Als Übersprungbewegung wird in der Ethologie eine Verhaltensweise bezeichnet, die in Situationen auftritt, in der sie vom Beobachter nicht erwartet wird.
Zitat: ''„Diese Bewegungen scheinen irrelevant in dem Sinne zu sein, dass sie unabhängig vom Kontext der unmittelbar vorhergehenden oder folgenden Verhaltensweisen auftreten.“ (Nikolaas Tinbergen 1952)
Gedeutet werden solche „unpassend“ erscheinenden Verhaltensweisen zum Beispiel als Anzeichen einer Konfliktsituation, in der die Fortführung der zuvor beobachtbaren Verhaltensweise – zumindest zeitweise – nicht möglich ist und statt dessen eine Verhaltensweise gezeigt wird, die (der Instinkttheorie zufolge) aus einem völlig anderen Funktionskreis des Verhaltensrepertoires stammt.
Synonyme: Übersprung(s)handlung, Übersprungverhalten
Von Lachmöwen-Männchen berichtet Tinbergen, dass sie – vergleichbar den Hähnen – einen Kampf gelegentlich gleichzeitig unterbrechen und die Bewegungsweise des Grasabrupfens zeigen, ohne dabei aber Gras abzurupfen. Grasabrupfen ist - Tinbergen zufolge – eine Bewegungsweise, die dem Funktionskreis des Nestbauens zuzuordnen ist. Es sei keine Verhaltensweise des Kampfes, und wenn sie in diesem Zusammenhang auftritt, dann sei sie ohne jede Funktion („irrelevant“) und somit eine Übersprungbewegung.
Ein weiteres, vielfach zitiertes Beispiel stammt aus dem Fortpflanzungszyklus der Stichlinge: Wenn das Weibchen Eier abgelegt hat, fächelt das Männchen am Nest häufig und intensiv mit seinen Flossen. Als Schlüsselreiz für diese Instinktbewegung gelten die im Nest befindlichen Eier. Tritt dieses Fächeln bereits während der Werbung um ein Weibchen auf oder während des Nestbaus, wenn also noch keine Eier vorhanden sind, so wird es als Übersprungverhalten eingeordnet.
weitere Beispiele:
Allgemeiner formuliert (nach Bernhard Hassenstein 1980): Antrieb A und B hemmen einander gegenseitig; Verhaltensweise B hemmt – wenn sie auftritt (!) - zusätzlich auch den Antrieb für Verhaltensweise C; da Verhaltensweise B aber nicht auftreten kann, so lange sie von A blockiert wird, tritt Verhaltensweise C auf.
Gleichwohl handelt es sich beim Modell des Übersprungverhaltens um eine extrem kuriose Konstruktion:
Nun liegt jeder Beobachtung bereits ein theoretisches Konzept zugrunde, denn stets kann man sich die Frage stellen: Warum beobachte ich speziell diese Dinge und nicht alle andere Dinge, die dem Objekt auch zu eigen sind. Gegen die Übersprunghypothese aber lässt sich allein schon unter Zugrundelegung der Lorenzschen Instinkttheorie zusätzlich einwenden, dass die Theorie jede Instinktbewegung ja gerade auf aktionsspezifische (!) Energie zurückführt – dieses Grundprinzip der Theorie wird hier jedoch aufgegeben: Wozu taugt aber eine Theorie, wenn sie bereits immanent widersprüchlich ist?
Als gänzlich unbrauchbar erweist sich das Konzept des Übersprungverhaltens auch aus einem eher wissenschaftstheoretischen Blickwinkel: Es gibt nämlich kein Messverfahren, um die von Lorenz und anderen postulierten Schwankungen eines Antriebs fortlaufend zu messen, und schon gar kein Verfahren, um die Intensität von zwei oder gar drei Antrieben zeitgleich zu erfassen. Nur unter dem Gesichtspunkt einer gleichzeitigen Messbarkeit wäre aber beispielsweise eine Überprüfung der Enthemmungshypothese möglich. „Damit sind diese Hypothesen nicht mehr als phantasievolle Überlegungen Einzelner, die unter Anwendung des Lorenzschen Triebkonzeptes eine 'Erklärung' des in Rede stehenden Phänomens nur vortäuschen.“ (Hanna-Maria Zippelius 1992)
Schließlich ist darauf hinzuweisen, dass nicht nur Lorenz und Tinbergen, sondern auch noch Klaus Immelmann in den 1980er Jahren die Auffassung vertraten, eine als Übersprungbewegung klassifizierte Verhaltensweise erfülle „nicht die normale biologische Funktion“, für die sie „im Verlauf der Stammesgeschichte entwickelt wurde“ (Immelmann 1983, S. 53). Dieses Werturteil kann als eine für Naturwissenschaftler ungewöhnlich anmaßende Behauptung eingeordnet werden, zumal – ähnlich wie beim Konzept der Leerlaufhandlung - nicht nachvollziehbar ist, welchen evolutiven Vorteil Verhaltensweisen haben sollen, die regelmäßig, aber völlig grundlos auftreten und daher eine gewaltige Vergeudung von Energien darstellen würden.
Wie unstimmig das Konzept des Übersprungverhaltens ist, erweist sich übrigens schon bei genauer Lektüre der Arbeiten von Konrad Lorenz. Ihm war nämlich durchaus aufgefallen, „dass Übersprungbewegungen so überaus häufig durch Ritualisierung zu Signalen werden, die dem Artgenossen des Tieres seinen inneren Konflikt bekannt geben. Es ist geradezu schwer, Beispiele von Übersprungbewegungen zu finden, die nicht Signalwirkungen entfalten...“ (Lorenz 1978, S. 202f). Wenn aber diese sogenannten Übersprungbewegungen soziale Signale sind, dann haben sie durchaus eine Funktion in dem Kontext, in dem sie beobachtet werden. „Unerwartet sind sie dann nur noch für den Beobachter, der sie nicht versteht, d.h. sie nicht interpretieren kann.“ (Zippelius 1992)
Das oben erwähnte Beispiel der kämpfenden Hähne (von denen einer plötzlich auf dem Boden umher pickt, als würde er Futter aufnehmen), kann beispielsweise sehr plausibel als soziales Signal gedeutet werden, das dem Rivalen möglicherweise anzeigt: schau, ich fühle mich so stark, dass ich selbst in dieser prekären Situation noch Futter aufnehmen kann.
siehe auch: Leerlaufhandlung, angeborener Auslösemechanismus
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