Als Ärztemangel wird der Zustand eines Gesundheitssystems bezeichnet, in dem der Bedarf an ärztlichen Arbeitskräften das Angebot übersteigt. Dieser Mangel kann sich auf einzelne Regionen, einzelne Sektoren des Gesundheitssystems oder das gesamte System erstrecken.
Die gegenteilige Situation, in der für ausgebildete Ärzte keine hinreichende Zahl von Stellen zur Verfügung steht, bezeichnet man als Ärzteschwemme.
Norwegen hat seit vielen Jahren Schwierigkeiten, Fachärzte für die dünnbesiedelten Regionen im Norden des Landes zu finden. Daher werden gezielt Ärzte auch in Deutschland angeworben. Die Verdienstmöglichkeiten in Norwegen sind gut, die Arbeitszeiten sehr arbeitnehmerfreundlich.
Auch aus Schweden, Finnland, Belgien und Australien wird über Ärztemangel berichtet.
In Österreich besteht dagegen weiterhin noch eine Ärzteschwemme. Die dortigen Absolventen warten oft an die drei Jahre auf einen postpromotionellen Ausbildungsplatz.
Während Ärztevertreter gerne einen Ärztemangel postulieren, um ihre Forderungen besser durchsetzen zu können, erhöhen die ständig steigenden Ausgaben im Gesundheitswesen den Druck auf die Ärzte.
Die sich verschlechternde wirtschaftliche Perspektive des Arztberufes
Gelder, mit denen medizinische Leistungserbringer (Ärzte, Krankenhäuser, Apotheker, Pharmaindustrie und weitere) bisher vergütet wurden, werden zunehmend budgetiert. Die Verwaltung wird entsprechend aufwändiger, sodass Gelder in den Krankenkassen- und Verwaltungsapparat gelenkt werden und nicht mehr zur Honorierung ärztlicher Tätigkeit und für die Patientenversorgung zur Verfügung stehen. Auslaufende Verträge wurden nicht mehr neu besetzt. Andrea Fischer sagte als damalige Gesundheitsministerin, dass der Anstieg der Ausgaben im Gesundheitswesen mit der steigenden Zahl der Ärzte korreliert. Daher sei eine Reduktion anzustreben.
Viele alternative Berufsmöglichkeiten, sind erst in der Zeit der Ärzteschwemme ins Bewusstsein gerückt, und wurden und werden weiterhin zum Beispiel vom Marburger Bund gefördert.
Auch die langfristige Perspektive ändert sich. Hatte man früher nach der ärztlichen Weiterbildung zum Facharzt die Position eines Oberarztes oder Chefarztes bei einer Karriere im Krankenhaus vor Augen, bzw. die Freiheit des niedergelassenen Arztes, so wurden diese Positionen zunehmend unattraktiver, um schlechte Anfangsbedingungen zu ertragen.
Für den niedergelassenen Arzt bedeutet die zunehmende Budgetierung, dass er zwar das Risiko eines Freiberuflers trägt, den wirtschaftlichen Erfolg seiner Praxis jedoch nicht mehr selbst in der Hand hat.
Der zunehmende Druck begrenzter Ressourcen
Die ständig steigenden Ausgaben im Gesundheitswesen führen zu einem zunehmenden Druck auf die Leistungserbringer. Ein postulierter Ärztemangel kann die Verhandlungsposition und die Streikbereitschaft der Ärzte stärken. Bei einem Ärztemangel wird der mögliche Verlust des aktuellen Arbeitsplatzes eher riskiert.
Die vom Marburger Bund geförderte Vermittlung von Ärzten ins Ausland und in nichtklinische Bereiche führt ebenso wie die Unterstützung der europäischen Arbeitszeitbestimmungen zu einer Verknappung des Angebots.
Die Zunahme von Protesten der Ärzte steht im Zusammenhang mit einer zunehmenden Propagierung eines Ärztemangels.
