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Achtsamkeit ist die Anwendung der vollen Konzentration auf die Wahrnehmung.

Achtsamkeit im Buddhismus


Im Buddhismus hat die Achtsamkeit (=sati (Pali), smriti (Sanskrit)) einen zentralen Stellenwert: Achtsam sein bedeutet, ganz in der Gegenwart, im Hier und Jetzt zu sein und sich seiner Gefühle, Gedanken und Handlungen in jedem Augenblick voll bewusst zu sein (reine Wahrnehmung der Fülle, die sich im Augenblick bündelt, ohne sie zu beurteilen, einfach nur als Zeuge in sich ruhend). Buddhisten üben sich in Achtsamkeit einerseits durch Meditation. Buddhistische Meister betonen jedoch die Wichtigkeit, Achtsamkeit zu einer das ganze Leben prägenden und durchdringenden Geisteshaltung zu machen. Einer der wichtigsten buddhistischen Texte über die Achtsamkeit ist die satipathana sutta, in der die Lehre von den vier Grundlagen der Achtsamkeit (Achtsamkeit auf den Körper, Achtsamkeit auf die Gefühle/Empfindungen, Achtsamkeit auf den Geist, Achtsamkeit auf die Geistobjekte) dargelegt wird.

Ken Wilber, buddhistischer Philosoph des 20. Jhd., beschreibt den Zustand vollkommener Achtsamkeit im Hier und Jetzt:

"Aber indem du der Erfahrungen müde wirst, wirst du als der Zeuge ruhen, und als der Zeuge kannst du die Nässe gewahren (den Einen Geschmack). Dann wird der Wind dein Atem sein, Sterne die Neuronen in deinem Gehirn, die Sonne der Geschmack des Morgens, die Erde die Empfindung deines Körpers. Dein Herz wird sich für das All öffnen, der Kosmos wird in deine Seele einschießen, und wirst dich als unzählige Galaxien erheben und in alle Ewigkeit umherwirbeln. Es gibt nur noch aus sich selbst existierende Fülle in der ganzen Welt, es gibt nur sich selbst betrachtendes Strahlen hier in der Leerheit, eingemeißelt in die Wand der Unendlichkeit, für alle Ewigkeit konserviert, die eine und einzige Wahrheit: Es gibt einfach nur das, ein Fingerschnippen, nichts weiter." (Ken Wilber, Einfach "Das")

Achtsamkeit ist das 7. Glied des achtfachen Pfades, der erste Punkt der Sieben Faktoren des Erwachens sowie die dritte der Fünf Kräfte.

Ziele der Achtsamkeitspraxis


Die Achtsamkeitspraxis verfolgt folgende Ziele (nach Jon Kabat-Zinn, Im Alltag Ruhe finden, Das umfassende praktische Meditationsprogramm, S. 17):

  • mit sich selbst in Kontakt kommen
  • aufwachen und in Harmonie mit sich selbst und der Welt leben
  • erforschen, wer wir sind, unsere Weltanschauung und Rolle in der Welt hinterfragen
  • jeden Augenblick, in dem wir leben, in seiner Fülle schätzen lernen.

Achtsamkeit und Konzentration - Abgrenzung


Zu differenzieren ist zwischen Achtsamkeit und Konzentration. Jon Kabat-Zinn grenzt die Begriffe in seinem Buch Im Alltag Ruhe finden wie folgt ab: "Doch so intensiv und befriedigend es auch sein mag, sich in der Konzentration zu üben, bleibt das Ergebnis doch unvollständig, wenn sie nicht durch die Übung der Achtsamkeit ergänzt und vertieft wird. Für sich allein ähnelt sie einem Sich-Zurückziehen aus der Welt. Ihre charakteristische Energie ist eher verschlossen als offen, eher versunken als zugänglich, eher tranceartig als hellwach. Was diesem Zustand fehlt, ist die Energie der Neugier, des Wissensdrangs, der Offenheit, der Aufgeschlossenheit, des Engagements für das gesamte Spektrum menschlicher Erfahrung. Dies ist die Domäne der Achtsamkeitspraxis, in welcher die Einspitzigkeit und die Fähigkeit, Ruhe und Stabilität in den Augenblick hineinzubringen, genutzt werden, um tief in die Vernetztheit einer Vielzahl von Lebenserfahrungen hineinzublicken und sie zu verstehen." (Jon Kabat-Zinn, Im Alltag Ruhe finden, Das umfassende praktische Meditationsprogramm, S. 75)

Achtsamkeit in der westlichen Wissenschaft


Auch in der westlichen Wissenschaft ist dieser Begriff nicht unbekannt. Vor allem Prof. Ellen Langer (Harvard University) beschäftigt sich mit diesem Konzept. Achtsamkeit kann, muss aber nicht über Meditation erreicht werden. Achtsamkeit kann therapeutisch eingesetzt werden bei

Achtsamkeit und Kreativität


Für westliche Menschen ist der Zustand der Achtsamkeit schwer vorstellbar und scheinbar auch nur auf einem langen und strengen Übungsweg erreichbar. Auf dem Weg zur vollkommenen Wahrnehmung kann die Achtsamkeit aber auch für uns von hohem Nutzen sein, wenn wir sie als Aufmerksamkeit verstehen und in einer bestimmten Weise schulen.

