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DeTocque.jpg Charles Alexis Henri Maurice Clérel de Tocqueville * (* 29. Juli 1805 in Verneuil-sur-Seine, Île-de-France; † 16. April 1859 in Cannes) war ein französischer Publizist und Politiker.

Leben


De Tocqueville wurde als dritter Sohn von Hervé Bonaventure Clérel de Tocqueville und Louise Le Peletier de Rosanbo geboren. Im Jahre 1824 schloss er nach vier Jahren sein Studium der Rhetorik und Philosophie auf der höheren Schule und dem Collège in Metz ab.

Nachdem Tocqueville nach Paris gezogen war und dort sein Studium der Rechtswissenschaft beendete hatte, wurde er 1826 Untersuchungsrichter in Versailles. In den Folgejahren machte er die Bekanntschaft Gustave de Beaumonts und Mary Motleys (1826), mit der er 1835 eine Ehe einging, die kinderlos bleiben sollte, hörte Geschichtsvorlesungen François Guizots’ an der Pariser Sorbonne (1829/30) und promovierte 1830 in Versailles.

1831 beauftragte ihn die Regierung, das Rechtssystem und den Strafvollzug in den Vereinigten Staaten von Amerika zu studieren. Tocqueville bereiste die USA mit seinem Freund Gustave de Beaumont. Für ihre Arbeit « Du système pénitentiaire aux États-Unis » erhielten die beiden einen Preis der Académie française. Aus der Amerikareise und den dort gemachten Erfahrungen resultiert das berühmte Hauptwerk « De la démocratie en Amérique » (2 Bde., Paris 1835/1840). Der erste Band erschien im Januar 1835 in einer Auflage von unter 500 Stück. Bereits im Juni desselben Jahres wurde eine zweite Ausgabe veröffentlicht. Die achte Ausgabe, die 1840 sowohl in Paris als auch – in einer Übersetzung Henry Reeves – in London erschien, enthielt schließlich auch den zweiten Band seiner Untersuchungen.

« De la démocratie en Amérique » beschreibt unter anderem die Demokratie im Kontext der Zivilgesellschaft. Das Buch erhielt 1836 den Prix Montyon der Académie française, deren Mitglied Tocqueville 1841 wurde, und wird heute noch an den Universitäten behandelt. In seiner Analyse der amerikanischen Demokratie arbeitete er spezifisch amerikanische Ursachen für die Art und Weise des Funktionierens der Demokratie in den USA heraus. Damit legte er die Grundlage für den immer noch aktuellen politikwissenschaftlichen Disput über den American Exceptionalism. Dahinter verbirgt sich die Frage nach der Bewertung der politischen, sozialen und ökonomischen Unterschiede zwischen den USA und anderen Staaten.

Zwischen 1839 und 1848 gehörte Alexis de Tocqueville als Deputierter zur gemäßigten Opposition. Nach der Februarrevolution bekämpfte er den Sozialismus und stimmte mit der monarchischen Rechten. Als Mitglied der Gesetzgebenden Versammlung übernahm er 1849 das Auswärtige Amt. Er trat zurück, als Louis Napoléon, der spätere Napoléon III., sein Regierungssystem stärker in den Vordergrund schob. Als einer der letzten Verteidiger des Parlamentarismus opponierte er scharf gegen die Politik des Präsidenten der Republik. Beim Staatsstreich am 2. Dezember 1851 wurde er verhaftet. Er durfte sich nach einiger Zeit ins Privatleben zurückziehen.

