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Alfred Herrhausen (* 30. Januar 1930 in Essen; † ermordet 30. November 1989 in Bad Homburg vor der Höhe) war ein deutscher Bankmanager und Vorstandssprecher der Deutschen Bank.

Leben


Herrhausen besuchte in seiner Kindheit die NS-Ausleseschule "Reichsschule Feldafing der NSDAP". Später studierte Herrhausen Betriebs- und Volkswirtschaftslehre in Köln, wo er sich dem Corps Hansea anschloss. Er wurde 1955 bei Theodor Wessels mit der Dissertation "Grenznutzen als Bestandteil des Marginalprinzips" promoviert.

Nach Tätigkeiten bei der Ruhrgas AG und bei den Vereinigten Elektrizitätswerken Westfalen (VEW) kam er 1969 zur Deutschen Bank und wurde 1971 in den Vorstand berufen. Nach dem Ausscheiden Wilfried Guths wurde er im Mai 1985 neben Friedrich Wilhelm Christians einer von zwei Sprechern des Vorstands. Im Mai 1988 wurde er alleiniger Vorstandssprecher.

Herrhausen betrieb den Umbau der Konzernstrukturen der Deutschen Bank mit Nachdruck und machte die Bank zum unumstrittenen Branchenprimus in Deutschland. Schwerpunkte lagen auf einem konsequenten Allfinanzkonzept und der Internationalisierung des Konzerns. Hierzu gehörten die Gründung der Deutsche Bank Bauspar AG und der Deutsche Bank Lebensversicherungs AG sowie die Übernahme der britischen Bank Morgan Grenfell 1989. In der Zeit vor seinem Tod versuchte Herrhausen, eine komplette Umstrukturierung der Bank durchzusetzen. Dies führte zu einer heftigen Auseinandersetzung mit anderen Führungsmitgliedern der Deutschen Bank, in deren Verlauf Herrhausen kurz davor stand, seinen Rücktritt anzubieten. Laut Aussage seiner Frau Traudl (in dem Dokumentarfilm Black Box BRD von Andres Veiel) sollte am Tag seiner Ermordung auf einer Vorstandssitzung über seine Pläne entschieden werden. In seinem auf dem Film aufbauenden gleichnamigen Buch beschreibt Veiel, dass Herrhausens Position in der Bank stark geschwächt war und dass er zwei Tage vor seinem Tod sogar intern seinen Rücktritt erklärt habeBuchrezension zu: Andreas Veiel: Black Box BRD. Alfred Herrhausen, die Deutsche Bank, die RAF und Wolfgang Grams. Deutschlandfunk, 23. Dezember 2002..

Herrhausen bemühte sich in zahlreichen Vorträgen und Interviews um ein besseres Image der Banken. Er betonte die Verantwortung der Banken und ihrer Manager. Er beteiligte sich aktiv an der Diskussion um die "Macht der Banken", die sich auch an den zahlreichen Industriebeteiligungen der Deutschen Bank entzündete. Schlagzeilen machte sein Eintreten für einen teilweisen Schuldenerlass für Entwicklungsländer. Dieses Engagement wurde später als Motiv für eine Verschwörungstheorie angenommen, die seine Ermordung erklären soll.

Herrhausen selbst sah sich als potentielles Ziel terroristischer Anschläge. Seit der Entführung und Ermordung von Hanns-Martin Schleyer im September 1977 hatte er nach Angaben seiner Ehefrau immer einen Brief im Nachtschrank, in dem stand, dass man bei seiner möglichen Entführung und eventuellen Erpressung der BRD den Forderungen nicht nachgeben solle.

Familie


Herrhausen war in erster Ehe mit Ulla Herrhausen verheiratet. Während eines Aufenthaltes in Texas lernte er seine zweite Frau, die in Österreich geborene Ärztin Traudl Herrhausen kennen. Traudl Herrhausen saß nach seinem Tod für die CDU von 1991 bis 2003 (drei Wahlperioden) als Abgeordenete im hessischen Landtag. Herrhausen hatte zwei Töchter, Bettina und Anna Herrhausen.

