Alkflaschen.JPG Alkoholkrankheit, früher auch Alkoholismus oder Trunksucht genannt, ist die Abhängigkeit von Alkohol. Der übermäßige Konsum des Rauschmittels wird auch als Alkoholabusus oder Alkoholmissbrauch (Alkoholkonsum mit nachweislich schädlicher Wirkung) bezeichnet.
Das ICD-10 klassifiziert Alkohol in der Kategorie F10 „Psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol“. Die Codierungen Im amerikanischen System DSM IV sind 303.90 für Alkoholabhängigkeit und 305.00 für Alkoholmissbrauch.
Um den Krankheitswert der Störung zu betonen, aber auch um die Hemmschwellen bezüglich Inanspruchnahme ärztlicher Hilfe abzubauen, wird in der heutigen Beratungsliteratur weitgehend auf den Ausdruck „Alkoholismus“ verzichtet.
Die Alkoholkrankheit kann bereits durch den regelmäßigen Konsum kleinerer Mengen beginnen. Nicht immer fallen die Betroffenen durch häufige Rauschzustände auf. Die Alkoholkrankheit eines Betroffenen ist nicht immer nach außen hin bemerkbar. Ist der Betroffene weiterhin leistungsfähig, spricht man von einem funktionierenden Alkoholiker. Die Alkoholkrankheit verläuft relativ unauffällig und langsam (meist über mehrere Jahre hinweg). Den erkrankten Personen wird die Schwere ihrer Erkrankung oft nicht bewusst und wird oft von den Süchtigen negiert.
Noch immer sind Männer weitaus häufiger betroffen als Frauen. Von den mehr als 4,3 Millionen Alkoholabhängigen in Deutschland sind ca. 70 % Männer, wobei die Tendenz bei Frauen steigend ist. Auch beginnt der Krankheitsverlauf bei Männern meist früher: Während Frauen im Regelfall erst im mittleren Lebensalter beginnen auffällig zu trinken, sind bei Männern die Anfänge eines exzessiven Trinkverhaltens meist schon in der frühen Jugend erkennbar.
Übermäßiger Alkoholkonsum verursacht schwere und bleibende psychische und körperliche Folgeerkrankungen. Die Alkoholkrankheit verläuft nicht selten tödlich, wenngleich die direkten Todesursachen meist durch die Folgekrankheiten (Leberzirrhose und multiple Organschädigungen, Herzinfarkt, Epilepsie) bedingt sind.
Wegen des hohen Abhängigkeitpotentials von Ethanol wird häufig der ausnahmslose Verzicht auf alkoholische Getränke, Speisen, Medikamente, etc propagiert. Um dieses Ziel zu erreichen, braucht man Unterstützung, etwa durch Selbsthilfegruppen, Psychotherapien.
Im Laufe von Monaten bis Jahren lässt seine Toleranz für seelische Belastungen so sehr nach, dass er praktisch tägliche Zuflucht im Alkohol sucht. Da er nicht offen betrunken ist, erscheint sein Trinken weder ihm noch seiner Umgebung verdächtig. Mit der Zeit erhöht sich die Alkoholtoleranz. Der Alkoholiker entwickelt einen gesteigerten Bedarf. Nach weiteren Monaten bis Jahren geht das Stadium vom gelegentlichen zum dauernden Erleichterungs- /Entlastungstrinken über. Für die gleiche Wirkung wird immer mehr Alkohol benötigt.
Oft verdrängt er eigentliche Bedürfnisse und/oder ist zu depressiv, etwas zu ändern. Teils entlähmt der Alkohol, hilft, wie gehabt zu funktionieren.
Der Alkoholkonsum ist bis hierhin schon sehr hoch, fällt aber nicht besonders auf, da er zu keinem deutlichen Rausch führt. Diese Phase endet mit „zunehmenden Gedächtnislücken“. Durch die täglichen Betäubungen mit Alkohol verändern sich Nerven- und Stoffwechselvorgänge. Die körperliche Leistungsfähigkeit und Abwehrkräfte nehmen langsam ab. Es kommt häufiger zu Erkältungskrankheiten oder Kreislaufstörungen.