Über das Verhältnis von Freiheit und Gleichheit


Der zweite Band von « De la démocratie en Amérique » von 1840 befasst sich intensiver mit den Grundlagen von Staat und Politik, insbesondere mit dem Verhältnis von Gleichheit und Freiheit. Tocqueville sieht darin keine Prinzipien von gleicher Wichtigkeit, sondern spricht sich deutlich für den Vorrang der Freiheit aus. Die in einem aufgeklärten Staat entstehende formale Gleichheit der Bürger hat nach Tocqueville verschiedene Auswirkungen. Zu allererst bringe der Wegfall ständischer Ordnungen und die Rechtsgleichheit aller Bürger jenen Raum, den ein freiheitliches Individuum überhaupt benötige. Der Wegfall von Autoritäten und die Unabhängigkeit der Menschen begründeten jene Freiheitsliebe, die demokratische Gesellschaften und ihre Institutionen auszeichnet. In einer daraus entstehenden Anarchie sehen die Kritiker die größte Gefahr einer demokratischen Ordnung. Tocqueville widerspricht dem nicht, sieht darin aber nicht das Hauptproblem des Gleichheitsprinzips. Vielmehr fürchtet er in seiner Ausgangsthese des vierten Teils des zweiten Bandes eine schleichende Beeinträchtigung des Freiraums der Bürger. „Die Gleichheit löst nämlich zwei Tendenzen aus: die eine führt die Menschen geradewegs zur Freiheit und kann sie auch plötzlich in die Anarchie treiben; die andere leitet sie auf längerem, verschwiegenerem, aber sicherem Wege in die Knechtschaft.“ Während sich ein demokratischer Staat gegen die Anarchie zu schützen wisse, sei die Abwehr vor dem Verlust des individuellen Freiraums durch Gleichmacherei schwieriger, da diese sowohl den Neigungen der Masse der Bürger entspreche als auch dem Staat gelegen komme.

Für Tocqueville führt das Prinzip der Gleichheit unbedingt zu einem starken, zentralistisch organisierten Staat, gegen den sich das Individuum nicht mehr wehren kann. Daraus entstehe eine grenzenlose „Volksgewalt“. Die Repräsentanten dieser Macht werden sich ihrer Gewalt allmählich bewusst und förderten diese Position aus Eigeninteresse. Die Regierenden könnten schließlich „alle Vorgänge und alle Menschen verwalten“. Für Tocqueville entsteht dadurch ein Transfer von Verantwortlichkeiten. Unter „Regieren“ verstehen die Führer dieser Staaten nicht mehr nur die Regentschaft des gesamten Volkes, sondern auch die Verantwortlichkeit für das Wohlergehen jedes Einzelnen. Sie sehen ihre Aufgabe nun auch darin, den Bürger „zu leiten und zu beraten, ja ihn notfalls gegen seinen Willen glücklich zu machen“. Umgekehrt übertragen die Einzelnen immer mehr ihre Selbstverantwortung auf die staatliche Gewalt. Letztlich befürchtet Tocqueville ein Abrutschen in die Unfreiheit, wenn die Gleichheit zum einzigen großen Ziel wird: „Jeder Schritt zur Gleichheit bringt die Europäer dem Despotismus näher.“

Werke


  • Über die Demokratie in Amerika (dt.) Stuttgart 1959 und öfter.
  • Histoire philosophique du règne de Louis XV. 2 Bde. Paris 1846
  • Coup d'oeil sur le règne de Louis XVI. Paris 1850
  • L'ancien régime et la révolution. Paris 1856

Tocqueville-Effekt


Als Tocqueville-Effekt bezeichnet man ein Phänomen in der Soziologie bzw. der Sozialpsychologie. Demnach führen verspätete Reformen zu (gewaltsamen) Revolutionen. Tocqueville kam zu diesem Schluss, als er um 1830 die USA besuchte. Als Bestätigung wird oftmals die Deutsche Wiedervereinigung angeführt.

Literatur


  • Karlfriedrich Herb; Oliver Hidalgo: Alexis de Tocqueville. Campus, Frankfurt/M. 2005. ISBN 3-593-37647-4
  • Michael Hereth: Tocqueville zur Einführung. Junius, Hamburg 1991. ISBN 3-88506-869-9 (2., verb. Aufl. 2001)
  • Jacob P. Mayer: Alexis de Tocqueville: Analytiker des Massenzeitalters. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1954. ISBN 3-406-02485-8 (3., veränd. und erw. Aufl. 1972)
  • Karl Pisa: Alexis de Tocqueville: Prophet des Massenzeitalters. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1984. ISBN 3-421-06178-5

Weblinks


Autor | Publizist | Académie française | Franzose | Geboren 1805 | Gestorben 1859

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