernfähigkeit, räumliches Vorstellungsvermögen, Zeitwahrnehmung und Problemlösungsstrategien. Dazu kann es zu sozialen Störungen wie dem alkoholischen Eifersuchtswahn und zu sexuellen Deviationen kommen. Weitere Krankheiten in diesem Zusammenhang: Wernicke-Korsakow-Syndrom, Hepatische Enzephalopathie, Polyneuropathie, Alkoholischer Tremor, Hirnatrophie, Hirngefäßschädigungen (Schlaganfälle und Hirnblutungen), Epileptische Anfälle, Delirium tremens.

Krankheitsursachen


Individuelle Ursachen

Die Hauptursache für die Erkrankung scheint in der psychosozialen Entwicklung zu liegen. Alkohol – und Drogen allgemein – werden häufig zum Abbau innerer Spannungen eingesetzt. Diese Spannungen treten auf, wenn das Selbstbild eines Menschen (z.B. besonders männlich oder erfolgreich zu sein) durch gegenteilige Erfahrungen in der Realität gefährdet wird. Drogenkonsum ist daher häufig bei Menschen zu beobachten, die dem narzisstischen Persönlichkeitstypus entsprechen.

Allerdings werden auch genetisch verursachte Unterschiede diskutiert, etwa im Alkoholabbau (Effizienz der Alkoholdehydrogenase) oder im Neurotransmitterstoffwechsel des Gehirns. Grundsätzlich muss wohl, wie bei vielen psychischen Erkrankungen, von einer multifaktoriellen Entstehung ausgegangen werden, die auch von der sog. Vulnerabilität (psychische Verletzlichkeit) des Einzelnen abhängt.

Erbliche Faktoren spielen in vielen Fällen eine entscheidende Rolle. Viele Alkoholiker haben oder hatten bereits Suchtkranke in der Familie. Wissenschaftler und Ärzte sind sich jedoch nicht schlüssig, ob das Suchtverhalten in diesen Fällen wirklich vererbt oder eher erlernt/abgeguckt ist. Einige Studien (v. a. durch Zwillinge) lassen jedoch vermuten, dass die Vererbung eines erhöhten Suchtpotentials sehr wahrscheinlich ist.

Neuere Untersuchungen gehen von einer 50 bis 60 prozentigen genetischen Disposition aus. Wissenschaftler des Nationalen Genomforschungsnetzes (NGFN) teilten in der Fachzeitschrift «Molecular Psychiatry» mit, dass Untersuchungen zufolge zwei Mutationen im CRHR1-Gen die Anfälligkeit zum gesteigerten Alkoholkonsum beeinflussen. Dieses Gen ist für ein Protein verantwortlich, welches bei der Verarbeitung von Stress und der Steuerung von Gefühlen eine Rolle spielt. Das Risiko der Erkrankung von Kindern, deren Eltern Alkoholiker sind und nicht bei ihnen aufwuchsen, ist etwa drei bis vier mal höher.

Die Defizite eines Alkoholpatienten werden oft von dessen Lebenspartner mitgetragen oder kompensiert. Meistens gewinnt der Lebenspartner aus seiner Hilfeleistung eine persönliche oder gesellschaftliche Anerkennung; er kann sein persönliches Selbstwertgefühl steigern. Partner, die solchen Mechanismen unterliegen, werden als Co-Alkoholiker bezeichnet.

Gesellschaftliche Ursachen

Alkohol ist in vielen Kulturen eine gesellschaftlich anerkannte, einfach und billig zu beschaffende Droge, deren Konsum in manchen Situationen geradezu erwartet wird. Beispiele sind die „bürgerliche“ Trinkkultur (Wein, Sekt, Whisky) oder das „proletarische“ gemeinsame „Saufen“ von Bier und Schnaps. Die Grenzen sind hier jedoch fließend, so ist beispielsweise das „Feierabendbierchen“ auch in „höheren“ Schichten eine Normalität. Alkohol ist in vielen Nationen in den Alltag integriert. Besonders „trinkfeste“ Männer galten als bewundernswert männlich und erfahren. Dies erschwert die Auseinandersetzung mit dem Problem und begünstigt Alkoholmissbrauch und Alkoholsucht.