Ermordung


Am Morgen des 30. November 1989 verließ Herrhausen sein Haus im Ellerhöhweg in Bad Homburg, um mit seinem Dienstwagen zur Arbeit zu fahren. Etwa drei Minuten später detonierte auf Höhe des Seedammweges vor einem Parkhaus eine Bombe, die sich an einem präparierten Fahrrad am Straßenrand befand. Herrhausen kam bei dem Attentat ums Leben, sein Chauffeur wurde nur leicht verletzt.

Die Bombe befand sich in einer Schultasche auf dem Gepäckträger des Fahrrads. Sie war als Hohlladungsmine konstruiert, einer in panzerbrechenden Waffen verwendeten Technologie. Als das Auto durch eine vorher installierte Lichtschranke fuhr, explodierte eine TNT-Ladung, und eine durch die Detonation zu einem Projektil verformte Kupferplatte schoss mit 3000 m/s (rund 11000 km/h) in die hintere Seitentür des gepanzerten Mercedes der S-Klasse. Dabei drang ein Fahrzeugteil in den Oberschenkel von Herrhausen ein und verletzte die Schlagader. Seine in dem unbeschädigten Begleitfahrzeug folgenden Personenschützer ergriffen keine Maßnahmen zur ersten Hilfe. Herrhausen blieb stattdessen bewusstlos in dem Autowrack liegen und starb innerhalb weniger Minuten am starken Blutverlust.

Der oder die Urheber konnten nie ermittelt werden. Am 2. Dezember 1989 fand man ein BekennerschreibenBekennerschreiben der RAF der Rote Armee Fraktion, das bis heute den einzigen Hinweis auf die Täter liefert (siehe unten). Die als Baustelle getarnten Arbeiten, bei denen man die Kabel für die Lichtschranke verlegte, der große materielle und technische Aufwand sowie der Einsatz einer Bombe militärischer Bauart mit dem Sprengstoff TNT widersprachen der bisherigen Vorgehensweise der RAF. Überdies waren die auffälligen Vorbereitungen zu dem präzise geplanten Anschlag weder der Polizei noch dem Bundeskriminalamt verdächtig vorgekommen, obwohl Herrhausen offiziell zum Kreis der am stärksten gefährdeten Personen in der Bundesrepublik gehörte und die Umgebung seines Hauses ständig überwacht wurde. Zu den Ungereimtheiten des Falles zählt auch, dass das normalerweise eingesetzte vorausfahrende zweite Begleitfahrzeug laut des ehemaligen Verfassungsschutzpräsidenten Dr. Richard Meier kurz vor dem Attentat abgezogen worden warDeutscher Bundestag: Protokoll der 71. Sitzung des Innenausschusses. 7. Dezember 1989, S. 44. Es gibt allerdings auch andere Darstellungen, nachdem das vordere Fahrzeug nur weit vorausfuhr. Die RAF hätte das Fehlen des führenden Begleitfahrzeugs vermutlich zu spät erfahren, um die Bombe noch auf Zündung beim ersten Fahrzeug einstellen zu können, sofern dies überhaupt auf die Schnelle möglich gewesen wäre.

Sein Nachfolger als Vorstandssprecher wurde Hilmar Kopper.

Täterschaft ungeklärt


Der einzige Hinweis auf die Täter war zwei Jahre lang das Bekennerschreiben der RAF, das zwei Tage nach dem Mord in der Nähe des Tatorts gefunden wurde. Ansonsten tappten die Ermittler im Dunkeln. Hans-Ludwig Zachert, damaliger Präsident des Bundeskriminalamts, sagte im März 1991: "In der Terroristenfahndung treten wir auf der Stelle. Bei dem Attentat auf den Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen gibt es noch immer keine brauchbare Spur."

