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Die Abduktion (lat. abductio = Wegführung; engl. abduction ) ist eine von Charles S. Peirce formulierte Schlussweise, die neben der Induktion und der Deduktion steht.

Sie schließt von einem vorliegenden Resultat und einer möglichen bekannten oder spontan neu gebildeten Regel auf einen Fall. Um ein überraschendes Phänomen erklärbar zu machen, wird eine Regel hypothetisch eingeführt, damit das Resultat als sinnvoller Fall dieser Regel betrachtet werden kann. Der Semiotiker Umberto Eco hat diese Schlussweise plakativ als die „Detektivische Methode“ bezeichnet.

Im Gegensatz zur Induktion und zur Deduktion ist die Abduktion nach Peirce die einzige Schlussweise, durch die neue Erkenntnisse gewonnen werden können, also eine Erkenntniserweiterung möglich ist. Dieser Ansatz gewinnt in der modernen Wissenschaftstheorie zunehmend Bedeutung.

Der abduktive Schluss


Einfach ausgedrückt, bedeutet Abduktion einen Schluss von einem Tatbestand unter Zuhilfenahme einer Regel auf einen Fall, wie beispielsweise in "Wo Rauch ist, da ist auch Feuer" bzw. genauer ausgedrückt vom Rauch auf das Feuer (nachdem man die Regel kennt, dass Feuer immer Rauch erzeugt). Dieser Umkehrschluss muss ja nicht immer stimmen, um beim Beispiel zu bleiben, auch Trockeneis kann etwa "rauchen". Deswegen ist die Abduktion kein streng formal-logischer Schluss.

Peirce Definition lautet:

Abduktion ist jene Art von Argument, die von einer überraschenden Erfahrung ausgeht, das heißt von einer Erfahrung, die einer aktiven oder passiven Überzeugung zuwiderläuft. Dies geschieht in Form eines Wahrnehmungsurteils oder einer Proposition, die sich auf ein solches Urteil bezieht, und eine neue Form von Überzeugung wird notwendig, um die Erfahrung zu verallgemeinern.

Peirce charakterisierte Abduktion im Gegensatz zu den (logisch-formalen) Schlussweisen der Deduktion und der Induktion folgendermaßen:

Deduction proves that something must be; Induction shows that something actually is operative; Abduction merely suggests that something may be. (Collected Papers, CP 5.171)
Übersetzung:
Deduktion beweist, dass etwas sein muss; Induktion zeigt, dass etwas tatsächlich wirksam ist; Abduktion deutet lediglich daraufhin, dass etwas sein kann.

In der Geschichte der Logik geht die Idee der Abduktion oder Hypothese auf Aristoteles zurück, der sie mit dem Begriff Apagoge erwähnt (Erste Analytik II, 25, 69a) und auch bereits der Induktion (conclusio) gegenüberstellt. Die Übersetzung des Begriffs Apagoge mit Abduktion erfolgte 1597 erstmals durch Julius Pacius, einem Heidelberger Rechtsprofessor. Die besondere Leistung von Peirce besteht darin, diese Schlussweise genauer untersucht und für die Logik des Wissenschaftsprozesses fruchtbar gemacht zu haben.

Vergleich der Schlussweisen


Deduktive Schlüsse haben den Charakter von Wenn-Dann-Aussagen. Jede Deduktion hat diesen Charakter; sie ist nur die Anwendung allgemeiner Regeln auf besondere Fälle (CP 2.620). Ausgehend von gegebenen Sätzen gelten deduktive Schlüsse mit Notwendigkeit. Dies gilt für die Strukturwissenschaften Mathematik und Logik. Nach dem Gödelschen Unvollständigkeitssatz sind allerdings nicht nur in den empirischen Wissenschaften, sondern auch in der Mathematik deduktive Schlüsse hingegen auch fallibel, weil die jeweiligen Regeln (z.B. Naturgesetze) mit Irrtümern behaftet sein können.

Induktive Schlüsse gehen von einem Fall und einem Resultat aus und bestimmen die Regel. Induktion ist synthetisch, das heißt es werden Beobachtungen verwendet, aus denen bei genügender Häufigkeit Regeln formuliert werden. Die getroffene Schlussfolgerung ist aber nicht notwendig.

