Unter Ökumene, im gängigen Sinn, versteht man die Beziehungen zwischen christlichen Kirchen verschiedener Konfessionen - wie beispielsweise dem orthodoxen Christentum oder dem evangelischen Christentum ("kleine" oder innere Ökumene), seltener auch Beziehungen zwischen verschiedenen Religionen ("große oder äußere Ökumene).
Im Unterschied dazu bezeichnet der Begriff Ökumene, im geografischen Sinn, den ständig besiedelten Teil der Erdoberfläche (Beispiele: Europa, Ostasien, Ost-USA), von dem die Anökumene durch Trocken-, Höhen- und Kältegrenzen getrennt ist. Dieses Thema wird im Artikel nicht behandelt.
Insgesamt wird der Begriff Ökumene mit folgenden Bedeutungen verwendet:
Die Geschichte der Ökumene zeichnet sich von der Zeit der Bibel bis heute durch parallele Bestrebungen der Trennung und der Einheit aus. Trennungen haben meist die Ursache in als unüberwindbar betrachteten Gegensätzen in einzelne Glaubenswahrheiten mit ihren theologischen oder praktischen Auswirkungen. Die Bestrebungen zur Einheit der Christen werden meist von der Einsicht um die gemeinsame Wurzel in Jesus Christus, die gemeinsame Basis der Bibel, den gemeinsamen Auftrag zur Weitergabe des Glaubens oder das gemeinsame Handeln in der Gesellschaft begründet.
Seit 1948 besteht der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK; auch: Weltkirchenrat), dem heute 347 Kirchen in mehr als 120 Ländern angehören. Die Basisformel des ÖRK lautet:
Der Ökumenische Rat der Kirchen besteht im Wesentlichen aus Kirchen der evangelischen und aus Kirchen der orthodoxen Tradition. Diese Traditionen unterscheiden sich sehr stark in ihrem Selbstverständnis als Kirche und in ihrer Theologie, was von Anfang an zu Spannungen geführt hat.
Während der ÖRK sich ursprünglich als Bewegung in Richtung auf die Wiederherstellung der Einheit der christlichen Kirchen verstand, hat er sich in den letzten Jahrzehnten mehr bemüht, der Pluralität der Bewegungen, Aktionen und Probleme in der Welt gerecht zu werden. In dieser Richtungsänderung folgen die Kirchen nicht, die sich besonders der Einheitsbewegung verpflichtet sehen - insbesondere die orthodoxen Kirchen.
Die bisherige Struktur des ÖRK mit Mehrheitsabstimmungen bevorzugte die Sicht der evangelischen Kirchen, die daher in den Prioritäten und Programmen des ÖRK dominierte. Die daraus resultierenden Spannungen führten bis zu Austrittsdrohungen einzelner orthodoxer Kirchen. Eine paritätisch besetzte Sonderkommission hat deshalb Vorschläge erarbeitet um Struktur, Stil und Ethos des ÖRK entsprechend zu verbessern, wobei auch ähnliche Anliegen anderer Kirchenfamilien und Kirchen aufgenommen wurden (Abschlussbericht der Sonderkommission zur Orthodoxen Mitarbeit im ÖRK).
Im Februar 2005 hat der ÖRK-Zentralausschuss auf der Grundlage der Empfehlungen dieses Abschlussberichtes seine Verfassung geändert und das Konsensverfahren als neue Methode der Entscheidungsfindung und Beschlussfassung eingeführt. Dieses kommt erstmalig auf der Vollversammlung des ÖRK im Februar 2006 in Porto Alegre voll zum Einsatz.
Die römisch-katholische Kirche gehört zwar dem Ökumenischen Rat der Kirchen nicht an, hat jedoch, insbesondere nach dem zweiten vatikanischen Konzil, eine deutliche ökumenische Öffnung gezeigt, insbesondere durch das Ökumenismusdekret Unitatis redintegratio. So hat sie ökumenische Beziehungen zur orthodoxen Kirche angeknüpft, was 1995 im apostolischen Brief "Orientale Lumen" und in der Enzyklika "Ut unum sint" von Papst Johannes Paul II. resultierte. Bilaterale Gespräche zwischen Lutheranern und Katholiken führte zur "Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigung" vom Oktober 1999 über einen der strittigsten Punkte seit der Reformation. Die Enzyklika "Ecclesia de Eucharistia" wird da allerdings wieder als ein Rückschritt empfunden.
