Die Aleviten bilden in der Türkei nach den sunnitischen Muslimen mit 15 bis 20 % (andere Schätzungen sprechen von bis zu 35 %) der Bevölkerung die zweitgrößte Religionsgruppe.
Die Bezeichnung Alevite wird für eine Vielzahl von muslimischen Gruppierungen benutzt und darf an dieser Stelle weder mit den syrischen Nusairiern, die man ebenfalls als Alawiten bezeichnet, noch mit ismailitischen Alavi Bohra oder mit dem besonders durch Dr. Ali Schariati geprägten Begriff Alawi (auch "Roter Schiismus" genannt), der hier für eine puritanische Lehre der imamitischen Schia steht, verwechselt werden.
Alevitentum ist heute eine eigenständige synkretistische Religion, die sich aus der islamischen Schia entwickelt hat und zudem sehr viele Elemente aus den verschiedensten vorislamischen Religionen Mesopotamiens und aus dem Sufismus (islamische Mystik) in sich vereint. Der alevitische Glaube ist besonders durch die Erinnerung an die Massaker geprägt, die an den Schiiten und Aleviten verübt wurden.
Unter den meisten Türken gilt die Religionsgruppe als islamische Glaubensrichtung und ist deshalb in der offiziellen Zahl von 99,8% Muslimen enthalten. Aleviten gehen allerdings mit religiösen Vorschriften, die viele Muslime für verbindlich halten, liberal um; für Aleviten haben die sogenannten Fünf Säulen des Islams keinen hohen Stellenwert, sie verrichten nicht das Ritualgebet (Salat) und brauchen zum Beten keinen besonderen Raum oder eine spezielle Zeit. Jede Alevitin und jeder Alevit betet dann und dort, wo sie oder er will, auf eine Art, wie es ihr oder ihm entspricht.
Der Koran ist für Aleviten, im Gegensatz zum Scharia-Islam, kein Gesetzbuch, sondern die Niederschrift von Offenbarungen, die kritisch gelesen werden dürfen (siehe dazu: Buyruk). Sie sehen in ihm kein verbalinspiriertes Buch, sondern interpretieren ihn mystisch. Sie lehnen auch die Schari'a, das islamische Gesetz, ab. Daher kann die Philosophie des Alevitentums dem Pantheismus zugeordnet werden, denn sie glauben, dass jedem Menschen die Wahrheit (das Göttliche) innewohnt.
Der heutige Glaube der Aleviten ist stark vom Humanismus und Universalismus bestimmt. Im Zentrum ihres Glaubens steht daher der Mensch als eigenverantwortliches Wesen. Wichtig ist ihnen das Verhältnis zum Mitmenschen. Die Frage nach dem Tod und den Jenseitsvorstellungen ist demgegenüber für sie nebensächlich. In der alevitischen Lehre ist die Seele eines jeden Menschen unsterblich, sie strebt durch die Erleuchtung die Vollkommenheit mit Gott an.
Diese liberalen Auffassungen, vor allem die Ablehnung der Schari'a, unterscheiden Aleviten von den Sunniten. Darum haben viele Sunniten, vor allem die meisten islamischen Gelehrten, Vorurteile gegenüber Aleviten und betrachten sie meist nicht als Muslime.
Die Grundsäulen des Alevitentums liegen zum Teil auch in der Lehre des Zarathustra. Es ist ein aus islamischer Lehre und zarathustrischen Lehre zu Stande gekommener Glaube. Der Anteil der zarathustrischen Lehre macht ca. 20% des alevitischen Glaubens aus. Rechtes Handeln, rechtes Denken, rechtes Sprechen - dies sind Worte von Zarathustra. Die vier Heiligen Elemente bei den Aleviten Feuer, Wasser, Erde, Luft, entstammen der Lehre Zarathustras. Zarathustra betrieb zu seinen Lebzeiten Astrologie; die Kenntnisse gab er in Form von mystischen Tänzen (Mevlana) weiter. Die Hauptquellen des Alevitentums sind nicht allein der "Große Buyruk" von Imam Dschafar ibn Muhammad as-Sadiq, wie häufig angenommen, sondern auch unzählige religiöse Gedichte und Lieder (Deyis). Aleviten waren aufgrund ihrer Verfolgung und Unterdrückung gezwungen, ihre Glaubensinhalte mündlich durch Lieder und Gedichte weiterzugeben. Die Mischung aus verschiedensten religiösen und mystischen Strömungen macht verständlich, dass die Aleviten zwar im Islam ihren Ursprung sehen, sie jedoch nicht den allseits anerkannten islamischen Gruppierungen zugerechnet werden.