Auch die Abduktion ist synthetisch. Bei ihr erfolgt der Schluss von einem Resultat und einer Regel auf einen Fall. Dadurch, dass das Resultat etwas Singuläres ist, ist die Abduktion die Schlussweise mit dem höchsten Risiko der Fehlbarkeit. Sie ist bloße Vermutung ohne Beweiskraft. Abduktion ist der Vorgang, in dem eine erklärende Hypothese gebildet wird (CP 5.171).

Schlussweisen nach Peirce
Abduktion Deduktion Induktion
Obersatz Alle Kugeln in der Urne sind rot Alle Kugeln in der Urne sind rot Alle Kugeln auf dem Tisch sind rot
Untersatz Alle Kugeln auf dem Tisch sind rot Alle Kugeln stammen aus der Urne Alle Kugeln stammen aus der Urne
Schluss Alle Kugeln stammen aus der Urne Alle Kugeln auf dem Tisch sind rot Alle Kugeln in der Urne sind rot
Hypothese vom Einzelnen auf das Allgemeine Schluss vom Allgemeinen auf das Einzelne Schluss vom Einzelnen auf das Allgemeine

Was ist nun der Zweck einer erklärenden Hypothese? Ihr Zweck ist, dadurch dass sie dem Test des Experiments unterworfen wird, zur Vermeidung jeder Überraschung zu führen und zur Einrichtung einer Verhaltensgewohnheit positiver Erwartung, die nicht enttäuscht werden wird. Jede Hypothese kann daher, wenn keinerlei besondere Gründe für ihre Ablehnung vorhanden sind, zulässig sein, vorausgesetzt, dass sie in der Lage ist, experimentell verifiziert zu werden, und nur insofern sie solcher Verifikation zugänglich ist. Das ist annähernd die Lehre des Pragmatismus (CP 5.197).

Abduktion als Ausgangspunkt des Erkenntnisprozesses


Peirce sah die Abduktion als Ausgangspunkt des Erkenntnisprozesses. Was der Mensch als Sinnesdaten empfängt ist Wahrnehmung. Nihil est in intellectu quod non prius fuerit in sensu. (CP 5.181) Davon zu unterscheiden sind Wahrnehmungsurteile, in denen aus dem Wahrgenommenen Begriffe gebildet werden. Bei der Wahrnehmung handelt es sich dabei wirklich um nichts anderes als den extremsten Fall abduktiver Urteile. (CP 5.185)

Necker-wuerfelrp.png Den abduktiven Charakter von Wahrnehmungsurteilen verdeutlichte Peirce anhand optischer Täuschungen wie z.B. des Necker-Würfels. Bei solchen optischen Täuschungen, von denen zwei oder drei Dutzend wohlbekannt sind, ist das Verblüffendste das, dass eine bestimmte Theorie der Interpretation der Figur ganz den Anschein hat, in der Wahrnehmung gegeben zu sein. Wird sie uns das erste Mal gezeigt, scheint sie ebenso vollständig jenseits der Kontrolle rationaler Kritik zu sein, wie es jedes Perzept ist; aber nach vielen Wiederholungen des nun vertrauten Experiments verliert sich die Täuschung, indem sie zuerst weniger deutlich wird und zuletzt vollständig verschwindet. Dies zeigt, dass diese Phänomene echte Verbindungsglieder zwischen Abduktionen und Wahrnehmungen sind (CP 5.183,).

Die abduktive Vermutung kommt uns blitzartig, Sie ist ein Akt der Einsicht, obwohl von außerordentlich trügerischer Einsicht. Es ist wahr, daß die verschiedenen Elemente der Hypothese zuvor in unserem Geist waren; aber die Idee, das zusammenzubringen, von dem wir nie zuvor geträumt hätten, es zusammenzubringen, läßt blitzartig die neue Vermutung in unserer Kontemplation aufleuchten (CP 5.181),

Dieses Vermögen der Einsicht hat zur selben Zeit die allgemeine Natur eines Instinktes, der insofern dem Instinkt der Tiere gleicht, als er über die allgemeinen Vermögen unserer Vernunft weit hinausgeht und uns führt, als ob wir im Besitz von Fakten wären, die gänzlich außerhalb der Reichweite unserer Sinne liegen. Es gleicht dem Instinkt weiterhin darin, daß es in geringem Maße dem Irrtum unterworfen ist; denn obwohl es häufiger den falschen als den richtigen Weg einschlägt, ist es im Ganzen gesehen doch das Wunderbarste unserer ganzen Konstitution (CP 5.173).