Die Erklärungsversuche seines Verhaltens sind ihm wichtig, da er außer dem Alkohol keine anderen Lösungen seiner Probleme kennt. Parallel erweitert sich ein ganzes Erklärungssystem, das sich auf das gesamte Leben ausdehnt. Er wehrt sich damit gegen soziale Belastungen. Wegen seiner Persönlichkeitsveränderung entstehen immer häufiger Konflikte mit Freunden, Familie und im Beruf. Der Süchtige kompensiert sein schrumpfendes Selbstwertgefühl durch gespielte übergroße Selbstsicherheit nach außen.
Das Erklärungssystem und die Konflikte isolieren den Kranken zunehmend. Er sucht aber die Fehler nicht bei sich, sondern bei den anderen und entwickelt ein auffällig aggressives Verhalten. Als Reaktion auf den sozialen Druck durchlebt mancher Kranke Perioden völliger Abstinenz. Er versucht eine andere Methode, sein Trinken zu kontrollieren. Er ändert das Trinksystem und stellt Regeln auf (nur bestimmte Alkoholarten an bestimmten Orten zu bestimmten Zeiten). Auf mangelndes Verständnis seiner Umgebung („ein Bier ist doch o.k.“, "Ein Gläschen in Ehren kann niemand verwehren...") für sein Leiden reagiert der Süchtige mit zunehmender sozialer Isolation. Er zieht sich von Freunden zurück und wechselt Arbeitsplätze. Der Trinker „verliert das Interesse“ an seiner Umgebung, er richtet seine Tätigkeiten nach dem Trinken aus und entwickelt ein auffallendes Selbstmitleid. Die soziale Isolation und die Verstrickung in Lügen und Erklärungen werden unerträglich, der Alkoholiker flüchtet in Gedanken oder durch tatsächliche Ortswechsel.
Das Familienleben ändert sich. Die Familie, die den Trinkenden oft noch „deckt“ (Koalkoholismus, Koabhängigkeit), isoliert sich gesellschaftlich oder, ganz im Gegenteil, flüchtet sich vor dem häuslichen Umfeld in ausgiebige Aktivitäten. Der Alkoholiker reagiert mit grundlosem Unwillen. Wenn der „Stoff“ fehlt, startet er abenteuerliche Beschaffungsversuche. Er versucht seinen Vorrat zu sichern, indem er Alkohol an den ungewöhnlichsten Orten versteckt. Körperliche Folgen treten auf, wie Händezittern, Schweißausbrüche und sexuelle Störungen wie Impotenz und/oder Paraphilien. Sie werden verstärkt durch Vernachlässigung der Ernährung. Die ersten Krankenhauseinweisungen wegen alkoholbedingter Schwierigkeiten erfolgen. Es kommt zum morgendlichen Trinken. Tägliche Trunkenheit wird zur Regel. In der kritischen Phase kämpft der Süchtige gegen den Verlust der sozialen Basis.
Bei einigen treten alkoholische Psychosen wie Schizophrenie auf. Der Betroffene trinkt mit Personen weit unter Niveau. Falls keine alkoholischen Getränke verfügbar sind, konsumiert er unter Umständen sogar auch vergällten Alkohol (z.B. Brennspiritus, siehe unter Ethanol).
Ein Verlust der Alkoholtoleranz fällt auf, der Alkoholiker verträgt weniger. Es treten undefinierbare Angstzustände und Zittern auf. Auf die Entzugssymptome reagiert der Alkoholiker mit besessenem Trinken. Viele Alkoholiker entwickeln unbestimmte religiöse Wünsche. Die Erklärungsversuche werden schwächer, es kommt der Punkt, an dem das Erklärungssystem versagt. Der Süchtige gibt seine Niederlage zu. Der Kranke bricht zusammen, nicht wenige begehen Suizid.
