Adolf Wilhelm Ferdinand Damaschke (* 24. November 1865 in Berlin; † 30. Juli 1935 ebenda) war Pädagoge und ein Führer der Bodenreformbewegung.
Adolf Damaschke stammt aus einer Berliner Tischlerfamilie und wächst in der räumlichen Enge einer Mietskaserne auf. Bis zum Alter von 10 Jahren verfügt er nicht einmal über ein eigenes Bett. Als er 1871 eingeschult werden sollte, gibt es aufgrund des rapiden Bevölkerungswachstums für ihn keinen regulären Platz an der öffentlichen Volksschule. So besucht er zunächst auf Staatskosten eine Privatschule. Als er später eine Gymnasialempfehlung erhält, müssen seine Eltern aufgrund der zu erwartenden Kosten ablehnen.
Als 15jähriger lernt Damaschke die freikirchliche Christuskirche und deren Pastor Paulus Stephanus Cassel kennen. Das gottesdienstliche Leben dieser Gemeinde beeindruckt den Jugendlichen, weil - so Damaschke in seine Lebenserinnerungen - " hier alles selbst erkämpfte Überzeugung war und kein gewohnheitsmäßiges Christentum". Damaschke engagiert sich in der Kirchengemeinde und wird dort Leiter der Sonntagsschule.
1883 eröffnet sich für den 18-jährigen die Möglichkeit, sich auf einer Freistelle des Berliner Pädagogischen Seminars zum Volksschullehrer ausbilden zu lassen. Zehn Jahre später tritt er seine erste Stelle an und erlebt dann die soziale Not der eigenen Kindheit ein weiteres Mal - diesmal aus der Perspektive des Pädagogen. Sein erster öffentlicher Kampf gilt der Lehrmittelfreiheit. In Vorträgen und Zeitungsartikeln setzt er sich dafür ein und gerät darüber in Konflikt mit seinem Arbeitgeber, dem Berliner Magistrat. Er wird strafversetzt. 1896 sucht er selbst um Entlassung aus dem Schuldienst nach und wird freier Schriftsteller: "Mich von der unmittelbaren Schularbeit zu trennen, ist das schwerste Opfer, das ich bringe. Aber ich muß meinen sozialen Idealen dienen, und das kann ich doch auf die Dauer nur, wenn ich gänzlich unabhängig bin." (Damaschke, Lebenserinnerungen)
Bereits 1893 wird Damaschke zum Schriftführer der lebensreformerischen Zeitschrift "Der Naturarzt" berufen. Sie war das offizielle Organ des "Bundes der Vereine für volksverständliche Gesundheitspflege". Hier setzt er sich insbesondere für eine gesunde und vor allem abstinente Lebensweise ein. In der Naturmedizin - speziell in den heilenden Kräften von Licht, Luft, Wasser und einer einfachen Ernährungsweise - sieht er einen schnell wirkenden und gleichsam auch kostengünstigen Beitrag zur Volksgesundheit des Industrieproletariats.
Ein wichtiger Impuls zu seinem eigentlichen Lebensthema, der Bodenreform, bekommt er durch einen Vortrag des Nationalökonomen Adolph Wagner, in dem es um die Gewinne der Bodenspekulanten nach dem Krieg 1870/1871 ging. Die bis 30% gestiegenen Bodenpreise ließen über Nacht Tausende von Berliner Arbeiterfamilien, die ihre Mieten nicht mehr bezahlen konnten, obdachlos werden.
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Einen weiteren Impuls empfängt Damaschke durch den "Deutschen Bund für Bodenreform", besonders durch dessen Zeitschrift "Freiland". In ihm wächst die Erkenntnis, dass "das Anhäufen von Grundeigentum in den Händen Weniger unmittelbar oder in Form von Bodenverschuldung bei allen Völkern verhängnisvolle Folgen hat". In der Bibel entdeckt er ein "großartiges Beispiel bodenreformerischer Gesetzgebung". Grund- und Boden - so Damaschke unter Hinweis auf das 3. Buch Mose, Kapitel 25 - ständen unter göttlichem Eigentumsvorbehalt. Zwar dürfen Menschen das Land, das Gott ihnen als Leihgabe gibt, nutzen. Anspruch jedoch haben sie aber nur auf den Ertrag ihrer Arbeit, nicht auf den Geldwert des Bodens, den so genannten "Bodenertragszuwachs". Diesen Ertragszuwachs gilt es nach Damaschke steuerlich abzuschöpfen und der Allgemeinheit zukommen zu lassen. Die wiederum hat die Aufgabe, diese Steuergelder für den Wohnungsbau und die Linderung sozialer Not einzusetzen.