Wissenschaftstheoretische Bedeutung


In der wissenschaftstheoretischen Diskussion zwischen den Vertretern des Neopositivismus (Carnap, Hempel, Reichenbach) sowie Popper war man sich einig, dass es bei dem Anspruch an eine wissenschaftliche Aussage nicht um den Entdeckungszusammenhang, sondern um den Begründungszusammenhang geht. Für Hempel wie für Popper ist der Entdeckungszusammenhang etwas Subjektives, Irrationales, das für die Frage der Wissenschaftlichkeit einer Aussage/Hypothese nicht relevant ist. Jede Aussage ist in der Wissenschaft zulässig, wenn sie den Kriterien einer rationalen Begründung entspricht, egal wie sie zustande gekommen ist. Strittig war nur, ob das Kriterium die Verifikation oder die Falsifizierbarkeit ist.

Peirce hingegen, der wie Popper von einem grundsätzlichen Fallibilismus ausging, betrachtete auf der Grundlage seiner abduktiven Deutung der Wahrnehmung das Wissen nicht statisch, als einen Zustand oder eine Tatsache, sondern als einen Prozess. Während bei Popper die Logik der Forschung untersucht wurde, stand bei Peirce die Logik der Entdeckung (logic of discovery) im Fokus.

Das Wahrnehmungsurteil seinerseits ist das Resultat eines Prozesses, wenngleich eines Prozesses, der nicht genügend bewusst ist, um kontrolliert zu werden, oder, um es richtiger festzustellen, der nicht kontrollierbar und infolgedessen nicht völlig bewusst ist. Wenn wir diesen unbewussten Prozess einer logischen Analyse unterwerfen würden, so würden wir finden, dass er in dem endet, was jene Analyse als einen abduktiven Schluss repräsentieren würde, der auf dem Resultat eines ähnlichen Prozesses aufbaut, den eine logische Analyse als durch einen ähnlichen abduktiven Schluss beendet repräsentieren würde und so weiter ad infinitum. Diese Analyse wäre genau der analog, die der Sophismus von Achill und der Schildkröte anwendet, und sie würde aus demselben Grunde darin scheitern, den realen Prozess zu repräsentieren. Nämlich genauso, wie Achill nicht eine Reihe voneinander getrennter Anstrengungen zu machen hätte, so vollzieht dieser Prozess des Formens von Wahrnehmungsurteilen, weil er unbewusst ist und so der logischen Kritik nicht zugänglich, keine getrennten Akte des Schließens, sondern sein Ablauf vollzieht sich in einem kontinuierlichen Prozess (CP 5.181).

Genau wie in der Wahrnehmung ist auch im Wissenschaftsprozess die Abduktion die Form des Schließens, die den Ausgangspunkt des Denkprozesses bildet. Der Wissenschaftler beobachtet ein Phänomen, dass er nicht erklären kann, eine Anomalie, die seinen bisherigen Theorien widerspricht. Dies stört seine Gewohnheit und führt zu Zweifel, den er beseitigen möchte. Er sucht nach einer Theorie (einer Regel), die ihm eine Erklärung für die Ursache liefert und durch Überprüfung wieder zu einer gefestigten Überzeugung führt.

Ein Physiker begegnet einem neuen Phänomen in seinem Laboratorium. Woher weiß er, daß nicht die Konjunktionen der Planeten etwas damit zu tun haben oder daß es vielleicht deshalb nicht so ist, weil die Kaiserinwitwe von China zur selben Zeit im Vorjahr zufällig ein Wort von mystischer Kraft ausgesprochen hat oder vielleicht ein unsichtbarer Dschin anwesend sein kann? Denken Sie an die vielen Millionen und Abermillionen von Hypothesen, die gemacht werden könnten, von denen nur eine wahr ist; und doch trifft der Physiker nach zwei oder drei oder höchstens einem Dutzend Vermutungen ziemlich genau die richtige Hypothese. Aus Zufall hätte er das wahrscheinlich die ganze Zeit über, seit sich die Erde verfestigte, nicht getan (CP 5.172).

Jemand müsste völlig verrückt sein, wollte er leugnen, dass der Wissenschaft viele wirkliche Entdeckungen gelungen sind. Aber jedes einzelne Stück wissenschaftlicher Theorie, das heute fest gegründet dasteht, ist der Abduktion zu verdanken (5.172).