Neben den offiziellen Beschlüssen gibt es vielerorts eine informelle, aber lebendige ökumenische Zusammenarbeit auf der Ebene der lokalen Kirchen.
Sowohl die evangelikale als auch die charismatische Bewegung sind nicht auf bestimmte Konfessionen beschränkt, sondern konfessionsübergreifend.
In Europa gibt es seit 1959 die Konferenz Europäischer Kirchen (KEK, englisch CEC für Conference of European Churches), der die meisten orthodoxen, reformatorischen, anglikanischen, freikirchlichen und altkatholischen Kirchen in Europa angehören. Die KEK ist eine selbständige Organisation, die mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen zusammenarbeitet. Sie ist einer von weltweit sieben regionalen ökumenischen Zusammenschlüssen.
Die Konferenz Europäischer Kirchen hat gemeinsam mit dem Rat der (römisch-katholischen) Europäischen Bischofskonferenzen zwei Europäische Ökumenische Versammlungen durchgeführt und die Charta Oecumenica unterzeichnet, ein Dokument mit Leitlinien für die wachsende Zusammenarbeit unter den Kirchen in Europa.
Die ökumenische Zusammenarbeit findet in vielen Themengebieten statt, unter anderem im Umweltbereich durch das Europäische Christliche Umweltnetz.
Nachdem in Deutschland unter Ökumene lange nur die Beziehungen zwischen der protestantischen und römisch-katholischen Kirche gesehen wurden, kommen jetzt auch die Beziehungen zu den in Deutschland immer stärker vertretenen orthodoxen Einwandererkirchen zu den Freikirchen und zu der Alt-Katholischen Kirche ins Blickfeld.
In der Schweiz gibt es seit dem 19. Jahrhundert neben den reformierten und der römisch-katholische Kirche noch die christkatholische Kirche (in Deutschland altkatholische Kirche)als offiziell anerkannte Landeskirche, so dass die Ökumene nie nur als "Zweierbeziehung" gesehen wurde.
Besonders hinderlich für die ökumenische Bewegung sind das unterschiedliche Kirchen- und Amtsverständnis insbesondere mit der Frage nach dem Verhältnis von allgemeinem und besonderem Priestertum. Auch hinderlich in dieser Beziehung ist das Papsttum der römisch-katholischen Kirche. Der Dialog über Sakrament, Rechtfertigung und Gnade hat in den letzten Jahren zu einer gewissen Annäherung geführt. Diese wurde insbesondere in der Rechfertigungslehre und der Charta Oecumenica sichtbar. Doch es bestehen in den genannten Fragen noch deutliche Differenzen.
Grundproblem sind aber das (oft gegenseitige) mangelnde Wissen über die unterschiedliche Definition in verschiedenen Konfessionen, häufig ein gewisses Desinteresse an der Ökumene in Zeiten, in denen auf die gegenseitige Verdammung verzichtet wird, und die zunehmende Suche nach Profilierung gerade in Zeiten sinkender Mitgliederzahlen.
Unwissen kann zu Kommunikationsproblemen führen, aber ebenso auch zu einer übertriebenen Einschätzung von ökumenischer Annäherung.
Einen wichtigen Impuls auf einem Weg einer Annäherung der Lehre haben Karl Rahner und Heinrich Fries mit dem Buch "Einheit der Kirche - reale Möglichkeit" gegeben. Das konfessionsverbindende Paare und Familien in Deutschland hat anlässlich des Ökumenischen Kirchentags ein vierstufiges Modell auf dem Weg der Einheit für Gemeinden vorgestellt, das einen Weg unabhängig von theologischen Differenzen beschreibt, ohne diese zu negieren. Dahinter steht die Erwartung,dass mehr gemeinsam gelebter Glaube auch zu einer Neubewertung der noch trennenden Glaubensfragen führt:
Ziel sei "die versöhnte Verschiedenheit unter einem gemeinsamen Dach".
Die Modelle der christlichen Konfessionen liegen aber in der Praxis noch weit auseinander: Im Umfeld der evangelischen Konfessionen wird das Ziel häufig mit einer "versöhnten Verschiedenheit" beschrieben, die letztlich ein positives, aber unverbindliches Nebeneinander beschreibt. Römisch-katholischer Seits werden Modelle vorgeschlagen, die letztlich in unterschiedlicher Weise auf eine Eingliederung der anderen Konfessionen in die römisch-katholische Konfession hinauslaufen. Dabei wird das Papstum als Garant der Einheit verstanden. Auf dieser Grundlage steht die umstrittene Anregung des bayrischen Landesbischofs Johannes Friedrich vom März 2001, der sich den Papst als "ökumenisch akzeptierten Sprecher der Weltchristenheit im Dienste der Einheit" vorstellen kann.