Trinkt der Kranke weiter, treten im Alkoholdelirium Alkoholpsychosen mit Halluzinationen, Stimmenhören, Angst, Desorientierung auf. Die schwerste Folge ist das lebensgefährliche Delirium tremens, das bei plötzlichem Alkoholentzug auftreten kann. Jetzt werden auch Schizophrenie oder Epilepsie mit lebensbedrohlichen Zuständen offensichtlich. In dieser Endphase ist der Kranke am ehesten bereit, Hilfe anzunehmen. Eine Einweisung in eine spezielle Entgiftungsklinik ist für ihn lebensrettend – und der mögliche Einstieg in eine Entwöhnungsbehandlung, die Erfolgsraten sind jedoch gering, mehrfache Langzeittherapien die Regel.
Der Alpha-Typ (Erleichterungstrinker) trinkt, um innere Spannungen und Konflikte (z.B. Verzweiflungen) zu beseitigen („Kummertrinker“). Die Menge hängt ab von der jeweiligen Stress-Situation. Es besteht vor allem die Gefahr psychischer Abhängigkeit, da noch keine körperliche Abhängigkeit eingetreten ist. Alphatrinker sind nicht alkoholkrank, aber gefährdet.
Der Beta-Typ (Gelegenheitstrinker) trinkt bei sozialen Anlässen große Mengen, bleibt aber sozial und psychisch unauffällig. Betatrinker haben einen alkoholnahen Lebensstil. Gesundheitliche Folgen entstehen durch häufigen Alkoholkonsum. Sie sind weder körperlich noch psychisch abhängig, aber gefährdet. -->Untertyp: Studentischer Trinker: hat immer Gelegenheit zu trinken und tut dies daher auch, gefährdet!
Der Gamma-Typ (Rauschtrinker, Alkoholiker) hat längere abstinente Phasen, die sich mit Phasen starker Berauschung abwechseln. Typisch ist der Kontrollverlust: Er kann nicht zu Trinken aufhören, auch wenn er bereits das Gefühl hat, genug zu haben. Auch wenn er sich wegen der Fähigkeit zu längeren Abstinenzphasen sicher fühlt, ist er alkoholkrank.
Der Delta-Typ (Spiegeltrinker, Alkoholiker) bleibt lange Zeit sozial unauffällig („funktionierender Alkoholiker“), weil er selten erkennbar betrunken ist. Dennoch besteht eine starke körperliche Abhängigkeit, so dass er ständig Alkohol trinken muss, um Entzugssymptome zu vermeiden. Durch das ständige Trinken entstehen körperliche Folgeschäden. Deltatrinker sind nicht abstinenzfähig und alkoholkrank.
Der Epsilon-Typ (Quartalssäufer, Alkoholiker) erlebt in unregelmäßigen Intervallen Phasen exzessiven Alkoholkonsums mit Kontrollverlust, die Tage oder Wochen dauern können. Dazwischen kann er monatelang abstinent bleiben. Epsilontrinker sind alkoholkrank.
Übermäßiger Alkoholkonsum schädigt den Körper auf vielfältige Weise. Ab einer gewissen Blutalkoholkonzentration tritt eine Alkoholvergiftung ein. Der Schweregrad reicht von leichten Rauschzuständen (0,5-1,0 ‰) bis zum alkoholischen Koma. Blutalkoholkonzentrationen von über 4‰ führen häufig zum Tode, es wurden jedoch auch schon 7‰ im Zuge von Verkehrskontrollen bei Autofahrern(!) dokumentiert.
Langfristiger Alkoholmissbrauch führt zu zahlreichen chronischen Folgekrankheiten. Alkoholkonsum beeinträchtigt den Stoffwechsel, insbesondere den Fettstoffwechsel. Typische alkoholbedingte Schädigungen der Leber sind etwa Fettleber, Alkohol-Hepatitis und Leberzirrhose. Äußerlich können sie von Leberhautzeichen begleitet sein. Die Bauchspeicheldrüse kann sich entzünden oder durch einen diabetes mellitus betroffen sein. Weitere Erkrankungen sind Gicht und Hormonelle Störungen.