Der Semah symbolisiert das Universum (Evren) mit den Planeten des Sonnensystems und der Galaxie. Er wird daher im Kreis getanzt, wobei die Semah-Tänzer sich wie Planeten sowohl um sich selbst, als auch um die Kreismitte drehen. Seit dem 12. Jahrhundert, vielleicht auch schon früher, diente dieser heilige Tanz zur geistigen Annäherung an Allah. Darum sollte er nach alevitischer Auffassung nicht öffentlich vorgeführt werden.
Die Verschleierung der Frau ist bei Aleviten nicht vorgeschrieben. In ihrer Lehre sind Frauen und Männer absolut gleichgestellt, in der Praxis zeigt sich dies jedoch nicht überall. Dies hat aber weniger mit der alevitischen Religion als vielmehr mit den gesellschaftlichen Wertvorstellungen von Aleviten und Türken bzw. Türkischstämmigen insgesamt zu tun, die tendenziell in einer traditionell patriarchalen Gesellschaft aufwachsen.
Gemeinsam ist ihnen die besondere Verehrung von Ali ibn Abi Talib, dem Schwiegersohn Muhammeds. Dieser Gemeinsamkeit verdanken sie auch die ähnlichen Namen. Ali wird im Alevitentum mit dem Löwen assoziiert. Ein Sprichwort lautet: »Ali ist der Löwe Gottes«. Er ist das Symbol für Gerechtigkeit und Güte, also Eigenschaften Gottes, denen ein Alevit besonders nacheifert.
Die Grundpfeiler der alevitischen Vorschriften sind in diesem einen Satz eline beline diline öfkene ve nefsine sahip ol vereint. Er besagt Folgendes:
Die Verbote des Tötens, des Diebstahls, der Verleumdung und des Ehebruchs gelten für Aleviten gegenüber allen Menschen. Damit wollen sie die Menschlichkeit und das Zusammenleben aller Menschen fördern. Hinzu kommen alltägliche Vorschriften der Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft, Bescheidenheit und weitere. Jede Alevitin und jeder Alevit sollte diese Vorschriften anwenden.
An manchen Stellen des alevitischen Glaubensdienstes, dem „Cem“, kann man Elemente des christlichen Abendmahls wiederentdecken. Aleviten entwickelten auch ein Modell der Trinität in Gestalt von Allah, Muhammed und Ali.
Unter den Osmanen wurden die Aleviten aus Unkenntnis über ihren Glauben als Häretiker verfolgt. Im 16. Jahrhundert führte der aus dem Sivas stammenden turkmenischen Dichter Pir Sultan Abdal alevitische Aufstände für Gerechtigkeit und Glaubensfreiheit gegen die Osmanen an. Diese schlugen die Aufstände blutig nieder. Pir Sultan Abdal wurde gehängt, doch sein Mut und seine Tapferkeit werden bis heute gerühmt und Aleviten eifern ihm darin nach.
Wegen der Unterdrückung und bedrohten Lage der Aleviten unter anderen Muslimen kam es im Laufe der Zeit immer wieder zu blutigen Aufständen. Erst seit der Gründung der modernen Türkei genießen sie teilweise Glaubensfreiheit. Doch auch vom türkischen Staat sind sie bis heute nicht als religiöse Minderheit anerkannt (da sie ja wie oben erwähnt als Muslime zählen; siehe "Aktuelle Lage"). Gegenwärtig haben sie sich aber in den Mittelschichten etabliert.
Neben den Aleviten gibt es noch in der Türkei die sogenannten "Şiiler". Auch diese werden den Aleviten zugerechnet. Während die Aleviten in ihrer Mehrzahl ethnische Türken sind, stammen die "Şiiler" ursprünglich aus dem Iran und sind schiitischen Ursprungs (z.B. Kurden, Zaza, Perser). Schiiten und Aleviten verbindet die Verehrung von Ali ibn Abi Talib, dem ersten Imam. Jedoch bestehen in zentralen Glaubenspunkten auch erhebliche Unterschiede.