Karl Heinz Brodbeck, der die Rolle der Achtsamkeit für die Entwicklung von Kreativität untersucht, beschreibt Achtsamkeit als eine Eigenschaft des Bewusstseins, die wir schwer in den Blick bekommen und steuern können. Normalerweise flackert unsere Aufmerksamkeit unaufhörlich zwischen verschiedenen Sinnen und Gegenständen hin und her, es fällt uns schwer, uns auf eine Sache zu konzentrieren. Wenn wir von etwas begeistert sind, können wir oft in ungeahnter Weise konzentriert an einer Sache arbeiten und außerordentliche und kreative Leistungen vollbringen, um dann wieder in unseren gewohnten Zustand der ständigen Wechsels von einem Aspekt einer Situation zum nächsten zurückzufallen. Kommen wir einmal zur Ruhe, werden wir müde, so sehr ist uns dieses Hin- und Herflackern der Aufmerksamkeit zur Gewohnheit geworden. Achtsamkeit wird durch negative Gefühle behindert und durch positive Gefühle verstärkt. Achtsamkeit zu sammeln und auf etwas zu konzentrieren ist schwierig und kann nur durch andauerndes Üben erreicht werden.

Weiterhin engen wir im Zustand der Konzentration unsere Aufmerksamkeit stark ein. K.H. Brodbeck schlägt eine Übung zur Ausweitung der Achtsamkeit vor, die die Achtsamkeit trainiert und zugleich den kreativen Spielraum erweitert: Während wir einer Tätigkeit nachgehen, z.B. also einen Text lesen, blenden wir den uns umgebenden Raum weitgehend aus unserer Wahrnehmung aus. Mit etwas Übung ist es aber möglich, langsam und behutsam den Blick und das Gefühl dabei auszuweiten, Augenbewegungen, Atemrhythmus usw. zu beobachten, verschiedene Körperteile und den Raum neben und hinter uns wahrzunehmen, während man mit dem Lesen fortfährt. Die Achtsamkeit wird dadurch weiter, offener und intensiver, was eine entspannende und beruhigende Wirkung auf unsere Emotionen ausübt. Die Achtsamkeit wird also stärker und umfassender, je bewusster wir sie einsetzen. In der Folge werden wir weniger unachtsam mit Dingen umgehen, uns z.B. seltener an Tischkanten stoßen, Menschen aufmerksamer zuhören usw. Üben wir die Achtsamkeit auf die Achtsamkeit kontinuierlich, bemerken wir mitten im Alltag einen größeren Spielraum und erschließen unsere Quelle der Kreativität.

Achtsamkeit und Selbstwahrnehmung


Voraussetzung für das Verständnis anderer Menschen und die Ausbildung emotionaler Intelligenz ist die Fähigkeit zu einer differenzierten Selbstwahrnehmung und intrapersonelle Kompetenz. Achtsamkeit als Haltung bietet den Raum und den Zugang zur Wahrnehmung der eigenen körperlichen und emotionalen Befindlichkeit, ohne in Selbstbespiegelung zu verfallen. Achtsamkeit wendet ihren Fokus immer bewusst an, richtet die Aufmerksamkeit absichtsvoll auf einen Gegenstand. Insofern ist erhöhte Achtsamkeit mit erhöhter Bewusstheit gleichzusetzen. Bewusstheit ermöglicht erweiterte, verfeinerte und vertiefte Wahrnehmung im Innen und Außen und bietet ein Regulativ für Täuschung und Selbsttäuschung.

Literatur


  • Thich Nhat Hanh: Das Wunder der Achtsamkeit. Theseus.
  • Thich Nhat Hanh: Worte der Achtsamkeit. Herder Verlag, ISBN 3-451-27040-4
  • Jon Kabat-Zinn, Achtsamkeit - Mit den Kindern wachsen, Herder 2000, ISBN 3451048191
  • Jon Kabat-Zinn, Im Alltag Ruhe finden, Das umfassende praktische Meditationsprogramm, ISBN 3-451-05132-X
  • Jon Kabat-Zinn, Stressbewältigung durch die Praxis der Achtsamkeit., 1. Auflage 1999, Arbor-Verlag, ISBN 3924195579
  • Ellen J.Langer, Mindfulness, Addison Wesley Publishing Company 1990, ISBN 0201523418
  • Kornfield, Jack: Frag den Buddha und geh den Weg des Herzens. Kösel 1995.
  • Nyanaponika: Geistestraining durch Achtsamkeit.
  • Ken Wilber, Einfach "Das". Tagebuch eines ereignisreichen Jahres, Ffm 2001, ISBN 3596150728

Zitate


"Empty yourself of everything.
Let the mind rest at peace.
The ten thousand things rise and fall while the Self watches their return.
They grow and flourish and then return to the source.
Returning to the source is stillness, which is the way of nature.
The way of nature is unchanging.
Knowing constancy is insight.
Not knowing constancy leads to disaster.
Knowing constancy, the mind is open.
With an open mind, you will be openhearted.
Being openhearted, you will act royally.
Being royal, you will attain the divine.
Being devine, you will be at one with the Tao.
Being at one with the Tao is eternal.
And though the body dies, the Tao will never pass."
(Lao Tse, Tao te King)

verwandte Themen


Persönlichkeiten


Weblinks


  • http://www.palikanon.com/digha/d22.htm - Mahásatipatthána Sutta

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