Chronischer Alkoholkonsum, oft in Verbindung mit Fehlernährung oder Tabakkonsum, schädigt die Schleimhäute in Mund, Rachen, Speiseröhre und Magen. Am häufigsten sind Speiseröhrenentzündungen und Magenschleimhautentzündungen (Gastritis). Krebserkrankungen im Nasenrachenraum und Kehlkopfkrebs sind bei Alkoholkranken häufiger als in der übrigen Bevölkerung. Als Folge der Leberzirrhose können sich auch Krampfadern in der Speiseröhre bilden. Die gerötete Knollennase (Rhinophym) wird durch Alkoholkonsum nicht verursacht, aber verschlimmert.
Das Herz-Kreislauf-System ist ebenfalls betroffen. Alkoholmissbrauch kann zu Bluthochdruck, Herzmuskelerkrankungen, Koronarer Herzkrankheit und Anämie führen.
Alkoholkonsum beeinträchtigt Gehirn und Nervensystem. Schon bei einzelnen Räuschen treten Gedächtnislücken („Filmrisse“) auf. Langfristig bilden sich chronische neuropsychologische Defizite in den Bereichen Aufmerksamkeit, Konzentration, Gedächtnis, Lernfähigkeit, räumliches Vorstellungsvermögen, Zeitwahrnehmung und Problemlösungsstrategien. Dazu kann es zu sozialen Störungen wie dem alkoholischen Eifersuchtswahn und zu sexuellen Deviationen kommen. Weitere Krankheiten in diesem Zusammenhang: Wernicke-Korsakow-Syndrom, Hepatische Enzephalopathie, Polyneuropathie, Alkoholischer Tremor, Hirnatrophie, Hirngefäßschädigungen (Schlaganfälle und Hirnblutungen), Epileptische Anfälle, Delirium tremens.
Allerdings werden auch genetisch verursachte Unterschiede diskutiert, etwa im Alkoholabbau (Effizienz der Alkoholdehydrogenase) oder im Neurotransmitterstoffwechsel des Gehirns. Grundsätzlich muss wohl, wie bei vielen psychischen Erkrankungen, von einer multifaktoriellen Entstehung ausgegangen werden, die auch von der sog. Vulnerabilität (psychische Verletzlichkeit) des Einzelnen abhängt.
Erbliche Faktoren spielen in vielen Fällen eine entscheidende Rolle. Viele Alkoholiker haben oder hatten bereits Suchtkranke in der Familie. Wissenschaftler und Ärzte sind sich jedoch nicht schlüssig, ob das Suchtverhalten in diesen Fällen wirklich vererbt oder eher erlernt/abgeguckt ist. Einige Studien (v. a. durch Zwillinge) lassen jedoch vermuten, dass die Vererbung eines erhöhten Suchtpotentials sehr wahrscheinlich ist.
Neuere Untersuchungen gehen von einer 50 bis 60 prozentigen genetischen Disposition aus. Wissenschaftler des Nationalen Genomforschungsnetzes (NGFN) teilten in der Fachzeitschrift «Molecular Psychiatry» mit, dass Untersuchungen zufolge zwei Mutationen im CRHR1-Gen die Anfälligkeit zum gesteigerten Alkoholkonsum beeinflussen. Dieses Gen ist für ein Protein verantwortlich, welches bei der Verarbeitung von Stress und der Steuerung von Gefühlen eine Rolle spielt. Das Risiko der Erkrankung von Kindern, deren Eltern Alkoholiker sind und nicht bei ihnen aufwuchsen, ist etwa drei bis vier mal höher.
Die Defizite eines Alkoholpatienten werden oft von dessen Lebenspartner mitgetragen oder kompensiert. Meistens gewinnt der Lebenspartner aus seiner Hilfeleistung eine persönliche oder gesellschaftliche Anerkennung; er kann sein persönliches Selbstwertgefühl steigern. Partner, die solchen Mechanismen unterliegen, werden als Co-Alkoholiker bezeichnet.