Verbreitung und Ausmaß der Krankheit


Die Verbreitung und die Folgen der Alkoholkrankheit werden meist unterschätzt. Nach aktuellen Schätzungen gibt es 4,3 Millionen alkoholabhängige Menschen in Deutschland, darunter 30 % Frauen. Weitere ca. 5 Millionen konsumieren Alkohol in riskanter (suchtgefährdeter) Weise. Das Statistische Bundesamt zählte im Jahr 2000 16 000 Tote durch Alkoholkonsum; dabei trat der Tod in 9 550 Fällen durch Leberzirrhose ein. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung berichtete 2004 sogar von 40 000 Todesfällen als Folge übermäßigen Alkoholkonsums in Deutschland, davon 17 000 an Leberzirrhose (Zum Vergleich: Drogentod durch illegale Drogen 1 477, Tod als Folge des Tabakrauchens: 110 000). Hinzu kommen jährlich etwa 2 200 Kinder, die wegen des Alkoholmissbrauchs ihrer Mütter geschädigt zur Welt kommen. Weiterhin wird geschätzt, dass etwa 250 000 Kinder, Jugendliche und Junge Erwachsene unter 25 Jahren stark alkoholgefährdet oder schon abhängig sind. Alkoholiker findet man in allen gesellschaftlichen Schichten. Vor allem jugendliche Alkoholkranke kommen nicht selten aus gehobenen Schichten. Ihnen fehlt meist die Zuneigung der immerzu beschäftigten Eltern. (siehe Jugendalkoholismus)

Alkoholismus im Alter


Das gesellschaftliche Ausmaß des Alkoholismus bei älteren Menschen wurde in der Vergangenheit unterschätzt. Aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung und der demografischen Entwicklung, kann von keiner sich selbst begrenzenden Krankheit ausgegangen werden.

Gesellschaftliche Folgen


Die Folgekosten der Alkoholkrankheit sind enorm, da neben den Belastungen des Gesundheitswesens auch indirekte Kosten wie die Verluste an volkswirtschaftlicher Produktivität durch Arbeitsunfähigkeit und Frühberentung, sowie Folgekosten von alkoholbedingten Verkehrsunfällen, Straftaten und erhöhte Scheidungsraten von Alkoholkranken zu berücksichtigen sind. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtgefahren schätzt den jährlichen volkswirtschaftlichen Schaden auf 20 Milliarden Euro; andere Schätzungen belaufen sich auf 15 bis 40 Milliarden Euro. Dem stehen staatliche Einnahmen an Alkoholsteuern von zur Zeit etwas mehr als 3,5 Milliarden Euro gegenüber. Die Umsätze der Alkoholindustrie Deutschlands belaufen sich auf gleich bleibend zwischen 15 und 17 Milliarden Euro, die mit rund 85 000 Beschäftigten erzielt werden.

Neben diesen materiellen Kosten muss man natürlich auch die seelischen „Kosten“ im Sinne des verursachten Leides berücksichtigen.

Behandlung


Entzug

Bei einem Alkoholentzug wird der Alkohol abrupt abgesetzt. Dabei können sehr heftige bis lebensbedrohliche Entzugserscheinungen auftreten. Deshalb erfolgt die Entgiftung stationär in einer speziellen Entgiftungsstation für z.B. Alkoholiker. Dort wird dann auch die Langzeittherapie eingeleitet und der Kontakt mit Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen geknüpft. Die stationäre Entgiftung dauert 8 bis 14 Tage. Entzugssymptome sind Übelkeit, Nervosität, Schlafstörungen, der starke Drang Alkohol trinken zu müssen (Saufdruck), Gereiztheit und Depressionen. Ist die körperliche Abhängigkeit schon weiter fortgeschritten kommen starkes Schwitzen, Zittern (vor allem der Hände) und in äußerst schlimmen Fällen Krampfanfälle und Halluzinationen (Delirium tremens) hinzu. Entzugserscheinungen werden medikamentös behandelt. In Deutschland üblich ist die Verwendung von "Distraneurin" (Wirkstoff Chlometiazol) oder eines Präparates von Benzodiazepin- Typ (z.B. Diazepam, z.B. unter der Marke "Valium"). Um die Gefahr von Entzugskrampfanfällen zu reduzieren, empfiehlt sich die Verwendung eines Antiepileptikums. Hat der Patient den Entzug überstanden, ist sein Körper vom Alkohol entgiftet.