Ein Kronzeuge sagt aus

Erst mehr als zwei Jahre nach der Tat, am 21. Januar 1992, präsentierten die Ermittlungsbehörden einen vermeintlich spektakulären Fahndungserfolg. Siegfried Nonne, ein gelegentlich als V-Mann des hessischen Verfassungsschutzes eingesetztes Mitglied der linksradikalen Szene, belastete in einer umfangreichen Aussage sich selbst, Christoph Seidler, Andrea Klump sowie zwei weitere ihm nur als Stefan und Peter bekannte Männer. Er gab an, dass die vier RAF-Terroristen gewesen seien und vor dem Anschlag längere Zeit in seiner Bad Homburger Wohnung gelebt hätten. Außerdem sei er selbst an der Planung beteiligt gewesen. Der Generalbundesanwalt erließ daraufhin Haftbefehle gegen Christoph Seidler und Andrea Klump, die Meldung über den Fahndungserfolg lieferte wochenlang Material für eine umfangreiche Berichterstattung in der deutschen Presse. In Nonnes Keller wurden Sprengstoffspuren gefunden, allerdings von anderen Substanzen (2,4-Dinitrotoluol, 2,4-Dinitroethylbenzol und Spuren von Nitroglycerin) als dem beim Anschlag verwendeten Trinitrotoluol (TNT).

Widerruf

In einer Sendung des WDR-Magazins Monitor vom 1. Juli 1992 widerrief Nonne vor laufender Kamera seine gesamte AussageBundestagsdrucksache 13/533 vom 13.02.1995: Kleine Anfrage der Grünen-Fraktion: Der Kronzeuge Siegfried Nonne und die Rolle der Sicherheitsbehörden.. Er gab gegenüber den Journalisten an, dass er von Mitarbeitern des hessischen Verfassungsschutzes mit Drohungen zu seiner Aussage genötigt worden sei. In der Folge wurde bekannt, dass Nonne mehrfach in psychiatrischer Behandlung gewesen war und unter Alkohol- und Drogenproblemen litt. Erst vier Tage, bevor er sich erstmals mit seinen Aussagen an den Verfassungsschutz gewandt hatte, war er nach halbjährigem Aufenthalt aus der Psychiatrie entlassen worden. Die Diagnose lautete damals: "Länger anhaltende depressive Reaktion mit suizidalen Gedanken, Polytoxikomanie inklusive Morphin, Persönlichkeitsstörung auf Borderline-Niveau."Thomas Kleine-Brockhoff: Christoph Seidler und die Zweifel der Justiz. Die Zeit, 17. Januar 1997. Zwei von den Behörden beauftragte Gutachten eines Psychologie-Professors und eines Psychiaters bescheinigten Nonnes Aussagen dennoch Glaubwürdigkeit. Damit entstand allerdings das Problem, ob nun Nonnes erste Aussage oder sein Widerruf als gültig angesehen werden sollte. Die Behörden entschieden sich dafür, seine Aussage als glaubwürdig, das Dementi dagegen als unglaubwürdig einzustufen, wodurch die Haftbefehle gegen die beiden von ihm benannten Täter bestehen blieben. Später kehrte Nonne wieder zu seinen ursprünglichen Aussagen zurück und revidierte somit seinen Widerruf. Als Begründung nannte er erneut, dass er bedroht und genötigt worden wäre, diesmal allerdings von den Monitor-Journalisten. Das Ermittlungsverfahren wegen seiner Mittäterschaft wurde 1994 unter der Kronzeugenregelung mit dem Hinweis auf seine Beteiligung an der Aufklärung der Tat eingestellt.

Zweifel

Abgesehen von seiner zweifelhaften Glaubwürdigkeit wiesen Nonnes Aussagen und die darauf aufgebaute Version der Behörden eine Reihe von Unstimmigkeiten aufThomas Kleine-Brockhoff: Christoph Seidler und die Zweifel der Justiz. Die Zeit, 17. Januar 1997. Die Monitor-Journalisten Gerhard Wisnewski, Wolfgang Landgraeber und Ekkehard Sieker recherchierten daraufhin auch zu älteren Terroranschlägen in Deutschland, die der RAF zugeschrieben wurden. Sie veröffentlichten die Ergebnisse 1992 in Ihrem umstrittenen Buch "Das RAF-Phantom". Weil sie offenbar Zugang zu geheimen Behördenunterlagen gehabt hatten, wurden sie in der Folge das Ziel staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen und Hausdurchsuchungen. Am 13. Februar 1995 stellte die Bundestagsfraktion der Grünen eine kleine parlamentarische Anfrage mit dem Titel Der Kronzeuge Siegfried Nonne und die Rolle der SicherheitsbehördenBundestagsdrucksache 13/533 vom 13.02.1995: Kleine Anfrage der Grünen-Fraktion: Der Kronzeuge Siegfried Nonne und die Rolle der Sicherheitsbehörden. an die Bundesregierung, die sich in wesentlichen Teilen auf Aussagen des Buchs bezog. Die Bundesregierung antworteteBundestagsdrucksache 13/754 vom 09.03.1995: Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Grünen., dass die Aussagen Nonnes auch weiterhin als glaubwürdig angesehen würden. Die Beantwortung der Fragen zur vermeintlichen Präparierung bzw. Erzwingung seiner Aussagen durch Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes wurde mit dem formaljuristisch korrekten Hinweis abgelehnt, dass "die Bundesregierung Maßnahmen diese Amtes nicht zu bewerten bzw. zu kommentieren hat". Zu den Fragen, die sich auf die von den Buchautoren aufgedeckten sachlichen Ungereimtheiten in der offiziellen Version bezogen, verwies die Regierung darauf, dass sie keine gutachterlichen Kompetenzen habe.