Forschung ist das Ausräumen von Zweifeln durch das Finden neuer Regeln, um neue, feste Überzeugungen zu gewinnen. Für den geordneten Prozess wissenschaftlicher Forschung stellte Peirce den folgenden Zusammenhang zwischen Abduktion, Deduktion und Induktion her:

Nachdem die Abduktion uns eine Theorie eingegeben hat, benützen wir die Deduktion, um von jener idealen Theorie eine gemischte Vielfalt von Konsequenzen unter dem Gesichtspunkt abzuleiten, dass wir, wenn wir gewisse Handlungen ausführen, uns mit gewissen Erfahrungen konfrontiert sehen werden. Wir gehen dann dazu über, diese Experimente auszuprobieren, und wenn die Voraussagen der Theorie verifiziert werden, haben wir ein verhältnismäßiges Vertrauen, dass die übrigen Experimente, die noch auszuprobieren sind, die Theorie bestätigen werden. Ich sage, diese drei sind die einzigen Schlussmodi, die es gibt. Ich bin davon sowohl a priori als auch a posteriori überzeugt (8.209).

Abduktion in diesem Sinne ist nicht nur eine logische Operation, sondern ein innovatives Moment, in dem Kreativität in einer geordneten Form wirksam werden kann. Umberto Eco unterschied drei grundsätzliche Typen der Abduktion:

  • Übercodierte Abduktion: Die dem Resultat zuzuordnende Regel ist offensichtlich, so dass der Schluss auf den Fall sich aufdrängt.
  • Untercodierte Abduktion: Es gibt mehrere mögliche Regeln, die zu dem Resultat passen, so dass die richtige Regel (z.B. über Wahrscheinlichkeiten) durch Bewertung ausgewählt werden muss.
  • Kreative Abduktion: Die als Erklärung dienende Regel muss erst neu erfunden werden.
Ein wesentliches Element des Prozesses ist es, dass eine Entscheidung stattfindet, welche Regel als die mit der höchsten Plausibilität ist und deshalb angenommen werden soll.

Ob eine Abduktion als Ausgangspunkt einer wissenschaftlichen Theorie geeignet ist, entscheidet sich für Peirce daran, dass die Folgeschritte der Überführung in eine allgemeine Gesetzmäßigkeit (Deduktion) und der empirischen Überprüfung (Induktion) auch ohne logische Widersprüche durchgeführt werden können. Andernfalls muss eine neue Theorie mit einem neuen abduktiven Schluss formuliert werden. Da jede Theorie nur ein Schritt zur Annäherung an die Wahrheit ist, wird dies für Peirce im Laufe der Zeit jede aktuell als richtig akzeptierte Theorie treffen. Unfehlbarkeit in wissenschaftlichen Belangen ist für mich unwiderstehlich komisch. (CP 1.9)

Anwendungsbereiche der Abduktion


Anwendungsbereiche der Abduktion sind neben Wirtschafts- und Erkenntnistheorie die medizinische Diagnostik, kriminalistische Untersuchungen, juristische Verfahren, technische Fehlersuche, die Psychologie, Literatur- und Sozialwissenschaften, aber auch pädagogische und didaktische Wissenschaften und schließlich computergestützte Expertensysteme. Grund für dieses breite Spektrum ist, dass die Abduktion die einzige logische Operation *, die irgendeine neue Idee einführt (Peirce).

Literatur


  • Charles S. Peirce: Deduction, Induction and Hypothesis, In: Charles S. Peirce: Collected Papers Vol. II. Cambridge/Ma 1955, S. 619-644
  • Holger Klärner: Der Schluß auf die beste Erklärung, de Gruyter, Berlin/New York 2003, ISBN 3-11-017721-8
  • Michael H.G. Hoffmann: Erkenntnisentwicklung. Klostermann, Frankfurt/M 2005
  • Jo Reichertz: Die Abduktion in der qualitativen Sozialforschung, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, ISBN 3-8100-3595-5
  • Ansgar Richter: Der Begriff der Abduktion bei Charles S. Peirce, Lang, Frankfurt/Main 1995, ISBN 3-631-48338-4
  • Susanne Rohr: Über die Schönheit des Findens. Die Binnenstruktur menschlichen Verstehens nach Charles S. Peirce: Abduktionslogik und Kreativität, Stuttgart 1993 zugl. Diss. FU Berlin 1991

Weblinks


Siehe auch


Logik | Wissenschaftstheorie

Abductive reasoning | Abduzione | Rozumowanie abdukcyjne | 溯因推理

 

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