Die Herabsetzung von Ritualen wie dem Cem, die für den alevitischen Glauben zentral sind, wird von Aleviten als Diskriminierung empfunden. Denn trotz der staatlichen Religionsfreiheit in der Türkei gab und gibt es dort starken Druck auf ihre Anhänger, sich dem sunnitischen Islam zuzuwenden oder ihren Glauben zumindest nicht offen auszuleben. So kam es zum Beispiel 1978 in den Städten Çorum und Kahramanmaraş zu anti-alevitischen Pogromen. 1993 wurden nach einem alevitischen Kulturfestival in Sivas 37 Aleviten durch einen Brandanschlag auf ihr Hotel ermordet. Das Hauptziel des Anschlages war Aziz Nesin. Diese Massenmorde und Massaker an Aleviten geschahen mit Duldung der staatlichen Organe. Es wurde ein Klima geschaffen, das Aleviten zur Verheimlichung ihrer Religion oder zum Übertritt in den den sunnitischen Islam zwingen sollte.
Hinzu kommt eine erzwungene „Sunnitisierung“ von traditionell alevitischen Siedlungsgebieten. Selbst in mehrheitlich alevitischen Dörfern wurden auf Kosten der dortigen alevitischen Steuerzahler sunnitische Moscheen gebaut. Dies zeigt, dass die Aleviten bis heute von anderen Muslimen nicht als eigenständige und gleichberechtigte Religionsgemeinschaft anerkannt werden.
Die Europäische Kommission hat die Diskriminierung der Aleviten in der Türkei im Rahmen von deren Beitrittsverhandlungen zur Europäischen Union mehrfach kritisiert: zuletzt in der „Empfehlung zu den Fortschritten der Türkei auf dem Weg zum Beitritt“ vom 4. Oktober 2004. Ein Beitritt der Türkei zur EU ohne Anerkennung der Aleviten als muslimische Minderheit ist aufgrund der alle EU-Staaten verpflichtenden Religionsfreiheit daher undenkbar.
Obwohl die Aleviten in Deutschland eine recht homogene Gruppe bilden, kann man doch zumindest drei "Richtungen" erkennen. Die Gruppe der "modernen Aleviten" (die größte Gruppe) sieht das Alevitentum als Teil des Islams. Dieser Gruppe ist bewusst, dass das Alevitentum nicht so wie vor mehreren Jahrzehnten in türkischen Dörfern praktiziert werden kann. Statt einer Isolierung vertreten diese Aleviten die Öffnung hin zur Gesellschaft, beispielsweise durch die Forderung, den alevitischen Glauben gesetzlich anzuerkennen und eigenen Religionsunterricht erteilen zu dürfen. Nach dieser Ansicht ist das Alevitentum eine Religion unter vielen in einer multireligiösen Gesellschaft und es ist deswegen auch selbstverständlich, dass Menschen dem Alevitentum beitreten können.
Eine kleinere Gruppe von Aleviten sieht sich in erster Linie als Muslime und nicht als Aleviten. Sie versuchen deswegen auch eine Annäherung an die Sunniten zu erreichen, in dem sie z.B. neben dem Cem-Gottesdienst auch das sunnitische Gebet in einer Moschee verrichten. Gleichzeitig will diese Gruppe aber das ursprüngliche Alevitentum bewahren und lehnt jede "Modernisierung" ab.
Eine dritte, die kleinste Gruppe, beharrt wie die erste Gruppe auf den Unterschieden zwischen Sunniten und Aleviten. Sie lehnen allerdings jegliche Veränderung ab, und wollen das Alevitentum auf dem Stand von vor einem halben Jahrhundert bewahren. So lehnen sie einen Beitritt zur sunnitischen Gemeinschaft ab und wollen das Alevitentum nicht einer breiteren Öffentlichkeit bekanntmachen, sondern weiter als eine Art "Geheimlehre" praktizieren. Erklären lässt sich dies durch die Erfahrung der Unterdrückung und Verfolgung durch Sunniten.
Hervorzuheben sind die Aleviten aus Dersim (türk: Tunceli), die sich als "Dersimi" (zazaisch "Kirmanc-Dimili) und kurdisch "Kirdaski" oder "kurmanc") bezeichnen. Man kann sie auch als die reinen Aleviten bezeichnen. Sie haben keinen Bezug zum Islam und auch keinen Bezug zur Türkei. Sie sehen sich auch als besondere Gruppe an und zeigen das auch nach außen mit "Schwert"-Tätowierungen und -Brandzeichen. Die Dersimi stammen aus Deylam am Kaspischen Meer und sprechen eine uralte, der avestischen nahe stehenden Sprache. Als im 9. Jahrhundert Aliden aus Nadjaf und Kerbala einwanderten, entstand in Deylam ihre Religion. Ursprünglich Fünfer-Schiiten, konvertierten diese im 15. Jh. nominell zur 12. Schia. Durch die strenge Befolgung des Kastenwesens, spezielle Essverbote und auch das Heiratsverbot mit anderen sogenannten Aleviten unterscheiden sich die Dersimi stark von den anderen Gruppen.