Neben diesen materiellen Kosten muss man natürlich auch die seelischen „Kosten“ im Sinne des verursachten Leides berücksichtigen.
Trockenheit bedeutet letztendlich, sich seiner „alkoholischen“ Denk- und Gefühlsstrukturen bewusst zu werden, sie zu erkennen, zu durchschauen und zu überwinden. Das Ergebnis davon, führt in die Gewissheit, dass das Leben des „trockenen“ Alkoholikers, des Suchtmittels nicht mehr bedarf – sondern er in der Lage ist ohne dieses ein intensiveres Lebensempfinden zu erlangen. Somit ist die „Abstinenz“ für den Suchtkranken nicht der Verzicht auf oder das Verbot für alkoholische Getränke, es ist vielmehr die täglich zu spürende Bereicherung seines Lebens, durch die Überwindung der Krankheit.
Seit vielen Jahren haben sich Selbsthilfegruppen (z. B. Anonyme Alkoholiker) bewährt. Hier treffen sich in regelmäßigen Abständen trockene Alkoholiker, die über ihr gemeinsames Problem sprechen. Selbsthilfegruppen wirken außerordentlich unterstützend auf den Therapieerfolg, in manchen Fällen können sie sogar als Alternative zur klassischen Therapie in Betracht gezogen werden. Dies ist jedoch nur dann möglich, wenn der Patient genügend Rückhalt durch Familie und Freunde hat.
Alkoholabhängigkeit ist immer auch als Interaktion mit den Mitmenschen zu betrachten. Diese sind deshalb in die Behandlung einzubeziehen. Lebenspartner, Kinder, ggf. Kollegen spielen bei der Änderung auch des eigenen Verhaltens eine wichtige Rolle. Auch für Angehörige und Freunde von Alkoholikern gibt es Selbsthilfegruppen, sowohl gemeinsam mit, wie auch getrennt von den Selbsthilfeangeboten für Alkoholkranke.
Ambulante Therapien werden seit 1996 von Kostenträgern übernommen. Voraussetzung für eine ambulante Behandlung ist eine mittelfristige Abstinenz von mindestens 2-3 Monaten. Unabdingbar ist dabei eine soziale Einbindung durch Arbeitsplatz und Familie.
Zur Behandlung bei Suchtkrankheiten wird auch Akupunktur verwendet.
Der Nutzen der medikamentösen Suchtvorbeugung ist beim Alkoholismus bisher fraglich (Cochrane-Report).
Schwere Rückfälle machen einen erneuten Entzug mit anschließender Therapie unumgänglich. Viele Patienten gelangen erst nach mehreren Therapiemaßnahmen zu einer stabilen Trockenheit. Zu Rückfällen kann es nach Jahren und sogar Jahrzehnten noch kommen. Eine Heilung im eigentlichen Sinne gibt es somit nicht. Die Krankheit kann nur durch Abstinenz gestoppt, aber nicht geheilt werden.
Das Konzept von Alkoholismus als Krankheit und insbesondere Jellineks Theorie der "Trinkertypen" sind nicht unumstritten in der Forschung. Insbesondere sehen heute viele Autoren die Vorstellung eines unumkehrbaren Prozesses kritisch, da er bei Betroffenen gemäß einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung wirken kann: bei einem Ex-Alkoholiker, der gesagt bekommt, dass jeder Verstoß gegen die Abstinenz ihn unmittelbar in seinen alten Zustand versetzt, wird ein "Rückfall" auch entsprechende Auswirkungen haben. Im therapeutischen Bereich werden daher mittlerweile auch alternative Konzepte angeboten, etwa zum sogenannten kontrollierten Trinken.