Die tiefe Verbindung zwischen Judentum und Christentum wird in vielen ökumenischen Dokumenten wie der Leuenberger Konkordie oder der Charta Oekumenica und dabei unter Berufung auf die "unlösliche Verbundenheit mit Israel" eine besondere Pflege der jüdisch-christlichen Beziehungen gefordert. Dabei wird auch deutlich gemacht, dass die jüdisch-christlichen Beziehungen in einem anderen Sinn zu verstehen sind als die Beziehungen des Christentums zu anderen Religionen. Allerdings wird dabei auch deutlich gemacht, dass Judentum und Christentum nicht gleichzusetzen sind:
Ein Meilenstein bei der gegenseitigen Annäherung der Religionen war das 1986 von Papst Johannes Paul II. initiierte Friedensgebet im italienischen Assisi, zu dem Vertreter aller Weltreligionen eingeladen waren. Diesem Treffen folgten jährliche Friedenstreffen, die von der Gemeinschaft Sant'Egidio organisiert werden. Sie dienen dem gemeinsamen Gebet, aber auch der Begegnung der Religionsführer und dem Gespräch in verschiedenen Podien zu Themen des Friedens, der Entwicklung, der Gerechtigkeit und der Religion. Um der Gefahr des Synkretismus zu entgehen, finden die Gebete bei diesen Treffen zeitgleich, aber in getrennten Räumen statt, sodass die Angehörigen jeder Religion gemäß ihrer eigenen Tradition beten können. In den letzten Jahren nehmen an den Treffen neben Religionsvertretern auch zunehmend Intellektuelle teil, die sich einem säkularen Humanismus verpflichtet fühlen. Diese jährlichen Friedenstreffen haben die Ökumene wie auch die Verständigung entscheidend vorangebracht. Wichtige Etappen waren etwa der Besuch der Teilnehmer, darunter auch muslimischer Geistlicher, im Konzentrationslager Auschwitz (nach dem Friedensgebet 1989 in Warschau, Polen). Dieser verstärkte in der muslimischen Welt das Bewusstsein für die Realität der Shoah. Das Friedensgebet 1986 im rumänischen Bukarest ermöglichte den späteren Besuch von Papst Johannes Paul II., der mit Rumänien zum ersten Mal ein mehrheitlich orthodoxes Land besuchte. Auch die Initiative für Friedensverhandlungen für Mosambik und Algerien gingen von diesen Friedenstreffen aus.
In enger Anlehnung an den urchristlichen Impuls und das neutestamentliche Verständnis von Ökumene und des Verhältnisses der ChristInnen zu dieser gibt es eine globale Bewegung von ChristInnen, die sich für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung engagieren. Sie wird in Anknüpfung an C.F. v. Weizsäckers Aufruf zu einem "Weltconzil für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung" auch "konziliarer Prozess" genannt. Charakteristisch für diese Bewegung ist, daß sie im Hinblick auf ihre Ziele konfessionelle und religiöse Grenzen sprengt und Bündnisse mit Menschen jeglichen Motivationshintergrundes eingeht. Ganz im Sinne von Jesu Wort, daß seine wahren Freunde weniger jene sind, die "Herr, Herr" rufen, sondern die in seinem Sinne leben und seine frohe Botschaft von der Ankunft des "Reiches Gottes und seiner Gerechtigkeit" weitertragen. In Abgrenzung zur institutionellen "Ökumene von oben" ist das praktizierte "Ökumene von unten".
Bei einem solchen Ökumene-Begriff steht an erster Stelle nicht die Einheit der Kirchen, sondern die der zerissenen Welt, das Engagement für das, was mit den Begriffen Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung ausgedrückt wird. Dieses Engagement konkretisiert sich u.a. im Widerstand gegen alle Formen der Unterdrückung wie Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, Militarismus, wirtschaftliche Ausbeutung und Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen. Orthodoxie wird hierbei relativiert zugunsten von Orthopraxie, der richtigen Praxis.
Siehe auch:
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