Es ist festzustellen, dass die Aleviten in Deutschland einen für Aleviten (und Moslems) sehr hohen Grad an Organisierung (z.B. durch Gründung von Verbänden und Gemeinden) erlangt haben. So wurde z.B. das Kulturzentrum Anatolischer Aleviten im Jahr 2002 durch den Berliner Senat als Religionsgemeinschaft anerkannt und erhielt dadurch die Möglichkeit, alevitischen Religionsunterricht in den Berliner Grundschulen zu erteilen. Ziel der AABF (der Vereinigung der Aleviten in Deutschland) ist es, alevitischen Religionsunterricht auf Deutsch(!) in weiteren Bundesländern abhalten zu dürfen.
Mit der Musik kann auch Althergebrachtes kritisiert und provoziert werden. Anatolische Volksmusik ist identitätsstiftend für den einzelnen Aleviten und stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl untereinander.
Die Musik hat im Alevitentum eine überaus wichtige Funktion. Eine Cem-Zeremonie ohne Musik ist heute unvorstellbar und für die Ausübung der religiösen Pflichten unverzichtbar, so z.B. der Semah-Tanz. Für viele Aleviten ist das Instrument „Baglama“ wie eine göttliche Offenbarung. Ohne dieses Instrument hätte das Alevitentum womöglich eine fundamental andere Entwicklung eingeschlagen.
Mit der Musik wird das Individuum mit der göttlichen Kraft eins. Nicht nur die „Dedes“ (alevitische Geistliche) inspirieren ihre Gemeinde, sondern ebenso der „Asik“ (auch Zakir genannt)(Asik was soviel heißt wie "Verliebt" ist eine Bezeichnung um die Beziehung des Musikers zu Gott zum Ausdruck zu bringen) und „Ozan“ (Volksmusiker). Mit ihren teils religiösen Textinhalten und Klängen über Ali, Schah Ismail, Pir Sultan Abdal etc. drücken sie ihre Sehnsucht nach einer besseren Welt aus, teilen mit anderen das Leid, das sie durch die Staatsmacht erleiden mussten oder müssen und können den alevitischen Glauben an die nächste Generation weiter vermitteln.
Viele dieser Lieder scheinen die Sorgen der Aleviten widerzuspiegeln. Im Augenblick des Zuhörens vereinen sich Mensch und Musik. Gerne hören sich ältere Aleviten im geselligen Kreis die traurigen Lieder an und weinen gemeinsam. Dieses kollektive Trauern ist eine typisch alevitische Bewältigung ihrer Situation.
Der "Asik" (arab. aschiq, "der Liebende") von heute singt und spielt mit seinem Instrument Baglama nicht mehr wie früher auf dem Dorfplatz, sondern ist vielmehr in Musikcafes anzutreffen. Es ist die alevitische Musik, die die Gemeinschaft im Ganzen zusammen hält, ihr ein Zusammengehörigkeitsgefühl vermittelt und dem Individuum zur Identitätsbildung verhilft. Die Musik verleiht dem Alevitentum eine gewisse Mystik, aus der viele Aleviten ihre Kraft schöpfen.
Diese Anhänger sind eher eine neue Erscheinung im Alevitentum. Ältere Aleviten kennen dies aus ihrer Jugend meist nicht. Als Angehörige einer unterdrückten Gemeinschaft war es nicht üblich, sich offen zu erkennen zu geben.
So findet alljährlich vom 16.-18. August Haci-Bektas Veli zu Ehren ein Festival statt. Wichtige Vertreter aus Politik und Kultur präsentieren sich gerne dabei als Fürsprecher der alevitischen Kultur. Aus der ganzen Türkei reisen unzählige Pilger an, feiern und opfern gemeinsam mit ihren Glaubensgenossen. An diesen Tagen wird aus dem kleinen Ort Hacibektas ein Wallfahrtsort mit mehr als 100.000 Besuchern. Zu diesen Veranstaltungen gehen seit neuestem auch Israeliten, sie nehmen auch an den Cems teil.
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