Gerade dieses "kontrollierte Trinken" ist heftig umstritten. Ein in Phasen verlaufendes Krankheitsbild (prodromale, kritische, chronische Phase) zeigt bereits im ersten Abschnitt auffallendes Verhalten des Erkrankten. Das bemerkt er selbst und versucht mit vielen "Kontrollmechanismen" - regelmäßig scheiternd - zu beherrschen. Die Krankheit schreitet voran, durch die kritische bis chronische Phase, wenn auch unter Selbstverleugnung einer vorhandenen Krankheit. Der Wunsch zu kontrollieren, der ja bei einem, der normal mit Alkohol umgehen kann, nie auftauchen wird, ist bereits der Kontrollverlust: eines von zwei untrüglichen Kriterien für die Alkoholkrankheit (den Alkoholismus). (Das zweite bzw. andere Kriterium, ist der Einsatz des Alkohols, um die eigene Stimmungslage zu verändern - subjektiv als Verbesserung empfunden). Wer nun in der "Vorphase" der heraufziehenden Krankheit, den Eigenversuch des "kontrollierten" Trinkens anwenden möchte, wird selten darin Erfolg haben, den Alkoholismus damit zu bekämpfen, einzig die Trinkgewohnheiten moderater gestalten zu wollen und die psychische Dimension dieser Erkrankung völlig unberücksichtigt zu lassen. Allerhöchstens in einer Konstellation, da der Betroffene lediglich zuviel trinkt - ohne Alkoholiker zu sein - könnte die Selbstbeschränkung den Ausbruch der Erkrankung verhindern oder verzögern. Nur - bis heute steht der Beweis aus, dass diese besondere Form des Alkoholmissbrauches überhaupt vorkommt. Regelmäßiges "über die Stränge schlagen", das diesen Wunsch zur Selbstrestriktion erst auslösen könnte, führt in relativ kurzer Zeit zu einer (körperlichen) Abhängigkeit, die sich nicht durch eine Selbstdisziplinierung aufheben lässt. Ein Zirkelschluss:
Zuviel trinken, ohne Alkoholiker zu sein, wird den Wunsch nach Eindämmung des Alkoholkonsumes nicht wachrufen.
Zuviel trinken mit vorhandener Abhängigkeit, lässt sich nicht durch Herunterfahren des Levels regulieren, da dies jeder Alkoholiker schon mehrfach versucht hat, und dies eigentlich dem Aufzäumen des Pferdes von hinten entspricht: Wenn die psychische Situation des Abhängigen eine Verwandlung erfährt (nota bene: von ihm selbst herbeizuführen), dann wird der Alkohol als stimmungsbeeinflussendes Mittel nicht mehr benötigt und verliert seine Bedeutung für den Erkrankten. Diese Veränderung des eigenen Denkens, Fühlens und Handelns ist jedoch nur dann möglich, wenn auf den Einsatz des Suchtmittels verzichtet wird. Dann führt mit zunehmendem Erfolg der Lebensmeisterung, ohne "Stoff", die zunehmend als Bereicherung empfundene Steigerung der Lebensqualität, auch dazu, ein ausgesprochenes Glücksempfinden des Betroffenen darüber herzustellen, des Suchtmittels nicht mehr zu bedürfen. In diesem inneren Gleichgewicht wird der ehemals nasse Alkoholiker selten den Wunsch verspüren, Alkoholika in Maßen konsumieren zu können. Vermutlich ist somit der Wunsch nach kontrolliertem Trinken, nur bei denen vorhanden, die ihre eigene Alkoholabhängigkeit (noch) nicht angenommen haben.
Bernhard van Treeck: Drogen- und Suchtlexikon, Berlin: Lexikon-Imprint-Verlag, 2003, ISBN 3-89602-221-0 (erweiterte Neuauflage, Berlin: Schwarzkopf und Schwarzkopf, 2004, ISBN 3-89602-542-2)
Wilhelm Feuerlein: Alkoholismus: Warnsignale, Vorbeugung, Therapie; Verlag C.H. Beck oHG, München 1996; 5., aktualisierte Auflage. 2005; ISBN 3-406-45533-6
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