Therapie

Direkt anschliessend an den Entzug beginnt die eigentliche Therapie. Sie besteht aus Langzeitentwöhnung einerseits und Persönlichkeitsentwicklung und sozialem Training andererseits. Entsprechende Therapien werden meist in speziellen Suchtkliniken (Psychosomatische Klinik) als Langzeit- oder Kurzzeittherapie durchgeführt, seltener ambulant. Wesentliche Methoden sind: therapeutische Gemeinschaft, soziales Kompetenztraining, Selbsthilfegruppe, pharmakologische Aversionstherapie, Reizexpositionsverfahren, systemische Familientherapie. Die Therapien finden meistens in Gruppengesprächen und gelegentlich Einzelgesprächen statt und werden von Sozialpädagogen, Psychiatern, Psychotherapeuten, Ergotherapeuten, Heilpraktikern und Pfarrern durchgeführt. Erste Anlaufstellen für eine ambulante oder stationäre Therapie sind Suchtberatungsstellen oder psychosoziale Beratungsstellen. Auch die Gesundheitsämter können weiter helfen. Die wesentliche und notwendige Erkenntnis in der Therapie ist, dass der Zustand der „Alkohollosigkeit“ unabdingbare Voraussetzung für die „Trockenheit“ ist, dass aber die eigentliche Trockenheit durch persönliche und soziale Entwicklung erreicht wird und dies ein lebenslanger Prozess ist.

Trockenheit bedeutet letztendlich, sich seiner „alkoholischen“ Denk- und Gefühlsstrukturen bewusst zu werden, sie zu erkennen, zu durchschauen und zu überwinden. Das Ergebnis davon, führt in die Gewissheit, dass das Leben des „trockenen“ Alkoholikers, des Suchtmittels nicht mehr bedarf – sondern er in der Lage ist ohne dieses ein intensiveres Lebensempfinden zu erlangen. Somit ist die „Abstinenz“ für den Suchtkranken nicht der Verzicht auf oder das Verbot für alkoholische Getränke, es ist vielmehr die täglich zu spürende Bereicherung seines Lebens, durch die Überwindung der Krankheit.

Seit vielen Jahren haben sich Selbsthilfegruppen (z. B. Anonyme Alkoholiker) bewährt. Hier treffen sich in regelmäßigen Abständen trockene Alkoholiker, die über ihr gemeinsames Problem sprechen. Selbsthilfegruppen wirken außerordentlich unterstützend auf den Therapieerfolg, in manchen Fällen können sie sogar als Alternative zur klassischen Therapie in Betracht gezogen werden. Dies ist jedoch nur dann möglich, wenn der Patient genügend Rückhalt durch Familie und Freunde hat.

Alkoholabhängigkeit ist immer auch als Interaktion mit den Mitmenschen zu betrachten. Diese sind deshalb in die Behandlung einzubeziehen. Lebenspartner, Kinder, ggf. Kollegen spielen bei der Änderung auch des eigenen Verhaltens eine wichtige Rolle. Auch für Angehörige und Freunde von Alkoholikern gibt es Selbsthilfegruppen, sowohl gemeinsam mit, wie auch getrennt von den Selbsthilfeangeboten für Alkoholkranke.

Ambulante Therapien werden seit 1996 von Kostenträgern übernommen. Voraussetzung für eine ambulante Behandlung ist eine mittelfristige Abstinenz von mindestens 2-3 Monaten. Unabdingbar ist dabei eine soziale Einbindung durch Arbeitsplatz und Familie.