Aufhebung der Haftbefehle

Das Festhalten des Generalbundesanwalts an Nonnes Aussagen wurde vielfach kritisiert. Schließlich löste sich die Frage von selbst, als sich der vermeintliche Täter Seidler 1996 den deutschen Behörden im Rahmen eines Aussteigerprogramms stellte und für die Tatzeit ein Alibi präsentierte. Der Bundesgerichtshof hob den Haftbefehl gegen Seidler daraufhin gegen den Willen des Generalbundesanwalts auf. Eine Beschwerde dagegen wurde 1997 mit dem Hinweis auf die Unglaubwürdigkeit des Kronzeugen Nonne abgelehntPressemitteilung des Bundesgerichtshofs Nr. 3/1997 vom 17. Januar 1997: Haftbefehl gegen den des Mordes an Dr. Herrhausen beschuldigten Christoph Seidler bleibt aufgehoben. Christoph Seidler befindet sich seitdem auf freiem Fuß. Er wurde außerdem von dem Vorwurf der RAF-Mitgliedschaft entlastet, der einzig auf Nonnes Aussagen beruhte. Auch der Haftbefehl gegen Andrea Klump wurde aufgehobenKeine Spur beim Herrhausen-Mord. Tagesspiegel, Berlin, 30. Dezember 1999. Sie verbüßt wegen anderer terroristischer Verbrechen eine Haftstrafe, eine Anklage wegen ihrer vermeintlichen RAF-Mitgliedschaft wurde 2001 fallengelassenKlump-Prozess: OLG stellt Anklage wegen RAF-Mitgliedschaft ein. Frankfurter Rundschau, 24. April 2001.. Erst im Jahr 2004 entschloss sich der Generalbundesanwalt, auch das Ermittlungsverfahren gegen Klump wegen Mangels an Beweisen einzustellen und fortan gegen unbekannt zu ermittelnHerrhausen-Anschlag / Ermittlungen gegen Andrea Klump eingestellt. Frankfurter Rundschau, 7. Dezember 2004..

Aktueller Stand

Wer Alfred Herrhausen tatsächlich ermordet hat, ist nach dem Zusammenbruch der Nonne-Version bis heute (2006) ungeklärt. Das offizielle Ermittlungsverfahren läuft gegen UnbekanntNehm sucht Unbekannt Die Tageszeitung, 6. Dezember 2004. Dass der 1993 während einer Aktion der GSG9 in Bad Kleinen gestorbene Wolfgang Grams an dem Attentat beteiligt war, gilt als Spekulation. Es gibt weder Beweise noch ernsthafte Hinweise auf seine Beteiligung. Es wurde auch nie gegen ihn ermittelt oder ein begründeter Verdacht seitens der Ermittlungsbehörden geäußert.

Literatur und Dokumentarfilm


  • Andres Veiel: Black Box BRD. Fischer, Frankfurt 2004. ISBN 3-59615-985-7
  • derselbe: Black Box BRD - Dokumentarfilm
  • Gerhard Wisnewski, Wolfgang Landgraeber, Ekkehard Sieker: Das RAF-Phantom - Wozu Politik und Wirtschaft Terroristen brauchen, Droemer Knaur 1997, ISBN 3-42680-010-1.

Anmerkungen / Quellen


Weblinks


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