Unter einem Aktionspotenzial versteht man eine kurzzeitige, in ganz charakteristischer Form ablaufende Abweichung des Membranpotenzials einer Zelle von ihrem Ruhemembranpotenzial. Die Fähigkeit zur Ausbildung von Aktionspotenzialen ist die grundlegende und definierende Eigenschaft elektrisch erregbarer Zellen, der Neuronen (Nervenzellen) und Muskelzellen. Aktionspotenziale ermöglichen die Erregungsleitung im Nervensystem und die Kontraktion der Muskulatur.
Die Ursachen für die Ausbildung und die besonderen Eigenschaften eines Aktionspotenzials sind nur auf die Eigenschaften verschiedener Gruppen von Ionenkanälen in der Plasmamembran der Zelle zurückzuführen. Ein anfänglicher Reiz aktiviert, sobald er eine bestimmte Schwelle erreicht, und ohne Rücksicht darauf, wie weit er sie übersteigt, eine Kette von Öffnungs- und Schließungsvorgängen der Kanäle, die einen Ionenstrom ermöglichen und damit das Membranpotenzial verändern. Die Form des Aktionspotentials ist damit, unabhängig von der Stärke des auslösenden überschwelligen Reizes, immer gleichförmig (Alles-oder-Nichts-Gesetz). Diese Änderung des Potenzials kann an der nächsten Stelle der Membran wieder als Reiz dienen, was die Grundlage der Reizfortleitung ist.
Ausgangslage ist die Zelle beim Ruhemembranpotenzial, das typischerweise zwischen -90 und -70 mV liegt. Man kann nun vier Phasen des Aktionspotenzials beschreiben:
Die Dauer eines Aktionspotenzials beträgt ca. 1-2 ms (in Neuronen), kann aber auch bis zu einigen hundert Millisekunden (im Herzen) betragen.
An das Aktionspotenzial schließt sich die Refraktärphase an, während der zunächst kein (absolute Refraktärzeit, ca. 0,5 ms) und dann nur mit erhöhtem Reiz (erhöhtes Schwellenpotenzial während der relativen Refraktärzeit, ca. 3,5 ms) ein Aktionspotenzial erzeugt werden kann.
Die Erklärung setzt das Verständnis der im Artikel zum Ruhemembranpotenzial vorgestellten Entstehung eines Ruhepotenzials durch Ionenkanäle, Ionenströme und das Kaliumgleichgewichtspotenzial voraus.
Wie schon im Artikel über das Ruhemembranpotenzial beschrieben, verfügen Zellen über eine Reihe von Ionenkanälen. Für das Aktionspotenzial sind vor allem bestimmte für Natrium- bzw. Kalium-Ionen spezifische Ionenkanäle verantwortlich. Diese Kanäle öffnen sich in Abhängigkeit vom Membranpotenzial, d.h. sie sind spannungsaktiviert.
So ist beispielsweise ein spannungsabhängiger Natriumkanal (Nav-Kanal) beim Ruhemembranpotenzial geschlossen und aktivierbar. Bei Depolarisation über einen kanalspezifischen Wert erfolgt eine Konformationsänderung, der Kanal ist durchlässig für Ionen und in den Zustand offen übergegangen. Der Kanal bleibt aber trotz anhaltender Depolarisation nicht etwa offen, sondern wird innerhalb weniger Millisekunden wieder verschlossen. Das geschieht meist durch einen im Zytoplasma liegenden Teil des Proteins, die Inaktivierungsdomäne, die sich gleich einem Badewannenstöpsel in den Kanal setzt und diesen verstopft. Diesen Zustand bezeichnet man als geschlossen und inaktiviert. Der Übergang in den Zustand geschlossen und aktivierbar ist nur nach vollständiger Repolarisation möglich, der Übergang zum Zustand offen ist im vereinfachten Modell nicht möglich. (In der Literatur wird auch beschrieben, dass ein geschlossener und inaktivierter Kanal nach Repolarisierung zunächst kurzzeitig im Zustand offen vorliegt, bevor er durch die Konformationsänderung direkt nach geschlossen aktivierbar übergeht. In jedem Fall erfolgt die Wiederaktivierung nur bei vollständiger Repolarisation, ein Übergang inaktiviert nach offen ist bei depolarisierter Membran nicht möglich).
Natürlich ist es nicht so, dass bei einem exakten Wert sofort alle Kanäle z.B. auf offen springen. Vielmehr ist die Wahrscheinlichkeit eines Kanals, in einem bestimmten Zustand zu sein, spannungsabhängig. Aus der rein statistischen Verteilung stellt sich ein Gleichgewicht ein, so dass eine größere Zahl von Kanälen in der Summe sehr gut das oben geschilderte Modell erfüllt.
Auch ist der Zeitaufwand, um von einen Zustand in den anderen überzugehen, kanalspezifisch. Im geschilderten Natriumkanal läuft die Konformationsänderung von geschlossen nach offen in weniger als einer Millisekunde ab, während ein vergleichbarer Kaliumkanal Zeit in der Größenordnung von 10 ms benötigt.
Abgesehen von der Spannung gibt es noch eine Reihe weiterer Mechanismen zum Öffnen bzw. Schließen der Kanäle. Für das Aktionspotenzial sind davon nur noch zwei von gewisser (s.u.) Bedeutung. Zum einen sind die Kalium-einwärts-Gleichrichter-Kanäle Kir zwar an sich nicht regelbar. Es gibt jedoch niedermolekulare, positiv geladene Stoffe wie das Spermin, die bei ausreichender Depolarisation die Kanalporen verstopfen können (Kanalblock, Porenblock). Ein weiterer Mechanismus betrifft Kaliumkanäle, die öffnen, wenn intrazellulär Calciumionen (normalerweise intrazellulär in sehr niedriger Konzentration) an sie binden.
Bei 20 mV positiv des Ruhepotenzials tritt der Porenblock der Kir-Kanäle durch Spermin ein, was die nachfolgende sehr schnelle Depolarisation und das Erreichen des Schwellenwerts der Natriumkanäle ermöglicht, die sonst durch ausströmende Kaliumionen, die in Richtung des Ruhepotenzials wirken würden, zumindest vermindert würden.
Nach dem Abklingen des Aktionspotenzials ist das Axon für eine kurze Zeit nicht mehr erregbar. Diese Dauer, die Refraktärzeit, ist bestimmt durch die Zeit, die die NaV zur Wiederaktivierung benötigen. Während der absoluten Refraktärphase kurz nach dem Aktionspotenzial, wenn die Repolarisation noch im Gange ist, können diese Kanäle überhaupt nicht wieder öffnen. Man sagt auch, der Schwellenwert liegt bei Unendlich. Während der relativen Refraktärphase benötigt man stärkere Reize und erhält schwächere Aktionspotenziale. Hier bewegt sich der Schwellenwert von Unendlich wieder auf seinen normalen Wert zu.
Siehe auch Ruhemembranpotenzial, Erregungsleitung, Saltatorische Erregungsleitung, Kontinuierliche Erregungsleitung, Elektrotonus, Synapse, Motorische Endplatte, Nervensystem, Refraktärzeit, Nervenzelle
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