Medikamente

Bei Alkoholkranken ist die Übertragung vieler Botenstoffe im Gehirn gestört, z.B. erhöht sich die Anzahl der Glutamat-Bindungsstellen. Daher wurde versucht, durch die Opioid-Antagonisten Acamprosat und Naltrexon regulierend einzugreifen und die psychischen Entzugserscheinungen zu mildern – ein Verfahren, das bei Opioidsüchtigen bewährt ist. In den USA wird derzeit eine injizierbare Depotformulierung von Naltrexon klinisch erprobt (Handelsname Vivitrex). Schon wesentlich länger im Gebrauch ist die Substanz Disulfiram (Antabus (R)), die einen anderen Mechanismus nutzt: durch Hemmung eines für den Alkoholabbau wichtigen Enzyms erhöht sich der Acetaldehyd-Spiegel, und der Süchtige bekommt schwere Kopfschmerzen und Brechreiz. Das soll ihm das Trinken verleiden.

Zur Behandlung bei Suchtkrankheiten wird auch Akupunktur verwendet.

Der Nutzen der medikamentösen Suchtvorbeugung ist beim Alkoholismus bisher fraglich (Cochrane-Report).

Prognose


Der Erfolg hängt meist weniger von der Art und Dauer der Therapie als von der Willenskraft des Süchtigen ab. Trotzdem gilt, je eher eine Alkoholkrankheit behandelt wird, desto besser ist die Erfolgsaussicht. Ist der Patient einsichtig und hat er den starken Wunsch mit dem Trinken aufzuhören, hat er recht gute Chancen. Immerhin schaffen es ca. 50 % langfristig abstinent zu bleiben.

Schwere Rückfälle machen einen erneuten Entzug mit anschließender Therapie unumgänglich. Viele Patienten gelangen erst nach mehreren Therapiemaßnahmen zu einer stabilen Trockenheit. Zu Rückfällen kann es nach Jahren und sogar Jahrzehnten noch kommen. Eine Heilung im eigentlichen Sinne gibt es somit nicht. Die Krankheit kann nur durch Abstinenz gestoppt, aber nicht geheilt werden.

Kritik


Das Konzept von Alkoholismus als Krankheit und insbesondere Jellineks Theorie der "Trinkertypen" sind nicht unumstritten in der Forschung. Insbesondere sehen heute viele Autoren die Vorstellung eines unumkehrbaren Prozesses kritisch, da er bei Betroffenen gemäß einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung wirken kann: bei einem Ex-Alkoholiker, der gesagt bekommt, dass jeder Verstoß gegen die Abstinenz ihn unmittelbar in seinen alten Zustand versetzt, wird ein "Rückfall" auch entsprechende Auswirkungen haben. Im therapeutischen Bereich werden daher mittlerweile auch alternative Konzepte angeboten, etwa zum sogenannten kontrollierten Trinken.

Gerade dieses "kontrollierte Trinken" ist heftig umstritten. Ein in Phasen verlaufendes Krankheitsbild (prodromale, kritische, chronische Phase) zeigt bereits im ersten Abschnitt auffallendes Verhalten des Erkrankten. Das bemerkt er selbst und versucht mit vielen "Kontrollmechanismen" - regelmäßig scheiternd - zu beherrschen. Die Krankheit schreitet voran, durch die kritische bis chronische Phase, wenn auch unter Selbstverleugnung einer vorhandenen Krankheit. Der Wunsch zu kontrollieren, der ja bei einem, der normal mit Alkohol umgehen kann, nie auftauchen wird, ist bereits der Kontrollverlust: eines von zwei untrüglichen Kriterien für die Alkoholkrankheit (den Alkoholismus). (Das zweite bzw. andere Kriterium, ist der Einsatz des Alkohols, um die eigene Stimmungslage zu verändern - subjektiv als Verbesserung empfunden). Wer nun in der "Vorphase" der heraufziehenden Krankheit, den Eigenversuch des "kontrollierten" Trinkens anwenden möchte, wird selten darin Erfolg haben, den Alkoholismus damit zu bekämpfen, einzig die Trinkgewohnheiten moderater gestalten zu wollen und die psychische Dimension dieser Erkrankung völlig unberücksichtigt zu lassen. Allerhöchstens in einer Konstellation, da der Betroffene lediglich zuviel trinkt - ohne Alkoholiker zu sein - könnte die Selbstbeschränkung den Ausbruch der Erkrankung verhindern oder verzögern. Nur - bis heute steht der Beweis aus, dass diese besondere Form des Alkoholmissbrauches überhaupt vorkommt. Regelmäßiges "über die Stränge schlagen", das diesen Wunsch zur Selbstrestriktion erst auslösen könnte, führt in relativ kurzer Zeit zu einer (körperlichen) Abhängigkeit, die sich nicht durch eine Selbstdisziplinierung aufheben lässt. Ein Zirkelschluss:

Zuviel trinken, ohne Alkoholiker zu sein, wird den Wunsch nach Eindämmung des Alkoholkonsumes nicht wachrufen.

Zuviel trinken mit vorhandener Abhängigkeit, lässt sich nicht durch Herunterfahren des Levels regulieren, da dies jeder Alkoholiker schon mehrfach versucht hat, und dies eigentlich dem Aufzäumen des Pferdes von hinten entspricht: Wenn die psychische Situation des Abhängigen eine Verwandlung erfährt (nota bene: von ihm selbst herbeizuführen), dann wird der Alkohol als stimmungsbeeinflussendes Mittel nicht mehr benötigt und verliert seine Bedeutung für den Erkrankten. Diese Veränderung des eigenen Denkens, Fühlens und Handelns ist jedoch nur dann möglich, wenn auf den Einsatz des Suchtmittels verzichtet wird. Dann führt mit zunehmendem Erfolg der Lebensmeisterung, ohne "Stoff", die zunehmend als Bereicherung empfundene Steigerung der Lebensqualität, auch dazu, ein ausgesprochenes Glücksempfinden des Betroffenen darüber herzustellen, des Suchtmittels nicht mehr zu bedürfen. In diesem inneren Gleichgewicht wird der ehemals nasse Alkoholiker selten den Wunsch verspüren, Alkoholika in Maßen konsumieren zu können. Vermutlich ist somit der Wunsch nach kontrolliertem Trinken, nur bei denen vorhanden, die ihre eigene Alkoholabhängigkeit (noch) nicht angenommen haben.

Literatur


S.Loeber, K.Mann: Entwicklung einer evidenzbasierten Psychotherapie bei Alkoholismus, in: Nervenarzt 2006/77 S.558-566, DOI 10.1007/s005-2000-z (s.a. Literaturverzeichnis)

Bernhard van Treeck: Drogen- und Suchtlexikon, Berlin: Lexikon-Imprint-Verlag, 2003, ISBN 3-89602-221-0 (erweiterte Neuauflage, Berlin: Schwarzkopf und Schwarzkopf, 2004, ISBN 3-89602-542-2)

Wilhelm Feuerlein: Alkoholismus: Warnsignale, Vorbeugung, Therapie; Verlag C.H. Beck oHG, München 1996; 5., aktualisierte Auflage. 2005; ISBN 3-406-45533-6

Siehe auch


Weblinks


Alkoholkrankheit

Алкохолизъм | Alcoholisme | Alkoholismus | Alkoholisme | Alcoholism | Alkoholismo | Alcoholismo | Alkoholismo | Alkoholismi | Alcoolisme | אלכוהוליזם | Alkóhólismi | Alcolismo | アルコール依存症 | Alkoholisme | Alkoholizmas | Alcoholisme | Alkoholisme | Alkoholizm | Alcoolismo | Алкоголизм | Alkoholizmus | Alkoholizem | Alkoholism | Alkolizm | Chứng nghiện rượu | 酗酒

 

This article is licensed under the GNU Free Documentation License. It uses material from the "Alkoholkrankheit".

Home Pageartsbusinesscomputersgameshealthhospitalshomekids & teensnewsphysiciansrecreationreferenceregionalscienceshoppingsocietysportsworld