Ein weiterer Impulsgeber war für Damaschke neben den bodenreformerischen Texten der Sozialreformer Henry George. Zum Freiland-Konzept des Wirtschaftstheoretikers Silvio Gesell bestehen gewisse Parallelen, obwohl beide sich stark voneinander distanzierten.
Damaschke versucht seine Einsichten in die Praxis umzusetzen und gründet daraufhin unter anderem Siedlungsgesellschaften und Mietergenossenschaften - so zum Beispiel in Frankfurt an der Oder. Er entwickelt eine umfangreiche Vortragstätigkeit und bringt in zahlreichen Schriften und Büchern seine Gedanken zu Papier. In christlichen Kreisen wird sein Gedankengut vor allem auch durch den Hamburger Baptistenpastor Carl August Flügge verbreitet. Auch mit dem national-liberalen Sozialreformer Friedrich Naumann verbindet ihn eine enge Freundschaft.
Auch wenn Damaschkes Ideen sich "großräumig" nicht durchsetzen konnten, so haben sie dennoch das politische Denken und Handeln seiner Zeitgenossen stark beeinflusst. 76 Abgeordnete verschiedener politischer Parteien der Nationalversammlung von 1919 waren so genannte "Damaschkianer". Mit ihrer Hilfe gelang es, folgenden Artikel in die Reichsverfassung einzubringen:
Ein weiterer politischer Erfolg der Bodenreformbewegung Damaschkes war das Reichsheimstättengesetz von 1920.
Die Anhängerschaft Damaschkes war zu Beginn der Weimarer Republik so stark, dass man ihn für den Fall einer Volkswahl zum Kandidaten für das Amt des Reichspräsidenten kürte. Da sich aber der Reichstag am 24. Oktober 1922 mit der erforderlichen Zwei-Drittel-Mehrheit auf Friedrich Ebert verständigte, unterblieb die Volkswahl verfassungsgemäß und damit auch Damaschkes Kandidatur.
In der folgenden Zeit entwickeln sich starke Widerstände gegen seine Reformideen. Die politischen Parteien wenden sich von Damaschke ab, weil er parteilos bleibt. Die großen Tageszeitungen versagen ihm ihre Unterstützung aus Angst, ihre kapitalkräftigen Anzeigenkunden zu verlieren. Man verdächtigt ihn sogar öffentlich des verkappten Kommunismus.
Innere Kämpfe und Zweifel kannte Damaschke auch. Friedrich Naumann - so Damaschke - sei es zu verdanken, dass er wieder "festen Boden unter die Füße bekam". Bei ihm lernte er das "Christentum des barmherzigen Samariters" kennen, "das sich jederzeit vor Gott verantwortlich weiß für das Schicksal des Bruders".
Die Würdigung seines Wirkens bleibt nicht aus. Städte und Dörfer benennen Straßen, Plätze und Kleingartensiedlungen nach dem Bodenreformer. Die Universitäten Berlin (1919; 1924) und Gießen (1924) verleihen ihm dreimal die Ehrendoktorwürde.
Damaschke stirbt nach einer schweren Krebserkrankung 1935 und wird in Berlin beigesetzt. Auf seinem Grabstein befindet sich das Bibelwort: "Wir wissen, dass wir aus dem Tode in das Leben gekommen sind, denn wir lieben die Brüder" (1. Brief des Johannes).
Deutscher | Mann | Pädagoge (19. Jh.) | Pädagoge (20. Jh.) | Geboren 1865 | Gestorben 1935
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