Veränderungen des ärztlichen Berufsbilds
Durch Änderungen des Abrechnungswesens und Einführung neuer Dokumentation
Das sich ändernde Bild des Arztes in der Bevölkerung
Parallel dazu verändert sich die gesellschaftliche Rolle des Arztes. War er traditionell Helfer, Hoffnungsträger, Vertrauens- und Respektsperson, wird er inzwischen vorwiegend als „Anbieter von Dienstleistungen im Gesundheitswesen“ betrachtet und vom „Kunden“ in Regress genommen, wenn sich der erwünschte Erfolg (Gesundheit, aber auch Verordnung bestimmter Arzneimittel oder Rehabilitation
Im Mai 2005 konstatiert Ulla Schmidt, Bundesministerin für Gesundheit und Soziale Sicherung, anlässlich des 108. Deutschen Ärztetages in Berlin, dass sie „der Ärztemangel in einigen ländlichen Regionen, vor allem in Ostdeutschland“ beschäftigt.
Angesichts des postulierten Nachwuchsmangels bei den niedergelassenen Ärzten ist unklar, ob die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) ihren gesetzlichen Sicherstellungsauftrag dauerhaft erfüllen können wird. In diesem Fall drohte staatliche Ersatzvornahme und eventuell Beendigung der Körperschaft durch Bundestagsbeschluss.
Im letzten Jahr (2004) nahm die Zahl der Ärzte in ganz Deutschland zwar erneut um 1 % auf 304.000 zu, nur fiel das Wachstum etwas geringer aus als in den Vorjahren, bei wieder zunehmender Arbeitslosigkeit. In Ostdeutschland sank die Zahl der Ärztinnen und Ärzte um 1,3 Prozent, 17% der niedergelassenen Ärzte sind über 60 Jahre alt und fallen bald aus der fach- und hausärztlichen Versorgung.
Der Ansturm auf das Medizinstudium nimmt wieder zu, so dass mit der eventuell höheren Selektion zu Beginn des Studium die Durchfallquote während des Studiums wieder sinken könnte.
So hat der Marburger Bund Stellenangebote für Ärzte in seine Mitgliederzeitschrift aufgenommen, um eine Nachfrage nach Ärzten zu demonstrieren. Trotz weiterhin befristeter Arbeitsverträge, konnte damit die Streikbereitschaft gesteigert werden.
Die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen verzeichnet steigende Bewerberzahlen für den Studiengang Humanmedizin.
Einige Krankenhäuser in Deutschland versuchen, die bestehenden Lücken durch Einstellung ausländischer Ärztinnen und Ärzte aus Polen, Tschechien, Rumänien, Russland, Moldawien, der Ukraine, aus Usbekistan und anderen Ländern zu schließen.
Eine Erhöhung der Ausbildungskapazitäten als mögliche staatliche Maßnahme wird bisher nicht genutzt.
Eine Übertragung von Aufgaben, die zur Zeit von Ärzten geleistet werden, auf nichtärztliche Berufsgruppen erlaubt anderen Ländern eine Versorgung mit niedrigeren Arztzahlen pro Einwohner.
Mit Quartage wird ein Stratifizierungsalgorithmus bezeichnet, der konsequent das Sozialgesetzbuch V, §12 umsetzt, wobei die ärztliche Behandlung gesetzesgemäß nur "wirtschaftlich, ausreichend, notwendig und zweckmäßig" sein darf. Dadurch würde sich die Forderung der Regierungen nach mehr Effizienz im Gesundheitswesen umsetzen lassen. Das vielfach genannte "Jammern auf hohem Niveau" wäre dann für den Kassenarzt kein Behandlungsgrund zu Lasten der Gesetzlichen Krankenkassen.
England hat wegen Ärztemangels ein umfassendes Gastarztsystem (locum) organisiert, an dem auch deutsche Ärzte wegen der guten Honorierung an Wochenenden teilnehmen.
Eine Verbesserung von Arbeitsbedingungen und Entlohnung wurde bisher nicht genutzt, zumal der Deutsche Vertragsarzt vom Arbeitsschutz ausgeschlossen ist.
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